Freitag, 8. April 2016

MYSTERIUM



Sobald es irgend geht, zieh ich mit meinem Hund Bohni in den Biergarten. Der liegt in der Sielstraße, nur drei Ecken von meiner Wohnung. Es gibt von Mai bis September einfach nichts Besseres für mich. So nah an der Natur, neben und unter Bäumen, sein Bier in Ruhe zu trinken und ein Paar Würstle zu essen, das ist das Höchste. Warum? Es ist, na ja, es ist irgendwie ge-sund .... die Blätter, das Gras, die Luft im Freien, die Autos spürst hinter der Hecke nicht so arg, das Bier schmeckt, als ob’s aus einer Quelle kommt.

Im Sommer in der Biergartenhochsaison muss ich dann auch meine Elvira nicht so lange sehen, wenn ich mit Bohni außerhäusig bleibe. Seit ich in Rente bin und sie, die Elvira, praktisch 24 Stunden um mich habe, also di-rekt erleben muss, entspannt sich die Ehe durch meinen regelmäßigen Besuch im Biergarten doch ein wenig. Und die Frau will auch gar nicht mit von sich aus, also ich frag sie auch erst gar nicht lang. Aber deswegen erzähl ich Ihnen das hier nicht. Es geht um etwas ganz anderes, was ich im letzten Sommer, also in dem Afrikasommer in der Sielstraße erlebt habe.

Ein Mysterium war’s, jawohl, auch wenn’s mir keiner glauben will. Brüllend heiß war’s, einer von den Klimakatastrophentagen, die mir so angenehm sind, denn dann sitze ich schon um 10 Uhr im Schatten von dem Kastanienbaum, bestelle mein Seidla und frage den Bohni ein biss-chen aus über sein Leben. Es sind dann nur wenig Leute da, die man anschauen muss. Die Bedienung ist noch frisch und freundlich, die Hitze hält sich noch zurück. Was will der Mensch mehr? Also, ich will gerade in meinen Meditationsmodus umschalten, da beunruhigt mich ein Schaben und Schubsen an meinem linken Bein. Natürlich tippe ich auf Bohni, aber der liegt seelenruhig unter meiner Bank und döst. Ich beuge mich nach unten, schieb meinen Bauch aus dem Blickfeld und was sehe ich, ja Hunds verreck, ich sehe ein Krokodil, das sich an meine Schuhe drückt und mit seinen scharfen Zähnen an den Schuhbendeln rupft. Ich nehme einen gehörigen Schluck aus dem Bierkrug, um mich zu vergewissern, dass ich ja noch nüchtern bin, und schaue mich um. Meine Augen schweifen über das gesamte Gelände. Gottseidank, keiner merkt etwas. Als mein Blick über den Ausschank wandert, erstarre ich ein zweites Mal – und das in so kurzer Zeit nach dem ersten Schock - , auf dem Schild der Braue-rei fehlt das Ledererkrokodil! Allmächt, jetzt wird’s brenzlig! Andererseits tröstet mich Bohni, denn der hat sich mittlerweile aufgestellt und knurrt ziemlich aggressiv. Mit aufgeregtem Ge-zucke und geweiteten Augen fixiert er das Krokodil, das aber nicht im geringsten beeindruckt ist. Bohni ist mithin eindeutig mein Zeuge, aber seine Aussagen verstehe leider nur ich. Des-halb beschließe ich, mich so normal wie möglich zu verhalten, bestelle Weißwürste und mache die ersten Scherze mit der Bedienung, obwohl sich das Krokodil mittlerweile schon in mein Hosenbein vorgewagt hat und dort so wild rumort, dass es an den Beinhaaren ziepft. Aber je länger das dauert, um so ehrlicher muss ich sagen: So schlecht ist das gar nicht, wieder einmal gründlicher berührt zu werden; wir wollen ja nicht gleich von Begehren oder so etwas reden, aber man fühlt sich wahrgenommen! Auch Bohni reagiert durchaus flexibel und fängt an, mit dem exotischen Wesen zu spielen. Das Krokodil wischt ihm immer mal eine mit seinem kräftigen Schwanz und Bohni versucht, den dann festzuhalten; aber nicht bösartig, eher mit sanftem Knabberbiss.

