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Mittwoch, 28. November 2018

Knoten

In Knuts Leben hatte sich in letzter Zeit ziemlich alles verknotet. Nachdem Bettina und er ihre Beziehung entwirrt und schließlich gelöst hatten und er sich ungebunden und frei fühlen konnte, begann es – ganz beiläufig irgendwie. Es fing damit an, dass die Schnürsenkel seiner Schuhe morgens immer verknotet waren. Erst dachte er, er habe sie am Abend zuvor nicht gelöst und sei so aus den Schuhen geschlüpft, sie waren ihm nämlich ein wenig weit. Aber dann löste er die Schnürsenkel beim nach Hause kommen  ganz bewusst und fand sie am nächsten Morgen wieder verknotet vor. Er entknotete sie also, schlüpfte in die Schuhe und verknotete sie wieder. Zunächst ärgerte er sich, vor allem war es ihm unerklärlich. Sein Papagei, ein Grünflügelara namens Gordios, schnarrte zwar jeden Morgen ein höhnisches Lachen, saß aber in seinem Käfig und konnte es nicht gewesen sein. Knut wechselte die Schuhe mit dem Ergebnis, dass morgens nicht nur die Schnürsenkel säuberlich verknotet waren, nein, sie hatten sich auch mit dem des anderen Schuhs verknotet – dafür fehlte das Schleifchen. Gordios lachte noch lauter und krächzte etwas Unverständliches. Also gewöhnte Knut sich daran, die Schnürsenkel seiner Schuhe jeden Morgen erst zu lösen, bevor er in die Schuhe schlüpfte und sie neu band.
Aber dann ging es weiter. Sein Taschentuch trug plötzlich dort, wo sein Monogramm aufgestickt war, einen Knoten, klein, aber ziemlich fest. Und dann die Gästehandtücher! Seine eigenen Handtücher blieben unbehelligt, aber in dem Stapel der Gästehandtücher trugen plötzlich die hellgrauen einen Knoten, die dunkelgrauen blieben glatt. In der Folgewoche war es umgekehrt und dann wechselten die Knoten wöchentlich. Seine Gäste begannen ihn für skurril zu halten und amüsierten sich. Dass das Staubsaugerkabel jede Woche beim Einziehen exakt in der Mitte einen Knoten bekam, wunderte ihn schon nicht mehr. Gordios schlug jedes Mal begeisterter seine Flügel und krächzte etwas, das wie „Knoten-Knut“ klang. Beim dritten Mal drohte Knut ihm mit einem Knoten im Hals. Das Bügeleisenkabel hatte inzwischen zwei Knoten, das Kabel der kleinen Stehlampe auch, jeden Abend musste er den dicken Knoten in der Sofadecke lösen und als schließlich sein Anzugjackenärmel einen Knoten aufwies, sobald er die Jacke ablegte und auch nur einen Moment aus dem Augen ließ, sprach ihn sein langjähriger Freund und Kollege Felix an und riet ihm bei einem entspannten Feierabendbier zu einer neuen Bindung oder therapeutischer Beratung. Knut schwitzte in seiner Jacke.
Als er eines Morgens die Tür seines Kleiderschranks öffnete und alle Anzughosen abwechselnd im linken und rechten Bein einen Knoten hatten, wusste er, dass er handeln musste – und er hatte eine Idee. Er bat telefonisch um einer paar Tage Urlaub, zog Jogginghose und T-shirt an, kaufte sich Schuhe mit Klettverschlüssen und setzte sich an den Laptop. Den Knoten im Netzkabel ignorierte er konsequent. Unter der Domain www.gordios-knot-your-life.de gründete er ein Institut zur Vernetzung und Verknüpfung von Interessen aller Art. Er brachte potentielle Lebensabschnittsgefährten mit interessierten Lebensabschnittsgefährtinnen zusammen, Putzhilfen mit hoffnungslos überforderten Ex-Lebensabschnittsgefährten, Hobby-Astrologen mit Rat suchenden Alltagsuntauglichen, Imker mit Honigliebhabern und Gartenbesitzern, Globetrotter mit Couch-Potatos, die gegen Chips und Bier die fremde Wohnung hüteten, er vermittelte Hunde an Menschen und umgekehrt, Clowns an chronisch Depressive und hoffnungslos Überschuldete an Beratungsstellen im befreundeten Ausland. Knut brachte Skatbrüder zusammen  und Sportfreunde, Kinder und Kindermädchen, Köche und Gourmets, Anlageberater und Geld, Kunstschaffende und Kunstliebende. Knut verknüpfte alles.
Binnen weniger Monate florierte sein kleines Unternehmen und er erwog, seine Stelle in der Bank zu kündigen. Die Entscheidung stellte er jedoch noch einmal zurück, als er feststellte, dass sich an seiner Lieblingskrawatte der Knoten nicht mehr binden ließ.


08.07.18
Sonja Meier



Donnerstag, 27. Oktober 2016

Großmutters Küche


Wenn ich Oma denke, denke ich sofort an ihre Küche. Großmutters Küche war Omas Reich und mein Zuhause. Oma war der Dreh- und Angelpunkt meiner Kindheit und die Küche war der Ort, wo Großmutter sich meistens aufhielt, also war  diese Küche mein meistens sicherer Ort. Der Tag fing hier an und hörte hier auf. Alles Wichtige in meiner Kindheit spielte sich hier ab. Und diese Küche hat mich nie verlassen, Großmutter natürlich auch nicht, aber das wird dann eine andere Geschichte. Diese Küche ist eingebrannt in meinem Gedächtnis, sie verändert sich nie. Hier war ich umsorgt und geborgen. Die Welt war ausgesperrt.  Auch wenn ich dement werde, wird sie da sein. Der sichere Ort meiner Kindheit. Auch auf die Gefahr hin, den möglichen Leser, die mögliche Leserin zu langweilen, werde ich diese Küche detailliert beschreiben, die Gerüche kann ich leider nicht mitliefern.

