Montag, 19. Dezember 2016

Die besten Jahre

Alt sind wir geworden, beide; die besten Jahre
Vergangenheit. Deine weißen Stichelhaare auf Stirn und Flanke,
Graue Fäden in meinem schütter werdenden Haar.
Aber manchmal, wenn du deine Mähne schüttelst, wie früher
Auf dem Weg zur Höhe, dort, wo die einsame Kiefer stand,
Wächterin am Tor des hohen Himmels,
Da fühl‘ ich es wieder - das Leben und deine Kraft
Unter mir im Galopp, unbändig, jung,
im Dreitakt der Freiheit!
Verbunden waren wir, ja verwachsen; ich vertraute dir
Blind, wenn der Wind mir die Tränen in die Augen trieb und
Was ich dachte, tatest du, ehe es zu Ende gedacht.
Damals gehörte uns die Welt, gehörte uns das Gras
Unter deinen Hufen, gehörte uns der Himmel und alles,
Was dazwischen lag, im Sommer unserer Leben.
Später, in dem Jahr, in dem ich entschied,
Deinen Sattel wegzugeben, fällten sie die Kiefer auf der Höhe;
Alt soll sie gewesen sein und morsch.
Und heute, wenn ich mich manchmal noch, einem Übermut folgend,
Auf deinen bloßen Rücken setze, vorsichtig nun und ein wenig fragend,
Sagst du: mach‘ es gnädig und bedenke die Futterzeit.


20.09.16
Sonja Meier

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Großmutters Küche


Wenn ich Oma denke, denke ich sofort an ihre Küche. Großmutters Küche war Omas Reich und mein Zuhause. Oma war der Dreh- und Angelpunkt meiner Kindheit und die Küche war der Ort, wo Großmutter sich meistens aufhielt, also war  diese Küche mein meistens sicherer Ort. Der Tag fing hier an und hörte hier auf. Alles Wichtige in meiner Kindheit spielte sich hier ab. Und diese Küche hat mich nie verlassen, Großmutter natürlich auch nicht, aber das wird dann eine andere Geschichte. Diese Küche ist eingebrannt in meinem Gedächtnis, sie verändert sich nie. Hier war ich umsorgt und geborgen. Die Welt war ausgesperrt.  Auch wenn ich dement werde, wird sie da sein. Der sichere Ort meiner Kindheit. Auch auf die Gefahr hin, den möglichen Leser, die mögliche Leserin zu langweilen, werde ich diese Küche detailliert beschreiben, die Gerüche kann ich leider nicht mitliefern.

Eine ziemlich große, weißlackierte Türe, schon reichlich mit Gebrauchsspuren versehen – heute wäre sie schicker „shabby-style“ – öffnete sich schwergängig zu einem kleinen kompakten Raum, der von einem rechts platzierten Tisch beherrscht wurde. Die Nischen – eine gleich neben der Tür wurde ausgefüllt von einem ebenfalls weißlackierten Stuhl, dessen Sitz mit einem bunten Kissen etwas bequemer gemacht wurde. Über diesem Stuhl war an der Wand ein braunes Brett angebracht, auf dem ein schwarzes Radiogerät aus Bakelit stand. Zwischen der Unterseite des braunen Brettes und der oberen Stuhlkante waren an der Wand ein Herrenhuter Kalender und ein weiterer Übersichtskalender für das ganze Jahr befestigt. Dieser Platz konnte nur von kleinen schmalwüchsigen Personen benutzt werden, war also in der Regel Kindern vorbehalten. Der rechteckige Tisch hatte schwere gedrechselte Beine, an der Vorderseite eine Schublade, die alles Wichtige und Unwichtige enthielt, also das Quittungsbuch für die Miete, der Rentenausweis, die Bibel, ein kleiner Block, echte Bleistifte, an denen man keinesfalls lecken durfte, da man sich sonst vergiftete (blaue Zunge, man wurde immer entdeckt), rote und grüne Kopierstifte – ich liebte sie, weil sie Farben hatten, die sich nicht bei normalen  Buntstiften finden ließen - Eukalyptusbonbons, Gummis, Knöpfe. Ein ganzer Kosmos war zu entdecken. Bedeckt war dieses Monstrum mit einer Wachstuchtischdecke, ebenfalls bunt gemustert, meistens prangten darauf irgendwelche Blumenmotive. An der Wandseite lagen Zeitungen, der Monatsgruß, das Gesangbuch, Medikamente, aber auch ein kleiner Korb mit Strümpfen und Unterwäsche, die gestopft werden mussten. Unter dem Tisch befand sich eine vierbeiniger Hocker – der Platz meiner Großmutter – dessen Sitzfläche sich aufklappen ließ und ein Waschbecken aus Emaille verbarg.

Auf der linken Seite sorgte ein „Allesbrenner“, so genannt, weil man alles bis auf Autoreifen darin verschüren konnte, für Wärme, Essen und saubere Wäsche, vorzugsweise Windeln. Das ökologische Bewusstsein war noch nicht so ausgeprägt. Die Nische zwischen der Tür und dem Ofen war angefüllt mit alten Zeitungen, Holzscheiten und –spänen, Kohlenschütte, Schürhaken, Kohlenschaufel, Eisenheber, um die Ringe der Ofenplatte zu öffnen. Über dem Herd war ein hölzernes Trockengestell angebracht, das zusammenschiebbar war und dann an die Wand geklappt werden konnte, dies passierte aber nur zu hohen Festtagen.  Alles, was getrocknet werden musste, wurde auf diesem Gestell aufgehängt. Auf dem Herd stand sommers wie winters ein rot emaillierter Einwecktopf für die vielen Babywindeln. Neben dem Herd befand sich ein schmales halbhohes Regal auf dem oben ein kleiner Gaskocher mit zwei Kochstellen thronte. In dem Regal hatten Abwaschschüsseln, Pfannen, Spülmittelpulver, Spüllappen, Putzrasch, Ata und Sil ihren Platz. Geschlossen wurde das Regal mit einem zerfallenden Vorhang, der nicht mehr in der Lage war, das Sammelsurium zu verdecken.

Rechts, in der anderen Nische hatte ein ebenfalls weißlackierter Stuhl seinen Platz, genauso verschönert wie sein Pendant auf der gegenüberliegenden Seite. Daran schloss sich ein auch weißlackiertes Küchenbüffet an, bestehend aus einem Unterteil, bezogen mit grün gesprenkeltem Linoleum, darauf das Oberteil, konstruiert wie ein wuchtiger Triumphbogen, also einem offenen Fach. In den seitlichen Säulenteilen befanden sich zwei mittelgroße Gelasse mit Türchen. Abgeschlossen wurde das Oberteil mit einem durchgehenden Kasten, der mit drei Glastüren ausgestattet war und in dem sich Teller, Tassen, Gläser und diverses befand. Diesen konnte ich leider nur mit einem Stuhl erreichen, was Großmutter aber meistens zu verhindern wusste. In den beiden Schränkchen zwischen denen der Brotkasten stand, waren Gewürze, Brühwürfel, Zucker, Mehl, Reis, Nudeln, Graupen untergebracht. In einem dieser Schränkchen musste irgendwann auch Sacharin aufbewahrt worden sein, denn wenn ich meinen Finger befeuchtete und über den Boden strich und ihn dann abschleckte, schmeckte er wunderbar süß. Wenn mich meine Großmutter dabei erwischte, schimpfte sie erst mal heftig, denn das gehörte ebenfalls zu den verbotenen Dingen. Allerdings machte sie die Schimpferei wieder wett, indem sie mir dann einen Eukalyptusbonbon aus ihrer Kirchenhandtasche gab, oder falls welche darin waren, Pfefferminzplätzchen. Das waren die kleinen weißen, die Tabletten ähnelten. Es konnte jedoch passieren, dass sie nach einem längeren Aufenthalt in Großmutters Tasche nach 4711 schmeckten mit einer alles überlagernden modrigen Note.
Zwischen dem Küchenbüffet und der Rückwand der Küche stand eine elektrische Schleuder, die sonntags immer dazu benützt wurde, die geriebenen Kartoffeln „auszupressen“, sie tanzte dann immer herum und mein Vater musste sie festhalten, damit sich die darunter wohnenden Nachbarn nicht beschwerten. Doch, die Schleuder wurde auch zum Wäsche Schleudern verwendet und einmal im Monat für den großen Waschtag musste mein Vater sie in die Waschküche im Keller schleppen. Dort lassen konnte man sie nicht, denn andere hätte sie ja benützen und vielleicht beschädigen können.

