Donnerstag, 4. Juli 2013

Elfchen von Lina Liebherz

Orange
der Regenschirm
leuchtet über mir
ich schöpfe neue Hoffnung -
Sommerzeit.


Grau
der Himmel
Regen fällt herab
ich seh Rasen atmen.
Hoffnungsgrün.


Einsam
die Frau
Trauer unterm Regenschirm
der Regenschirm leuchtet orange
himmelwärts

Montag, 1. Juli 2013

Drei kurze Enden


Ich glaube, sagte sie nach einem Blick auf die Uhr, ich muss mal lüften. Die Luft steht, findet ihr nicht? Die Gäste begannen sich zu verabschieden.

 

 

Das war’s sagte der Punkt, als er vom Ausrufezeichen geschluckt wurde.

 

 

Sie legte ihre Koffer ins Auto, nahm die letzten Scheine aus der kleinen roten Dose in der Küche, sammelte Handtasche, Brille und Smartphone ein, verließ das Haus und warf die Schlüssel in die Restmülltonne.

 

09.06.13

Sonja Meier


Ein Ende

Eigentlich hasste sie diese Musik, aber das durfte sie nicht sagen; es klang so ungebildet. Er würde wieder die Stirn runzeln wie damals. Sie erinnerte sich an seinen verwirrtenBlick, als sie bei der Mondscheinsonate, die aus diskret eingebauten Lautsprechern auf seiner Terrasse erklang, gesagt hatte: „Tanzen kann man darauf nicht. Hast du nur so was?“ Das machte natürlich der Altersunterschied, jedenfalls auch.

Er liebte diese Musik, sie verstand sie nicht. Die getragenen Töne langweilten sie. Aber gut, das eine oder andere Opfer musste man bringen. Schließlich hatte alles seinen Preis. Sie gähnte verstohlen und warf einen Seitenblick auf ihre Uhr. Immer noch mindestens eine Stunde. Na ja. Sie betrachtete die Mauern, efeubewachsen, darüber nur Himmel. Noch war es hell, aber die verblassenden Farben ließen die Dämmerung ahnen. Vögel sangen; sie hätte nicht sagen können welche. Ihre lauten Stimmen klangen schrill, als lägen sie in einem erbitterten Wettstreit mit den Musikern. Die Leute neben ihr schienen versunken in die schmelzenden Töne der Streicher. Bernhard hatte gesagt, es sei kein typisches Stück für den Komponisten. Warum wusste sie nicht mehr. Sie gähnte wieder unauffällig. Immerhin würden sie noch eine Kleinigkeit essen gehen, darauf hatte sie bestanden, und dann … Sie dehnte sich leise lächelnd. Ihre Garderobe war sorgfältig gewählt für diesen Abend; das schmale, lange Kleid schmeichelte ihrer Figur, das klare Rot betonte die gebräunte Haut, ihre dunkles Haar und ihre tiefbraunen Augen. Langsam schlug sie die Beine übereinander, der Seitenschlitz rutschte weit über ihr Knie. Sie würde alles in die Waagschale werfen müssen, denn die Beziehung entwickelte sich nicht so, wie sie es wünschte. Nun gut …

Sie fröstelte. Wind war aufgekommen. Sie blickte nach oben, sah dunkle Wolken, wo eben noch blassblaue Dämmerung gewesen war und zog die Schultern hoch. Auch das noch! Die Steinmauern hielten den Klang der Instrumente, darüber tobten die Elemente. Eine Windbö fuhr pfeifend ins Efeu, dumpfes Grollen mischte sich in die Musik. Unruhe breitete sich im Publikum aus. Ein grelles Licht zuckte über den Mauern, beinahe gleichzeitig übertönte der Donner das Orchester, und ein Sturzbach ergoss sich über Musiker und Publikum. Alle flohen.  Panikartig rannten die Menschen zum Ausgang, suchten einen Unterstand, Schutz vor der Sintflut, die das Wasser in Sekundenschnelle zentimeterhoch stehen ließ.

