Donnerstag, 12. November 2015

Alles eine Frage der Einteilung



Man muss nur früh genug aufstehen; wirklich, es ist unglaublich, was man an einem Tag schaffen kann, wenn man beizeiten aufsteht. Und natürlich der Zeitplan! Ist viel zu tun, muss die Organisation stimmen. Ich habe Gäste heute Abend. Marlene und Willy kommen zum Essen. H. hat sich unter der fadenscheinigen Ausrede, arbeiten zu müssen, bereits gestern Abend ausgeklinkt, aber ich weiß, dass er Marlene nicht mag. Bei ihr spricht er von Redewasserfällen, Wortkaskaden und sprachlichen Untiefen, was nicht ganz gerecht ist. Allerdings muss ich zugeben, dass ihr Mitteilungsbedürfnis  dem seinen diametral entgegengesetzt ist.
Punkt 8.30 Uhr springe ich aus dem Bett und Oskar, der, H.s Abwesenheit ausnützend,  sofort fünfzig Prozent des Bettes für sich beansprucht hatte, streckt sich, geht von behaglichem Schnurren zu einer Art Glücksgrunzen über und rollt sich in der Mitte des Bettes wieder zusammen. Ein Bild der Gelassenheit.
Ich mache Katzenwäsche, nur Zähneputzen und mit dem Kamm einmal durchs Haar, duschen und Haare waschen kommt später. Es ist schön, Gäste frisch und gepflegt zu empfangen, mit diesem Hauch von Feuchtigkeit auf der Haut, der von Entspannung zeugt und Souveränität. Es gibt Gemüselasagne, die ich gestern Abend schon vorbereitet habe, vorher einen leichten Salat mit frischer Ananas und zum Dessert Mangocreme, also nichts, was nicht zu schaffen wäre. Allerdings muss ich vorher noch die Wohnung putzen. Die vergangene Woche war beruflich aufreibend, die Putzfrau hat vor zwei Monaten gekündigt und Oskar ist – wie eigentlich elf Monate im Jahr – im Fellwechsel. Zeit für Morgengymnastik ist heute nicht, aber Kaffee muss sein. Ich setze ihn auf, hole die Zeitung herein und fange an zu arbeiten. Zuerst Staub wischen. Ich lege Bruce Springsteen ein und tanze rhythmisch mit feuchtem Wischtuch durch die Wohnung – ersetzt glatt die Gymnastik! Ein paar Bücher liegen herum; ich stelle sie ins Regal. Erich Kästners lyrische Hausapotheke, köstlich! Zu Putzen und Fleiß finde ich nichts, wohl aber zur Faulheit, Seite 118, 119, vierte Strophe: …. Und Uhren ticken rings in allen Taschen/die Zeit entflieht und will, man soll sie haschen….O.K. Ich lege das Buch weg und trage die Gläser vom Vortag zur Spülmaschine. Dort steht der Kaffee, der ist inzwischen kalt; egal, so trinke ich ihn auch.
Beim Betreten des Badezimmers verfange ich mich in einer Wolke Klopapier, das Oskar nach Beendigung seines Verdauungsschlafs abgerollt und über den Boden verteilt hat. Stolz und diabolisch schwarz sitzt er in der Mitte, über sein ganzes rundes Katergesicht lachend, mit weißem Pfötchen die Wolke schlagend. Es war die letzte Rolle, verfl….Beim Nachbarn läuten und um Toilettenpapier bitten am Samstagmittag? Lieber Einkaufen gehen, schließlich habe ich noch alle Zeit dieser Erde. Schnell zum Supermarkt um die Ecke. Dort haben sie wunderbare kleine Freilandrosen in leuchtendem orangerot. Ich nehme zehn Stück mit – ein bezaubernder Farbklecks im Flur. Zu Hause vermisse ich das Klopapier, also noch mal zurück. An der Kasse händigt man es mir mit tadelndem Blick aus. Ich eile in meine Wohnung, klaube das aufgerollte Papier zusammen, schrubbe das Bad und wende mich der Küche zu. Gut, das ist schon anspruchsvoller. Ich entscheide rasch, erst den Tisch im Esszimmer zu decken und sehe auf die Uhr. Noch ganz viel Zeit. Schön sieht er aus, der gedeckte Tisch, aber vielleicht wären die grünen Servietten doch passender. Mist, sie reichen nicht mehr für alle. Also gut, dann eben doch die grauen und neben jeden Teller ein Nougatherzchen. Wirklich hübsch, doch ich nehme sie nochmal weg, denn Oskar weiß zwar, dass ein festlich gedeckter Tisch absolut tabu ist, aber ich weiß, dass er sich absolut lautlos bewegen kann. Ich schreibe einen Erinnerungszettel - Nougatherzchen!! - und lege ihn neben den Herd.
Es ist schon erstaunlich, wie die Zeit vergeht, wenn man konzentriert arbeitet. Die Küche ist ein Schlachtfeld, alles klebt vom Ananassaft und es ist schon fast vier. Außerdem habe ich Hunger und inzwischen tut mir das Kreuz weh. Wie gemein von H., mich so sitzen zu lassen! Vermutlich gönnt er sich heute eine XXL-Currywurst und verbringt den Abend mit hochgelegten Füßen vor dem Fernseher.
Ich mache mir ein Brot, setze mich kurz hin und greife zur Zeitung. Nur einen klitzekleinen Blick hineinwerfen, nur fünf Minuten Pause. Die Glosse auf Seite zwei! Prokrastination, aha, das Wort ist mir fremd. Im allgemeinen Lexikon finde ich es nicht, erst im Duden/Fremdwörter wird es definiert. Nun ist es nicht ganz ungefährlich, in einem eng getakteten Zeitplan zu einem Buch zu greifen, um sein Wissen zu erweitern. Eine halbe Stunde später habe ich etwas über Prokonsuln und Proklise erfahren, gelernt, dass Proktitis eine Mastdarmentzündung ist, wer Prokrustes war,  wie und warum Theseus ihn tötete und habe die Bedeutung von Prokrastination wieder vergessen.
Die nächsten eineinhalb Stunden sind eine Art Wirbel, in dessen Sog Küche und Bad - ich muss noch duschen – unterzugehen drohen, aber es gelingt. Als es läutet , wie kalkuliert  mit fünfzehn Minuten Verspätung – Willy ist nie pünktlich, er braucht ewig im Bad, sagt Marlene – öffne ich mit strahlendem Lächeln. Vielleicht stört der noch sehr feuchte Haaransatz im Nacken, aber das fehlende Make-up kompensiert die neue Brille gänzlich und überhaupt: was ist schon perfekt im Leben? Nur dass ich die Nougatherzchen in ihrem leuchtend roten Papier am nächsten Morgen im Bücherregal finde, ist vielleicht doch ein kleines bisschen schade.