Eine ziemlich große, weißlackierte Türe, schon reichlich mit Gebrauchsspuren versehen – heute wäre sie schicker „shabby-style“ – öffnete sich schwergängig zu einem kleinen kompakten Raum, der von einem rechts platzierten Tisch beherrscht wurde. Die Nischen – eine gleich neben der Tür wurde ausgefüllt von einem ebenfalls weißlackierten Stuhl, dessen Sitz mit einem bunten Kissen etwas bequemer gemacht wurde. Über diesem Stuhl war an der Wand ein braunes Brett angebracht, auf dem ein schwarzes Radiogerät aus Bakelit stand. Zwischen der Unterseite des braunen Brettes und der oberen Stuhlkante waren an der Wand ein Herrenhuter Kalender und ein weiterer Übersichtskalender für das ganze Jahr befestigt. Dieser Platz konnte nur von kleinen schmalwüchsigen Personen benutzt werden, war also in der Regel Kindern vorbehalten. Der rechteckige Tisch hatte schwere gedrechselte Beine, an der Vorderseite eine Schublade, die alles Wichtige und Unwichtige enthielt, also das Quittungsbuch für die Miete, der Rentenausweis, die Bibel, ein kleiner Block, echte Bleistifte, an denen man keinesfalls lecken durfte, da man sich sonst vergiftete (blaue Zunge, man wurde immer entdeckt), rote und grüne Kopierstifte – ich liebte sie, weil sie Farben hatten, die sich nicht bei normalen  Buntstiften finden ließen - Eukalyptusbonbons, Gummis, Knöpfe. Ein ganzer Kosmos war zu entdecken. Bedeckt war dieses Monstrum mit einer Wachstuchtischdecke, ebenfalls bunt gemustert, meistens prangten darauf irgendwelche Blumenmotive. An der Wandseite lagen Zeitungen, der Monatsgruß, das Gesangbuch, Medikamente, aber auch ein kleiner Korb mit Strümpfen und Unterwäsche, die gestopft werden mussten. Unter dem Tisch befand sich eine vierbeiniger Hocker – der Platz meiner Großmutter – dessen Sitzfläche sich aufklappen ließ und ein Waschbecken aus Emaille verbarg.

Auf der linken Seite sorgte ein „Allesbrenner“, so genannt, weil man alles bis auf Autoreifen darin verschüren konnte, für Wärme, Essen und saubere Wäsche, vorzugsweise Windeln. Das ökologische Bewusstsein war noch nicht so ausgeprägt. Die Nische zwischen der Tür und dem Ofen war angefüllt mit alten Zeitungen, Holzscheiten und –spänen, Kohlenschütte, Schürhaken, Kohlenschaufel, Eisenheber, um die Ringe der Ofenplatte zu öffnen. Über dem Herd war ein hölzernes Trockengestell angebracht, das zusammenschiebbar war und dann an die Wand geklappt werden konnte, dies passierte aber nur zu hohen Festtagen.  Alles, was getrocknet werden musste, wurde auf diesem Gestell aufgehängt. Auf dem Herd stand sommers wie winters ein rot emaillierter Einwecktopf für die vielen Babywindeln. Neben dem Herd befand sich ein schmales halbhohes Regal auf dem oben ein kleiner Gaskocher mit zwei Kochstellen thronte. In dem Regal hatten Abwaschschüsseln, Pfannen, Spülmittelpulver, Spüllappen, Putzrasch, Ata und Sil ihren Platz. Geschlossen wurde das Regal mit einem zerfallenden Vorhang, der nicht mehr in der Lage war, das Sammelsurium zu verdecken.

Rechts, in der anderen Nische hatte ein ebenfalls weißlackierter Stuhl seinen Platz, genauso verschönert wie sein Pendant auf der gegenüberliegenden Seite. Daran schloss sich ein auch weißlackiertes Küchenbüffet an, bestehend aus einem Unterteil, bezogen mit grün gesprenkeltem Linoleum, darauf das Oberteil, konstruiert wie ein wuchtiger Triumphbogen, also einem offenen Fach. In den seitlichen Säulenteilen befanden sich zwei mittelgroße Gelasse mit Türchen. Abgeschlossen wurde das Oberteil mit einem durchgehenden Kasten, der mit drei Glastüren ausgestattet war und in dem sich Teller, Tassen, Gläser und diverses befand. Diesen konnte ich leider nur mit einem Stuhl erreichen, was Großmutter aber meistens zu verhindern wusste. In den beiden Schränkchen zwischen denen der Brotkasten stand, waren Gewürze, Brühwürfel, Zucker, Mehl, Reis, Nudeln, Graupen untergebracht. In einem dieser Schränkchen musste irgendwann auch Sacharin aufbewahrt worden sein, denn wenn ich meinen Finger befeuchtete und über den Boden strich und ihn dann abschleckte, schmeckte er wunderbar süß. Wenn mich meine Großmutter dabei erwischte, schimpfte sie erst mal heftig, denn das gehörte ebenfalls zu den verbotenen Dingen. Allerdings machte sie die Schimpferei wieder wett, indem sie mir dann einen Eukalyptusbonbon aus ihrer Kirchenhandtasche gab, oder falls welche darin waren, Pfefferminzplätzchen. Das waren die kleinen weißen, die Tabletten ähnelten. Es konnte jedoch passieren, dass sie nach einem längeren Aufenthalt in Großmutters Tasche nach 4711 schmeckten mit einer alles überlagernden modrigen Note.
Zwischen dem Küchenbüffet und der Rückwand der Küche stand eine elektrische Schleuder, die sonntags immer dazu benützt wurde, die geriebenen Kartoffeln „auszupressen“, sie tanzte dann immer herum und mein Vater musste sie festhalten, damit sich die darunter wohnenden Nachbarn nicht beschwerten. Doch, die Schleuder wurde auch zum Wäsche Schleudern verwendet und einmal im Monat für den großen Waschtag musste mein Vater sie in die Waschküche im Keller schleppen. Dort lassen konnte man sie nicht, denn andere hätte sie ja benützen und vielleicht beschädigen können.

Gegenüber dem Küchenbüffet stand eine wuchtige, auch wieder weißlackierte Kommode, die bei seltenen Gelegenheiten den Einwecktopf, andere große Töpfe und sonstiges Kücheninventar beherbergte. Die Oberseite dieser Kommode war mit einem grün-grau-weißgesprenkeltem Linoleum bedeckt, auf der sich immer viele Sachen, die gerade nicht gebraucht wurden, befanden. Daran schloss sich eine Waschmaschine an, deren quadratische Säulenform sich durchaus als Vorläufer moderner Maschinen betrachten ließ. Diese Waschmaschine, die meine Großmutter nie benützte, war dem schlechten Gewissen meiner Mutter geschuldet, weil sie ihrer Mutter so viel zumutete. Weil sie, die Maschine, nie benützt wurde, fungierte der Deckel als Kosmetikschränkchen, also lagerten dort Seife, Zahnbürsten, Zahnpasta, Bürsten und Kämme. Das war praktisch, da direkt daneben ein Ausguss war, ein innen weißemailliertes Monstrum aus Gusseisen, außen grün-grau gestrichen, er erinnerte in der Form an einen halbierten Kelch, dessen längere Schnittkante an der Wand befestigt war, in der Unterseite waren kleine Löcher, durch die das Wasser abfließen konnte, die Rückwand war leicht barockisiert und wurde oben von einem Messingwasserhahn gekrönt, der allerdings nur kaltes Wasser spendete. In der Mitte der Rückwand war ein Gitterrost befestigt, der auf dem Rund der unteren Hälfte auflag, aber auch hochgeklappt werden konnte. An der Rückwand befand sich ein kleines zweiflügeliges Kästchen an der Wand, an dessen Unterseite eine Stange befestigt war,  über die ein besticktes Tuch drapiert war und hinter dem sich die Handtücher und Waschlappen verbargen. Damit hatte man die Länge der Küche durchschritten.

