Als meine Schwester Isabell Anfang der 70iger
ihre Führerscheinprüfung bestanden hatte, brachen neue Zeiten an. Für
sie, für mich und für unsere Mutter. Letztere hätte es erahnen können,
spätestens, als auf ihren sonnengelben Käfer ein Fußball großes Keep
Smiling gepappt wurde. Unwiderruflich wie der Kuckuck vom
Gerichtsvollzieher.
Zunächst wurde das Ereignis gefeiert und unter Kontrolle von Muttern die ersten Runden um den Block gezogen.
Erster Gang, langsam anrollen ohne ihn abzuwürgen.
„Beide Hände an den Lenker!“
„Nicht so früh schalten!“
„Vorsicht, da ist ein Fußgänger!“
„Die Kupplung langsamer kommen lassen! Jetzt ist er abgesoffen.“
Nicht nur der Käfer streikte. Auch Isabell. Durch den Rückspiegel schaute sie mich mit wie Warnbojen blinkenden Pickeln an.
Uns wurde klar, in die weite Welt hinaus fahren, sie neu entdecken,
erobern, das ging nur ohne Mutter. Außerdem war Isabell der Meinung,
dass zu ihrer neuen Freiheit auch ein neues Gesicht gehöre: diese Pickel
müssen weg. Wir dachten damals in Zeitschriften wie Petra, an
Schönheitsprogramme à la „große und kleine Brigitte“ und natürlich an
die Bravo. Isabell durfte sie nun offiziell lesen, ich nur undercover
und sammelte heimlich die Einzelteile von Little Jo. Der schaffte es als
Ganzes zusammengeklebt und in Lebensgröße an meine Zimmertüre. Er war
übrigens das letzte Bild eines Mannes, das ich mir zusammensetzte.
Später war es eher umgekehrt.
Wir durchforsteten die Gelben Seiten nach Kosmetikerinnen. Nicht hier im
Städtchen, sondern weiter draußen, viel weiter draußen sollte das
Studio sein. In Langerwehe wurden wir fündig. Mit dem Auto circa 25
Minuten über Land. Frau Plunder bot sogar eine Gruppenveranstaltung an,
bei der auch ich mitkommen konnte. Zwei zum Preis von einer. Wenn das
nicht ein Argument war. Bei mir machte sich die Pubertät leider auch
sichtbar. Im Gesicht schossen aktive Minivulkane hervor, die regelmäßig
ausbrachen.
Das zweite nicht widerlegbare Argument war, dass die Gesichtsmasken und
Cremes bei Frau Plunder von jedem Teilnehmer selbst angerührt werden
konnten. Für Isabel eine wunderbare erste Übung in Salben anrühren, da
sie ab Herbst mit ihrem Pharmaziestudium beginnen würde. Unsere Mutter
gab sich geschlagen. Wir fuhren, sie blieb.
Dann war es soweit. Los ging’s mit der neuesten Kassette von „Bläck
Fööss“ in ohrenbetäubender Lautstärke. Mit einem Käfer fährt man nicht,
ein Käfer fliegt. Langerwehe wir kommen, mit offenen Fenstern und
flatterten Haaren.
Kein Mal würgte Isabell den Motor ab und immer schnurrte der richtige
Gang. Nur ein Radfahrer schimpfte hinter uns her, nachdem wir an ihm
vorbeigefahren waren. Isabell warf einen prüfenden Blick in den
Rückspiegel und meinte schlichtend in mein erschrockenes Gesicht:
„Ach was, Lisa, der schimpft nicht, der winkt uns bloß.“
Wir waren acht Frauen in bester Stimmung und Alter. Allerdings hatten
die Anderen keine Pickel mehr, dafür gehörten sie in die Kategorie:
Spatel Alter. Das war aber nebensächlich. Hatte man die Pampe einmal
drauf, sahen wir eh alle gleich aus. Wen interessierte es, was man
darunter verbarg?
Isabell und ich hatten die Auswahl zwischen vier Masken. Meine Schwester
konnte sich, wie so oft, nicht entscheiden und schlug mit schrägem
Grinsen vor, wir rühren alle an und nehmen den Rest mit. Sie hätte da
schon etwas vorbetreitet und schielte zu ihrer Tasche. Nicht nur das
Anrühren im Akkord war ganz schöner Stress. Ich musste Frau Plunder
immer wieder in ein Gespräch verwickeln, damit Isabel heimlich die
mitgebrachten Arzneidöschen befüllen und verschwinden lassen konnte.
Als der Kurs zu Ende war und die anderen mit frischen, neuen Gesichtern
erstrahlten, hatten wir beide noch unsere grüne Pampe im Gesicht. Noch
war sie kühl und feucht, was sich schnell ändern sollte.
Frau Plunder, wenn auch etwas zögerlich, ließ uns so nach Hause fahren.
Mit dem Auto seien es ja auch nur 20 Minuten und draußen bereits duster.
Isabell konnte schon immer überzeugend und charmant sein, wenn sie
wollte.
Gut gelaunt machten wir uns, im 4-Zylinder 4-Takt vom Acker. Die
Landstraße war bereits um 21:00 Uhr leergefegt, fast ganz. Da stand ein
Auto am Straßenrand. Mist, ein Polizeiauto. Verkehrskontrolle. Isabel
bremste, dass wir in der Gurt flogen.
Schnell schaltete ich das Radio aus. Tatsächlich, zwei Polizisten kamen
O-beinig auf uns zu. Leider keiner von der Ponderosa. Isabel kurbelte
die Fensterscheibe runter.
„Ihre Papiere bitte.“
„Kanscht die ma aus der Kap hole“, nuschelte mir Isabell zu.
„Hä?“ Ach du meine Güte, diese dämliche Maske waren wie ich erstarrt.
Noch nicht mal mehr die Lippen ließen sich richtig bewegen.
„Hö hi Huhu“, versuchte sie es noch mal und zeigte hektisch auf das Handschuhfach.
„Haben Sie etwas getrunken?“, fragte der Polizist und beugte sich zu ihr herunter.
Isabel schüttelte den Kopf und reichte ihm Fahrzeugschein und
Führerschein durchs Fenster. Mit der Taschenlampe beleuchtete er zuerst
die Papiere und dann uns.
„Aussteigen!“, schrie er. Danach ging alles sehr schnell. Die Türen
wurden aufgerissen, wir beide herausgezogen und mit den Händen ans Dach
gestellt. Beine breit.