24.10.15
Sonja Meier

Dienstag, 23. Juni 2015

DAS AUTO

Der alte Mann sitzt am Küchentisch. Gerade hat seine Tochter den Raum verlassen. Sie hat nichts gesagt, doch er weiß, dass sie sich ärgert. Das würde sie ihm nie direkt sagen, in der Türkei werden Vater und Mutter noch geehrt und respektiert.
Doch jetzt ist sie einfach hingegangen und hat sein Auto verkauft! Sie nannte es „Sardinenbüchse“ und „Sicherheitsrisiko“. Viele Jahre ist er mit diesem Auto gefahren und nie ist etwas passiert – bis auf die kleine Delle in der Seitentür von neulich, als er im Parkhaus zu knapp um die Ecke gefahren ist. Er ist immer ein vorsichtiger Fahrer gewesen, was soll man auch rasen, das macht einen nur krank.
Ach, die Ausflüge zum Strand, der Kofferraum voll mit Picknickdecken, Sonnenschirm und köstlichem Essen, die beiden Kinder turnten aufgeregt auf dem Rücksitz herum, seine Frau summte vor sich hin und streckte die Hand aus dem Fenster. Am Parkplatz vor dem Strand traf man sich oft mit anderen Verwandten, sein Bruder und sein Schwager brachten ebenfalls ihre Familie mit. Die Frauen bildeten sofort eine Karawane zum Strand hinunter, bedeckten viele Quadratmeter mit Matten, Handtüchern und Decken, stellten Schirme und Klappstühle auf und richteten in der Mitte ein wahres Festmahl her. Die Kinder planschten schon kreischend im Wasser, sie hatten die Badesachen schon zu Hause angezogen.
Währenddessen waren die Männer noch oben geblieben, hatten zugesehen und ab und zu auch Fachgespräche über Autos und Motoren geführt. Sein Schwager fuhr eine regelrechte Schrottkiste mit hängendem Auspuff, die oft erst nach mehreren Versuchen ansprang. Dagegen pflegte sein Bruder seinen alten Mercedes wie ein krankes Kind. Sein eigener Toyota hatte ihm nie Scherereien bereitet – er ließ ihn warten, wenn es nötig war, aber er wienerte auch nicht wie ein Besessener daran herum.
Wenn sie am Abend wieder zu Hause ankamen, war der Kofferraum voll Sand. Zwar zückte seine Frau nach dem Auspacken sofort einen Handfeger, doch alles bekam sie doch nicht weg. Wahrscheinlich steckten noch von jedem einzelnen ihrer Ausflüge Sandkörner in den Ritzen – die konnte ja jetzt der neue Besitzer durch die Gegend fahren.
Ach nein, seine Tochter hatte ja erwähnt, dass der Wagen an einen Schrotthändler ging, es würde also niemand mehr in der offenen Autotür stehen und noch einen letzten Blick übers Meer werfen.

