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Mittwoch, 10. Januar 2018

Es sind jetzt so viele

Es werden immer mehr Tote um dich herum. Milchmädchenrechnung, wenn du alt wirst. Und warum sollten sie sich nicht einmal in Schüben ballen? Mathematisch völlig einleuchtend, so wie jede andere Zufallsstreuung.
Haben sie einen gemeinsamen Nenner außer dem, dass sie tot sind?  Selten. Aber vielleicht doch den, dass sie alle bei dir vorbeischauen, nachts, im Schlaf, im Tagtraum. Was sie noch gemeinsam haben, ist, dass sie nicht lachen, lächeln manchmal schon, aber kein Lachen,  keinen Humor, keinen Witz oder Satire – das bleibt alles hier bei uns im Diesseits. Ich denke an den Gott, an den ich immer glauben sollte und manchmal wollte, der lachte auch nicht. Der schaute entweder schmerzig oder feierlich. Da ist das Repertoire meiner Toten schon noch ein bisschen größer: sie können ganz entspannt schauen, wissend oder ratlos, kraftvoll oder geschwächt, vorwurfsvoll und und und. Sie kommen selten einfach nur so einmal daher oder mit Lust, mich zu überraschen. Sie benutzen meist lieber einen Auslöser, ein Vehikelchen, zum Beispiel einen Ort, einen Raum, einen Klang, ein Bild: „Hier war’s, wo er gerne saß ....“, „So klang es, wenn sie sang ....“, „Das ist der kleine Blutschwamm an der Stirn, den auch ...“, „Genauso einen Raucherhusten hatte sie, wenn sie sich früh die erste ansteckte ...“ „Jetzt hast du deinen Kopf genauso schwungvoll nach hinten geworfen wie ......“ Lauter kleine Schaltknöpfe und schon sind sie da. Die Dauer des Aufenthalts der Toten bei mir ist höchst variabel. Sie schauen manchmal nur kurz durch eine Wand oder aus einem Bild heraus bei mir vorbei, der eine oder die andere bleibt aber auch länger an meiner Seite, zum Beispiel im Garten, weil sie da früher auch immer gerne waren. Sie streichen dann hinter oder neben mir überall mit herum wie anhängliche Haustiere. In mir unangenehmen Situationen halten sie manchmal Wache, wie treue Verbündete, companeros. Das kann sogar Mut machen.
Es gibt aber auch hartnäckige Tote, wie die Albmacher. Sie bevorzugen den Traum als Eingangstür zu mir und sind nicht so höflich, erst einen Schalter umzulegen. Plötzlich starren sie mich vom Grund eines Teiches  an und ziehen mich mit ihrem Blick nach unten; sie klammern sich an mich und nehmen mir den Atem. Sie sagen nichts zu mir und ich muss ihr unerbittliches Wesen einfach aushalten, bis mir einfällt, dass sie auch als Lebende so kräftig an mir ziehen konnten.
Ganz selten gibt es eine Tote oder einen Toten, der mich ratlos macht und bleiben lässt. So eine ist H. Seit mehreren Wochen macht sie mich ständig auf sich aufmerksam, obwohl sie schon über ein Vierteljahr tot ist. Sie ist die Tote, die aus der Reihe tanzt, fast omnipräsent wird und ihre anderen Kollegen aus meinem Totenzirkel unzulässig an den Rand drängt. Vielleicht hat es ganz banale Gründe, denn ihre Wohnung liegt über der unsrigen, und ich leere ihren Briefkasten noch regelmäßig, gehe im Keller an ihrem abgestellten Sperrmüll vorbei. Immer wieder glaube ich, sie im Stockwerk über mir zu hören. Ja, genau, es ist dieses Tack-tack-tack! Sie trug stets Stöckelschuhe, auch nach Mitternacht, gnadenlos in unserem hellhörigen Haus. Als Grund erklärte sie mir, Hausschuhe passten nicht zu ihrem Körpergefühl. Sie hatte mich aber auch schon mal lachend über die Spießigkeit aufgeklärt, Hauspantoffeln zu benutzen. Sie nahm tausend Dinge für sich ganz selbstverständlich heraus, wie ein verwöhntes Kind, eine Aristokratin mit erhabenem Augenaufschlag, eine Prinzessin, die hilflos um sich schaute und allen signalisierte, dass doch endlich jemand ihr Gepäck nehmen möge. Ich nahm es immer ohne auch nur den Hauch von Zögern und trug es in ihr verspiegeltes Bilder- und Blumenreich, obwohl ich Stöckelschuhe tragende Prinzessinnen überhaupt nicht mag. Ihr Charme, ihre ungenierte Weitschweifigkeit und Schnörkelei beim Erzählen, ihre exotisch gezierte Gestik eines Wesens aus einer obskuren Abteilung der upper class, ihre Aura der Kunstverständigen, die hoffentlich auch wieder selbst malen würde, ihre Distanz zu allem praktischen und organisatorischen Alltagkram holten mich immer wieder zu ihr zurück und ich dachte nie über die mir sonst so fremde Schafsartigkeit nach, mit der ich meinte, ihr zu Diensten sein zu müssen.
Man merkt es, je mehr ich schreibe, um so klarer wird, dass sie sich Raum nimmt, wieder zu viel Raum nimmt.
Es kann aber auch daran liegen, dass H. unter extremen Bedingungen starb, eineinhalb Jahre lang, also so aufwändig, dass es zu ihr schon wieder irgendwie passte; dass sie mir Schreckensbilder lieferte, die ich noch nicht kannte. Sie konnte durch ihre Erkrankung nicht mehr sprechen, nicht mehr schlucken , sich nur sehr eingeschränkt bewegen, ihre Mimik war hexenartig verzerrt, nichts von der früheren Gepflegtheit und Eleganz war zu retten. Mit hektischen Bewegungen suchte sie Buchstaben auf einer Tafel, um dann doch nur enttäuschend triviale Botschaften zu übermitteln.  Sechzehn Monate lang war sie eingeschlossen in einen röchelnden, sabbernden, künstlich ernährten Schmerzkörper. Es kann also sein, dass sich dieses Übermaß an Leid in mir einbrannte und bis heute unerklärbar, unentschuldbar blieb. Es kann aber auch sein, dass es mir die Sprache wegziehen will, damit gar nicht erst vorschnelle Sätze einer Deutung und Wertung entstehen können. Vielleicht soll ich sprachlos bleiben und nur in dieses leere Pochen und Stechen hineinhören.
Soll sie doch weiter kommen, die tote H. Sie wird schon wissen, warum. Ich werde keine Erklärungen basteln.