„Spin Sie do?“, schimpfte Isabell, so gut wie möglich.
Dann mussten wir unsere Hände hinterm Kopf verschränken und uns langsam
umdrehen. Verzweifelt versuchte meine Schwester dem Polizisten zu
erklären, dass wir von einer Kosmetikerin kamen und nur eine harmlose
Gesichtsmaske im Gesicht hatte. Der Jüngere der beiden kam näher heran
und leuchtete uns voll ins Gesicht. Dann fing er an zu grinsen.
Mithilfe der geklauten, angerührten Masken konnten wir unsere Unschuld
endgültig beweisen. Nun grinste auch der ältere Polizist. Die zwei
hatten ihren Spaß.
Immerhin durften wir einsteigen und losfahren. Kurz bevor wir zu Hause
ankamen fiel Isabell ein, dass die Bullen vergessen hatten uns ein
Knöllchen aufzuschreiben. Wir lachten bis die Masken rissen.
© Frau Gunkelberg 11/15
Freitag, 13. November 2015
Donnerstag, 12. November 2015
Alles eine Frage der Einteilung
Man muss nur früh genug aufstehen; wirklich, es ist
unglaublich, was man an einem Tag schaffen kann, wenn man beizeiten aufsteht.
Und natürlich der Zeitplan! Ist viel zu tun, muss die Organisation stimmen. Ich
habe Gäste heute Abend. Marlene und Willy kommen zum Essen. H. hat sich unter
der fadenscheinigen Ausrede, arbeiten zu müssen, bereits gestern Abend
ausgeklinkt, aber ich weiß, dass er Marlene nicht mag. Bei ihr spricht er von
Redewasserfällen, Wortkaskaden und sprachlichen Untiefen, was nicht ganz gerecht
ist. Allerdings muss ich zugeben, dass ihr Mitteilungsbedürfnis dem seinen diametral entgegengesetzt ist.
Punkt 8.30 Uhr springe ich aus dem Bett und Oskar, der, H.s
Abwesenheit ausnützend, sofort fünfzig
Prozent des Bettes für sich beansprucht hatte, streckt sich, geht von behaglichem
Schnurren zu einer Art Glücksgrunzen über und rollt sich in der Mitte des
Bettes wieder zusammen. Ein Bild der Gelassenheit.
Ich mache Katzenwäsche, nur Zähneputzen und mit dem Kamm
einmal durchs Haar, duschen und Haare waschen kommt später. Es ist schön, Gäste
frisch und gepflegt zu empfangen, mit diesem Hauch von Feuchtigkeit auf der
Haut, der von Entspannung zeugt und Souveränität. Es gibt Gemüselasagne, die
ich gestern Abend schon vorbereitet habe, vorher einen leichten Salat mit
frischer Ananas und zum Dessert Mangocreme, also nichts, was nicht zu schaffen
wäre. Allerdings muss ich vorher noch die Wohnung putzen. Die vergangene Woche
war beruflich aufreibend, die Putzfrau hat vor zwei Monaten gekündigt und Oskar
ist – wie eigentlich elf Monate im Jahr – im Fellwechsel. Zeit für
Morgengymnastik ist heute nicht, aber Kaffee muss sein. Ich setze ihn auf, hole
die Zeitung herein und fange an zu arbeiten. Zuerst Staub wischen. Ich lege
Bruce Springsteen ein und tanze rhythmisch mit feuchtem Wischtuch durch die
Wohnung – ersetzt glatt die Gymnastik! Ein paar Bücher liegen herum; ich stelle
sie ins Regal. Erich Kästners lyrische Hausapotheke, köstlich! Zu Putzen und
Fleiß finde ich nichts, wohl aber zur Faulheit, Seite 118, 119, vierte Strophe:
…. Und Uhren ticken rings in allen Taschen/die Zeit entflieht und will, man
soll sie haschen….O.K. Ich lege das Buch weg und trage die Gläser vom Vortag
zur Spülmaschine. Dort steht der Kaffee, der ist inzwischen kalt; egal, so
trinke ich ihn auch.
Beim Betreten des Badezimmers verfange ich mich in einer
Wolke Klopapier, das Oskar nach Beendigung seines Verdauungsschlafs abgerollt
und über den Boden verteilt hat. Stolz und diabolisch schwarz sitzt er in der
Mitte, über sein ganzes rundes Katergesicht lachend, mit weißem Pfötchen die
Wolke schlagend. Es war die letzte Rolle, verfl….Beim Nachbarn läuten und um
Toilettenpapier bitten am Samstagmittag? Lieber Einkaufen gehen, schließlich
habe ich noch alle Zeit dieser Erde. Schnell zum Supermarkt um die Ecke. Dort
haben sie wunderbare kleine Freilandrosen in leuchtendem orangerot. Ich nehme
zehn Stück mit – ein bezaubernder Farbklecks im Flur. Zu Hause vermisse ich das
Klopapier, also noch mal zurück. An der Kasse händigt man es mir mit tadelndem
Blick aus. Ich eile in meine Wohnung, klaube das aufgerollte Papier zusammen,
schrubbe das Bad und wende mich der Küche zu. Gut, das ist schon
anspruchsvoller. Ich entscheide rasch, erst den Tisch im Esszimmer zu decken
und sehe auf die Uhr. Noch ganz viel Zeit. Schön sieht er aus, der gedeckte
Tisch, aber vielleicht wären die grünen Servietten doch passender. Mist, sie
reichen nicht mehr für alle. Also gut, dann eben doch die grauen und neben
jeden Teller ein Nougatherzchen. Wirklich hübsch, doch ich nehme sie nochmal
weg, denn Oskar weiß zwar, dass ein festlich gedeckter Tisch absolut tabu ist,
aber ich weiß, dass er sich absolut lautlos bewegen kann. Ich schreibe einen Erinnerungszettel
- Nougatherzchen!! - und lege ihn neben den Herd.
Es ist schon erstaunlich, wie die Zeit vergeht, wenn man
konzentriert arbeitet. Die Küche ist ein Schlachtfeld, alles klebt vom
Ananassaft und es ist schon fast vier. Außerdem habe ich Hunger und inzwischen
tut mir das Kreuz weh. Wie gemein von H., mich so sitzen zu lassen! Vermutlich
gönnt er sich heute eine XXL-Currywurst und verbringt den Abend mit
hochgelegten Füßen vor dem Fernseher.