von Pia Winkler

SUMMER TIME

Irgendwann musste Schluss sein mit den Balkonblumen. Allein die Rein- und Rausschlepperei der Geranien im Herbst und Frühling. Sie müsste sich endlich einen Helfer organisieren. Wozu noch der Aufwand, wenn sie doch schon allein die Sonne nicht mehr vertrug und deshalb immer seltener draußen saß. Und der Blick in den Hinterhof war ja nun wirklich nicht berauschend. Die Gespräche auf den vielen winzigen Balkonen rings um, über und unter dem ihrigen waren es auch selten. Also, was soll’s, fragte sich Elise Bechstein, es reicht, wenn ich mit 62 auf dem Balkon den gelben Sack und einen Kasten Bier stehen habe, das ist schon in Ordnung!
Einige Wochen später stand dann doch ein Begonienkasten bei der Bechstein auf dem Balkon. Die Nachbarin, Wella Trifels, 84 und noch ganz rege und interessiert, wunderte sich über die Tatsache, dass nun wieder Blumenschmuck prangte und wie oft Elise in dem Kasten herumkratzte und –zupfte. Ein Blick auf den Balkon links unten klärte sie jedoch auf.
„Ein so ein schöner Bengel, der da eingezogen ist, gell? Und ganz allaa! Willst dich hinter deine Begonien verstecken beim Nunderschaun? Geh, Elis, und des in deim Alter!“
Erst tat die Bechstein Elise so, als ginge es ihr tatsächlich um die Blumen, dann lachte sie aber die Nachbarin offen an und rief: „ Ja, vielleicht geht’s wirklich nur um den schönen Ausblick. Mei, warum ned?“
Je mehr es Sommer wurde, desto öfter saß sie jetzt wieder draußen, las Zeitung, vesperte und trank ihr Kellerbier, döste und sonnte sich sogar. Der junge Mann unten sah wirklich ausnehmend attraktiv aus; die Proportionen stimmten,  eine glatte Haut, die braun in der Sonne schimmerte, volle dunkle Haarpracht, aber nur auf dem Kopf, nicht am Körper, muskulös, aber keine harten oder kantigen Formen, auch nichts vom Bodystudio Aufgeblasenes, weiche, große Augen. Je mehr er sich an heißen Tagen entblätterte, um so mehr sah sich Elise bestätigt: Sie hatte vergessen, wie schön ein Mann sein konnte. Sie spürte, dass es zwischen ihm und ihr zu einer Art Sirren kam, wenn sie hinschaute, und dass so ein Sirren sie kribblig machen konnte, aber im angenehmen Sinne, so als würde ein geheimer Akku in ihr aufgeladen. Auf diese Weise erstarkt hatte sie Lust, sich zu bewegen und irgendetwas zu unternehmen. Manchmal dachte sie, wenn sie den immer noch Namenlosen auf dem Balkon des zweiten Stocks betrachtete, an ihren Edwin, der jetzt schon drei Jahre tot war. Den wollte sie nie lange anschauen, höchstens ‘mal, um seine Kleidung zu richten, Schuppen wegstreichen, Kragenknöpfe  schließen oder so etwas. Edwin war Finanzbeamter und eine graue Maus, eine mit O-Beinen und ohne Fellhaare am Kopf, am ganzen Körper schimmerte die blassrosa Haut durch die Härchen, am schlimmsten am Bauch, der wie ein kleiner Ballon heraussterzte, als sei die Maus trächtig. Nicht ungerecht werden! Edwin war ein treuer Partner, ein guter Mensch. Aber vom Körper her .......... na ja, halt der Edwin. Bei dem Jungmann war, wenn er in der Badehose da saß oder lag, sogar der Blick auf’s Untenrum, wie Elise das nannte, angenehm, obwohl sie bei Männern, also nicht nur bei ihrem Edwin, das Untenrumgebaumel eigentlich immer lächerlich fand.
Wahrscheinlich war der Neuzugezogene ein Student; er las viel und oft, tippte auf seinem Laptop herum und erschien nur zu regelmäßig festen Zeiten auf dem Balkon. Zuverlässig und fleißig wahrscheinlich, aber sehr schweigsam. Mehr als das Grüßen war nicht drin. Freunde oder gar eine Freundin tauchten nicht auf. Elise Bechstein überlegte sich Fragen, mit denen vielleicht ein Gespräch in Gang kommen könnte, aber „Immer allein?“ oder „Schon wieder an der Arbeit? Sind Sie eigentlich Student?“ kamen ihr so läppisch vor, dass auch sie stumm blieb. Ab und an nickte sie ihrem Gruß ein paarmal nach und es kam ihr vor, als schwappten Wellen des Wohlwollens von ihr zu ihm hinunter. Einmal, als der junge Mann sich mit Sonnenschutzmittel einrieb, wollte sie rufen: „Und wer versorgt den Rücken? – Warten Sie, ich komme runter!“ Wie gern und wie zart hätte sie ihm den Rücken massiert, Kaffee gekocht, Essen bereitet und die frische Wäsche zurechtgelegt.
Nur einmal hat der Schöne, Elise nannte ihn nämlich „mein Schöner“, etwas gesagt, nämlich 
„Schönes Wetter heute, da kann man draußen sitzen.“ Ach ja, und noch einmal hat er etwas gesagt. Er rief „Scheiße!“, als sein Liegestuhl in sich zusammenknackte. Elise rief das eine Mal „Ja, sicherlich!“ und bei der „Scheiße“ nur ganz leise „Oh!“.
Im Herbst zog der schöne junge Mann weg. Er hatte sich nicht verabschiedet. Vielleicht, dachte Elise, hat er hier nur in Ruhe an einer Prüfungsarbeit gesessen oder eine Sommervorlesung besucht.
Die Begonien waren eh‘ hinüber, schnell abgeräumt und entsorgt.
Dann war wieder alles wie sonst.
Elise Bechstein wartete höchstens noch auf eine bissige Bemerkung von der Trifels. Aber die kam nicht. Vielleicht lag die Alte im Krankenhaus.
Aber im September und Oktober, vielleicht sogar noch ein paar Tage im November passierte doch noch etwas.
Elise spürte im Bett hinter sich einen Körper, geschmeidige warme Haut, die nach Sommer und Öl roch, kräftige Arme umschlangen ihre Brust oder ihre Beine und sie schob ihren Körper zur Teelöffelchenhaltung zurecht, damit sie möglichst viel von dem Schönen mitbekam.