Manchmal denke ich, es gibt womöglich eine Melodie oder ein zwei Verse, die Ruhe brächten und H. harmonisch in meine Totenriege einfügen könnten. Ich werde die Ohren spitzen.

Donnerstag, 11. August 2016

WEITER HIMMEL

Hier in diesem kleinen Ort mit dem wunderlich slawisch geprägten Namen Wüsteneutzsch war er dann doch wieder auf seinem Heimathof gelandet, als die Odyssee aus Wehrdienst, sechsjährigem Kriegseinsatz und Gefangenschaft vorüber war, - der junge Rudel. Gerade mal 27 Jahre alt, hatte er fast ein Drittel seines Lebens dem Volk oder besser dem Führer seines Volkes opfern müssen. 

Angeschlagen, verwundet, aber noch so weit gesund, dass er Lebensmut aufbringen konnte, wollte er das Anwesen der Familie wieder hochbringen. Mit seiner Hanne werde er schon die Ärmel aufkrempeln. Die fremdelte zwar noch mit ihm, der ja als Ehepartner die längste Zeit gar nicht bei ihr hatte sein können, aber das würde sich schon noch geben, wenn es aufwärts ging. Mit gerade mal zwanzig war sie von Rudel geschwängert worden und erlebte ihn dann nur noch bei wenigen kurzen Heimaturlauben. Die meiste Zeit musste sie allein die kleine Tochter aufziehen, mit der Schwiegermutter auskommen lernen, die Fremdarbeiter in der Landwirtschaft anleiten und, und, und......, sie, die ja aus der Stadt stammte und keinerlei Erfahrung mit so einem Hof hatte.

Wüsteneutzsch liegt in der Leipziger Bucht, wo für uns Westler der Osten beginnt, obwohl man ja noch in Mitteldeutschland ist. Aber hier wird das Land so flach und der Horizont öffnet sich so schrankenlos weit, dass du immer eine Einladung ins endlose Nirgendwo spürst, zumal der Wind und die in hohem Bogen gestaffelten Wolken dich noch zusätzlich dorthin ziehen. Es gibt nur kleine Baum- und Buschgruppen in mächtigen Feldarealen, Wege und Straßen scheinen sich zu verlieren  und die kleinen Orte heißen Lennewitz, Tollwitz, Mücheln oder Kreypau und könnten in ihrer Backsteingeometrie jederzeit woanders in diese Ebene hingewürfelt werden.

Das junge Paar hatte wenig Abwechslung bei all der Arbeit eines Neustarts, der unter völlig neuen gesellschaftspolitischen und ökonomischen Bedingungen geschehen sollte, die noch keiner wirklich durchschaute. Ich weiß aus Berichten nur von einem Luxus, den sie sich regelmäßig gönnten, dem Kinobesuch im benachbarten Kreisstädtchen. Ob die DEFA damals so kurz nach dem Krieg schon Filme produzierte, ist mir unbekannt. Dann müssen sie sich wohl sowjetische Filme angetan haben, mit denen die Besatzungsmacht ihre Zone sicher versorgte, oder es gab aus dem alten Deutschland doch auch ein paar ideologisch unbedenkliche Produktionen. Egal, die Hauptsache war ihnen wohl, überhaupt ins Kino gehen zu können.

Ich stelle mir vor, wie sie rannten und sich lachend sputeten, weil sie wegen der Arbeit spät dran waren. Im Laufen wurden sie trotz vorheriger Mattigkeit wieder frisch und stark, wie es sich für junge gesunde Leute gehört. Auf dem Heimweg war endlich Gelegenheit für Ruhe und Entspannung. Sie redeten über den Film, über die Kinobesucher, die sie kannten oder nicht; jetzt war endlich etwas Zeit für offene Fragen, Zweifel und spontane Äußerungen und natürlich für Träume, Annäherung. Rudel umarmte Hanne, sie spürten ihre Körper, sie wollten das. Sie leisteten sich ein Schlendern und ließen ihre Blicke in die weite Landschaft gleiten. Das allein reichte schon aus, um ihre Seele zu glätten und ihre Stimmen weich zu machen. Aber ein noch schöneres Geschenk war es, dass von dem sich verdunkelnden unendlich weiten Horizont eine Melodie zu ihnen herschwang, kaum hörbar, aber in ihrem Rhythmus deutlich zu spüren: Wei-ter, wei-ter, wei-ter-gehen. Und es dauerte nicht lange und sie glaubten ganz fest, dass sie die politischen Umwälzungen, die tiefen Verunsicherungen aushalten werden, dass ihr Fleiß eine feste Grundlage sein könnte, dass Hannes Fremdeln nach so langer Kriegstrennung wie von alleine schwinden werde. Rudel spürte plötzlich, dass sie ihre Ängste, die sie immer wieder schüttelten, überwinden werde, und Hanne glaubte, dass er seine aggressiven und cholerischen Ausbrüche einstelle. Plötzlich stand sogar unausgesprochen für sie fest, dass sie noch ein Kind zeugen wollten.

Aber in den Jahren, die kamen, wurde es nicht leichter für sie, im Gegenteil, ihre Lebensbedingungen wurden härter und belastender als sie es sich  jemals vorgestellt hatten.
Sieben Jahre mühten sie sich.

Dann mussten und wollten sie gehen. In den Westen. Bereit, einen weiteren Neustart zu versuchen.

Den Osten und seinen Himmel, den weiten, ließen sie hinter sich.  

von Wilfried Christel

Freitag, 8. April 2016

MYSTERIUM



Sobald es irgend geht, zieh ich mit meinem Hund Bohni in den Biergarten. Der liegt in der Sielstraße, nur drei Ecken von meiner Wohnung. Es gibt von Mai bis September einfach nichts Besseres für mich. So nah an der Natur, neben und unter Bäumen, sein Bier in Ruhe zu trinken und ein Paar Würstle zu essen, das ist das Höchste. Warum? Es ist, na ja, es ist irgendwie ge-sund .... die Blätter, das Gras, die Luft im Freien, die Autos spürst hinter der Hecke nicht so arg, das Bier schmeckt, als ob’s aus einer Quelle kommt.

Im Sommer in der Biergartenhochsaison muss ich dann auch meine Elvira nicht so lange sehen, wenn ich mit Bohni außerhäusig bleibe. Seit ich in Rente bin und sie, die Elvira, praktisch 24 Stunden um mich habe, also di-rekt erleben muss, entspannt sich die Ehe durch meinen regelmäßigen Besuch im Biergarten doch ein wenig. Und die Frau will auch gar nicht mit von sich aus, also ich frag sie auch erst gar nicht lang. Aber deswegen erzähl ich Ihnen das hier nicht. Es geht um etwas ganz anderes, was ich im letzten Sommer, also in dem Afrikasommer in der Sielstraße erlebt habe.