Und dann kam meine kleine Freiheit, hinter einer zweiflügeligen  Tür ging es hinaus auf einen kleinen Eisenbalkon. Gerahmt wurde diese Tür durch einen etwas fadenscheinigen, ausgewaschenen Vorhang, der eigenartigerweise nicht geblümt war, sondern den rechtwinkelige, spitzwinkelige Dreiecke, sehr schiefe Rhomben, die wie betrunken über den Stoff torkelten und mit in meinen Augen willkürlich gesetzten schwarzen Linien bedruckt war, seltsam unpassend für diese Küche waren.

Oma ging immer sehr sparsam um  mit allem, was noch irgendwie verwertbar war. Oft genug hasste ich sie dafür, weil ich gestopfte, durch häufiges Waschen kratzig gewordene Strümpfe angezogen bekam. Diese verfluchten Strümpfe wurden mit Strapsen befestigt, die sich an einem Leibchen befanden, das wie ein dickeres Unterhemd aussah. Die Strapse rissen immer wieder ab oder ich verlor die Knöpfe, mit denen die Strümpfe festgezurrt wurden, so dass natürlich auch die blöden hässlichen verhassten Teile rutschten und noch störendere Falten  warfen. Ich kam mir dann wie ein Bettelkind, zumindest aber verwahrlost vor. Dabei brachte mir meine Mutter ab und zu recht hübsche Anziehsachen vom Kaufhof mit – sie arbeitete dort. Vor Omas Augen fanden diese Sachen keine Gnade, sie verbannte sie in die untere Schublade ihres Kleiderschrankes, die ich nicht aufziehen konnte.

Wenn meine Mutter arbeitete und sie arbeitete meistens sechs Tage in der Woche - sie ging morgens um halb acht aus dem Haus und kam abends erst gegen halb acht und acht nach Hause – war ich bei Oma. Oma war die oberste Instanz, wenn es um die Kinder ging, (zu der Zeit waren wir nur zwei, es sollten aber im Lauf der Jahre noch vier dazu kommen). Sie wusste genau, was diese brauchten, egal ob es um Essen, Kleidung, Schlafen oder Gesundheit ging. Oma wusste alles, sie wusste alles besser und leider hatte sie meistens Recht, was das Leben für uns Kinder nicht leicht machte. Irgendwann bekam auch ich mit, dass sich Oma und meine Mutter in einem ständigen Krieg befanden und der wurde nur manchmal laut ausgetragen. Die Kleider für meinen Bruder und mich waren ein Beispiel dafür. Wenn Mutter neue Anziehsachen für uns kaufte, blaffte Oma sie an: „Das Zeug kannst Du gleich wieder zurückbringen, das zieh ich den Zweien nie an. So viel Geld für so einen Dreck auszugeben, als wenn Du es so dicke hättest.“ Mutter pflegte sich dadurch zu revanchieren, in der kleinen Küche eine Zigarette nach der anderen zu rauchen, was bei meiner Großmutter zu lautstarken Schimpftiraden führte. Während dieser Gefechte machte ich mich auf meinem Platz ganz klein – in der Nische zwischen Küchenbüffet und Tisch – wenn ich es nicht schaffte rechtzeitig aus der Küche hinauszukommen. Aber so schlimm die Auseinandersetzungen auch waren, so war ich doch auch neugierig  genug, was die Beiden sich wieder an den Kopf werfen würden.

Oma fuhr sie an: „So einen guten Mann hast du ja gar nicht verdient, der von früh bis spät schafft und du läufst aufgetakelt, wie eine von den Hochwohlgeborenen rum. Und um deine Kinder kann sich Deine Mutter kümmern, die kaum einen guten Tag im Leben gehabt hat. Jeden Tag muss Madame zum Friseur. Schuhe, Handschuhe, Handtasche und Hut, alles muss zusammen passen. Was das alles bloß kostet!“  

Mutter blieb ihr nichts schuldig und fauchte: „In meinem Beruf muss ich einfach modisch gekleidet sein. Davon verstehst du nichts. Bloß weil du immer rumläufst wie eine Vogelscheuche, muss ich nicht auch so rumrennen. Ich bin keine von deinen Betschwestern. Geh halt zu denen!“
 „Und wer kümmert sich um deine Kinder und kocht für deinen fleißigen Mann? Du ganz bestimmt nicht, du elendiges Frauenzimmer. Schau, dass du in Deine Wohnung kommst und verqualm mir nicht alles. Deinen Satansbraten nimmst gleich mit, die Kleine bleibt aber bei mir.“
Wutschnaubend  verließ meine Mutter die Küche, meinen Bruder am Arm hinterherziehend, und ich war froh, dass für heute der anstrengende Teil des Tages vorbei war. Ich war neidisch auf meinen großen Bruder, weil er mit hinauf durfte, weil er mit Papa spielen konnte, aber gleichzeitig froh, nicht oben zu sein, denn meine Mutter hätte all ihren Unmut an mir ausgelassen. Papa und Bernd wurden meistens verschont.

Oma bereitete ein kleines Abendessen, Knäckebrot mit Gelbwurst für sie, für mich gab es Graubrot mit Gelbwurst, das in kleine Stückchen geschnitten wurde, danach für jeden einen Apfel. Omas Apfel musste geschält werden, da sie  nicht mehr so gut kauen konnte. Abgeschlossen wurde das Abendessen damit, dass Oma zwei gehäufte Esslöffel geschroteten Leinsamens in einer Tasse mit warmen Wasser einweichte und für den nächsten Morgen beiseite stellte.

Ich freute mich auf den Abend mit Oma. Dann wurde es ruhig. Die Hektik des Tages, das fortwährende Sorgen und Arbeiten für die Familie wurden beendet und Oma riss vom Herrenhuter Kalender das Kalenderblatt ab, las laut die Tageslosung und schlug in der Bibel die dafür vorgesehene Stelle auf. Auch diese wurde laut vorgelesen. Dann folgte das Gesangbuch und es wurden die Lieder gesungen, die für den folgenden Sonntag vorgesehen waren. Ich musste immer die erste Stimme singen, Oma sang mit dröhnendem Alt irgendeine zweite Stimme dazu. Da sie mich grundsätzlich übertönte, war es egal, ob ich richtig oder falsch sang. Es störte mich auch nicht weiter.

