Aber dann ging es weiter. Sein
Taschentuch trug plötzlich dort, wo sein Monogramm aufgestickt war, einen
Knoten, klein, aber ziemlich fest. Und dann die Gästehandtücher! Seine eigenen
Handtücher blieben unbehelligt, aber in dem Stapel der Gästehandtücher trugen
plötzlich die hellgrauen einen Knoten, die dunkelgrauen blieben glatt. In der
Folgewoche war es umgekehrt und dann wechselten die Knoten wöchentlich. Seine
Gäste begannen ihn für skurril zu halten und amüsierten sich. Dass das
Staubsaugerkabel jede Woche beim Einziehen exakt in der Mitte einen Knoten
bekam, wunderte ihn schon nicht mehr. Gordios schlug jedes Mal begeisterter seine
Flügel und krächzte etwas, das wie „Knoten-Knut“ klang. Beim dritten Mal drohte
Knut ihm mit einem Knoten im Hals. Das Bügeleisenkabel hatte inzwischen zwei
Knoten, das Kabel der kleinen Stehlampe auch, jeden Abend musste er den dicken
Knoten in der Sofadecke lösen und als schließlich sein Anzugjackenärmel einen
Knoten aufwies, sobald er die Jacke ablegte und auch nur einen Moment aus dem
Augen ließ, sprach ihn sein langjähriger Freund und Kollege Felix an und riet
ihm bei einem entspannten Feierabendbier zu einer neuen Bindung oder
therapeutischer Beratung. Knut schwitzte in seiner Jacke.
Als er eines Morgens die Tür
seines Kleiderschranks öffnete und alle Anzughosen abwechselnd im linken und
rechten Bein einen Knoten hatten, wusste er, dass er handeln musste – und er
hatte eine Idee. Er bat telefonisch um einer paar Tage Urlaub, zog Jogginghose
und T-shirt an, kaufte sich Schuhe mit Klettverschlüssen und setzte sich an den
Laptop. Den Knoten im Netzkabel ignorierte er konsequent. Unter der Domain www.gordios-knot-your-life.de
gründete er ein Institut zur Vernetzung und Verknüpfung von Interessen aller
Art. Er brachte potentielle Lebensabschnittsgefährten mit interessierten
Lebensabschnittsgefährtinnen zusammen, Putzhilfen mit hoffnungslos
überforderten Ex-Lebensabschnittsgefährten, Hobby-Astrologen mit Rat suchenden
Alltagsuntauglichen, Imker mit Honigliebhabern und Gartenbesitzern, Globetrotter
mit Couch-Potatos, die gegen Chips und Bier die fremde Wohnung hüteten, er
vermittelte Hunde an Menschen und umgekehrt, Clowns an chronisch Depressive und
hoffnungslos Überschuldete an Beratungsstellen im befreundeten Ausland. Knut
brachte Skatbrüder zusammen und
Sportfreunde, Kinder und Kindermädchen, Köche und Gourmets, Anlageberater und
Geld, Kunstschaffende und Kunstliebende. Knut verknüpfte alles.
Binnen weniger Monate florierte
sein kleines Unternehmen und er erwog, seine Stelle in der Bank zu kündigen.
Die Entscheidung stellte er jedoch noch einmal zurück, als er feststellte, dass
sich an seiner Lieblingskrawatte der Knoten nicht mehr binden ließ.
08.07.18
Sonja Meier
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