Ein Mysterium war’s, jawohl, auch wenn’s mir keiner glauben will. Brüllend heiß war’s, einer von den Klimakatastrophentagen, die mir so angenehm sind, denn dann sitze ich schon um 10 Uhr im Schatten von dem Kastanienbaum, bestelle mein Seidla und frage den Bohni ein biss-chen aus über sein Leben. Es sind dann nur wenig Leute da, die man anschauen muss. Die Bedienung ist noch frisch und freundlich, die Hitze hält sich noch zurück. Was will der Mensch mehr? Also, ich will gerade in meinen Meditationsmodus umschalten, da beunruhigt mich ein Schaben und Schubsen an meinem linken Bein. Natürlich tippe ich auf Bohni, aber der liegt seelenruhig unter meiner Bank und döst. Ich beuge mich nach unten, schieb meinen Bauch aus dem Blickfeld und was sehe ich, ja Hunds verreck, ich sehe ein Krokodil, das sich an meine Schuhe drückt und mit seinen scharfen Zähnen an den Schuhbendeln rupft. Ich nehme einen gehörigen Schluck aus dem Bierkrug, um mich zu vergewissern, dass ich ja noch nüchtern bin, und schaue mich um. Meine Augen schweifen über das gesamte Gelände. Gottseidank, keiner merkt etwas. Als mein Blick über den Ausschank wandert, erstarre ich ein zweites Mal – und das in so kurzer Zeit nach dem ersten Schock - , auf dem Schild der Braue-rei fehlt das Ledererkrokodil! Allmächt, jetzt wird’s brenzlig! Andererseits tröstet mich Bohni, denn der hat sich mittlerweile aufgestellt und knurrt ziemlich aggressiv. Mit aufgeregtem Ge-zucke und geweiteten Augen fixiert er das Krokodil, das aber nicht im geringsten beeindruckt ist. Bohni ist mithin eindeutig mein Zeuge, aber seine Aussagen verstehe leider nur ich. Des-halb beschließe ich, mich so normal wie möglich zu verhalten, bestelle Weißwürste und mache die ersten Scherze mit der Bedienung, obwohl sich das Krokodil mittlerweile schon in mein Hosenbein vorgewagt hat und dort so wild rumort, dass es an den Beinhaaren ziepft. Aber je länger das dauert, um so ehrlicher muss ich sagen: So schlecht ist das gar nicht, wieder einmal gründlicher berührt zu werden; wir wollen ja nicht gleich von Begehren oder so etwas reden, aber man fühlt sich wahrgenommen! Auch Bohni reagiert durchaus flexibel und fängt an, mit dem exotischen Wesen zu spielen. Das Krokodil wischt ihm immer mal eine mit seinem kräftigen Schwanz und Bohni versucht, den dann festzuhalten; aber nicht bösartig, eher mit sanftem Knabberbiss.

Also, wenn man so will, wir drei passen ganz gut zusammen. Und das ist ja heutzutage gar nicht so häufig, weil einen Deppen hast du schnell gefunden, der dich nur vollschmarren kann. Das Krokodil, das noch recht klein ist, halt so klein wie auf dem Ledererschild, hat sich schließlich bis auf meinen Schoß hochgearbeitet und kringelt sich dort ein. Ich könnte nicht sagen, dass es sich auf Anhieb nur angenehm anfühlt, es ist schon kalt und rau mit seinen gro-ben Schuppen. Aber dass es sich so vertrauensvoll dahin zu mir legt, Respekt! Und Bohni liegt gleich daneben. Ich bleib dabei, niemandem im Biergarten etwas zu sagen, die lachen ja nur und fragen mich frech, das wievielte Seidla ich alter Bierdimpfel  denn schon hätte. Nein, nicht mit mir! Ich setze einen dasig neutralen Blick auf und blinzle nur ab und an nach unten auf meinen Schoß: nein, es verschwindet nicht, im Gegenteil. Nach außen hin sieht’s sicher aus, als könnte ich kein Wässerchen trüben und ich muss ein bisschen schmunzeln, weil ich mir schon wie ein durchtriebener Geheimnisträger vorkomme. Aber in meinem Inneren tobt eine Schlacht. Eigentlich möchte ich das Krokodil behalten, einfach so, spontan, aber tausend Fra-gen und Zweifel jagen mich, dass es in mir nur so rauscht: Was ist, wenn es wächst? Ja warum sollte es nicht wachsen? Was frisst es eigentlich, jetzt als Junges und dann später? Menschen schon auch, ja jetzt hör mir auf! Hält es Winterschlaf und wo verstecke ich es in der Woh-nung? Die Elvira trifft ja der Schlag, wenn sie auf ein Krokodil in der Wohnung stößt, auch wenn ich ihr sagen würde, dass es ja bloß das vom Lederer ist. Wird das Krokodil brünstig und was kackt es wo aus? Werde ich schweigen können? Und was macht dieses Geheimnis mit mir, also mit der Persönlichkeit auf Dauer?

Erst am Abend, wenn der Biergarten aus allen Nähten platzt, weil die Leute nach der Arbeit vorbeischauen, verlasse ich die Sielstraße. Der Trubel gefällt mir nicht und Elvira könnte auch schon etwas ungeduldig werden. 
An besagtem Tag des Mysteriums hatte ich eine große Tasche dabei, weil ich ja noch einkau-fen sollte. Das Krokodil passt gut hinein und ich laufe mit Bohni gemütlich heim. Was zu kau-fen ist, fällt mir partout nicht mehr ein, aber dafür habe ich eine Idee, wo ich die Tasche mit dem neuen Freund so verwahren kann, dass ihn niemand entdeckt.

Mittlerweile ist’s Winter, ein sehr milder Winter, halt ein Klimakatastrophenwinter und ab Januar glimmt in mir schön langsam die hoffnungsvolle Vorfreude auf die nächste Biergarten-saison. Sie wollen wissen, was mein Ledererkrokodil macht? Uns geht’s gut, verraten wird aber Näheres nicht, schließlich wirkt ein Mysterium nur, wenn es ein Mysterium bleibt. Des-halb nur so viel: Uns geht es sogar sehr gut. Natürlich darf es gleich am ersten Öffnungstag mit in den Biergarten in der Sielstraße, das weiß es auch schon und, Sie werden es nicht glau-ben, ich kann es ihm ansehen, wie sehr es sich freut.
Übrigens auf dem Brauereischild dort ist das Krokodil nicht wieder erschienen seit es bei mir heimisch ist – ist aber keinem aufgefallen. Vielleicht weil es noch so viele andere Krokodil-bierschilder bei uns gibt. Setzen Sie sich in der nächsten Saison ruhig mal in die Nähe von ei-nem, es lohnt sich!