Trotz der etwas eigenwilligen Abendgestaltung für ein dreijähriges Kind oder vielleicht auch gerade deswegen, empfand ich dieses Abendritual als sehr beruhigend und es entwickelte sich eine tiefe Innigkeit zwischen Oma und mir, die im Alltag sonst nicht möglich war. Oma saß auf ihrem Hocker, ich auf meinem kleinen Schemel – eigentlich ein Fußschemel – lehnte mich an ihre Knie und konnte die kleinen und großen Blessuren und Plagen des Alltags hinter mir lassen. Da passierten die Momente, wo Jesus auftauchte, strahlend beleuchtet von einer unsichtbaren Lichtquelle, die rechte Hand segnend erhoben. Er sah mich liebevoll an und in diesem Moment war alles gut. Als ich Oma verzückt mitteilte: „Oma, Oma, da ist der Jesus!“ war er schon wieder verschwunden und Oma schalt mich der Ketzerei. Aber ich hatte Jesus wirklich gesehen. Richtig und leibhaftig. Aus. Basta.

Anschließend zog Oma mich aus, wusch mich gründlich, der Schlafanzug wurde angezogen und nach dem Zähneputzen tapste ich, von Oma begleitet, ins Schlafzimmer. Ich schlief meistens bei Oma, bei den Eltern war es zu unruhig, außerdem fand mein großer Bruder fast immer einen Grund mich zu verhauen. Meine Mutter griff nie ein, sie sagte nur lapidar: „Du wirst es schon verdient haben!“ Papa verbot es Bernd sehr streng mich noch einmal anzufassen, das wirkte insoweit als er mich nicht mehr schlug oder an den Haaren riss, aber er hörte nicht auf mich zu trietzen. Unruhige Nächte waren vorprogrammiert. Bei Oma schlief ich in Opas Bett; Opa, der schon über zwanzig Jahre tot war, bevor ich auf die Welt kam. Oma wärmte das Bett mit einer Kupferwärmpfanne vor, so dass ich mich unter einem dicken warmen Federbett einmummeln konnte. Dann musste ich noch das letzte Gebet des Tages aufsagen: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen, als Jesus allein.“  Manchmal tauchte auch noch Jesus auf und da konnte ich ruhig und friedlich einschlafen.

Elisabeth Vogel

Donnerstag, 11. August 2016

WEITER HIMMEL

Hier in diesem kleinen Ort mit dem wunderlich slawisch geprägten Namen Wüsteneutzsch war er dann doch wieder auf seinem Heimathof gelandet, als die Odyssee aus Wehrdienst, sechsjährigem Kriegseinsatz und Gefangenschaft vorüber war, - der junge Rudel. Gerade mal 27 Jahre alt, hatte er fast ein Drittel seines Lebens dem Volk oder besser dem Führer seines Volkes opfern müssen. 

Angeschlagen, verwundet, aber noch so weit gesund, dass er Lebensmut aufbringen konnte, wollte er das Anwesen der Familie wieder hochbringen. Mit seiner Hanne werde er schon die Ärmel aufkrempeln. Die fremdelte zwar noch mit ihm, der ja als Ehepartner die längste Zeit gar nicht bei ihr hatte sein können, aber das würde sich schon noch geben, wenn es aufwärts ging. Mit gerade mal zwanzig war sie von Rudel geschwängert worden und erlebte ihn dann nur noch bei wenigen kurzen Heimaturlauben. Die meiste Zeit musste sie allein die kleine Tochter aufziehen, mit der Schwiegermutter auskommen lernen, die Fremdarbeiter in der Landwirtschaft anleiten und, und, und......, sie, die ja aus der Stadt stammte und keinerlei Erfahrung mit so einem Hof hatte.

Wüsteneutzsch liegt in der Leipziger Bucht, wo für uns Westler der Osten beginnt, obwohl man ja noch in Mitteldeutschland ist. Aber hier wird das Land so flach und der Horizont öffnet sich so schrankenlos weit, dass du immer eine Einladung ins endlose Nirgendwo spürst, zumal der Wind und die in hohem Bogen gestaffelten Wolken dich noch zusätzlich dorthin ziehen. Es gibt nur kleine Baum- und Buschgruppen in mächtigen Feldarealen, Wege und Straßen scheinen sich zu verlieren  und die kleinen Orte heißen Lennewitz, Tollwitz, Mücheln oder Kreypau und könnten in ihrer Backsteingeometrie jederzeit woanders in diese Ebene hingewürfelt werden.

Das junge Paar hatte wenig Abwechslung bei all der Arbeit eines Neustarts, der unter völlig neuen gesellschaftspolitischen und ökonomischen Bedingungen geschehen sollte, die noch keiner wirklich durchschaute. Ich weiß aus Berichten nur von einem Luxus, den sie sich regelmäßig gönnten, dem Kinobesuch im benachbarten Kreisstädtchen. Ob die DEFA damals so kurz nach dem Krieg schon Filme produzierte, ist mir unbekannt. Dann müssen sie sich wohl sowjetische Filme angetan haben, mit denen die Besatzungsmacht ihre Zone sicher versorgte, oder es gab aus dem alten Deutschland doch auch ein paar ideologisch unbedenkliche Produktionen. Egal, die Hauptsache war ihnen wohl, überhaupt ins Kino gehen zu können.

Ich stelle mir vor, wie sie rannten und sich lachend sputeten, weil sie wegen der Arbeit spät dran waren. Im Laufen wurden sie trotz vorheriger Mattigkeit wieder frisch und stark, wie es sich für junge gesunde Leute gehört. Auf dem Heimweg war endlich Gelegenheit für Ruhe und Entspannung. Sie redeten über den Film, über die Kinobesucher, die sie kannten oder nicht; jetzt war endlich etwas Zeit für offene Fragen, Zweifel und spontane Äußerungen und natürlich für Träume, Annäherung. Rudel umarmte Hanne, sie spürten ihre Körper, sie wollten das. Sie leisteten sich ein Schlendern und ließen ihre Blicke in die weite Landschaft gleiten. Das allein reichte schon aus, um ihre Seele zu glätten und ihre Stimmen weich zu machen. Aber ein noch schöneres Geschenk war es, dass von dem sich verdunkelnden unendlich weiten Horizont eine Melodie zu ihnen herschwang, kaum hörbar, aber in ihrem Rhythmus deutlich zu spüren: Wei-ter, wei-ter, wei-ter-gehen. Und es dauerte nicht lange und sie glaubten ganz fest, dass sie die politischen Umwälzungen, die tiefen Verunsicherungen aushalten werden, dass ihr Fleiß eine feste Grundlage sein könnte, dass Hannes Fremdeln nach so langer Kriegstrennung wie von alleine schwinden werde. Rudel spürte plötzlich, dass sie ihre Ängste, die sie immer wieder schüttelten, überwinden werde, und Hanne glaubte, dass er seine aggressiven und cholerischen Ausbrüche einstelle. Plötzlich stand sogar unausgesprochen für sie fest, dass sie noch ein Kind zeugen wollten.