WILFRIED CHRISTEL

Samstag, 16. Mai 2015

Pias Limericks

Es war mal ein Kater aus Linz,
der führte sich auf wie ein Prinz.
Zwar fehlte sein Schwanz,
auch die Ohr’n war’n nicht ganz,
trotzdem sah er sehr cool aus in Jeans.


Es war mal ein vornehmer Bilch,
der trank stets nur Liebfrauenmilch.
Er rief:“Dieser Wein
ist unheimlich fein!
Wer anders denkt, ist nur ein Knilch.“


’Nem Dichter aus Bingen am Rhein,
dem fiel überhaupt nichts mehr ein.
Er rief: „Dieser Landstrich
ist viel zu romantisch!
Ich zieh’ jetzt nach Frankfurt an der Oder!“

Es war mal ein Löwe im Zoo,
der fragte sich täglich: „Wieso
werd’ ich ständig beglotzt?
Wie mich das ankotzt!
Ich zeig’ jetzt nur noch meinen Po!“


Eine Richterin wohnt in Erlangen –
sehr hübsch und mit rosigen Wangen.
Doch will von den Mackern
sie einer anbaggern,
dann sagt sie nur: „Ich bin befangen...“


Ein Nachtwächter aus der Stadt Trier
macht Rundgänge bis früh um vier.
Er sucht nach den Wichten,
 die Böses anrichten –
und auch nach Graffiti-Geschmier.