© WILFRIED CHRISTEL  '16

Dienstag, 23. Juni 2015

SUMMER TIME

Irgendwann musste Schluss sein mit den Balkonblumen. Allein die Rein- und Rausschlepperei der Geranien im Herbst und Frühling. Sie müsste sich endlich einen Helfer organisieren. Wozu noch der Aufwand, wenn sie doch schon allein die Sonne nicht mehr vertrug und deshalb immer seltener draußen saß. Und der Blick in den Hinterhof war ja nun wirklich nicht berauschend. Die Gespräche auf den vielen winzigen Balkonen rings um, über und unter dem ihrigen waren es auch selten. Also, was soll’s, fragte sich Elise Bechstein, es reicht, wenn ich mit 62 auf dem Balkon den gelben Sack und einen Kasten Bier stehen habe, das ist schon in Ordnung!
Einige Wochen später stand dann doch ein Begonienkasten bei der Bechstein auf dem Balkon. Die Nachbarin, Wella Trifels, 84 und noch ganz rege und interessiert, wunderte sich über die Tatsache, dass nun wieder Blumenschmuck prangte und wie oft Elise in dem Kasten herumkratzte und –zupfte. Ein Blick auf den Balkon links unten klärte sie jedoch auf.
„Ein so ein schöner Bengel, der da eingezogen ist, gell? Und ganz allaa! Willst dich hinter deine Begonien verstecken beim Nunderschaun? Geh, Elis, und des in deim Alter!“
Erst tat die Bechstein Elise so, als ginge es ihr tatsächlich um die Blumen, dann lachte sie aber die Nachbarin offen an und rief: „ Ja, vielleicht geht’s wirklich nur um den schönen Ausblick. Mei, warum ned?“
Je mehr es Sommer wurde, desto öfter saß sie jetzt wieder draußen, las Zeitung, vesperte und trank ihr Kellerbier, döste und sonnte sich sogar. Der junge Mann unten sah wirklich ausnehmend attraktiv aus; die Proportionen stimmten,  eine glatte Haut, die braun in der Sonne schimmerte, volle dunkle Haarpracht, aber nur auf dem Kopf, nicht am Körper, muskulös, aber keine harten oder kantigen Formen, auch nichts vom Bodystudio Aufgeblasenes, weiche, große Augen. Je mehr er sich an heißen Tagen entblätterte, um so mehr sah sich Elise bestätigt: Sie hatte vergessen, wie schön ein Mann sein konnte. Sie spürte, dass es zwischen ihm und ihr zu einer Art Sirren kam, wenn sie hinschaute, und dass so ein Sirren sie kribblig machen konnte, aber im angenehmen Sinne, so als würde ein geheimer Akku in ihr aufgeladen. Auf diese Weise erstarkt hatte sie Lust, sich zu bewegen und irgendetwas zu unternehmen. Manchmal dachte sie, wenn sie den immer noch Namenlosen auf dem Balkon des zweiten Stocks betrachtete, an ihren Edwin, der jetzt schon drei Jahre tot war. Den wollte sie nie lange anschauen, höchstens ‘mal, um seine Kleidung zu richten, Schuppen wegstreichen, Kragenknöpfe  schließen oder so etwas. Edwin war Finanzbeamter und eine graue Maus, eine mit O-Beinen und ohne Fellhaare am Kopf, am ganzen Körper schimmerte die blassrosa Haut durch die Härchen, am schlimmsten am Bauch, der wie ein kleiner Ballon heraussterzte, als sei die Maus trächtig. Nicht ungerecht werden! Edwin war ein treuer Partner, ein guter Mensch. Aber vom Körper her .......... na ja, halt der Edwin. Bei dem Jungmann war, wenn er in der Badehose da saß oder lag, sogar der Blick auf’s Untenrum, wie Elise das nannte, angenehm, obwohl sie bei Männern, also nicht nur bei ihrem Edwin, das Untenrumgebaumel eigentlich immer lächerlich fand.
Wahrscheinlich war der Neuzugezogene ein Student; er las viel und oft, tippte auf seinem Laptop herum und erschien nur zu regelmäßig festen Zeiten auf dem Balkon. Zuverlässig und fleißig wahrscheinlich, aber sehr schweigsam. Mehr als das Grüßen war nicht drin. Freunde oder gar eine Freundin tauchten nicht auf. Elise Bechstein überlegte sich Fragen, mit denen vielleicht ein Gespräch in Gang kommen könnte, aber „Immer allein?“ oder „Schon wieder an der Arbeit? Sind Sie eigentlich Student?“ kamen ihr so läppisch vor, dass auch sie stumm blieb. Ab und an nickte sie ihrem Gruß ein paarmal nach und es kam ihr vor, als schwappten Wellen des Wohlwollens von ihr zu ihm hinunter. Einmal, als der junge Mann sich mit Sonnenschutzmittel einrieb, wollte sie rufen: „Und wer versorgt den Rücken? – Warten Sie, ich komme runter!“ Wie gern und wie zart hätte sie ihm den Rücken massiert, Kaffee gekocht, Essen bereitet und die frische Wäsche zurechtgelegt.
Nur einmal hat der Schöne, Elise nannte ihn nämlich „mein Schöner“, etwas gesagt, nämlich 
„Schönes Wetter heute, da kann man draußen sitzen.“ Ach ja, und noch einmal hat er etwas gesagt. Er rief „Scheiße!“, als sein Liegestuhl in sich zusammenknackte. Elise rief das eine Mal „Ja, sicherlich!“ und bei der „Scheiße“ nur ganz leise „Oh!“.
Im Herbst zog der schöne junge Mann weg. Er hatte sich nicht verabschiedet. Vielleicht, dachte Elise, hat er hier nur in Ruhe an einer Prüfungsarbeit gesessen oder eine Sommervorlesung besucht.
Die Begonien waren eh‘ hinüber, schnell abgeräumt und entsorgt.
Dann war wieder alles wie sonst.
Elise Bechstein wartete höchstens noch auf eine bissige Bemerkung von der Trifels. Aber die kam nicht. Vielleicht lag die Alte im Krankenhaus.
Aber im September und Oktober, vielleicht sogar noch ein paar Tage im November passierte doch noch etwas.
Elise spürte im Bett hinter sich einen Körper, geschmeidige warme Haut, die nach Sommer und Öl roch, kräftige Arme umschlangen ihre Brust oder ihre Beine und sie schob ihren Körper zur Teelöffelchenhaltung zurecht, damit sie möglichst viel von dem Schönen mitbekam.


