11.43 Uhr, Stadtparkcafe
Nehmen wir mal diesen furchtbar lauten Nachbartisch.
Fünfzehn schmallippige, pudelfrisurige, eifernde, ältliche Weiber gackern durcheinander. Sie ziehen über den letzten Gottesdienst, insbesondere über ihren Pfarrer her wie die Fangemeinde eines wenig erfolgreichen Fußballclubs. Allzu laut wissen sie über alles Bescheid und ihre blitzweißen Jacketmünder klappen auf und zu wie gefräßige Haigebisse. Wie Piranjas, die sich lustvoll ans zerlegen, zerreißen, fressen und verdauen des Pfarrers machen. Heimlich nehmen die zu fetten oder ganz verknöcherten Hinterteile zierliche Bistrostühle wie Einweckklammern in Besitz, damit sie sich über den Tisch hinweg nicht auch noch gegenseitig in die Gesichter verbeißen. Das geht ihnen zu weit. Sie beschränken sich auf den Hochwürden.
Keine hat Glanz, weder im Haar, noch in der Erscheinung selbst. Die merkwürdige Stumpfheit wirkt wie ein Trauerflor ihrer gestorbenen Sehnsüchte. Nein, sterbende Sehnsucht trifft es besser, denn noch drückt sich davon ein letzter aufbäumender Rest im lustvollen Zerhacken aus. Noch fehlt ihnen die Ruhe und würdevolle Gelassenheit des Alters.
Es erschreckt mich. Uns trennen vielleicht zehn, zwölf Jahre. Noch sitze ich hier in meinen jugendlichen H+M Klamotten und habe Träume, die ich vielleicht verwirklichen kann. Atemlos lausche ich ihrem bösartigen Geschwätz über Kinder, Kirche, Küche. Verkrampfe mich beim Anblick ihrer starren, festgehaltenen, nur ruckhaften Gesten. Sie stopfen sich mit dem Schnitzelfleisch den eigenen Mund und ich sehe buchstäblich Verdauungsbeschwerden und das saure Aufschreien ihrer Gedärme. Alle tragen Gesundheitsschuhe, natürlich geputzt. Die Farben der Kleider sind gedeckt, sogar das Rot der einen mit graustich. Wohin ist ihre Sinnlichkeit gewichen? Und der Schwung ihrer Hüften?
Jetzt sind sie satt, erkennbar am keuschen Aufstoßen, den etwas ruhigeren Metallstimmen. Mich gruselt. Ich habe Angst vor ihnen. Ein braver Frauenkreis, vor dem, wenn sie im Rudel auftreten, keiner mehr sicher ist. Jede für sich allein eine Bombe ohne Zünder.
Oh, eine raucht! Abseits gerückt, hält sie die Zigarette in schulterausrenkender Weise hinter sich, um den stummen Vorwürfen und spitzen Nasen ihrer Sekte auszuweichen. Sie windet sich in allzu mutiger Scham über diesen sichtbaren Spritzer auflehnender Lust und die Nasen spitzen sich noch schärfer, noch höher.
Bitter kommt in ihnen eine verlorene Zeit zum Ausdruck. Im, oder kurz nach dem Krieg geboren, haben sie ihre Seele fleißig dem Geld und Haben verschrieben. In ihren Gesichtern wütet erstarrt die verlorene Ehre des goldenen Mutterkreuzes. Die Gelenke knarzen. Ausgeblutet. Keine mit Medaille...
Mein Kaffee ist kalt. Nur noch zehn, zwölf Jahre und ich sehe mich in ihrem Kreise demütig knarzen...
Herausfordernd frech huscht unerwartet ein Schmunzeln in mein Gesicht: vielleicht verführe ich dann doch lieber den Pfarrer?
Minna Weise

Keine Sorge, DU wirst nie eine von den keifenden Alten sein. Immer die mit dem Schalk im Nacken und dem besonderen Blick :-) LG Heike
AntwortenLöschenPudelfrisurige Krähen... Jetzt weiß ich 1. warum Männer im Schnitt fünf Jahre eher sterben und 2. wo ich meinen nächsten freien Nachmittag (leider noch nicht abzusehen) verbringe. Vielleicht treffen wir uns, Beobachterin, ich werde Dich an Deinem Notizblock erkennen :- )) Erika
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