Ich mache mir ein Brot, setze mich kurz hin und greife zur
Zeitung. Nur einen klitzekleinen Blick hineinwerfen, nur fünf Minuten Pause.
Die Glosse auf Seite zwei! Prokrastination, aha, das Wort ist mir fremd. Im
allgemeinen Lexikon finde ich es nicht, erst im Duden/Fremdwörter wird es
definiert. Nun ist es nicht ganz ungefährlich, in einem eng getakteten Zeitplan
zu einem Buch zu greifen, um sein Wissen zu erweitern. Eine halbe Stunde später
habe ich etwas über Prokonsuln und Proklise erfahren, gelernt, dass Proktitis
eine Mastdarmentzündung ist, wer Prokrustes war, wie und warum Theseus ihn tötete und habe die
Bedeutung von Prokrastination wieder vergessen.
Die nächsten eineinhalb Stunden sind eine Art Wirbel, in
dessen Sog Küche und Bad - ich muss noch duschen – unterzugehen drohen, aber es
gelingt. Als es läutet , wie kalkuliert
mit fünfzehn Minuten Verspätung – Willy ist nie pünktlich, er braucht
ewig im Bad, sagt Marlene – öffne ich mit strahlendem Lächeln. Vielleicht stört
der noch sehr feuchte Haaransatz im Nacken, aber das fehlende Make-up
kompensiert die neue Brille gänzlich und überhaupt: was ist schon perfekt im Leben?
Nur dass ich die Nougatherzchen in ihrem leuchtend roten Papier am nächsten
Morgen im Bücherregal finde, ist vielleicht doch ein kleines bisschen schade.
24.10.15
Sonja Meier
Sonja Meier
Dienstag, 23. Juni 2015
DAS AUTO
Der alte Mann sitzt am Küchentisch. Gerade hat seine Tochter den Raum verlassen. Sie hat nichts gesagt, doch er weiß, dass sie sich ärgert. Das würde sie ihm nie direkt sagen, in der Türkei werden Vater und Mutter noch geehrt und respektiert.
Doch jetzt ist sie einfach hingegangen und hat sein Auto verkauft! Sie nannte es „Sardinenbüchse“ und „Sicherheitsrisiko“. Viele Jahre ist er mit diesem Auto gefahren und nie ist etwas passiert – bis auf die kleine Delle in der Seitentür von neulich, als er im Parkhaus zu knapp um die Ecke gefahren ist. Er ist immer ein vorsichtiger Fahrer gewesen, was soll man auch rasen, das macht einen nur krank.
Ach, die Ausflüge zum Strand, der Kofferraum voll mit Picknickdecken, Sonnenschirm und köstlichem Essen, die beiden Kinder turnten aufgeregt auf dem Rücksitz herum, seine Frau summte vor sich hin und streckte die Hand aus dem Fenster. Am Parkplatz vor dem Strand traf man sich oft mit anderen Verwandten, sein Bruder und sein Schwager brachten ebenfalls ihre Familie mit. Die Frauen bildeten sofort eine Karawane zum Strand hinunter, bedeckten viele Quadratmeter mit Matten, Handtüchern und Decken, stellten Schirme und Klappstühle auf und richteten in der Mitte ein wahres Festmahl her. Die Kinder planschten schon kreischend im Wasser, sie hatten die Badesachen schon zu Hause angezogen.
Währenddessen waren die Männer noch oben geblieben, hatten zugesehen und ab und zu auch Fachgespräche über Autos und Motoren geführt. Sein Schwager fuhr eine regelrechte Schrottkiste mit hängendem Auspuff, die oft erst nach mehreren Versuchen ansprang. Dagegen pflegte sein Bruder seinen alten Mercedes wie ein krankes Kind. Sein eigener Toyota hatte ihm nie Scherereien bereitet – er ließ ihn warten, wenn es nötig war, aber er wienerte auch nicht wie ein Besessener daran herum.
Wenn sie am Abend wieder zu Hause ankamen, war der Kofferraum voll Sand. Zwar zückte seine Frau nach dem Auspacken sofort einen Handfeger, doch alles bekam sie doch nicht weg. Wahrscheinlich steckten noch von jedem einzelnen ihrer Ausflüge Sandkörner in den Ritzen – die konnte ja jetzt der neue Besitzer durch die Gegend fahren.
Ach nein, seine Tochter hatte ja erwähnt, dass der Wagen an einen Schrotthändler ging, es würde also niemand mehr in der offenen Autotür stehen und noch einen letzten Blick übers Meer werfen.
von Pia Winkler
Doch jetzt ist sie einfach hingegangen und hat sein Auto verkauft! Sie nannte es „Sardinenbüchse“ und „Sicherheitsrisiko“. Viele Jahre ist er mit diesem Auto gefahren und nie ist etwas passiert – bis auf die kleine Delle in der Seitentür von neulich, als er im Parkhaus zu knapp um die Ecke gefahren ist. Er ist immer ein vorsichtiger Fahrer gewesen, was soll man auch rasen, das macht einen nur krank.
Ach, die Ausflüge zum Strand, der Kofferraum voll mit Picknickdecken, Sonnenschirm und köstlichem Essen, die beiden Kinder turnten aufgeregt auf dem Rücksitz herum, seine Frau summte vor sich hin und streckte die Hand aus dem Fenster. Am Parkplatz vor dem Strand traf man sich oft mit anderen Verwandten, sein Bruder und sein Schwager brachten ebenfalls ihre Familie mit. Die Frauen bildeten sofort eine Karawane zum Strand hinunter, bedeckten viele Quadratmeter mit Matten, Handtüchern und Decken, stellten Schirme und Klappstühle auf und richteten in der Mitte ein wahres Festmahl her. Die Kinder planschten schon kreischend im Wasser, sie hatten die Badesachen schon zu Hause angezogen.
Währenddessen waren die Männer noch oben geblieben, hatten zugesehen und ab und zu auch Fachgespräche über Autos und Motoren geführt. Sein Schwager fuhr eine regelrechte Schrottkiste mit hängendem Auspuff, die oft erst nach mehreren Versuchen ansprang. Dagegen pflegte sein Bruder seinen alten Mercedes wie ein krankes Kind. Sein eigener Toyota hatte ihm nie Scherereien bereitet – er ließ ihn warten, wenn es nötig war, aber er wienerte auch nicht wie ein Besessener daran herum.