Gegenüber dem Küchenbüffet stand eine wuchtige, auch wieder weißlackierte Kommode, die bei seltenen Gelegenheiten den Einwecktopf, andere große Töpfe und sonstiges Kücheninventar beherbergte. Die Oberseite dieser Kommode war mit einem grün-grau-weißgesprenkeltem Linoleum bedeckt, auf der sich immer viele Sachen, die gerade nicht gebraucht wurden, befanden. Daran schloss sich eine Waschmaschine an, deren quadratische Säulenform sich durchaus als Vorläufer moderner Maschinen betrachten ließ. Diese Waschmaschine, die meine Großmutter nie benützte, war dem schlechten Gewissen meiner Mutter geschuldet, weil sie ihrer Mutter so viel zumutete. Weil sie, die Maschine, nie benützt wurde, fungierte der Deckel als Kosmetikschränkchen, also lagerten dort Seife, Zahnbürsten, Zahnpasta, Bürsten und Kämme. Das war praktisch, da direkt daneben ein Ausguss war, ein innen weißemailliertes Monstrum aus Gusseisen, außen grün-grau gestrichen, er erinnerte in der Form an einen halbierten Kelch, dessen längere Schnittkante an der Wand befestigt war, in der Unterseite waren kleine Löcher, durch die das Wasser abfließen konnte, die Rückwand war leicht barockisiert und wurde oben von einem Messingwasserhahn gekrönt, der allerdings nur kaltes Wasser spendete. In der Mitte der Rückwand war ein Gitterrost befestigt, der auf dem Rund der unteren Hälfte auflag, aber auch hochgeklappt werden konnte. An der Rückwand befand sich ein kleines zweiflügeliges Kästchen an der Wand, an dessen Unterseite eine Stange befestigt war,  über die ein besticktes Tuch drapiert war und hinter dem sich die Handtücher und Waschlappen verbargen. Damit hatte man die Länge der Küche durchschritten.

Und dann kam meine kleine Freiheit, hinter einer zweiflügeligen  Tür ging es hinaus auf einen kleinen Eisenbalkon. Gerahmt wurde diese Tür durch einen etwas fadenscheinigen, ausgewaschenen Vorhang, der eigenartigerweise nicht geblümt war, sondern den rechtwinkelige, spitzwinkelige Dreiecke, sehr schiefe Rhomben, die wie betrunken über den Stoff torkelten und mit in meinen Augen willkürlich gesetzten schwarzen Linien bedruckt war, seltsam unpassend für diese Küche waren.

Oma ging immer sehr sparsam um  mit allem, was noch irgendwie verwertbar war. Oft genug hasste ich sie dafür, weil ich gestopfte, durch häufiges Waschen kratzig gewordene Strümpfe angezogen bekam. Diese verfluchten Strümpfe wurden mit Strapsen befestigt, die sich an einem Leibchen befanden, das wie ein dickeres Unterhemd aussah. Die Strapse rissen immer wieder ab oder ich verlor die Knöpfe, mit denen die Strümpfe festgezurrt wurden, so dass natürlich auch die blöden hässlichen verhassten Teile rutschten und noch störendere Falten  warfen. Ich kam mir dann wie ein Bettelkind, zumindest aber verwahrlost vor. Dabei brachte mir meine Mutter ab und zu recht hübsche Anziehsachen vom Kaufhof mit – sie arbeitete dort. Vor Omas Augen fanden diese Sachen keine Gnade, sie verbannte sie in die untere Schublade ihres Kleiderschrankes, die ich nicht aufziehen konnte.

Wenn meine Mutter arbeitete und sie arbeitete meistens sechs Tage in der Woche - sie ging morgens um halb acht aus dem Haus und kam abends erst gegen halb acht und acht nach Hause – war ich bei Oma. Oma war die oberste Instanz, wenn es um die Kinder ging, (zu der Zeit waren wir nur zwei, es sollten aber im Lauf der Jahre noch vier dazu kommen). Sie wusste genau, was diese brauchten, egal ob es um Essen, Kleidung, Schlafen oder Gesundheit ging. Oma wusste alles, sie wusste alles besser und leider hatte sie meistens Recht, was das Leben für uns Kinder nicht leicht machte. Irgendwann bekam auch ich mit, dass sich Oma und meine Mutter in einem ständigen Krieg befanden und der wurde nur manchmal laut ausgetragen. Die Kleider für meinen Bruder und mich waren ein Beispiel dafür. Wenn Mutter neue Anziehsachen für uns kaufte, blaffte Oma sie an: „Das Zeug kannst Du gleich wieder zurückbringen, das zieh ich den Zweien nie an. So viel Geld für so einen Dreck auszugeben, als wenn Du es so dicke hättest.“ Mutter pflegte sich dadurch zu revanchieren, in der kleinen Küche eine Zigarette nach der anderen zu rauchen, was bei meiner Großmutter zu lautstarken Schimpftiraden führte. Während dieser Gefechte machte ich mich auf meinem Platz ganz klein – in der Nische zwischen Küchenbüffet und Tisch – wenn ich es nicht schaffte rechtzeitig aus der Küche hinauszukommen. Aber so schlimm die Auseinandersetzungen auch waren, so war ich doch auch neugierig  genug, was die Beiden sich wieder an den Kopf werfen würden.