Aber in den Jahren, die kamen, wurde es nicht leichter für sie, im Gegenteil, ihre Lebensbedingungen wurden härter und belastender als sie es sich  jemals vorgestellt hatten.
Sieben Jahre mühten sie sich.

Dann mussten und wollten sie gehen. In den Westen. Bereit, einen weiteren Neustart zu versuchen.

Den Osten und seinen Himmel, den weiten, ließen sie hinter sich.  

von Wilfried Christel

Dienstag, 23. Juni 2015

DAS AUTO

Der alte Mann sitzt am Küchentisch. Gerade hat seine Tochter den Raum verlassen. Sie hat nichts gesagt, doch er weiß, dass sie sich ärgert. Das würde sie ihm nie direkt sagen, in der Türkei werden Vater und Mutter noch geehrt und respektiert.
Doch jetzt ist sie einfach hingegangen und hat sein Auto verkauft! Sie nannte es „Sardinenbüchse“ und „Sicherheitsrisiko“. Viele Jahre ist er mit diesem Auto gefahren und nie ist etwas passiert – bis auf die kleine Delle in der Seitentür von neulich, als er im Parkhaus zu knapp um die Ecke gefahren ist. Er ist immer ein vorsichtiger Fahrer gewesen, was soll man auch rasen, das macht einen nur krank.
Ach, die Ausflüge zum Strand, der Kofferraum voll mit Picknickdecken, Sonnenschirm und köstlichem Essen, die beiden Kinder turnten aufgeregt auf dem Rücksitz herum, seine Frau summte vor sich hin und streckte die Hand aus dem Fenster. Am Parkplatz vor dem Strand traf man sich oft mit anderen Verwandten, sein Bruder und sein Schwager brachten ebenfalls ihre Familie mit. Die Frauen bildeten sofort eine Karawane zum Strand hinunter, bedeckten viele Quadratmeter mit Matten, Handtüchern und Decken, stellten Schirme und Klappstühle auf und richteten in der Mitte ein wahres Festmahl her. Die Kinder planschten schon kreischend im Wasser, sie hatten die Badesachen schon zu Hause angezogen.
Währenddessen waren die Männer noch oben geblieben, hatten zugesehen und ab und zu auch Fachgespräche über Autos und Motoren geführt. Sein Schwager fuhr eine regelrechte Schrottkiste mit hängendem Auspuff, die oft erst nach mehreren Versuchen ansprang. Dagegen pflegte sein Bruder seinen alten Mercedes wie ein krankes Kind. Sein eigener Toyota hatte ihm nie Scherereien bereitet – er ließ ihn warten, wenn es nötig war, aber er wienerte auch nicht wie ein Besessener daran herum.
Wenn sie am Abend wieder zu Hause ankamen, war der Kofferraum voll Sand. Zwar zückte seine Frau nach dem Auspacken sofort einen Handfeger, doch alles bekam sie doch nicht weg. Wahrscheinlich steckten noch von jedem einzelnen ihrer Ausflüge Sandkörner in den Ritzen – die konnte ja jetzt der neue Besitzer durch die Gegend fahren.
Ach nein, seine Tochter hatte ja erwähnt, dass der Wagen an einen Schrotthändler ging, es würde also niemand mehr in der offenen Autotür stehen und noch einen letzten Blick übers Meer werfen.