Sie war sofort nass bis auf die Haut, folgte Bernhard, der sie Richtung Tor zerrte, stolperte, ein Absatz brach. Sie wäre beinahe gestürzt. Ihr Haar klebte in nassen Strähnen im Gesicht, das Make-up zog schwarze Schlieren über Wange und Kinn. Jemand öffnete Seitentüren, und sie flüchteten in einen kahlen, hohen Raum. Kalt war es hier, aber wenigstens hatten sie Schutz vor dem tobenden Gewitter. Sie zitterte vor Kälte und Angst.

„Mein Gott“ sagte Bernhard, während er ihr mit ritterlicher Geste sein triefendnasses Jackett über die Schultern legte. „Die Instrumente! Wie schrecklich!“.

 

09.06.13

Sonja Meier


Dienstag, 18. Juni 2013

Herzklau

Ich fliege, ich schwebe. Welten rauschen an mir vorbei. Sonne, Mond und Sterne. Dabei fliegen nicht sie, sondern ich.
Kleine, goldene Punkte aus dem Nichts, aus dem All, aus der Unendlichkeit. Wachsen. Wachsen. Größer. Schneller – Husch vorbei. Hier, da, hin und weg. Bin ich. Meine Augen blinzeln.

Ich kenne das Bild vom Bildschirmschoner. Sterne entstehen und vergehen. In der Mitte, in der rechten, in der Linken Ecke des 24ig Zollers, der Unendlichkeit. Anfang und Ende. Wo fängt es an, wo hört es auf. Husch und schon vorbei, mit Lichtgeschwindigkeit.

Ich schaue hinaus, zurück. Egal aus welchem Bullauge ich aus meiner Kapsel hinaus glotze. Wie der Bulle auf der Wiese. Glotz. Glotz. Kau, Kau. Ich kann ihn nicht finden, meinen Heimatstern. Weg, zu weit weg bin ich.
Schwerelos bin ich hier drin. Leicht, so leicht. Mein Körper schwebt, doch mein Herz ist schwer, so schwer wie die gewichtigen Sterne um mich herum. Angestrahlt von der Sonne, reflektiert vom Mond.
Wie war das mit dem Brechungsindex, schießt es mir durch den Kopf? Hier bricht nix! Oh Gott mir wird schlecht. Will nicht brechen, nicht abbrechen.
Weiter, weiter durch die Milchstraßen ohne Kühe, ohne grün.
Nur schwarzweiß, hell dunkel.
Hin und weg.
Kein Tag, keine Nacht.
Orientierungslos.
Ich brauch was Festes. Festen Boden unter den Füßen. Festes Essen. Suche das Firmament ab. Da, ne grünblaue Kugel mit zwei Monden, 2 Sonnen, lächelt mich an.

Zoom mich hin, dock mich an. Erdanziehung greift, Kompression läuft, werde 3G schwerer, kleiner, fester, enger.
Willkommen im Körper! Gelandet, gestrandet.
Verdammter Traum, nicht auf dem Berg! Liege ihm zu Füßen. Rappel mich auf. Körper funktioniere! Wie mühsam.
Beschwer dich nicht. Du wolltest es so.
Rappel mich auf. Um mich Wald, regennasser Wald. Nass die Stufen. Beine go. Stufe um Stufe in Fels gehauen. Bedeckt mit Erde. Blätter ölig, faulig. Eng und dunkel ist es hier. Lunge pumpt. Herz pocht. Tock. Tock. Tock. Weiter in klammer Enge. Lichtpunkt oben, da oben. Felsen und Grün statt matschiger Blätter und Fäulnis.
Stehen bleiben in Sonne, in Licht. Stillstand. Nur Äußerlich und doch Stille. Ohr links brumm, rausch. Ohr rechts summ, kling. Eine Biene, tatsächlich eine Biene. Weit weg ein Motor im Leerlauf. Leerstand. Sinn hier, Sinn da, sinnlos.
Nichts außer dem Pochen meines Herzens. Es pocht, stolpert, hüpft hinaus, stolpert, fällt vom Felsen. Freier Fall. Weg.
Ich bleibe oben auf dem Berg. Es pocht in mir, ohne mein Herz, wie herzlos…
Es plumst in die Schubkarre mit dem roten Griff. Kollert hin und her, kommt zur Ruhe, pocht vor sich hin.