Oma fuhr sie an: „So einen guten Mann hast du ja gar nicht verdient, der von früh bis spät schafft und du läufst aufgetakelt, wie eine von den Hochwohlgeborenen rum. Und um deine Kinder kann sich Deine Mutter kümmern, die kaum einen guten Tag im Leben gehabt hat. Jeden Tag muss Madame zum Friseur. Schuhe, Handschuhe, Handtasche und Hut, alles muss zusammen passen. Was das alles bloß kostet!“  

Mutter blieb ihr nichts schuldig und fauchte: „In meinem Beruf muss ich einfach modisch gekleidet sein. Davon verstehst du nichts. Bloß weil du immer rumläufst wie eine Vogelscheuche, muss ich nicht auch so rumrennen. Ich bin keine von deinen Betschwestern. Geh halt zu denen!“
 „Und wer kümmert sich um deine Kinder und kocht für deinen fleißigen Mann? Du ganz bestimmt nicht, du elendiges Frauenzimmer. Schau, dass du in Deine Wohnung kommst und verqualm mir nicht alles. Deinen Satansbraten nimmst gleich mit, die Kleine bleibt aber bei mir.“
Wutschnaubend  verließ meine Mutter die Küche, meinen Bruder am Arm hinterherziehend, und ich war froh, dass für heute der anstrengende Teil des Tages vorbei war. Ich war neidisch auf meinen großen Bruder, weil er mit hinauf durfte, weil er mit Papa spielen konnte, aber gleichzeitig froh, nicht oben zu sein, denn meine Mutter hätte all ihren Unmut an mir ausgelassen. Papa und Bernd wurden meistens verschont.

Oma bereitete ein kleines Abendessen, Knäckebrot mit Gelbwurst für sie, für mich gab es Graubrot mit Gelbwurst, das in kleine Stückchen geschnitten wurde, danach für jeden einen Apfel. Omas Apfel musste geschält werden, da sie  nicht mehr so gut kauen konnte. Abgeschlossen wurde das Abendessen damit, dass Oma zwei gehäufte Esslöffel geschroteten Leinsamens in einer Tasse mit warmen Wasser einweichte und für den nächsten Morgen beiseite stellte.

Ich freute mich auf den Abend mit Oma. Dann wurde es ruhig. Die Hektik des Tages, das fortwährende Sorgen und Arbeiten für die Familie wurden beendet und Oma riss vom Herrenhuter Kalender das Kalenderblatt ab, las laut die Tageslosung und schlug in der Bibel die dafür vorgesehene Stelle auf. Auch diese wurde laut vorgelesen. Dann folgte das Gesangbuch und es wurden die Lieder gesungen, die für den folgenden Sonntag vorgesehen waren. Ich musste immer die erste Stimme singen, Oma sang mit dröhnendem Alt irgendeine zweite Stimme dazu. Da sie mich grundsätzlich übertönte, war es egal, ob ich richtig oder falsch sang. Es störte mich auch nicht weiter.

Trotz der etwas eigenwilligen Abendgestaltung für ein dreijähriges Kind oder vielleicht auch gerade deswegen, empfand ich dieses Abendritual als sehr beruhigend und es entwickelte sich eine tiefe Innigkeit zwischen Oma und mir, die im Alltag sonst nicht möglich war. Oma saß auf ihrem Hocker, ich auf meinem kleinen Schemel – eigentlich ein Fußschemel – lehnte mich an ihre Knie und konnte die kleinen und großen Blessuren und Plagen des Alltags hinter mir lassen. Da passierten die Momente, wo Jesus auftauchte, strahlend beleuchtet von einer unsichtbaren Lichtquelle, die rechte Hand segnend erhoben. Er sah mich liebevoll an und in diesem Moment war alles gut. Als ich Oma verzückt mitteilte: „Oma, Oma, da ist der Jesus!“ war er schon wieder verschwunden und Oma schalt mich der Ketzerei. Aber ich hatte Jesus wirklich gesehen. Richtig und leibhaftig. Aus. Basta.