Wenn sie am Abend wieder zu Hause ankamen, war der Kofferraum voll Sand. Zwar zückte seine Frau nach dem Auspacken sofort einen Handfeger, doch alles bekam sie doch nicht weg. Wahrscheinlich steckten noch von jedem einzelnen ihrer Ausflüge Sandkörner in den Ritzen – die konnte ja jetzt der neue Besitzer durch die Gegend fahren.
Ach nein, seine Tochter hatte ja erwähnt, dass der Wagen an einen Schrotthändler ging, es würde also niemand mehr in der offenen Autotür stehen und noch einen letzten Blick übers Meer werfen.
von Pia Winkler
SUMMER TIME
Irgendwann musste Schluss sein mit den Balkonblumen. Allein die Rein- und Rausschlepperei der Geranien im Herbst und Frühling. Sie müsste sich endlich einen Helfer organisieren. Wozu noch der Aufwand, wenn sie doch schon allein die Sonne nicht mehr vertrug und deshalb immer seltener draußen saß. Und der Blick in den Hinterhof war ja nun wirklich nicht berauschend. Die Gespräche auf den vielen winzigen Balkonen rings um, über und unter dem ihrigen waren es auch selten. Also, was soll’s, fragte sich Elise Bechstein, es reicht, wenn ich mit 62 auf dem Balkon den gelben Sack und einen Kasten Bier stehen habe, das ist schon in Ordnung!
Einige Wochen später stand dann doch ein Begonienkasten bei der Bechstein auf dem Balkon. Die Nachbarin, Wella Trifels, 84 und noch ganz rege und interessiert, wunderte sich über die Tatsache, dass nun wieder Blumenschmuck prangte und wie oft Elise in dem Kasten herumkratzte und –zupfte. Ein Blick auf den Balkon links unten klärte sie jedoch auf.
„Ein so ein schöner Bengel, der da eingezogen ist, gell? Und ganz allaa! Willst dich hinter deine Begonien verstecken beim Nunderschaun? Geh, Elis, und des in deim Alter!“
Erst tat die Bechstein Elise so, als ginge es ihr tatsächlich um die Blumen, dann lachte sie aber die Nachbarin offen an und rief: „ Ja, vielleicht geht’s wirklich nur um den schönen Ausblick. Mei, warum ned?“
Je mehr es Sommer wurde, desto öfter saß sie jetzt wieder draußen, las Zeitung, vesperte und trank ihr Kellerbier, döste und sonnte sich sogar. Der junge Mann unten sah wirklich ausnehmend attraktiv aus; die Proportionen stimmten, eine glatte Haut, die braun in der Sonne schimmerte, volle dunkle Haarpracht, aber nur auf dem Kopf, nicht am Körper, muskulös, aber keine harten oder kantigen Formen, auch nichts vom Bodystudio Aufgeblasenes, weiche, große Augen. Je mehr er sich an heißen Tagen entblätterte, um so mehr sah sich Elise bestätigt: Sie hatte vergessen, wie schön ein Mann sein konnte. Sie spürte, dass es zwischen ihm und ihr zu einer Art Sirren kam, wenn sie hinschaute, und dass so ein Sirren sie kribblig machen konnte, aber im angenehmen Sinne, so als würde ein geheimer Akku in ihr aufgeladen. Auf diese Weise erstarkt hatte sie Lust, sich zu bewegen und irgendetwas zu unternehmen. Manchmal dachte sie, wenn sie den immer noch Namenlosen auf dem Balkon des zweiten Stocks betrachtete, an ihren Edwin, der jetzt schon drei Jahre tot war. Den wollte sie nie lange anschauen, höchstens ‘mal, um seine Kleidung zu richten, Schuppen wegstreichen, Kragenknöpfe schließen oder so etwas. Edwin war Finanzbeamter und eine graue Maus, eine mit O-Beinen und ohne Fellhaare am Kopf, am ganzen Körper schimmerte die blassrosa Haut durch die Härchen, am schlimmsten am Bauch, der wie ein kleiner Ballon heraussterzte, als sei die Maus trächtig. Nicht ungerecht werden! Edwin war ein treuer Partner, ein guter Mensch. Aber vom Körper her .......... na ja, halt der Edwin. Bei dem Jungmann war, wenn er in der Badehose da saß oder lag, sogar der Blick auf’s Untenrum, wie Elise das nannte, angenehm, obwohl sie bei Männern, also nicht nur bei ihrem Edwin, das Untenrumgebaumel eigentlich immer lächerlich fand.
Wahrscheinlich war der Neuzugezogene ein Student; er las viel und oft, tippte auf seinem Laptop herum und erschien nur zu regelmäßig festen Zeiten auf dem Balkon. Zuverlässig und fleißig wahrscheinlich, aber sehr schweigsam. Mehr als das Grüßen war nicht drin. Freunde oder gar eine Freundin tauchten nicht auf. Elise Bechstein überlegte sich Fragen, mit denen vielleicht ein Gespräch in Gang kommen könnte, aber „Immer allein?“ oder „Schon wieder an der Arbeit? Sind Sie eigentlich Student?“ kamen ihr so läppisch vor, dass auch sie stumm blieb. Ab und an nickte sie ihrem Gruß ein paarmal nach und es kam ihr vor, als schwappten Wellen des Wohlwollens von ihr zu ihm hinunter. Einmal, als der junge Mann sich mit Sonnenschutzmittel einrieb, wollte sie rufen: „Und wer versorgt den Rücken? – Warten Sie, ich komme runter!“ Wie gern und wie zart hätte sie ihm den Rücken massiert, Kaffee gekocht, Essen bereitet und die frische Wäsche zurechtgelegt.
Nur einmal hat der Schöne, Elise nannte ihn nämlich „mein Schöner“, etwas gesagt, nämlich
„Schönes Wetter heute, da kann man draußen sitzen.“ Ach ja, und noch einmal hat er etwas gesagt. Er rief „Scheiße!“, als sein Liegestuhl in sich zusammenknackte. Elise rief das eine Mal „Ja, sicherlich!“ und bei der „Scheiße“ nur ganz leise „Oh!“.
Im Herbst zog der schöne junge Mann weg. Er hatte sich nicht verabschiedet. Vielleicht, dachte Elise, hat er hier nur in Ruhe an einer Prüfungsarbeit gesessen oder eine Sommervorlesung besucht.