WILFRIED CHRISTEL

Mittwoch, 18. Juni 2014

Der Moment, in dem du alles weißt

Gertrud erlebte als Kind noch so viel vom Krieg, dass ihr klare Erinnerungen blieben: die Bombardierung ihrer Heimatstadt München, die Evakuierung der Familie ins ungefährdete Rottal, das tägliche Warten der nervösen Mutter auf Briefe vom Vater an der Front. Später wird sie sagen, dass sie das tief prägte, viel grundsätzlicher und härter als ihr Teenagerdasein in der Zeit der frühen Bundesrepublik. Der Besuch des Mädchengymnasiums verlief quirlig, abwechslungsreich, forderte nichts Entscheidendes oder Beschwerendes. Eine leichtfüßige, fast tänzelnde Zeit für junge Frauen, wie das halt so üblich ist für Achtzehnjährige, deren Herz genauso aufgeregt bei der Lateinschulaufgabe pocht wie beim Anklopfen des Tanzpartners, der sie zum Kurs abholt und an der Eingangstür brav einen Diener macht. Vielleicht war auch das erstaunliche Wirtschaftswunder des jungen, zur Demokratie entschlossenen Staates daran schuld, dass Gertrud ihr Leben ein wenig wie beschwipst wahrnahm, prickelnd jedenfalls. Alles war möglich: Papa kam heil aus dem Krieg zurück, machte schnell Karriere als Notar und Senator, Mama gab die Lehrtätigkeit auf und übersetzte englische Literatur ins Deutsche, die ältere Schwester Dietlinde studierte selbstbewusst Jura. Die Familie fühlte sich mit Recht binnen kurzem der Münchner Oberschicht zugehörig, ihr Haus, ihr Lebensstil fingen an zu glänzen. Der Papa, liberal in der Grundhaltung und von gediegener Bildung, hatte Großes vor mit seinen beiden gescheiten Töchtern.
Besagter Tanzstundenpartner wurde manchmal zu Festen der Familie geladen; warum nicht auch er? Gertrud witzelte gerne über ihn, der tapfer Chemie studierte und so reizend ungelenk wirkte, wenn er den Kavalier zu spielen versuchte und sich dabei immer wieder in plumpe Ungeschicklichkeiten verstrickte, die natürlich seiner niederbayerisch bäuerlichen Herkunft entstammten. Aber er tanzte gut, war bisweilen witzig, wenn auch nicht wirklich geistreich. Amüsant zu sehen, wie er sich abrackerte, aber letztlich nicht wichtig in dem attraktiven Leben, das Gertrud genoss.
Und dann ging alles schnell, noch schneller, als es die junge Abiturientin schon kannte. Dieser Rudolf, so hieß der aufstrebende Bauernsohn, warb Tag für Tag heftiger um Gertrud. Er war immer präsent, rief an, schickte Präsente, Blumen natürlich auch, erbat einen Ausgehtermin nach dem anderen. Als Gertrud mit Freundinnen sechs Tage Urlaub am Gardasee verbringen durfte, brauste er mit seiner Vespa in ihr Feriendomizil und stand grinsend vor ihrer Hotelzimmertüre – „So, da bin ich, dein Rudi lässt nicht locker, gell?“  Ja, das war es, er nannte sich einfach „ihr Rudi“, erklärte unaufgefordert, er werde immer für sie da sein und sie nie im Stich lassen. Gertrud wunderte sich, wie er auf solche Schwüre kam, ließ ihn aber gewähren. Es war zu schmeichelhaft, so heftig begehrt zu werden, keine ihrer Klassenkameradinnen hatte das schon erlebt und nun passierte ihr das in solcher Überschwänglichkeit. Sie kicherte, als sie ihrer Freundin erzählte, dass Rudi mittlerweile vom Heiraten und Kinderkriegen sprach. Die Freundin kicherte mit ihr mit. Was sollten sie sonst anderes machen? Sicher, Gertrud litt auch manchmal an der Penetranz ihres Rudolf. Sie bemerkte, wie ihre ältere Schwester beim Erwähnen seines Namens die Augen verdrehte und ihr Vater die Stirn runzelte, aber sie war nicht fähig zu durchschauen, dass Rudi vorging wie ein Bauer, der im Frühjahr binnen zwei Tagen seinen Acker bestellen muss, „weil das Wetter g’rad passt“. Er stand kurz vor dem Examen und wollte fast zeitgleich mit der Familiengründung starten, wenn nicht jetzt gleich, wann denn sonst? Und „gepasst“ hat die schlanke Gertrud gut, denn sie kam aus reichem und angesehenem Haus, war halt wer. Und Rudi wollte auch wer sein, der Bauernsohn, der demnächst in Chemie promovierte. Die Ereignisse überschlugen sich, die planerischen Aktivitäten des Bräutigams, wie er sich nun nannte, wurden immer genauer und konkreter. Gertrud verfiel in ein Staunen darüber und über sich selbst. Suchte sie nach Erklärungen, sagte sie erstaunlich oberflächlich, sie beide seien halt etwas „früh dran“, studieren könne sie ja dann auch noch nach dem ersten Kind – „die einen so, die anderen so“, warum nicht? Die Eltern warnten, aber natürlich dezent, übten keinen wirklichen Druck auf sie aus, was zu ihrer toleranten Aufgeklärtheit ja auch nicht gepasst hätte.
Schließlich war es so weit, noch keine 20 heiratete Gertrud ihren 10 Jahre älteren Rudolf, Doktor der Naturwissenschaften. Sieben Monate hatte sein Werben gedauert und sich Schritt für Schritt unentwegt gesteigert. Die Eltern, die Kirche, alle gaben ihren Segen. Als Gertrud vor dem Tisch des Standesbeamten saß, sie den Ring mit ihrem Bräutigam austauschte und plötzlich mit dessen Nachnamen die Beurkundung bestätigen sollte, durchzuckte sie es. „Nein, das ist er nie und nimmer. Mit dem will ich doch nicht zusammen mein Leben verbringen.“ So glasklar blitzte es in ihr auf. Sie berichtete später einmal, dass in ihr der Satz „Das ist falsch, was du hier tust!“ Wort für Wort zu hören gewesen sei. Es blieb aber beim Aufblitzen, dem glasklaren. Folgen hatte es keine. Woher hätte auch der Mut zu dem für eine radikale Änderung notwendigen Eklat kommen sollen?