von Pia Winkler

SUMMER TIME

Irgendwann musste Schluss sein mit den Balkonblumen. Allein die Rein- und Rausschlepperei der Geranien im Herbst und Frühling. Sie müsste sich endlich einen Helfer organisieren. Wozu noch der Aufwand, wenn sie doch schon allein die Sonne nicht mehr vertrug und deshalb immer seltener draußen saß. Und der Blick in den Hinterhof war ja nun wirklich nicht berauschend. Die Gespräche auf den vielen winzigen Balkonen rings um, über und unter dem ihrigen waren es auch selten. Also, was soll’s, fragte sich Elise Bechstein, es reicht, wenn ich mit 62 auf dem Balkon den gelben Sack und einen Kasten Bier stehen habe, das ist schon in Ordnung!
Einige Wochen später stand dann doch ein Begonienkasten bei der Bechstein auf dem Balkon. Die Nachbarin, Wella Trifels, 84 und noch ganz rege und interessiert, wunderte sich über die Tatsache, dass nun wieder Blumenschmuck prangte und wie oft Elise in dem Kasten herumkratzte und –zupfte. Ein Blick auf den Balkon links unten klärte sie jedoch auf.
„Ein so ein schöner Bengel, der da eingezogen ist, gell? Und ganz allaa! Willst dich hinter deine Begonien verstecken beim Nunderschaun? Geh, Elis, und des in deim Alter!“
Erst tat die Bechstein Elise so, als ginge es ihr tatsächlich um die Blumen, dann lachte sie aber die Nachbarin offen an und rief: „ Ja, vielleicht geht’s wirklich nur um den schönen Ausblick. Mei, warum ned?“
Je mehr es Sommer wurde, desto öfter saß sie jetzt wieder draußen, las Zeitung, vesperte und trank ihr Kellerbier, döste und sonnte sich sogar. Der junge Mann unten sah wirklich ausnehmend attraktiv aus; die Proportionen stimmten,  eine glatte Haut, die braun in der Sonne schimmerte, volle dunkle Haarpracht, aber nur auf dem Kopf, nicht am Körper, muskulös, aber keine harten oder kantigen Formen, auch nichts vom Bodystudio Aufgeblasenes, weiche, große Augen. Je mehr er sich an heißen Tagen entblätterte, um so mehr sah sich Elise bestätigt: Sie hatte vergessen, wie schön ein Mann sein konnte. Sie spürte, dass es zwischen ihm und ihr zu einer Art Sirren kam, wenn sie hinschaute, und dass so ein Sirren sie kribblig machen konnte, aber im angenehmen Sinne, so als würde ein geheimer Akku in ihr aufgeladen. Auf diese Weise erstarkt hatte sie Lust, sich zu bewegen und irgendetwas zu unternehmen. Manchmal dachte sie, wenn sie den immer noch Namenlosen auf dem Balkon des zweiten Stocks betrachtete, an ihren Edwin, der jetzt schon drei Jahre tot war. Den wollte sie nie lange anschauen, höchstens ‘mal, um seine Kleidung zu richten, Schuppen wegstreichen, Kragenknöpfe  schließen oder so etwas. Edwin war Finanzbeamter und eine graue Maus, eine mit O-Beinen und ohne Fellhaare am Kopf, am ganzen Körper schimmerte die blassrosa Haut durch die Härchen, am schlimmsten am Bauch, der wie ein kleiner Ballon heraussterzte, als sei die Maus trächtig. Nicht ungerecht werden! Edwin war ein treuer Partner, ein guter Mensch. Aber vom Körper her .......... na ja, halt der Edwin. Bei dem Jungmann war, wenn er in der Badehose da saß oder lag, sogar der Blick auf’s Untenrum, wie Elise das nannte, angenehm, obwohl sie bei Männern, also nicht nur bei ihrem Edwin, das Untenrumgebaumel eigentlich immer lächerlich fand.
Wahrscheinlich war der Neuzugezogene ein Student; er las viel und oft, tippte auf seinem Laptop herum und erschien nur zu regelmäßig festen Zeiten auf dem Balkon. Zuverlässig und fleißig wahrscheinlich, aber sehr schweigsam. Mehr als das Grüßen war nicht drin. Freunde oder gar eine Freundin tauchten nicht auf. Elise Bechstein überlegte sich Fragen, mit denen vielleicht ein Gespräch in Gang kommen könnte, aber „Immer allein?“ oder „Schon wieder an der Arbeit? Sind Sie eigentlich Student?“ kamen ihr so läppisch vor, dass auch sie stumm blieb. Ab und an nickte sie ihrem Gruß ein paarmal nach und es kam ihr vor, als schwappten Wellen des Wohlwollens von ihr zu ihm hinunter. Einmal, als der junge Mann sich mit Sonnenschutzmittel einrieb, wollte sie rufen: „Und wer versorgt den Rücken? – Warten Sie, ich komme runter!“ Wie gern und wie zart hätte sie ihm den Rücken massiert, Kaffee gekocht, Essen bereitet und die frische Wäsche zurechtgelegt.
Nur einmal hat der Schöne, Elise nannte ihn nämlich „mein Schöner“, etwas gesagt, nämlich 
„Schönes Wetter heute, da kann man draußen sitzen.“ Ach ja, und noch einmal hat er etwas gesagt. Er rief „Scheiße!“, als sein Liegestuhl in sich zusammenknackte. Elise rief das eine Mal „Ja, sicherlich!“ und bei der „Scheiße“ nur ganz leise „Oh!“.
Im Herbst zog der schöne junge Mann weg. Er hatte sich nicht verabschiedet. Vielleicht, dachte Elise, hat er hier nur in Ruhe an einer Prüfungsarbeit gesessen oder eine Sommervorlesung besucht.
Die Begonien waren eh‘ hinüber, schnell abgeräumt und entsorgt.
Dann war wieder alles wie sonst.
Elise Bechstein wartete höchstens noch auf eine bissige Bemerkung von der Trifels. Aber die kam nicht. Vielleicht lag die Alte im Krankenhaus.
Aber im September und Oktober, vielleicht sogar noch ein paar Tage im November passierte doch noch etwas.
Elise spürte im Bett hinter sich einen Körper, geschmeidige warme Haut, die nach Sommer und Öl roch, kräftige Arme umschlangen ihre Brust oder ihre Beine und sie schob ihren Körper zur Teelöffelchenhaltung zurecht, damit sie möglichst viel von dem Schönen mitbekam.


WILFRIED CHRISTEL

Dienstag, 29. Juli 2014

Pralles Leben


Ihr letztes Buch war wieder ein Welterfolg geworden. Sie lag auf der Liege am Pool und fuhr sich mit der Zungenspitze über ihren vollen Mund. Dieses Mal hatte der Schönheitschirurg wirklich Mist gebaut.


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Wir stehen alle festlich eingekleidet und schwitzend um den wunderschön geschmückten Baum und singen. Der Braten duftet köstlich.

Oma gibt sich wirklich große Mühe. Wir sollten sie doch öfter besuchen. Nicht wieder erst im Juli.

Donnerstag, 24. Juli 2014

Ein Tag in Stierberg

Stierberg

am Morgen

unsicher, mit steifen Beinen
geh ich den Gänseblümchenweg
um mich herum
lautes Hummelgebrumm
und ich möchte weinen.


am Mittag

Kirschbaumflüstern in den Ohren
füll ich Blatt um Blatt
keins davon scheint ausgegoren...

Doch jedes Wort
vom Wind geboren
macht mich richtig satt!



am Nachmittag

Regentropfen auf der Tinte
plantschen mir die Worte fort
vielleicht suchen sie woanders
einen mächtigeren Hort?

Nichts für ungut!
Mir reicht`s Leuchten.
Das vom Bier...
und auf den Halmen
---und das Qualmen!

Hier,
an diesem Zauberort!

Minna Weise, Stierberg, am 25.Mai 2014

Montag, 23. Juni 2014

Noch kürzere, eingedampfte Wendepunkte

Ja verreck, war die schee. A jeder hat si in der Schul verlibt in die Gudrun. Und etz? Lebds mit aner Fraa, die blaide Sulln…



Tina hatte alles, Mann, Kind, Haus, Hund, Cabrio und hätte glücklich sein können. Geld war auch im Überfluss vorhanden. Genauso wie das Schwiegermonster.


Schneewittchen war aus dem Weg geräumt. Die Stiefmutter konnte getrost ihren Spiegel befragen.
Wäre da nicht ihre 15 Jahre jüngere Stiefschwester gewesen.
























Der Kirschbaum war in voller Blüte, ein gutes Kirschenjahr kündigte sich an. Wilfried sah schon Marmeladengläser in den Ästen hängen.
Und dann kam Wiebke.



Kratz mich, beiß mich, gib mir Tiernamen, fleht die ans Bett gefesselte Siglinde. Erschöpft und befriedigt fallen sie ineinander.
Seine 100 kg auf ihre 60. Herzinfarkt.





Eingedampfte Wendepunkte

Da war diese 80 Jahre alte, einsame Frau, verwitwet und vom Leben gezeichnet. Margaretha, einsam auf ihrem Hof in Monte del Torro. Mir kommt kein Mann mehr ins Haus. Männer machen nur Arbeit und man muss für sie kochen. Sie hasste kochen, obwohl sie gerne aß.