Die Begonien waren eh‘ hinüber, schnell abgeräumt und entsorgt.
Dann war wieder alles wie sonst.
Elise Bechstein wartete höchstens noch auf eine bissige Bemerkung von der Trifels. Aber die kam nicht. Vielleicht lag die Alte im Krankenhaus.
Aber im September und Oktober, vielleicht sogar noch ein paar Tage im November passierte doch noch etwas.
Elise spürte im Bett hinter sich einen Körper, geschmeidige warme Haut, die nach Sommer und Öl roch, kräftige Arme umschlangen ihre Brust oder ihre Beine und sie schob ihren Körper zur Teelöffelchenhaltung zurecht, damit sie möglichst viel von dem Schönen mitbekam.
WILFRIED CHRISTEL
Einige Wochen später stand dann doch ein Begonienkasten bei der Bechstein auf dem Balkon. Die Nachbarin, Wella Trifels, 84 und noch ganz rege und interessiert, wunderte sich über die Tatsache, dass nun wieder Blumenschmuck prangte und wie oft Elise in dem Kasten herumkratzte und –zupfte. Ein Blick auf den Balkon links unten klärte sie jedoch auf.
„Ein so ein schöner Bengel, der da eingezogen ist, gell? Und ganz allaa! Willst dich hinter deine Begonien verstecken beim Nunderschaun? Geh, Elis, und des in deim Alter!“
Erst tat die Bechstein Elise so, als ginge es ihr tatsächlich um die Blumen, dann lachte sie aber die Nachbarin offen an und rief: „ Ja, vielleicht geht’s wirklich nur um den schönen Ausblick. Mei, warum ned?“
Je mehr es Sommer wurde, desto öfter saß sie jetzt wieder draußen, las Zeitung, vesperte und trank ihr Kellerbier, döste und sonnte sich sogar. Der junge Mann unten sah wirklich ausnehmend attraktiv aus; die Proportionen stimmten, eine glatte Haut, die braun in der Sonne schimmerte, volle dunkle Haarpracht, aber nur auf dem Kopf, nicht am Körper, muskulös, aber keine harten oder kantigen Formen, auch nichts vom Bodystudio Aufgeblasenes, weiche, große Augen. Je mehr er sich an heißen Tagen entblätterte, um so mehr sah sich Elise bestätigt: Sie hatte vergessen, wie schön ein Mann sein konnte. Sie spürte, dass es zwischen ihm und ihr zu einer Art Sirren kam, wenn sie hinschaute, und dass so ein Sirren sie kribblig machen konnte, aber im angenehmen Sinne, so als würde ein geheimer Akku in ihr aufgeladen. Auf diese Weise erstarkt hatte sie Lust, sich zu bewegen und irgendetwas zu unternehmen. Manchmal dachte sie, wenn sie den immer noch Namenlosen auf dem Balkon des zweiten Stocks betrachtete, an ihren Edwin, der jetzt schon drei Jahre tot war. Den wollte sie nie lange anschauen, höchstens ‘mal, um seine Kleidung zu richten, Schuppen wegstreichen, Kragenknöpfe schließen oder so etwas. Edwin war Finanzbeamter und eine graue Maus, eine mit O-Beinen und ohne Fellhaare am Kopf, am ganzen Körper schimmerte die blassrosa Haut durch die Härchen, am schlimmsten am Bauch, der wie ein kleiner Ballon heraussterzte, als sei die Maus trächtig. Nicht ungerecht werden! Edwin war ein treuer Partner, ein guter Mensch. Aber vom Körper her .......... na ja, halt der Edwin. Bei dem Jungmann war, wenn er in der Badehose da saß oder lag, sogar der Blick auf’s Untenrum, wie Elise das nannte, angenehm, obwohl sie bei Männern, also nicht nur bei ihrem Edwin, das Untenrumgebaumel eigentlich immer lächerlich fand.
Wahrscheinlich war der Neuzugezogene ein Student; er las viel und oft, tippte auf seinem Laptop herum und erschien nur zu regelmäßig festen Zeiten auf dem Balkon. Zuverlässig und fleißig wahrscheinlich, aber sehr schweigsam. Mehr als das Grüßen war nicht drin. Freunde oder gar eine Freundin tauchten nicht auf. Elise Bechstein überlegte sich Fragen, mit denen vielleicht ein Gespräch in Gang kommen könnte, aber „Immer allein?“ oder „Schon wieder an der Arbeit? Sind Sie eigentlich Student?“ kamen ihr so läppisch vor, dass auch sie stumm blieb. Ab und an nickte sie ihrem Gruß ein paarmal nach und es kam ihr vor, als schwappten Wellen des Wohlwollens von ihr zu ihm hinunter. Einmal, als der junge Mann sich mit Sonnenschutzmittel einrieb, wollte sie rufen: „Und wer versorgt den Rücken? – Warten Sie, ich komme runter!“ Wie gern und wie zart hätte sie ihm den Rücken massiert, Kaffee gekocht, Essen bereitet und die frische Wäsche zurechtgelegt.
Nur einmal hat der Schöne, Elise nannte ihn nämlich „mein Schöner“, etwas gesagt, nämlich
„Schönes Wetter heute, da kann man draußen sitzen.“ Ach ja, und noch einmal hat er etwas gesagt. Er rief „Scheiße!“, als sein Liegestuhl in sich zusammenknackte. Elise rief das eine Mal „Ja, sicherlich!“ und bei der „Scheiße“ nur ganz leise „Oh!“.
Im Herbst zog der schöne junge Mann weg. Er hatte sich nicht verabschiedet. Vielleicht, dachte Elise, hat er hier nur in Ruhe an einer Prüfungsarbeit gesessen oder eine Sommervorlesung besucht.
Die Begonien waren eh‘ hinüber, schnell abgeräumt und entsorgt.
Dann war wieder alles wie sonst.
Elise Bechstein wartete höchstens noch auf eine bissige Bemerkung von der Trifels. Aber die kam nicht. Vielleicht lag die Alte im Krankenhaus.
Aber im September und Oktober, vielleicht sogar noch ein paar Tage im November passierte doch noch etwas.