Da kommt ER wider Zeit noch Raum aus dem Nichts. Was macht er hier? Nimmt die Schubkarre und schiebt sie weg im Sauseschritt. Und ich steh hier oben in 3G ohne Herz. So schwer. Herzklau.
Wächst so etwas nach, kommt es wieder? Kommt ER wieder? Will nach Hause. Will ich das? Mein Heimatstern, den gibt’s nicht mehr. Was will ich hier?

Erdenschwere loslassen, losmachen. Beam mich weg. Beam mich hin, in meine Kapsel, im Nirgendwo. Tschüss Josefstern. Mittendrin zwischen den Welten.
Mir ist wieder leicht und gar nicht schwer. Lass außen alles an mir vorbei ziehen. Nur beobachten, nichts verändern, nichts anfassen.

Poch, poch. Der Raum um mich wird hell und bunt. Da ist es wieder bei mir, mein Herz. Ich verschenks an meine Seele. Höhenflug, ich bin so frei. Ausruhen darf ich mich jetzt...

© Frauke Gunkelberg, Foto Akire

Der Fichtenwald

Er zog die Tür hinter sich zu, und als er das Klicken des Schlosses hörte, erinnerte er sich, keinen Schlüssel eingesteckt zu haben. Es nieselte noch leicht. Luft! Etwas ziellos wandte er sich nach links. Rechts stand der Opel, stark verbeult, das Ende der Stoßstange stak in der schlammigen Pfütze davor. Auch so etwas!
Er vermied es hinzusehen und schritt fast automatisch aus, dem Weg folgend. Regentropfen fielen auf seine Brille. Putz sie endlich einmal, würde Hilde sagen. Kein Wunder, dass du nie was siehst. Er hatte, statt die Herdplatte zurück auf eins zu stellen, auf sechs geschaltet. Die Spiegeleier waren schwarz gewesen, und die Küche hatte so geraucht, dass auch die Stunde lüften den Gestank nicht ganz vertreiben konnte.
Er zog die Luft in tiefen Zügen ein, genoss die Stille, genoss den Geruch von nassem Holz und Pilzen, genoss sogar den Regen, der von den Zweigen troff und in seinen Kragen tropfte. Sekundenlang starrte er die feuchten Schlieren auf seiner Regenjacke an.
Sie hatte ihm Butterbrote hingestellt, wortlos, mit klappernden Tellern, hatte den Raum ebenso wortlos verlassen, ein wenig langsam und schwerfällig, wie es ihre Art war. Er hatte die grauen Strähnen ihres Haares angestarrt und die Laufmasche an ihrem linken Strumpf, die als kleine, blasse Rinne vom Rocksaum zur Ferse führte, hatte dann den Blick gesengt. Von oben wummerten Bässe. Jörg! Am Morgen war die Polizei da gewesen, zwei Beamte vom Rauschgiftdezernat, und hatten nicht nur die  Zimmer des Sohnes durchsucht, sondern auch die Nebenräume des Hauses, hatten seine geliebte kleine Werkstatt auf den Kopf gestellt, ohne zu sagen, was sie suchten. Danach wummerten die Bässe noch lauter.
Er folgte dem Weg aus dem lichten Buchenwald hinaus ins offene Tal. Letzte Regentropfen fielen aus den Wolken, die bleigrau, einem Gebirge gleich, über dem Grund hingen und die Wipfel des Fichtenschlags streiften, der als dunkelgrüne, leise rauschende Wand vor ihm aufragte. Die Wolkendecke brach auf und ein schmaler Lichtstreif fiel in das Dunkel, beleuchtete für einen Moment den nadelbedeckten, moosigen Boden unter den Bäumen. Eine Amsel sang über ihm. Er zögerte kurz, wandte sich ab und folgte dem Weg weiter über die Wiesen, vorbei an dem Jägerstand, leicht aufwärts. Das Licht hatte sich jetzt verändert, die Wolken trieben in wechselnden Formationen. Eine Fratze schien ihn zu verhöhnen, eine weiße Gestalt winkte ihm, bevor sie zum Hundekopf wurde.
Jörg hatte den Wagen, als der Unfall passierte, ohne seine Erlaubnis gefahren. Angeblich war er dem Nachbarshund, dieser widerlichen Töle, die ihre Haufen immer vor sein Gartentor setzte, ausgewichen. Die Versicherung verweigerte nun die Begleichung des Schadens, da der Sohn nicht hätte fahren dürfen. „Nur, weil du zu geizig warst, ihn in die Police zu nehmen“, hatte Hilde gesagt. „Du weißt doch, wie der Junge Autos liebt“. Von oben hatten Bässe gewummert, laut wie Motoren.
Er beobachtete das Licht- und Schattenspiel im Gras, hob den Blick nach Osten, wo Nebel aus dem Grund aufzusteigen begannen. Als zarte Schleier hoben sie sich vor dem dunklen Hintergrund der Bäume. Er lauschte dem Abendgesang der Vögel, sog ihn in sich auf. Ganz oben stand er jetzt und mit weitem Atem genoss er den freien Blick, bevor er abwärts zu gehen begann, dem Waldrand zu, wo ihn die Fichten mit ihrem Rauschen begrüßten, dicht an dicht, noch dunkel vom Regen mit glitzernden Wassertropfen auf den Nadeln, feierlich wie ein Spalier ihm zu Ehren. Er zögerte nicht mehr, sondern trat – ohne einen Blick zurück zu tun – mit einem leichten Lächeln durch die schmale Öffnung, welche die tiefen Äste ihm gewährten, und die sich hinter ihm , ganz leise knackend, wieder schloss.
Am 25. November 2012 schloss die Kriminalpolizei Bayreuth die Akte Anton B. unerledigt ab.