Also, wenn man so will, wir drei passen ganz gut zusammen. Und das ist ja heutzutage gar nicht so häufig, weil einen Deppen hast du schnell gefunden, der dich nur vollschmarren kann. Das Krokodil, das noch recht klein ist, halt so klein wie auf dem Ledererschild, hat sich schließlich bis auf meinen Schoß hochgearbeitet und kringelt sich dort ein. Ich könnte nicht sagen, dass es sich auf Anhieb nur angenehm anfühlt, es ist schon kalt und rau mit seinen gro-ben Schuppen. Aber dass es sich so vertrauensvoll dahin zu mir legt, Respekt! Und Bohni liegt gleich daneben. Ich bleib dabei, niemandem im Biergarten etwas zu sagen, die lachen ja nur und fragen mich frech, das wievielte Seidla ich alter Bierdimpfel  denn schon hätte. Nein, nicht mit mir! Ich setze einen dasig neutralen Blick auf und blinzle nur ab und an nach unten auf meinen Schoß: nein, es verschwindet nicht, im Gegenteil. Nach außen hin sieht’s sicher aus, als könnte ich kein Wässerchen trüben und ich muss ein bisschen schmunzeln, weil ich mir schon wie ein durchtriebener Geheimnisträger vorkomme. Aber in meinem Inneren tobt eine Schlacht. Eigentlich möchte ich das Krokodil behalten, einfach so, spontan, aber tausend Fra-gen und Zweifel jagen mich, dass es in mir nur so rauscht: Was ist, wenn es wächst? Ja warum sollte es nicht wachsen? Was frisst es eigentlich, jetzt als Junges und dann später? Menschen schon auch, ja jetzt hör mir auf! Hält es Winterschlaf und wo verstecke ich es in der Woh-nung? Die Elvira trifft ja der Schlag, wenn sie auf ein Krokodil in der Wohnung stößt, auch wenn ich ihr sagen würde, dass es ja bloß das vom Lederer ist. Wird das Krokodil brünstig und was kackt es wo aus? Werde ich schweigen können? Und was macht dieses Geheimnis mit mir, also mit der Persönlichkeit auf Dauer?

Erst am Abend, wenn der Biergarten aus allen Nähten platzt, weil die Leute nach der Arbeit vorbeischauen, verlasse ich die Sielstraße. Der Trubel gefällt mir nicht und Elvira könnte auch schon etwas ungeduldig werden. 
An besagtem Tag des Mysteriums hatte ich eine große Tasche dabei, weil ich ja noch einkau-fen sollte. Das Krokodil passt gut hinein und ich laufe mit Bohni gemütlich heim. Was zu kau-fen ist, fällt mir partout nicht mehr ein, aber dafür habe ich eine Idee, wo ich die Tasche mit dem neuen Freund so verwahren kann, dass ihn niemand entdeckt.

Mittlerweile ist’s Winter, ein sehr milder Winter, halt ein Klimakatastrophenwinter und ab Januar glimmt in mir schön langsam die hoffnungsvolle Vorfreude auf die nächste Biergarten-saison. Sie wollen wissen, was mein Ledererkrokodil macht? Uns geht’s gut, verraten wird aber Näheres nicht, schließlich wirkt ein Mysterium nur, wenn es ein Mysterium bleibt. Des-halb nur so viel: Uns geht es sogar sehr gut. Natürlich darf es gleich am ersten Öffnungstag mit in den Biergarten in der Sielstraße, das weiß es auch schon und, Sie werden es nicht glau-ben, ich kann es ihm ansehen, wie sehr es sich freut.
Übrigens auf dem Brauereischild dort ist das Krokodil nicht wieder erschienen seit es bei mir heimisch ist – ist aber keinem aufgefallen. Vielleicht weil es noch so viele andere Krokodil-bierschilder bei uns gibt. Setzen Sie sich in der nächsten Saison ruhig mal in die Nähe von ei-nem, es lohnt sich!

© WILFRIED CHRISTEL  '16

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen