Die neue Wohnung ist hell und freundlich, weiße Wände, klare Linien. Ich werde mich wohlfühlen, hier, wo ich über und unter und neben mir Nachbarn habe. Menschen. Man hört sie, manchmal ist es ein Lachen, leises Stimmengewirr oder das Poltern der Kinder aus dem zweiten Stock, manchmal das Fernsehprogramm, manchmal, ganz dezent, irgendwo aus einem der umliegenden Häuser, Klaviermusik. Ich habe mich vorgestellt als neue Nachbarin und wurde freundlich begrüßt. Es ist ein gepflegtes Haus und es ist gut, dass ich mich zu dem Umzug entschlossen habe, so sehr ich das Häuschen, mein Refugium, einmal geliebt hatte. Nicht, dass es renovierungsbedürftig gewesen wäre, jedenfalls nicht allzu sehr, auch den winzigen Garten mit dem Apfelbäumchen am Zaun habe ich gerne bewirtschaftet und die Nachbarskatze kam manchmal auf einen Plausch, aber irgendwann war es zu viel. Nicht die Katze meine ich, die anderen. Die Katze kam immer morgens, nie abends, nie in der Dämmerung. Ich glaube, sie mochte sie auch nicht, deshalb mied sie mein Haus am Abend. Sogar den Garten mied sie.Als Klaus noch da war, hatte ich nie etwas bemerkt. Ganz sicher waren sie noch nicht da. Klaus und ich hatten das Häuschen vor sieben Jahren angemietet, obwohl, nein gerade weil es etwas abseits lag, am Rande der Peripherie, in einer Sackgasse, die ins offene Feld mündete. Still, dörflich war es hier, als hätte man die drei Häuser, die da standen, vergessen. Hier fiel man aus der Zeit. Unser Nest war es gewesen, ein Versteck vor der Welt für zwei, die sich genügen, und wir genügten einander oft, bis die Schlange kam und ihn mir nahm, weil sie seine Seele vergiftet. Als er auszog zu seinem blonden Gift, blieb ich zurück, innerlich in Scherben, gelähmt und planlos. Ich lebte und arbeitete weiter, funktionierte wie ein Automat. Hin und wieder fragte ein Nachbar über den Gartenzaun, ob alles in Ordnung sei, erzählte vom Wetter oder der Apfelernte. Manchmal wurde ich eingeladen, meistens lehnte ich ab. Ich lebte meine Trauer und lebte sie allein, im Sommer oft im Schaukelstuhl, verborgen hinter dem Glyzinienspalier, oder als es kühler wurde, inmitten der tröstlich mit mir schweigenden Bücher.
Es muss später Herbst gewesen sein, als der erste kam. Ich weiß nicht, ob ich Angst hatte; ich war wohl eher befremdet. Jedes Haus hat seine Geräusche und ich kannte das Knarren der Treppe, das gelegentliche Knacken des Bücherregals und das Ächzen des alten Schranks im Windfang, aber dieses leise Schaben und Kratzen, das kannte ich nicht und dachte erst an eine Maus, aber wir hatten niemals Mäuse gehabt. Das Schaben kam mal von hier, mal von dort, leise, unregelmäßig. Die Leselampe reichte nicht aus, um dem Geräusch nachgehen zu können; ich schaltete das Deckenlicht ein. Nichts. Gar nichts. Auch kein Schaben mehr. Ich ging zu Bett. Im Dunkeln hörte ich ein leises Kratzen. Irgendwann schlief ich ein. Nächte später sah ich ihn zum ersten Mal oder vielmehr seinen Schatten oder besser seine Bewegung, den Schatten seiner Bewegung. Eine Art dichtere Dunkelheit, nicht allzu groß, mal hier, mal dort. Er schien flink zu sein. Vielleicht hätte ich ihn nicht bemerkt, wäre nicht dieser schmale Streifen Mondlicht in den Raum gefallen. Ich schloss die Augen. Ich schloss sie fest. Später spürte ich seine Präsenz, ja je dunkler der Raum war, desto deutlicher. Einmal schrie ich ihn an; ich sah, wie der Schrei durch ihn hindurch ging. Er teilte sich für einen Moment, schloss sich dann wieder und kratzte ein wenig. Für ein paar Tage blieb er weg.
Später kamen andere. Ich wusste es auch, ohne sie zu sehen. Waren sie da, spürte ich ihre Dichte und öffnete ich die Augen, sah ich in der Dunkelheit meines Schlafzimmers ihre bewegliche Schwärze, ihren Tanz, dem immer ein leichtes Schaben und Kratzen vorausging, das ich nicht orten konnte. Bei Licht kamen sie nie, Licht scheuten sie, aber bei Licht konnte ich nicht schlafen. Es war Dezember und ich hatte längst Festbeleuchtung im ganzen Haus, fürchtete den Moment des Lichtlöschens und gewöhnte mir an, einen Cognac zu trinken, wenn ich nach Hause kam. Die brennende Wärme beruhigte. Ich verwahrte die Karaffe im alten Schrank im Windfang, später nahm ich das Glas mit ins Schlafzimmer, wo ich die letzte Lampe ausknipste, die Augen schloss und die Decke über den Kopf zog. Aber es kamen immer mehr und sie kamen öfter und sie kamen näher. Ich spürte ihre Anwesenheit neben dem Bett und unter dem Bett. Sie tanzten nicht mehr, ich glaube, sie lauerten. Aber nie berührten sie meine Decke und am Morgen waren sie weg. Immer.
