Die Tage sind nur am Jahresanfang weiß und es sind nur die allerersten, noch unberührt von menschlichem Handeln strahlen sie in reiner Erwartung. Das ändert sich; Worte und Taten hinterlassen die ersten Spuren in blassem Graubraun. Mit der Zeit werden diese Spuren dichter und die Schattierungen dunkler. Andere Farben kommen hinzu. Aus der Ferne betrachtet ist die Grundfarbe der späteren Tage ein mattes Braun, die Farbe des Alltags mit seinem steten Rhythmus und seiner Gleichförmigkeit, aber dazwischen leuchten, unregelmäßig hingetupft wie in einem Kaleidoskop, die Farbpunkte der besonderen Tage. Dort, wo das stumpfe Braun ins Rot kippt, ein harter Tag, aber von Erfolg gekrönt, dazwischen das helle Grün der Wochenenden, oft flankiert von den braunen Streifen ungeliebter Pflichten. Es gibt silbergraue Tage der Hoffnung und Erwartung, ein zarter Roséton Mitte März – der Beginn einer Romanze? Vielleicht. Es gibt hässliche grellgelbe Tage des Zorns, später das tiefe Dunkelgrün eines Urlaubs, ruhig und Kraft spendend. Leicht und dicht hingetupft sind die blassblauen Punkte des Frühlings einen kleinen Abschnitt lang zarte Bordüre des Alltagsbrauns. Dann ein tiefschwarzer Punkt, so mächtig, dass er alle anderen Farben überschattet, sie nahezu gleich macht. Nur das Braun hält stand, gedämpft, aber immer noch braun. Fast möchte man diese Beständigkeit lieben. Später wieder ein paar silbergraue Punkte, ganz vereinzelt ein roter und die hellgrünen der Wochenenden, die langsam ihre Schatten verlieren. Aber am schönsten in diesem Kaleidoskop sind die tiefblauen Punkte. Ganz vereinzelt in weiten Abständen leuchtet ihr Azur aus dem Alltagsbraun. Es sind die gestohlenen Tage, Stunden des Abtauchens, im Verborgenen verbracht. Unerreichbar sein, Alltag und Pflicht für eine kleine Weile zu entkommen – was für ein rarer, kostbarer Genuss!
Aus der Ferne betrachtet schillert das Jahr nicht nur in verschiedenen Farben, seine Tage ändern auch ihren Fluss. Anfangs bilden die Punkte einen breite, träge fließende Spur; locker hingetupft folgen sie dem Lauf der Zeit, später drängen sie sich dichter, ihr Fluss wird eiliger, bis sie dicht an dicht, unter- und übereinander in immer schmalerer Rinne dahinrauschen, um am Schluss in einem furiosen Strudel abzubrechen und, den Blicken entzogen, Platz machen für das neue Jahr. Doch bevor dieser letzte große Sog erreicht ist, glitzern die Punkte noch einmal auf, in warmem Gold, alles, auch das Alltagsbraun, überstrahlend – dann endet ihr Fließen und Rauschen und das neue Jahr grüßt majestätisch in reinem Weiß.
22.02.15
Sonja Meier

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