Es baute ein Tüftler aus Halle
die weltbeste Fruchtfliegenfalle.
Er lauert bis heute
auf üppige Beute
und murmelt: „Ich kriege euch alle!“

Ein Firmenchef wollt’ in Kaufbeuren[1]
die Chefsekretärin gern feuern.
Er fand sie nicht gut,
doch sie – voller Wut –
ging hin, um ihm eine zu scheuern.


Der Herr Johann Wolfgang von Goethe
geriet oft in recht arge Nöte.
Denn wenn Frau von Stein
ihn lud zu sich ein,
dann spielte sie grauenhaft Flöte.


Ein rüstiger Pfarrer aus Stade
fand Trauungen stets viel zu fade.
Doch seit einem Jahr
tanzt er vorm Altar
und wirft auf die Braut Schokolade.




[1] sprich „Kaufbeuern“ (für Nicht-Allgäuer...)


Freitag, 1. Mai 2015

Die Sache mit dem Teppich

Dass diese Sache noch irgendwie glimpflich ausgehen würde, habe ich selbst nicht mehr geglaubt. Im Gegenteil, sie entwickelte sich zu einer handfesten Ehekrise. Dabei war meine Idee grandios: ich wollte Jörg, meinen Mann, mit einem neuen Teppichboden im Esszimmer überraschen. Der alte sah inzwischen scheußlich aus und Jörg hatte das grüne Karomuster nie gemocht. Zwar bin ich handwerklich eher mäßig begabt, aber mein alter Schulfreund Ronny, Heimwerker von Gottes Gnaden, würde mir helfen. Jörg war auf Montage; wenn er heimkam, sollte er staunen. Stolz blickte ich auf die Teppichrolle, die vor zwei Stunden geliefert worden war: ein zartbeiger, weicher Traum – die perfekte Ergänzung zu den Esszimmermöbeln. Die hätte ich zwar auch gerne ersetzt – wer mag heute schon noch Eiche rustikal – aber Jörg ist ein sparsamer Mann. Alles kann man eben nicht haben.
Ronny und ich arbeiteten hart: Möbel abbauen, Boden auslegen, straffen, schneiden, kleben, einen Tag ruhen lassen, Möbel wieder aufbauen; schweißtreibend, aber schließlich war es geschafft. Zum Schluss trugen wir Tisch und Stühle hinein, lümmelten uns in die Sitzmöbel und legten die Füße hoch. Ich hatte Tequila besorgt, das Getränk unserer Jugend. Wir prosteten uns zu. Nach dem dritten Glas kramte ich nach meinen Zigaretten – bei Todesstrafe verboten in der Wohnung, aber Jörg war schließlich nicht da. Ronny sah mich scheel an. Ich genoss genau drei Züge, dann fiel Glut auf den Teppichboden. Das Loch, schwarz, daumennagelgroß, starrte mich an. Ich starrte zurück; es wuchs, je länger ich starrte. Ronny drückte meine Zigarette aus.
-    Oh, je, sagte er und starrte auch. Aber das haben wir gleich.  Die Worte klangen etwas  verwaschen.    -   Ich schneide es aus, dann hat es gerade Ränder.
Danach starrte mich ein sieben-Zentimeter-Kantenlänge-Loch an. Als ich zurückstarrte, verdoppelte es sich. Ich schaute weg. Ronny schnitt ein passendes Quadrat aus dem Teppichrest und verklebte das Loch. Dann schwankte er nach Hause.
Am nächsten Morgen gähnte mich wieder das Loch an;  Hoppel und Moppel, unsere Pflegekaninchen von Lehmanns gegenüber, saßen zufrieden daneben, zwischen ihnen die nun etwas fransige Füllung. Ich hatte wohl vergessen, die Badezimmertür zu schließen. Schwitzend versuchte ich es nochmal mit kleben, aber nun sah man die Ränder und in meiner Verzweiflung – Jörg würde heute Abend zurückkommen – stellte ich die Wasserschüssel der Kaninchen auf die Stelle. Gut – das konnte gehen. Vielleicht setzte sich das Quadrat je noch etwas und würde dann nicht mehr so auffallen.