25 Jahre musste sich Gertrud mit dieser Ehe herumplagen, drei Kinder, die ihr große und größte Sorgen bereiteten, zog sie dabei auf, bis sie sich entschloss, Rudi zu verlassen.

Als ich Gertrud einmal in einem Gespräch, in dem es um „Momente, in denen man alles durchschaut“, ging, lächelte sie, ich glaube, sie lächelte entspannt.  

Wilfried Christel

Die Goldene

Sie wusste, dass das ein ganz entscheidendes Ereignis werden würde. Der Bürgermeister würde selbst zum Gratulieren vorbeikommen, die Leute vom Gemeindeblatt würden ein Foto machen. Bei der Goldenen erschien das dann automatisch. Oh Gott, sie brauchte noch einen passenden Friseurtermin kurz davor. Die Tochter war angewiesen, das kleine Häuschen  so umzuräumen, dass man eine Festtafel einrichten konnte. Der Sohn schaffte Getränke herbei. Unmengen von Kuchen und kalten Platten waren bestellt. Ob’s auch wirklich reicht? Ihr schwirrte der Kopf, alles hing an ihr, dachte sie. Aber er musste ja doch die längste Zeit liegen, war eben so. Dann rief sie nochmals die Gäste an. Sie wollte es direkt von ihnen hören, dass sie auch ganz sicher kämen. Nein, macht euch doch keine Umstände mit Geschenken, was braucht denn unsereins noch, Hauptsache ist, wir sehen uns. Langes Nachdenken, lange Gespräche , was sie denn anziehen sollte. Welches Kleid machte noch ein bisschen was her? Meinst du nicht doch lieber das plissierte oder das braune, das seidene? Wer kehrt den Hof noch einmal gründlich?
Dann war der Tag der Goldenen ganz rasch da. Alles lief wie am Schnürchen. Die Anrufe absolvierte sie tapfer, bemühte sich nach jedem Klingeln um einen frischen Ton; gerade bei den Floskeln gelang das immer wieder erstaunlich gut. Kam das Gespräch auf ihren Mann, zitterte ihre Stimme, ein paar Atemzüge lang weinte sie dann in den Hörer. Aber sonst klappte alles. Sie empfing die Gäste, lenkte Blumen und Geschenke auf den Gabentisch, dankte für die artigen Glückwünsche und Komplimente. Ja, ja, alles Gute für die nächsten 50 Jahre, danke, du Schelm. Warum nicht ein Tänzchen wagen? Tapfer schaute sie in die Fotokamera : das Glück festhalten und so lächeln, dass man später noch gerührt sein würde von ihrer Art zu schauen. Danke, Herr Bürgermeister, dass Sie persönlich, oh, Herr Pfarrer, wie schön, dass Sie auch verbeischauen. Ihrem Mann hatte der Hausarzt eine Art Wunderspritze verpasst. Er konnte danach tatsächlich Hände schütteln und ein paar von seinen alten Sprüchen und Witzen aufsagen. Später wechselte sie an der Tafel öfter den Platz, ganz die zugewandte Gastgeberin, wollte sie mit allen, die gekommen waren, auch persönlich reden. Auf den Stühlen, auf denen sie gesessen hatte, hinterließ sie nasse, braune Flecken im Polster. „Mutti, übernimm dich doch nicht. Bleib sitzen, die Leute kommen doch zu dir her!“, sagte die Tochter verlegen.

„Aber, das macht mir doch nichts!“
Sie strahlte. Ihre Augen blitzten unter der Perücke hervor, die sie seit der Chemo tragen musste. Ihre Goldene!

„Stellen Sie sich vor, wir feiern tatsächlich noch unsere Goldene!“

Wilfried Christel 

Mittwoch, 12. Juni 2013

Kleine Fingerübungen zum Thema Ende

ENDE 1

Als de Prüfling Peter C. gebeten wurde, sein Jackett zu öffnen, und der Aufsichtsbeamte ein Smartphone mit Wörterbuchprogramm fand, war das das Ende des Staatsexamens für 
Herrn C.


ENDE 2

Wenn Frau Gerlinde O., die bevorzugt Fisch aß, mit Gräten im Hals kämpfte, in Atemnot kam, hustete, japste und ihr dabei Tränen aus den Augen liefen, dachte ihr Gatte Max jedes Mal, das sei ihr Ende.
War es aber nie.


ENDE 3

Les jeux sont faits! Rien ne va plus. Schluss, Ende, Aus für alle Glücksversuche. Mit bebendem Herzen wurde auf eine magische Zahl gesetzt. Alles hängt in der Schwebe, alles ist möglich. Es knistert, wenn die Zeit still steht.

Dann saust die Glückszahl wie ein Fallbeil in die Spielerrunde.

von Wilfried Christel

Foto Copyright @ Fürtherin

Ein Ende

Es gab kein Entrinnen. Jeder Gottesdienstbesuch musste im Jahr der Konfirmationszeit in einem Karteikärtchen  dokumentiert werden. Es war blassrosa und wies alle Sonntage des Kirchenjahres in fein säuberlicher Rubrik auf. Marlene hatte Schwierigkeiten, deren komplizierte Namen überhaupt zu entziffern.  Einer hieß tatsächlich Estomihi, ein anderer Laetare und die vielen Sonntage nach Trinitatis, die wollten ja überhaupt nicht aufhören. Nur den 1. bis 4. Advent kannte Marlene. Aber das war ja noch lange hin. Oh, mein Gott! Hinter jedem Sonntag war ein Kästchen platziert für die Unterschrift des verantwortlichen Pastors. Es gab kein Entrinnen. Bei Krankheit des Konfirmanden mussten die Eltern eine Entschuldigung beibringen. Marlene wusste, ihre Eltern würden einen Schummelversuch schon im Keim ersticken. „Und in den Ferien, wenn ich verreise?“
„Du findest überall eine protestantisch – lutherische Kirche. Von einer Konfirmandin erwarte ich Pflichtgefühl und Treue zu unserer Kirche!“, sagte Pastor Bosswitz in dem ihm eigenen markanten Tonfall, der keinen Einwand zuließ.
Auf der Vorderseite des Kontrollkärtchens war ein Lamm abgebildet. Es lag am Boden und hielt trotzdem noch eine Fahne mit Kreuz hoch.
„Und wenn ich es verliere? Wer glaubt mir dann ohne das Kärtchen?“, fragte sich Marlene.