Der neue Nachbar war so nett mit seinen 73 ein flotter Feger. Der sie eines Abends einlud zum Einstand. Verliebt hat sie sich sofort. In die besten Schäuferle der Welt.



Da waren Willi und Gabriele am Rande der Verzweiflung. Der schöne Garten kurz vor dem Kollaps. Hängende Blumen überall, Wasservorräte leer, die große Dürre. Gießverbot von der Stadt erlassen, streng überwacht.

Sie sorgten sich und sinnierten was man tun könnte. Sämtliche Alternativen wurden in Betracht gezogen. Schamanen, Indianer, Esotanten. Es wurde so einiges probiert und die Stierberger Nachbarn sagten schon: Etz spinners dodal, erscht Depression, dann Philosophie und etz a nu Deifelszeich. Hüpfen singend im Gardn als dädns Muggn fanga wolln und des Gejaule dazou…

Wussten aber, worum es ihnen ging, den Zugereisten. Und dann plötzliche Erfurcht, denn am Abend kam Wiebke.

Fürtherin, 26.05.2014 in Stierberg



Mittwoch, 18. Juni 2014

Drei kurze Wendungen

Herr H. verzweifelte jeden Tag bereits am Morgen. Sein Dienst im Finanzamt begann um 7.30 Uhr. Allein der Weg dorthin war eine Strafe.  Drei Fünftel aller Bürger der Stadt waren zu dieser Zeit unterwegs, alle Straßen verstopft. Also fuhr Herr H.  Öffentliche. Auch der Bus war jeden Morgen überfüllt. Schreiende, drängelnde Kinder trampelten auf seinen Füßen und seinen Nerven herum, der Achselschweiß der anderen beleidigte seine Nase und der Knoblauchduft des zahnlosen Rentners, der sich jeden Morgen zu ihm gesellte, brachte ihn nahe an eine Ohnmacht. An seiner Haltestelle stieg er aus, befreit von der Nähe der anderen, voller Grauen vor dem Kommenden. Acht Stunden Dateneingabe – nur Zahlen tippen, nur die Finger bewegen. Jeden Tag acht Stunden Ödnis. Jeden Morgen glaubte er die große Glastür nicht mehr öffnen, die Stufen zu seinem Büro nicht mehr bewältigen zu können. Jeden Tag gelang es dennoch. Hatte er seinen Schreibtisch erreicht, wo ihn der Computer mit schwarzem, gähnendem Rachen erwartete, atmete er schwer.
Aber heute, am Freitag, den 13, hatte der Bus sieben Minuten Verspätung. Es hatte einen Unfall gegeben. Herr H. ging etwas eiliger, bebender zur großen Glastür. Er musste Atem holen, bevor er sie öffnen konnte.
„Verzeihung“, sagte eine weiche Stimme neben ihm. „Könnten Sie mir bitte helfen?“
Er sah auf. Die Frau war jung, schön, blond, üppig und hatte die sanftesten Augen, die er je gesehen hatte. Sie lächelte. Neben ihr glänzte ein Porsche Cabrio.
„Wie?“ Er wusste nicht, ob er es gesagt oder nur gedacht hatte.
„Wie immer Sie wollen.“
Er überlegte lange. Dann lehnte er seine Aktentasche an die große Glastüre und stieg in den Wagen. „Würden Sie mich mitnehmen?“
„Wohin?“
„Wohin Sie wollen.“
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Es ging ihr gut. Es ging ihr unbeschreiblich gut. Sie hatte ihren Ruhestand erreicht, ihren Mann das Kochen und Bügeln gelehrt, hatte vor zwei Monaten einen nicht unerheblichen Betrag im Lotto gewonnen und diese Wohnung, die sie so sehr liebte, gekauft. So konnte sie es einfach nicht fassen, dass sie, als sie an diesem Morgen aufwachte, tot war.
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Er war so stolz auf sein neues Auto. Glänzend schwarz, stromlinienförmig, schnell -  damit konnte er punkten. Er hatte sich gestylt, passend zum Wagen. Lisa sollte staunen. Er fuhr rasant, hatte es schließlich eilig, nahm die letzte Kurve knapp – verfluchtes Katzenvieh! Unwillkürlich verriss er das Steuer, durchbrach den niedrigen Zaun und stand auf der Terrasse. Lisa blickte erschrocken aus dem Fenster. Dann schloss sie es sacht.
Stierberg, 25.05.14
Sonja Meier
....und ....
Eine letzte Wendung
Dietmar Dills Leiden endeten, als er entdeckte, dass er, indem er Zeige- und Mittelfinger der linken Hand kreuzte und mit Ringfinger und Daumen der rechten einen Kreis formte, die Haut eines anderen verfärben konnte, wenn er diesen anblickte. Er entschied sich für grün. War er vorher, weil klein und pummelig, der Prügelknabe der Klasse gewesen, so schaffte er sich nach und nach eine gewisse respektvolle Distanz. Gewiss, von heute auf morgen ging es nicht. Die Knaben, die sich über ihn lustig machten, seine Unsportlichkeit verhöhnten, die ihn drangsalierten, ja manchmal verprügelten, brauchten eine gewisse Zeit, die Zusammenhänge herzustellen. Keiner von ihnen hätte sich am Verfärben an sich gestört, von Torsten Teufel einmal abgesehen, der sich schwarz wünschte, aber die abendlichen Reinigungszeremonien waren anstrengend und da die Haut vom Schrubben immer dünner wurde, schließlich schmerzhaft. Dietmar Dill gewann an Ansehen. Anfänglich wendete er den Blick für Süßigkeiten oder Cola ab und hielt die Finger ruhig. Dann verlangte er die Übernahme seiner Hausaufgaben, schließlich Geld. Nach und nach wurde er zum unumschränkten Herrscher des Pausenhofes.
Seine Vormachtstellung begann zu bröckeln, als Rita Ratz entdeckte, dass sie durch bloßes, konzentriertes Betrachten die Ohren ihres Gegenübers  in von ihr gewünschte Größe und Form wachsen lassen konnte.
Nachträglich, im Geist von Stierberg, 27.05.14
Sonja Meier