Abends hatte ich den Esstisch festlich gedeckt mit Kerzen und frischen Blumen, aus der Küche duftete es nach Lasagne, der Wein funkelte in der geöffneten Flasche. Ich trug Jörgs Lieblingskleid. Er begrüßte mich liebevoll, betrat mit staunenden Augen das Esszimmer und trat in die Wasserschüssel. Er fluchte und ich rannte nach einem Handtuch, rubbelte und bedeckte schließlich damit das Quadrat. Leider löste es sich am nächsten Tag wieder – der Kleber war wohl noch nicht fest gewesen – und Jörg drohte, den Handwerker zu verklagen. Also musste ich beichten und der Haussegen fing an sich zu neigen. Ich stellte die Schüssel wieder auf, aber die Kaninchen glaubten wohl an eine Fußbadewanne und hinterließen  gut sichtbare Spuren in Esszimmer und Diele. Außerdem stolperten Jörg und ich abwechselnd darüber, weil fünfzehn Jahre dort nichts gestanden war und jetzt plötzlich etwas stand. Schließlich kamen Lehmanns von ihrem Auslandsaufenthalt zurück, holten Hoppel und Moppel  und die Wasserschale ab und ließen uns mit der sieben-Zentimeter-Schande allein. Wir dachten an eine dekorative Bodenvase, aber dann fing die Stelle an zu schimmeln und Jörg fluchte wieder. Er hatte gepetzt und die vernichtenden Blicke aller Nichtraucher trafen mich, sobald das Thema darauf kam.
Der Haussegen neigte sich weiter, als Ronny, der die Stelle – diesmal ohne Tequila – ausbessern sollte, feststellte, dass sich die Feuchtigkeit über mehrere Quadratmeter gezogen hatte und mit ihr der Schimmel. Ich wollte für die Stellen Teppichfliesen in Kontrastfarben vorschlagen, schwieg aber nach einem Blick auf Jörgs Miene. Zähneknirschend (er) und kleinlaut (ich) ersetzten wir nach einem Jahr den Esszimmerboden und Jörg entschied sich für einen pflegeleichten PVC-Belag in einem unbeschreiblichen blassen, gelbstichigigen Mittelbraun. Später stellte sich heraus, dass Jörg an einer leichten Form von Farbenblindheit leidet, aber damals wagte ich nicht zu widersprechen, und bei Tageslicht, so hoffte ich, würde der Boden vielleicht  auch besser aussehen. Neonlicht verdirbt schließlich alles. Das weiß jeder, der schon mal in einer Umkleidekabine in den Spiegel geschaut hat.
 Das Tageslicht betonte dann etwas den Gelbstich im Mittelbraun, und das zu Eiche rustikal! Ich weiß ja nicht, ob ich mir das nur einbilde, aber es kommt mir so vor, als würden unsere Gäste seitdem lieber im Wohnzimmer sitzen. Die Sache kippte, als Jörgs bester Kumpel nach einem verlorenen Club-Heimspiel – vermutlich weil da eh schon alles wurscht war – sagte, zum Kotzen gehe er ins Esszimmer, da fiele es nicht auf. Jörg war wochenlang beleidigt und sah beim Essen immer betont geradeaus, damit er nur ja nicht versehentlich auf den Boden schaute.
Immerhin, jetzt sind wir quitt und meine Chancen steigen, dass die Möbel ausgetauscht werden. Schwarzen Lack könnte ich mir gut vorstellen, vielleicht mit großen Quadraten in Kontrastfarben, das lenkt ab.