Der Gottesdienst näherte sich der Predigt. Marlene saß zwischen ihren Eltern und der dicken Berta. Sie durfte die dicke Berta so nennen, weil ihre Eltern das auch ganz selbstverständlich taten. Dort zu sitzen war schlimm für Marlene, weil die Eltern links von ihr immer anmahnten, dass sie kräftig und überzeugend mitsingen sollte, nicht nur so zimperlich rumpiepsen. Und rechts roch die dicke Berta aus ihrem schweren braunen Mantel heraus nach Mottenkugeln. Außerdem sang sie sehr laut, so laut wie falsch. Pastor Bosswitz stand mittlerweile auf der Kanzel. Jetzt würde er loslegen und lange, lange reden. Marlene sackte leicht zusammen. Was tun? Zu Reinhard rüberschauen, was für ein süßer Lockenkopf, aber an seinem Hals drückte sich ein knallroter Pickel aus dem Hemdkragen. Reinhard bekam in der letzten Zeit immer mehr Pickel. Schade. Hinter ihm feixte Marlene der freche Ingo zu, kleine witzige Faxen machte er und beim letzten Konfiunterricht hatte er zweimal Teufel gesagt, wo doch Jesus die Antwort gewesen wäre. War der wirklich so frech oder vielleicht nur dumm, auch wenn er aus Berlin kam, wo alle Schnodderschnauzen hatten?
Herr Pfarrer Bosswitz erzählte in seiner Predigt etwas über den Kleinmut, der die Menschen plage, und wurde dabei immer lauter. Seine Augen riss er auf, sein Mund wurde breiter, ein tiefer Schlund, aus dem der Kleinmut hochgeschleudert wurde und das große Leid, das wir nur durch Gottvertrauen ertragen können und deshalb ist der Kleinmut etwas Böses, er erhöht unser Leiden nur, Kleinmut ist das Verzagen Gott gegenüber und das hat unser Herr nicht verdient, denn er weiß, warum wir leiden müssen. Er allein! Bosswitz rief das alles schnarrend in den Raum und klopfte dabei rhythmisch mit den Fingern auf die Holzkanten der Kanzel.
Soweit hatte Marlene die Sache schon verstanden, das Schlimme war nur, dass sie bei Kleinmut nicht an Sünde oder Verfehlung dachte, sondern sich ein Kleinmut als ein putziges kleines Tierchen mit Fell vorstellte. Das Kleinmut, so dachte Marlene unerschrocken weiter,  war eine natürliche Verwandte des Großmuts und am Ende der Kette stand das Mammut. Marlene versammelte die ganze Tierfamilie der Muts um sich und überstand die Predigt auf diese Weise recht gut. Aber das ganze Abendmahl musste noch ausgehalten werden. Ätzend langweilig war es, bis Bosswitz immer die ganze Geschichte heruntergeleiert hatte, in der Jesus seinen Leib und sein Blut als Essen und Trinken anbot. Das war weder Sprechen noch Singen. Es klang immer, als wollte Bosswitz was und könne aber nicht. Erst das schwungvolle Lied von den Töchtern Zions auf den Zinnen von Jerusalem würde nachher wieder etwas Luft schaffen nach diesem merkwürdig schmierigen Sprechsingen.
Aber das mit dem Blut! Marlene schauderte jedes Mal, wenn der Pastor die Leute aus dem Kelch trinken ließ. Das war ja dann eigentlich Blut. Wenn der Bosswitz selbst trank, hing seine große Nase über dem Kelch und aus der Nase wuchsen Haare raus. Der Blutvortrinker. Wenn früher Großmuts oder Mammuts gefangen und dann geschlachtet wurden, schoss das Blut dieser mächtigen Tiere wie in Fontänen aus ihnen heraus. Die schönen Stammesjünglinge badeten nackt in dem Blutsturz, weil das unverwundbar machte. Eij, diese Jungs waren wirklich schön, sie hatten keine Pickel. Das Blut lief in hübschen Rinnsalen an ihren braunen muskulösen Gliedern herunter, wow. Und die Frauen stellten sich mit Schüsseln unter die Fontänen und fingen das Blut auf. Später machten sie dann Blutsuppe daraus. Eine Wahnsinnsaction war das, wenn man die Mute erlegt hatte. Die Kleinmute aber wurden wie Haustiere behandelt, Schmusetierchen, weil sie so süß waren und ihr Fell so schön glänzte. Niemand dachte deshalb daran, Kleinmute zu schlachten. Wenn Groß- und Mammute leergelaufen waren und das Blut nur noch in Lachen auf dem Dorfplatz stand, kamen die Kleinmute angetrippelt und leckten ein wenig davon. Da lachten selbst hartgesottene Krieger.
Marlene musste auch lachen, aber sie hörte sofort damit auf, denn die dicke Berta neben ihr piekste sie mit einem strengen Blick.
Mittlerweile war auch schon der Segen zu hören. Bosswitz hob schon die Arme, die langen schwarzen Talarärmel schwankten in der Luft „Gehet hin in Frieden!“. Das hieß endlich: Wir können gehen. Das war der Abpfiff beim Fußballspiel nach 90 Minuten.
Jetzt gab’s dann paniertes Schnitzel mit Pommes, rote Früchtegrütze und nachmittags durfte sie ins Freibad. Das Wetter war toll und Dieter und Ingo waren sicher auch im Bad. 
Ach ja, Bosswitz muss noch das Kärtchen unterschreiben.  