Elise spürte im Bett hinter sich einen Körper, geschmeidige warme Haut, die nach Sommer und Öl roch, kräftige Arme umschlangen ihre Brust oder ihre Beine und sie schob ihren Körper zur Teelöffelchenhaltung zurecht, damit sie möglichst viel von dem Schönen mitbekam.
WILFRIED CHRISTEL
Samstag, 16. Mai 2015
Pias Limericks
der führte sich
auf wie ein Prinz.
Zwar fehlte
sein Schwanz,
auch die Ohr’n
war’n nicht ganz,
trotzdem sah er
sehr cool aus in Jeans.
Es war mal ein
vornehmer Bilch,
der trank stets
nur Liebfrauenmilch.
Er rief:“Dieser
Wein
ist unheimlich
fein!
Wer anders
denkt, ist nur ein Knilch.“
’Nem Dichter
aus Bingen am Rhein,
dem fiel
überhaupt nichts mehr ein.
Er rief:
„Dieser Landstrich
ist viel zu
romantisch!
Ich zieh’ jetzt
nach Frankfurt an der Oder!“
Es war mal ein
Löwe im Zoo,
der fragte sich
täglich: „Wieso
werd’ ich
ständig beglotzt?
Wie mich das
ankotzt!
Ich zeig’ jetzt
nur noch meinen Po!“
Eine Richterin
wohnt in Erlangen –
sehr hübsch und
mit rosigen Wangen.
Doch will von
den Mackern
sie einer anbaggern,
dann sagt sie
nur: „Ich bin befangen...“
Ein
Nachtwächter aus der Stadt Trier
macht Rundgänge
bis früh um vier.
Er sucht nach
den Wichten,
die Böses anrichten –
und auch nach
Graffiti-Geschmier.
Es baute ein
Tüftler aus Halle
die weltbeste
Fruchtfliegenfalle.
Er lauert bis
heute
auf üppige
Beute
und murmelt:
„Ich kriege euch alle!“
Ein Firmenchef
wollt’ in Kaufbeuren[1]
die
Chefsekretärin gern feuern.
Er fand sie
nicht gut,
doch sie –
voller Wut –
ging hin, um
ihm eine zu scheuern.
Der Herr Johann
Wolfgang von Goethe
geriet oft in
recht arge Nöte.
Denn wenn Frau
von Stein
ihn lud zu sich
ein,
dann spielte
sie grauenhaft Flöte.
Ein rüstiger
Pfarrer aus Stade
fand Trauungen
stets viel zu fade.
Doch seit einem
Jahr
tanzt er vorm
Altar
und wirft auf
die Braut Schokolade.
Freitag, 1. Mai 2015
Die Sache mit dem Teppich
Dass diese Sache noch irgendwie glimpflich ausgehen würde, habe ich selbst nicht mehr geglaubt. Im Gegenteil, sie entwickelte sich zu einer handfesten Ehekrise. Dabei war meine Idee grandios: ich wollte Jörg, meinen Mann, mit einem neuen Teppichboden im Esszimmer überraschen. Der alte sah inzwischen scheußlich aus und Jörg hatte das grüne Karomuster nie gemocht. Zwar bin ich handwerklich eher mäßig begabt, aber mein alter Schulfreund Ronny, Heimwerker von Gottes Gnaden, würde mir helfen. Jörg war auf Montage; wenn er heimkam, sollte er staunen. Stolz blickte ich auf die Teppichrolle, die vor zwei Stunden geliefert worden war: ein zartbeiger, weicher Traum – die perfekte Ergänzung zu den Esszimmermöbeln. Die hätte ich zwar auch gerne ersetzt – wer mag heute schon noch Eiche rustikal – aber Jörg ist ein sparsamer Mann. Alles kann man eben nicht haben.
Ronny und ich arbeiteten hart: Möbel abbauen, Boden auslegen, straffen, schneiden, kleben, einen Tag ruhen lassen, Möbel wieder aufbauen; schweißtreibend, aber schließlich war es geschafft. Zum Schluss trugen wir Tisch und Stühle hinein, lümmelten uns in die Sitzmöbel und legten die Füße hoch. Ich hatte Tequila besorgt, das Getränk unserer Jugend. Wir prosteten uns zu. Nach dem dritten Glas kramte ich nach meinen Zigaretten – bei Todesstrafe verboten in der Wohnung, aber Jörg war schließlich nicht da. Ronny sah mich scheel an. Ich genoss genau drei Züge, dann fiel Glut auf den Teppichboden. Das Loch, schwarz, daumennagelgroß, starrte mich an. Ich starrte zurück; es wuchs, je länger ich starrte. Ronny drückte meine Zigarette aus.
- Oh, je, sagte er und starrte auch. Aber das haben wir gleich. Die Worte klangen etwas verwaschen. - Ich schneide es aus, dann hat es gerade Ränder.
Danach starrte mich ein sieben-Zentimeter-Kantenlänge-Loch an. Als ich zurückstarrte, verdoppelte es sich. Ich schaute weg. Ronny schnitt ein passendes Quadrat aus dem Teppichrest und verklebte das Loch. Dann schwankte er nach Hause.
Am nächsten Morgen gähnte mich wieder das Loch an; Hoppel und Moppel, unsere Pflegekaninchen von Lehmanns gegenüber, saßen zufrieden daneben, zwischen ihnen die nun etwas fransige Füllung. Ich hatte wohl vergessen, die Badezimmertür zu schließen. Schwitzend versuchte ich es nochmal mit kleben, aber nun sah man die Ränder und in meiner Verzweiflung – Jörg würde heute Abend zurückkommen – stellte ich die Wasserschüssel der Kaninchen auf die Stelle. Gut – das konnte gehen. Vielleicht setzte sich das Quadrat je noch etwas und würde dann nicht mehr so auffallen.