19.04.15
Sonja Meier

Am Anfang vom Ende war das Wort

Wieder einmal brach im Garten Eden ein perfekter Tag an. Eva erhob sich von dem weichen Graspolster unter dem duftenden Strauch, wo Adam und sie immer schliefen, und blinzelte in die Morgensonne. Adam hatte bereits für sie beide zum Frühstück einige Früchte gepflückt, die wie immer köstlich schmeckten. Danach stand Adam auf und sagte: „Liebling, ich muss los! Bin mit der Namensgebung noch nicht ganz durch. Zur Zeit sind alle Tiere mit sechs oder mehr Beinen dran. Hast du irgendeinen Vorschlag für diese bunten, staubigen Flatterdinger, die hier so herumschwirren? Ich schwanke noch zwischen Flugstäubling und Klappflügler...“
Aber Eva war es egal. Seit das zu benennende Viehzeug und die Pflänzchen immer kleiner und differenzierter wurden, überließ sie diese langwierige Aufgabe meist Adam, dem es Spaß machte, sich Wörter wie „Maulwurfsgrille“ oder „Grottenolm“ auszudenken.
Eva ließ ihren Mann ziehen und schlenderte gemächlich in eine andere Richtung. Sie sog den Duft ihrer Lieblingsblumen ein. Der Name „Rose“ stammte von ihr, und sie war sehr stolz darauf. Adam hatte „Duftstachel“ vorgeschlagen, aber Eva war ausnahmsweise hart geblieben.
Nachdem sie eine Weile nur so zum Spaß durch einen freundlich plätschernden Bach gewatet war, lenkte sie ihre Schritte in die Mitte des Gartens. Dort stand auf einer kleinen Anhöhe ein einzelner Baum mit sattgrünem Laub und gelb-rot schimmernden Früchten. Eva tauchte unter einem herabhängenden Ast durch und näherte sich dem Stamm. „Ich bin es“, rief sie, „bist du da?“ Zunächst geschah nichts, doch dann raschelte es in den oberen Zweigen. Etwas langes, Glänzendes glitt wie eine Ölspur um Äste und Stamm.
„Ich habe gerade ein Sonnenbad genommen“, zischelte die Schlange, „ist heute nicht ein herrlicher Tag?“
„Ja... wie immer“, antwortete Eva.
-„Du kommst in letzter Zeit ziemlich häufig, hast du denn nichts anderes zu tun?“
-„Doch... mir die Erde untertan machen... mich ... furchtbar vermehren, oder so. Ich weiß gar nicht, wie das geht.“
-„Kommt Zeit, kommt Rat. Aber warum besuchst du mich eigentlich immer allein? Will dein Mann dich nicht mal begleiten?“
-„Ach, Adam... der ist immer beschäftigt. Außerdem kommt er nicht gern hierher.“
-„ Wieso das denn?“
-„Na, du weißt schon. Weil ER gesagt hat, dass wir von diesem Baum nichts essen dürfen. Seitdem hält Adam lieber einen Sicherheitsabstand ein. Aber ER hat mir schließlich nicht verboten, mit dir zu sprechen.“
-„Nein, das hat er nicht“, kicherte die Schlange. „Aber du solltest dich langsam auf den Rückweg machen. Dein Mann wird dich vermissen.“
„Vielleicht“, meinte Eva zögernd.
-„Ganz bestimmt! Er liebt dich doch, oder?“
-„Ja, natürlich!“
-„Und liebst du ihn?“
„Natürlich!“ rief Eva und lachte ein wenig, „wen denn sonst?“
„Und warum?“ fragte die Schlange und musterte Eva aufmerksam.
Diese stotterte: „Wa... warum? Das habe ich mich noch nie gefragt! Brauche ich denn einen Grund?“
„Nein, nicht unbedingt“, meinte die Schlange gedehnt. „Aber vielleicht liebst du ihn ja besonders wegen seiner blauen Augen oder seiner goldbraunen Locken?“
-„Äh... wie sollten die denn sonst sein?“ Eva war verwirrt.
-„Na ja, schwarz und glatt vielleicht. Oder rot.“
„Äh...“ sagte Eva und blinzelte ein paar Mal. „Ich gehe jetzt.“
„Ja, ja, nur zu! War nett, mit dir zu plaudern!“ rief die Schlange munter und verschwand im Blattwerk.


Pia Winkler

Donnerstag, 30. April 2015

Geschenkt

Frau L. kam zu Besuch. Ich hatte gezögert sie überhaupt hinein zu bitten.  So ungefragt, unangemeldet und einfach nur so, wie sie freundlich gemeint hatte. Außerdem hätte sie ein Geschenk für mich. Ein Geschenk? Na so was, na gut.
In Ruhe kramte sie ein transparentes Stifte Mäppchen mit verschiedenen Stifttypen in jeweils vier Farben rot, grün, blau und schwarz heraus. Sowie drei Blöcke, mit Linien, ohne Linien und Karos. Zwei Knöpfe in orange und rot umhäkelt, an denen noch die Wollknäuel hingen. Ich staunte nicht schlecht, was sich alles neben ihr auf meinem Sofa stapelte.
Ein schwarzer Baumwollbeutel mit einem goldenen Engel bedruckt war ihr Gesuchtes. Aus dem zauberte sie vier Dinge heraus, die sie fein säuberlich auf meinen polierten Couchtisch drapierte. Wie Fremdkörper lagen sie dort. Systematisch verschwanden ihre anderen Sachen wieder in den Sack. Zuletzt nahm sie ihre Brille von der Nase und versenkte auch diese.