Suppenhühner


Als ich von der Erbschaft erfuhr, war ich gerade im Stress. Ich hatte  meine Wohnung renoviert oder vielmehr renovieren lassen und das „lassen“ hatte mindestens soviel Arbeit, Ärger und Zeitaufwand gekostet, als hätte ich es selbst gemacht. Aber immerhin, das Ergebnis konnte sich sehen lassen: klare Linien, weiße Wände, weiße Türen, weiße Fliesen. Durch große Fenster der Blick über die Dächer der Stadt.
Ich war im Begriff mich neu einzurichten, die Lieferung der Möbel verzögerte sich um Wochen. Drei Monate lebte ich auf einer Baustelle, entnahm die Dinge des täglichen Bedarfs verschiedenen Kisten, verstaute sie abends wieder in anderen und verbrachte die Tage in Auseinandersetzungen mit Handwerkern und Raumausstattern und die Abende mit suchen. Und dies alles neben meinem Job. Ich bin Geschäftsführerin eines kleinen Modeateliers, zutreffender wäre allerdings Mädchen für alles. In meinen Kompetenzbereich fällt die Preiskalkulation genauso wie der Kauf der Stoffe, Kundenpflege, Werbung, Planung der Messetermine und der Einkauf des Klopapiers. Während der Renovierungsarbeiten hatte mein Arbeitstag dreizehn Stunden.
Jetzt endlich der Endspurt: das  Mobiliar wurde geliefert, ich fing an einzuräumen, neu zu ordnen, vieles wegzuwerfen, mich wieder zu organisieren. Dazwischen platzte die Nachricht vom Erbe des Häuschens in Niedersachsen, hinterlassen von meiner kinderlos gebliebenen Tante, eigentlich meine Großtante, mütterlicherseits. In Kindertagen war es für ein paar Jahre mein Feriendomizil gewesen; für ein Stadtkind ein Ort unvorstellbarerer Freiheit, voll von Abenteuern, mit fremden Gerüchen, selbst gemachter Marmelade und frischen, noch nestwarmen Frühstückseiern. Das lag über dreißig Jahre zurück, und nun empfand ich nicht einmal Dankbarkeit für die Zuwendung, nur Überdruss. Ich hatte mich auf mein neues Wohngefühl gefreut, auf die so sorgsam wieder hergestellte Ordnung, auf endlich  unzerknitterte Kleidung und auf Schuhe, die sich nicht hartnäckig einzeln in wechselnden Kappboxen verbargen. Ich hatte mich auf Kino, Konzert und Theater gefreut, auf all das, was man mit Freunden unternimmt, wenn man Zeit dazu hat. Nach drei Monaten Chaos wollte ich mich nicht auch noch mit dem Verkauf einer abgewirtschafteten Immobilie in Niedersachsen befassen.
Aber ich musste wohl.
Ich verband den ersten Besuch mit dem von Freunden in Hamburg. Ich freute mich auf die Stadt und auf die alten Freunde.
„Ach, ziehst du jetzt etwa auf’s Land?“ fragte Eva belustigt, als ich erzählte. „Dann müssen wir Gummistiefel kaufen gehen“.
Wir standen in Sarah Willmers Galerie und feierten den allerersten Verkauf eines von Evas Bildern.
„Karin nimmt ein Sabbatical“ grinste Jörg. „Sie vergisst für ein Jahr Mode und Modemachen und bestellt die eigene Scholle.“
Ich wusste nicht mal mehr genau, wo sich die Scholle befand, geschweige denn, wie sie aussah. Mein letzter Besuch lag Jahrzehnte zurück. Ich fuhr am nächsten Tag los, noch ein wenig verkatert von Evas Feier, fuhr über ebenes Land nach Süden, durch Dörfer, an deren Namen ich mich nicht erinnere. Zweimal meldete mein Navi, eine Wegempfehlung könne nicht gegeben werden, aber nach knapp zwei Stunden erreichte ich doch Emdachsen. Das Häuschen lag am westlichen Ortsende, an ungeteerter Straße. Es war gänzlich zugewachsen von Efeu, wildem Wein, von Büschen, Bäumen, vom Wildwuchs der Natur, die längst die Überhand gewonnen hatte. Die Nachbarin gab mir den Schlüssel. Ich tastete mich den schmalen, Moos bedeckten Weg entlang, schlängelte mich durch hüfthohe Brennnesseln, streifte durch Spinnennetze und verfluchte meine Pumps. Die Steintreppe wies Frostlöcher auf, die Haustür klemmte. Als ich mich dagegen stemmte, riss mein Top an einem Holzspan. Im Stillen verfluchte ich auch das Top. Drinnen sah es aus wie draußen: Verfall und Verlassenheit. Die wenigen Möbel trugen eine dicke Staubschicht, vergilbte Bilder an den Wänden. Ärmlichkeit. Langsam ging ich durch die kleinen Zimmer – Puppenstube, fiel mir ein. Ich sah die Tante vor mir: klein und mager, mit dicken Brillengläsern in dem runden, freundlichen Gesicht; Augen, die immer ein bisschen verwundert blickten und ein bisschen schüchtern.
„Sie war das letzte Vierteljahr im Heim“ sagte eine Stimme hinter mir. „Da ging’s einfach nicht mehr“. Der Nachbar stand in der Tür. „Wir haben uns ein bisschen gekümmert.“
Ich dankte, sagte, dass ich einen Makler beauftragen würde und ein Entsorgungsunternehmen, wenn ich alles gesichtet hatte.
„Und die Hühner?“ fragte der Nachbar.
„Hühner??!“
„Jou, drei sind noch da. Wir haben ja nicht gewusst, was Sie damit machen wollen; wir haben sie halt gefüttert die Zeit.“
Ich ging nach draußen, schlug mich ein weiteres Stück durch den Urwald und fand den kleinen Hühnerhof hinter dem Haus. Der Regen der letzten Tage hatte den Boden aufgeweicht, und ich rutschte auf dem Hühnerkot aus und wäre fast gestürzt. Der Nachbar fing mich auf. Er grinste. „Müssen Sie selber wissen, aber ich denk‘, die Schuhe sind hier nicht gut.“
Ich sagte nichts. Drei Hühner standen am Zaun und starrten mich an. Das erste legte den Kopf schief und gackerte.
„Anna, Berta und Dora“ sagte ich. „Mit C ist Tante Elsbeth nie ein Name eingefallen.“ Plötzlich hatte ich einen Kloß im Hals. „Sie hat ihre Hühner immer alphabetisch benannt und sie konnte sie auseinander halten.“
„Aber die sind alt. Die legen schon lang nicht mehr. Wenn Sie wollen, dreh‘ ich ihnen die Krägen rum. Für eine Suppe tun sie’s noch.“
„Nein.“ Der Kloß steckte immer noch. Ich blickte auf den Urwald, blickte auf meine ruinierten Schuhe und straffte mich. „Tante Elsbeth hatte keine Suppenhühner.“
Ich würde Gummistiefel kaufen müssen.

Stierberg, 24.05.14

Sonja Meier