Abends hatte ich den Esstisch festlich gedeckt mit Kerzen und frischen Blumen, aus der Küche duftete es nach Lasagne, der Wein funkelte in der geöffneten Flasche. Ich trug Jörgs Lieblingskleid. Er begrüßte mich liebevoll, betrat mit staunenden Augen das Esszimmer und trat in die Wasserschüssel. Er fluchte und ich rannte nach einem Handtuch, rubbelte und bedeckte schließlich damit das Quadrat. Leider löste es sich am nächsten Tag wieder – der Kleber war wohl noch nicht fest gewesen – und Jörg drohte, den Handwerker zu verklagen. Also musste ich beichten und der Haussegen fing an sich zu neigen. Ich stellte die Schüssel wieder auf, aber die Kaninchen glaubten wohl an eine Fußbadewanne und hinterließen gut sichtbare Spuren in Esszimmer und Diele. Außerdem stolperten Jörg und ich abwechselnd darüber, weil fünfzehn Jahre dort nichts gestanden war und jetzt plötzlich etwas stand. Schließlich kamen Lehmanns von ihrem Auslandsaufenthalt zurück, holten Hoppel und Moppel und die Wasserschale ab und ließen uns mit der sieben-Zentimeter-Schande allein. Wir dachten an eine dekorative Bodenvase, aber dann fing die Stelle an zu schimmeln und Jörg fluchte wieder. Er hatte gepetzt und die vernichtenden Blicke aller Nichtraucher trafen mich, sobald das Thema darauf kam.
Der Haussegen neigte sich weiter, als Ronny, der die Stelle – diesmal ohne Tequila – ausbessern sollte, feststellte, dass sich die Feuchtigkeit über mehrere Quadratmeter gezogen hatte und mit ihr der Schimmel. Ich wollte für die Stellen Teppichfliesen in Kontrastfarben vorschlagen, schwieg aber nach einem Blick auf Jörgs Miene. Zähneknirschend (er) und kleinlaut (ich) ersetzten wir nach einem Jahr den Esszimmerboden und Jörg entschied sich für einen pflegeleichten PVC-Belag in einem unbeschreiblichen blassen, gelbstichigigen Mittelbraun. Später stellte sich heraus, dass Jörg an einer leichten Form von Farbenblindheit leidet, aber damals wagte ich nicht zu widersprechen, und bei Tageslicht, so hoffte ich, würde der Boden vielleicht auch besser aussehen. Neonlicht verdirbt schließlich alles. Das weiß jeder, der schon mal in einer Umkleidekabine in den Spiegel geschaut hat.
Das Tageslicht betonte dann etwas den Gelbstich im Mittelbraun, und das zu Eiche rustikal! Ich weiß ja nicht, ob ich mir das nur einbilde, aber es kommt mir so vor, als würden unsere Gäste seitdem lieber im Wohnzimmer sitzen. Die Sache kippte, als Jörgs bester Kumpel nach einem verlorenen Club-Heimspiel – vermutlich weil da eh schon alles wurscht war – sagte, zum Kotzen gehe er ins Esszimmer, da fiele es nicht auf. Jörg war wochenlang beleidigt und sah beim Essen immer betont geradeaus, damit er nur ja nicht versehentlich auf den Boden schaute.
Immerhin, jetzt sind wir quitt und meine Chancen steigen, dass die Möbel ausgetauscht werden. Schwarzen Lack könnte ich mir gut vorstellen, vielleicht mit großen Quadraten in Kontrastfarben, das lenkt ab.
19.04.15
Sonja Meier
Ronny und ich arbeiteten hart: Möbel abbauen, Boden auslegen, straffen, schneiden, kleben, einen Tag ruhen lassen, Möbel wieder aufbauen; schweißtreibend, aber schließlich war es geschafft. Zum Schluss trugen wir Tisch und Stühle hinein, lümmelten uns in die Sitzmöbel und legten die Füße hoch. Ich hatte Tequila besorgt, das Getränk unserer Jugend. Wir prosteten uns zu. Nach dem dritten Glas kramte ich nach meinen Zigaretten – bei Todesstrafe verboten in der Wohnung, aber Jörg war schließlich nicht da. Ronny sah mich scheel an. Ich genoss genau drei Züge, dann fiel Glut auf den Teppichboden. Das Loch, schwarz, daumennagelgroß, starrte mich an. Ich starrte zurück; es wuchs, je länger ich starrte. Ronny drückte meine Zigarette aus.
- Oh, je, sagte er und starrte auch. Aber das haben wir gleich. Die Worte klangen etwas verwaschen. - Ich schneide es aus, dann hat es gerade Ränder.
Danach starrte mich ein sieben-Zentimeter-Kantenlänge-Loch an. Als ich zurückstarrte, verdoppelte es sich. Ich schaute weg. Ronny schnitt ein passendes Quadrat aus dem Teppichrest und verklebte das Loch. Dann schwankte er nach Hause.
Am nächsten Morgen gähnte mich wieder das Loch an; Hoppel und Moppel, unsere Pflegekaninchen von Lehmanns gegenüber, saßen zufrieden daneben, zwischen ihnen die nun etwas fransige Füllung. Ich hatte wohl vergessen, die Badezimmertür zu schließen. Schwitzend versuchte ich es nochmal mit kleben, aber nun sah man die Ränder und in meiner Verzweiflung – Jörg würde heute Abend zurückkommen – stellte ich die Wasserschüssel der Kaninchen auf die Stelle. Gut – das konnte gehen. Vielleicht setzte sich das Quadrat je noch etwas und würde dann nicht mehr so auffallen.
Abends hatte ich den Esstisch festlich gedeckt mit Kerzen und frischen Blumen, aus der Küche duftete es nach Lasagne, der Wein funkelte in der geöffneten Flasche. Ich trug Jörgs Lieblingskleid. Er begrüßte mich liebevoll, betrat mit staunenden Augen das Esszimmer und trat in die Wasserschüssel. Er fluchte und ich rannte nach einem Handtuch, rubbelte und bedeckte schließlich damit das Quadrat. Leider löste es sich am nächsten Tag wieder – der Kleber war wohl noch nicht fest gewesen – und Jörg drohte, den Handwerker zu verklagen. Also musste ich beichten und der Haussegen fing an sich zu neigen. Ich stellte die Schüssel wieder auf, aber die Kaninchen glaubten wohl an eine Fußbadewanne und hinterließen gut sichtbare Spuren in Esszimmer und Diele. Außerdem stolperten Jörg und ich abwechselnd darüber, weil fünfzehn Jahre dort nichts gestanden war und jetzt plötzlich etwas stand. Schließlich kamen Lehmanns von ihrem Auslandsaufenthalt zurück, holten Hoppel und Moppel und die Wasserschale ab und ließen uns mit der sieben-Zentimeter-Schande allein. Wir dachten an eine dekorative Bodenvase, aber dann fing die Stelle an zu schimmeln und Jörg fluchte wieder. Er hatte gepetzt und die vernichtenden Blicke aller Nichtraucher trafen mich, sobald das Thema darauf kam.