Es war Anfang Februar, die Dunkelheit des Winters wich bereits der Ahnung von Vorfrühling, als ich von einer Betriebsfeier später als sonst nach Hause kam, das Licht im Windfang einschalten wollte und die Lampe dunkel blieb. Ich tastete mich zum Cognac, dann zum nächsten Lichtschalter. Nichts. Es blieb dunkel. Ich drückte die Klingel. Stille. Stromausfall! Ich verfluchte meine Entscheidung, die Taschenlampe im Nachtkästchen zu verwahren und tastete mich ins Schlafzimmer. Er kauerte auf dem Kopfkissen. Ein atmender Ball von tiefer Schwärze, rote Kohleaugen glühten mich an. Ein weißer Eckzahn blitzte. Ich schrie, schrie ihn an, aber als der Schrei durch ihn hindurch ging, verdoppelte er sich. Vier Kohleaugen starrten mich an, zwei Eckzähne blitzten. Weg, nur weg! Raus, zum Auto!
Ich erwachte in weißer Stille, weiße Wände, weißes Bett, der rechte Arm in Gips. Mein Kopf schmerzte zum Zerplatzen. Ich war auf den Stufen vor dem Haus gestürzt, Gehirnerschütterung, Armbruch, Unterkühlung. Der Arzt sprach ernste Worte, erwähnte meinen Blutalkoholspiegel und empfahl mir Suchtberatung und psychologische Betreuung. Drei Tage später wurde ich entlassen.
Die Unfallversicherung zahlte für vier Wochen eine Haushaltshilfe, eine Freundin kaufte für mich ein und organisierte energisch meinen Umzug, indem sie mir sämtliche Vermietungsinserate ausschnitt, deren sie habhaft werden konnte, auf mich einredete wie auf einen tauben Maulesel und schließlich in meinem Namen einen Makler beauftragte. Ich müsse, so ihre feste Überzeugung, hier raus, so schnell wie möglich das Haus verlassen - dieses Mausoleum einer gescheiterten Liebe, wie sie es spöttisch nannte - und mich am besten auch gleich neu einrichten. Die Schatten zeigten sich nicht mehr. Trotzdem: Birgit hatte Recht, es galt einen Schnitt zu machen, radikal und endgültig, und einen Neuanfang zu wagen. Ganz langsam schälte ich mich aus meiner Lethargie wie aus einem übergroßen, zu dicken Mantel. Als ich dann, zwei Monate später, tatsächlich auszog, ließ ich das meiste Mobiliar zurück. Es wurde vom Vermieter, da es sich überwiegend um alte Einzelstücke handelte, gegen ein geringes Entgelt übernommen; nur mein Bücherregal, den Lesesessel und die Frisierkommode mit den schönen Schnitz- und Drechselarbeiten und dem dreiteiligen, schildpattgefassten Spiegel, ein Kleinod aus dem Hausstand meiner Urgroßmutter, nahm ich mit.
Die alten Stücke sehen edel aus in meiner neuen, sachlichen Stadtwohnung und ergänzen die moderne Einrichtung bestens. Die Cognac-Karaffe mit den fein geschliffenen Gläsern steht auf dem Sideboard im Wohnzimmer. Sie ist halb gefüllt, ihre Facetten glitzern in farbigen Reflexen. Ich habe nichts mehr getrunken seitdem. Es geht mir gut, ich fühle mich wohl in meinem neuen Domizil. Die Geräusche der Stadt, das Rauschen der Umgehungsstraße, das zwar fern und monoton herüber weht, aber nie ganz schweigt, das Aufheulen eines einsamen Motorrades, das Rasseln des Tiefgaragentores, unerwartet zu später Stunde, sind noch ungewohnt und zwingen mich, bei geschlossenem Fenster zu schlafen, was ich als befremdlich empfinde, aber daran werde ich mich gewöhnen. Das Licht der Straßenlaterne von gegenüber schickt einen schmalen gelben Streifen in mein Schlafzimmer. Heute stört mich das. Es muss die Frühlingsluft sein, die so unruhig macht; der Mai und seine Verheißungen. Ich schließe die Augen und überlasse mich dem trägen, ziellosen Treiben meiner Gedanken. Ganz leise, kaum wahrnehmbar, mal von hier, mal von dort, nicht wirklich zu orten, höre ich ein feines Kratzen.
30.03.16
©Sonja Meier
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