von Wilfried Christel


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Wondraschs Schmerz

Wondrasch hüpft mit gestreckten Beinen die Treppe hinunter, als wolle er für eine Nummer als Stelzenmann trainieren. Freunden aber erzählt er bereitwillig, dass er so die Schmerzen beim Biegen des Kniegelenks verhindere; an eine Operation denke er noch nicht, schließlich sei er erst 70. Ruhephasen gönnt er sich wenig, höchstens für kurze Massagen schmerzender Stellen. Man dürfe, so Wondrasch, wenn sich der Schmerz melde - und sei er noch so stechend und alarmierend  - , ihm nur wenig bis keine Aufmerksamkeit schenken, sonst blase er sich nur zu einer Schimäre auf, zu einem Ungeist, den man aus der Flasche gelassen habe. Er, Wondrasch, halte immer gleich dagegen, in kleinen Dosierungen belaste er die in Frage kommende Körperstelle, dann steigere er deren Einsatz systematisch, peinigende Körpersignale ignorierend.
Kein Doktor?
Aber woher denn, kein Doktor!
Kein Googeln nach Krankheiten?
Oh nein, doch kein Googeln.
Schmerzen, so Wondrasch weiter, seien ungebetene Gäste, die es mit scharfem Blick zu verwarnen gelte.
Husch husch, euch will hier keiner.
Wondrasch also der alte Indianer, dessen Kiefermuskeln signalisieren, dass er keinen Schmerz kennt?
Aber so starr wirkt er nicht. Er spielt gerne, lacht und schäkert, hat kein aufgeblasenes autoritäres Gehabe, wie es die Stammeshäuptlinge der Indianer schon allein ihrer Würde wegen besitzen müssen. So wächst die Neugierde nach der Frage, wo Wondrasch diese sehr eigene Schmerztherapie denn herhat.
„Das ist so gewachsen“, sagt er zögerlich und sucht Worte, um mehr Zeit für eine Erklärung herauszuholen.  „Ich spielte als Junge allein und in der Bande fast nur draußen. Die gefährlichen Stellen waren die reizvollsten:  Bäche mit Steilufern, hohe Bäume, Steinbrüche als Wildwestlandschaft, Hohlwege mit Geröll und Schotter. Da war bei Verletzungen keine Zeit für’s  Jammern. Das Blut rasch mit Spucke wegwischen, ein wie magisches Wegstreichen des Schmerzes von geschundenen Knochen und Muskeln. Das Gesicht durfte man schon ein wenig verzerren, ein bisschen Humpeln oder Beinnachziehen waren auch erlaubt – aber nur im ersten spontanen Reflex! Stöhnte man öfter, so hieß es ‚Mach bloß kein Markus!‘ . Zuhause übte ich mich erst recht in entspannten, normalen Bewegungen. So gab es keine blöden Fragen. Abends im Bett hob ich neugierig mit dem Fingernagel den Grind an, der auf der Wunde juckte. Dann blitzte die zartrosa Haut der Heilung auf. Ohne Verband, ohne Jodtinktur und anderes Tamtam war sie einfach eingetreten. Ich ahnte es, das funktionierte nur, weil ich sie nicht erfleht, ihr nicht nachgewimmert hatte. Vielleicht war es so“, gickerte Wondrasch und seine Augen blitzten vor Lachen.

Warum soll ich es leugnen, dass ich Wondrasch beneide, dass ich mich auch etwas schäme, wenn ich beim nächsten Herzstechen den Infarkttod vor Augen sehe, während Wondrasch Angst und Schmerz schon mit seinem Blick vertreiben kann. Ich traue mich nicht zu fragen, was er mit dem Schmerz tat, als seine Frau plötzlich starb.

Aber ich stelle mir vor, wie er an ihrem Totenbett saß und lange in das Loch starrte, das sich als schwarzer Abgrund vor ihm auftat.

Und jetzt sehe ich es genau: Er starrte so lange und intensiv in die Kluft, bis sie sich mit kühlem, dunklen Wasser gefüllt hatte.


Dann stieg Wondrasch in dieses tiefe stille Wasser  und schwamm ,  und  schwamm……

von Wilfried Christel

Foto Copyright @ Fürtherin

Willkommen im reizenden Glockenbachtal


Einfach draufloslaufen, die Freiheit liegt so nah, fast vor den Toren der Stadt. Auf geht’s! „Wohlauf, die Luft geht frisch und rein!“ Was brauch ich eine Karte? Dieser Weg da lädt mich einfach ein, Schilder und Routenlenker gibt’s in der Stadt genug, hier Gottseidank nur Grün, Bäume, Stege, Pfade, verwunschene Senken, Schleichwege, die durch’s Unterholz mäandern. Wie doch die Natur immer wieder den Kopf durchschütteln kann! Dieser Buchenstamm ist eindeutig ein Elefantenbein, Vorhut einer monströsen Herde. Auf dem Bein des Urtiers, nein, bitte nicht – ein Schild: Pfeil nach links der Streuobstweg nach Partelstein. Im rechten Winkel Pfeil nach unten, nach unten? Okay, rechts unten nach Wirkelbach. Ich nehm‘ den dritten Weg, den ohne Richtungsschild. Ich will, dass heute alle Wünsche für mich offen bleiben. Lauf deinem Geheimnis nach! Sowas ist geil.
Gefühlte vier Kilometer weiter nagelt mich ein Totempfahl fest, der in zwanzig Winkelvarianten nach Glockenbach weist. So wie früher auf den Marktplätzen die Nostalgiewegweiser die Weite der verlorenen Heimat im Osten wachhielten: Danzig 732 km, Königsberg in Preußen 849 km, 975 km nach Memel, Kattowitz oder Oels.
Jesus, es gibt keine unausgeschilderten Wege mehr!
Ich bestreite ja nicht, dass es Schilder geben muss. Eines mit „Vorsicht Abgrund“ oder „Müllhalde – Besteigen auf eigene Gefahr“ erfüllt schon einen Zweck, aber meine Freiheitssehnsucht, „die Gedanken sind frei“, ein bisschen Vision – Quest im fränkischen Wald halt. Ich brauche sie, ich bestehe auf der Magie des unbeschilderten Weges. Auch wenn der Heimatverein Quendelbach in mühevoller Kleinarbeit den Tonscherbenweg im Königswald neu ausgeschildert hat. Ich mag auch keine Hinweistafel, auf der breit dargelegt wird, dass hier einmal eine Burg stand, die die Leuchtenberger 1368 an die Hennensteiner übergeben mussten und die dann 1440 dem Erdboden gleichgemacht wurde. Ganz zu schweigen vom Peter-Handke-Gedächtnisweg, dem Kohlberger Skulpturenweg oder dem Lyrikpfad, auf dem alle 300 Meter in Stein gemeißelte Reime die Sonnenkraft, den Wuchs der Pflanzen und das Alter alter Steine besingen. Und den Jakobsweg mit seiner Muschel mag ich schon gar nicht, überall ist Jakobsweg, Deutschland ist bis Spanien ein Jakobsweg. I don’t like, can’t smile.
Wo bin ich?
Schließlich lande ich auf einem Kräuterriecheventweg mit Sportparcours in Glockenbach, wo ich garantiert nicht hinwollte.
Der Freiheitsraub dauerte 19 km und ich bin unangemessen müde. Was ist los mit meinem Kreislauf? Und warum bin ich so depressiv?
In mir blinken Warntafeln auf: „Follow me!“ In roten Buchstaben auf blauem Schirm „Kein Alkohol, keine Kohlehydrate nach 17.00 Uhr mehr!“, gefolgt in flottem Pink auf Lila „Frustrationsseminar im Maria-Bernstein-Centre buchen!“

Willkommen im reizenden Glockenbachtal!

von Wilfried Christel

Foto Copyright @ Fürtherin