Der Haussegen neigte sich weiter, als Ronny, der die Stelle – diesmal ohne Tequila – ausbessern sollte, feststellte, dass sich die Feuchtigkeit über mehrere Quadratmeter gezogen hatte und mit ihr der Schimmel. Ich wollte für die Stellen Teppichfliesen in Kontrastfarben vorschlagen, schwieg aber nach einem Blick auf Jörgs Miene. Zähneknirschend (er) und kleinlaut (ich) ersetzten wir nach einem Jahr den Esszimmerboden und Jörg entschied sich für einen pflegeleichten PVC-Belag in einem unbeschreiblichen blassen, gelbstichigigen Mittelbraun. Später stellte sich heraus, dass Jörg an einer leichten Form von Farbenblindheit leidet, aber damals wagte ich nicht zu widersprechen, und bei Tageslicht, so hoffte ich, würde der Boden vielleicht auch besser aussehen. Neonlicht verdirbt schließlich alles. Das weiß jeder, der schon mal in einer Umkleidekabine in den Spiegel geschaut hat.
Das Tageslicht betonte dann etwas den Gelbstich im Mittelbraun, und das zu Eiche rustikal! Ich weiß ja nicht, ob ich mir das nur einbilde, aber es kommt mir so vor, als würden unsere Gäste seitdem lieber im Wohnzimmer sitzen. Die Sache kippte, als Jörgs bester Kumpel nach einem verlorenen Club-Heimspiel – vermutlich weil da eh schon alles wurscht war – sagte, zum Kotzen gehe er ins Esszimmer, da fiele es nicht auf. Jörg war wochenlang beleidigt und sah beim Essen immer betont geradeaus, damit er nur ja nicht versehentlich auf den Boden schaute.
Immerhin, jetzt sind wir quitt und meine Chancen steigen, dass die Möbel ausgetauscht werden. Schwarzen Lack könnte ich mir gut vorstellen, vielleicht mit großen Quadraten in Kontrastfarben, das lenkt ab.
19.04.15
Sonja Meier
Am Anfang vom Ende war das Wort
Wieder einmal brach im Garten Eden ein perfekter Tag an. Eva erhob sich von dem weichen Graspolster unter dem duftenden Strauch, wo Adam und sie immer schliefen, und blinzelte in die Morgensonne. Adam hatte bereits für sie beide zum Frühstück einige Früchte gepflückt, die wie immer köstlich schmeckten. Danach stand Adam auf und sagte: „Liebling, ich muss los! Bin mit der Namensgebung noch nicht ganz durch. Zur Zeit sind alle Tiere mit sechs oder mehr Beinen dran. Hast du irgendeinen Vorschlag für diese bunten, staubigen Flatterdinger, die hier so herumschwirren? Ich schwanke noch zwischen Flugstäubling und Klappflügler...“Aber Eva war es egal. Seit das zu benennende Viehzeug und die Pflänzchen immer kleiner und differenzierter wurden, überließ sie diese langwierige Aufgabe meist Adam, dem es Spaß machte, sich Wörter wie „Maulwurfsgrille“ oder „Grottenolm“ auszudenken.
Eva ließ ihren Mann ziehen und schlenderte gemächlich in eine andere Richtung. Sie sog den Duft ihrer Lieblingsblumen ein. Der Name „Rose“ stammte von ihr, und sie war sehr stolz darauf. Adam hatte „Duftstachel“ vorgeschlagen, aber Eva war ausnahmsweise hart geblieben.
Nachdem sie eine Weile nur so zum Spaß durch einen freundlich plätschernden Bach gewatet war, lenkte sie ihre Schritte in die Mitte des Gartens. Dort stand auf einer kleinen Anhöhe ein einzelner Baum mit sattgrünem Laub und gelb-rot schimmernden Früchten. Eva tauchte unter einem herabhängenden Ast durch und näherte sich dem Stamm. „Ich bin es“, rief sie, „bist du da?“ Zunächst geschah nichts, doch dann raschelte es in den oberen Zweigen. Etwas langes, Glänzendes glitt wie eine Ölspur um Äste und Stamm.
„Ich habe gerade ein Sonnenbad genommen“, zischelte die Schlange, „ist heute nicht ein herrlicher Tag?“
„Ja... wie immer“, antwortete Eva.
-„Du kommst in letzter Zeit ziemlich häufig, hast du denn nichts anderes zu tun?“
-„Doch... mir die Erde untertan machen... mich ... furchtbar vermehren, oder so. Ich weiß gar nicht, wie das geht.“
-„Kommt Zeit, kommt Rat. Aber warum besuchst du mich eigentlich immer allein? Will dein Mann dich nicht mal begleiten?“
-„Ach, Adam... der ist immer beschäftigt. Außerdem kommt er nicht gern hierher.“
-„ Wieso das denn?“
-„Na, du weißt schon. Weil ER gesagt hat, dass wir von diesem Baum nichts essen dürfen. Seitdem hält Adam lieber einen Sicherheitsabstand ein. Aber ER hat mir schließlich nicht verboten, mit dir zu sprechen.“
-„Nein, das hat er nicht“, kicherte die Schlange. „Aber du solltest dich langsam auf den Rückweg machen. Dein Mann wird dich vermissen.“
„Vielleicht“, meinte Eva zögernd.
-„Ganz bestimmt! Er liebt dich doch, oder?“
-„Ja, natürlich!“
-„Und liebst du ihn?“
„Natürlich!“ rief Eva und lachte ein wenig, „wen denn sonst?“
„Und warum?“ fragte die Schlange und musterte Eva aufmerksam.
Diese stotterte: „Wa... warum? Das habe ich mich noch nie gefragt! Brauche ich denn einen Grund?“
„Nein, nicht unbedingt“, meinte die Schlange gedehnt. „Aber vielleicht liebst du ihn ja besonders wegen seiner blauen Augen oder seiner goldbraunen Locken?“
-„Äh... wie sollten die denn sonst sein?“ Eva war verwirrt.
-„Na ja, schwarz und glatt vielleicht. Oder rot.“
„Äh...“ sagte Eva und blinzelte ein paar Mal. „Ich gehe jetzt.“
„Ja, ja, nur zu! War nett, mit dir zu plaudern!“ rief die Schlange munter und verschwand im Blattwerk.
Pia Winkler
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