Mit ihr ging auch ihr unruhiges Hinterteil, das auf meinem Sofa hin und her gerutscht war und meinen ordentlich drapierten Überwurf zum Absturz gebracht hatte.
Still war es, als sie weg war. Genauso still wie vorher, bevor sie da war. Nun war es allerdings anders still. Vier Optionen hatte sie mir mitgebracht, überlassen, dagelassen. Mein Wohnzimmer war voller als vorher.
Frau L. spinnt, da war ich mir gewiss. Warum kommt sie ungefragt her und schenkt mir Nonsens Gegenstände? Jawohl! Nonsens. Ich rümpfte die Nase. Gebraucht sehen die aus. Und sie passen auch nicht zusammen, ergeben keinen Sinn.
Am liebsten würde ich sie nehmen und weg schmeißen. Einfach so. Mit einem Wisch vom Tisch. Aber das ging ja nicht. Eines dürfe ich mir aussuchen, hatte sie gesagt, das sei ein Geschenk an mich. Morgen käme sie wieder und würde sie anderen drei abholen.
Nun lagen sie da. Stumm. Ich nahm das erste, einen schwarzen Fächer, in die Hand. Alt sah er aus. Auf einer Schmalseite war eine goldene Blumengirlande gemalt. Mit dem Daumen schob ich die Lamellen auseinander. Schwupp. Bunte Blumen breiteten sich aus. Ich fächelte mir Luft zu. Verrückt. Frau L. ist verrückt. Ich ließ ihn wieder einschnappen und legte ihn auf den Tisch zurück. Ein Fächer. Was sollte ich mit einem Fächer?
Als nächstes betrachtete ich den Gutschein für eine Beauty Behandlung. Aha. Was sollte ich mit einer Beauty Behandlung? Herausgeworfenes Geld. Ich legte ihn ein Stück zur Seite, weg von den anderen. Vielleicht konnte man ihn eintauschen und sich das Geld auszahlen lassen.
Dann war da noch ein Parkschein vom Nürnberger Flughafen. Abgestempelt, abgelaufen. Ich schnaubte kurz auf. Pah! Was sollte das denn? Verächtlich warf ich ihn auf den Couchtisch. Er rutschte, glitt, schlitterte über die glatte Oberfläche und kam kurz vor der Kante zum Stillstand. Wie ich.
Das Letzte zog mich an. Ein Stein. Ein Halbedelstein. Gebänderter Halbedelstein. Außen schwarz und innen mit weißem Ring. Hell, fast durchsichtig. Ist der echt?  Ja, er ist so gewachsen, verwachsen. Kühl lag er in meiner Hand. Glatt, gerundete Kanten. Keine Ecken, ein Handschmeichler. Kein schöner Stein, aber ein außergewöhnlicher, ein Unikat. Vorsichtig legte ich ihn auf den Gutschein. Dann daneben. Nach einer Weile fing ich an die vier Dinge aufzureihen. Fächer, Gutschein, Parkschein, Stein. Meine Hände blieben nicht still. Ich verschob, veränderte die Reihenfolge, durchmischte und noch einmal. Noch ein letztes Mal. Dann kamen meine Hände zur Ruhe, legten sich in meinen Schoß. Frau L. hat Recht, ich brauche nur eines der vier.

Als diese am nächsten Tag kam, sah sie mich erwartungsvoll an. „Und, für welches Geschenk haben Sie sich entschieden?“
„Ich hätte gerne den Stein. Ich möchte ihn wieder ins Rollen bringen.“
„Sehr schön“, lächelte mich Frau L. an. „Dann lege ich den Fächer noch obendrauf, damit Sie bei Stillstand sich frischen Wind zufächeln können.“
„Und was machen wir mit dem Parkschein?“
„Den abgelaufenen? Wie verpasste Chancen? Brauchen wir so was?“
„Eigentlich nicht.“
„Na dann weg damit!“
Einen Moment zögerte ich, dann zerfetzte ich ihn in kleine Stücke, warf die Schnipsel hoch, sah sie langsam hinabsinken und aus meinem Blickwinkel schwinden. Ein befreiendes Gefühl.
„Aber zu dem Beautytag, Frau L., zu dem gehen wir gemeinsam.“ Ich schaute sie erwartungsvoll an.
„Sehr gerne.“ Das taten wir dann auch. Es war der erste Tag seit Monaten, an dem ich meine Wohnung wieder verließ, wenn auch ein wenig wackelig. Es war an meinem 83igsten Geburtstag und ich war nicht alleine.


© Frau Gunkelberg 04/15