08.06.13

Sonja Meier

Donnerstag, 13. Juni 2013

Criminale kommt nach Nürnberg und Fürth


Hallo liebe Mitschreiber und Mitleser,

ich habe zufällig entdeckt, dass wir im nächsten Jahr ein großes Krimifestival bei uns begrüßen dürfen.

Mehr dazu findet Ihr hier:

http://www.nordbayern.de/nuernberger-nachrichten/kultur/morderische-geschichten-1.2912582?searched=true


Mittwoch, 12. Juni 2013

Kleine Fingerübungen zum Thema Ende

ENDE 1

Als de Prüfling Peter C. gebeten wurde, sein Jackett zu öffnen, und der Aufsichtsbeamte ein Smartphone mit Wörterbuchprogramm fand, war das das Ende des Staatsexamens für 
Herrn C.


ENDE 2

Wenn Frau Gerlinde O., die bevorzugt Fisch aß, mit Gräten im Hals kämpfte, in Atemnot kam, hustete, japste und ihr dabei Tränen aus den Augen liefen, dachte ihr Gatte Max jedes Mal, das sei ihr Ende.
War es aber nie.


ENDE 3

Les jeux sont faits! Rien ne va plus. Schluss, Ende, Aus für alle Glücksversuche. Mit bebendem Herzen wurde auf eine magische Zahl gesetzt. Alles hängt in der Schwebe, alles ist möglich. Es knistert, wenn die Zeit still steht.

Dann saust die Glückszahl wie ein Fallbeil in die Spielerrunde.

von Wilfried Christel

Foto Copyright @ Fürtherin