Anschließend zog Oma mich aus, wusch mich gründlich, der Schlafanzug wurde angezogen und nach dem Zähneputzen tapste ich, von Oma begleitet, ins Schlafzimmer. Ich schlief meistens bei Oma, bei den Eltern war es zu unruhig, außerdem fand mein großer Bruder fast immer einen Grund mich zu verhauen. Meine Mutter griff nie ein, sie sagte nur lapidar: „Du wirst es schon verdient haben!“ Papa verbot es Bernd sehr streng mich noch einmal anzufassen, das wirkte insoweit als er mich nicht mehr schlug oder an den Haaren riss, aber er hörte nicht auf mich zu trietzen. Unruhige Nächte waren vorprogrammiert. Bei Oma schlief ich in Opas Bett; Opa, der schon über zwanzig Jahre tot war, bevor ich auf die Welt kam. Oma wärmte das Bett mit einer Kupferwärmpfanne vor, so dass ich mich unter einem dicken warmen Federbett einmummeln konnte. Dann musste ich noch das letzte Gebet des Tages aufsagen: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen, als Jesus allein.“  Manchmal tauchte auch noch Jesus auf und da konnte ich ruhig und friedlich einschlafen.

Elisabeth Vogel

Donnerstag, 11. August 2016

WEITER HIMMEL

Hier in diesem kleinen Ort mit dem wunderlich slawisch geprägten Namen Wüsteneutzsch war er dann doch wieder auf seinem Heimathof gelandet, als die Odyssee aus Wehrdienst, sechsjährigem Kriegseinsatz und Gefangenschaft vorüber war, - der junge Rudel. Gerade mal 27 Jahre alt, hatte er fast ein Drittel seines Lebens dem Volk oder besser dem Führer seines Volkes opfern müssen. 

Angeschlagen, verwundet, aber noch so weit gesund, dass er Lebensmut aufbringen konnte, wollte er das Anwesen der Familie wieder hochbringen. Mit seiner Hanne werde er schon die Ärmel aufkrempeln. Die fremdelte zwar noch mit ihm, der ja als Ehepartner die längste Zeit gar nicht bei ihr hatte sein können, aber das würde sich schon noch geben, wenn es aufwärts ging. Mit gerade mal zwanzig war sie von Rudel geschwängert worden und erlebte ihn dann nur noch bei wenigen kurzen Heimaturlauben. Die meiste Zeit musste sie allein die kleine Tochter aufziehen, mit der Schwiegermutter auskommen lernen, die Fremdarbeiter in der Landwirtschaft anleiten und, und, und......, sie, die ja aus der Stadt stammte und keinerlei Erfahrung mit so einem Hof hatte.

Wüsteneutzsch liegt in der Leipziger Bucht, wo für uns Westler der Osten beginnt, obwohl man ja noch in Mitteldeutschland ist. Aber hier wird das Land so flach und der Horizont öffnet sich so schrankenlos weit, dass du immer eine Einladung ins endlose Nirgendwo spürst, zumal der Wind und die in hohem Bogen gestaffelten Wolken dich noch zusätzlich dorthin ziehen. Es gibt nur kleine Baum- und Buschgruppen in mächtigen Feldarealen, Wege und Straßen scheinen sich zu verlieren  und die kleinen Orte heißen Lennewitz, Tollwitz, Mücheln oder Kreypau und könnten in ihrer Backsteingeometrie jederzeit woanders in diese Ebene hingewürfelt werden.

Das junge Paar hatte wenig Abwechslung bei all der Arbeit eines Neustarts, der unter völlig neuen gesellschaftspolitischen und ökonomischen Bedingungen geschehen sollte, die noch keiner wirklich durchschaute. Ich weiß aus Berichten nur von einem Luxus, den sie sich regelmäßig gönnten, dem Kinobesuch im benachbarten Kreisstädtchen. Ob die DEFA damals so kurz nach dem Krieg schon Filme produzierte, ist mir unbekannt. Dann müssen sie sich wohl sowjetische Filme angetan haben, mit denen die Besatzungsmacht ihre Zone sicher versorgte, oder es gab aus dem alten Deutschland doch auch ein paar ideologisch unbedenkliche Produktionen. Egal, die Hauptsache war ihnen wohl, überhaupt ins Kino gehen zu können.

Ich stelle mir vor, wie sie rannten und sich lachend sputeten, weil sie wegen der Arbeit spät dran waren. Im Laufen wurden sie trotz vorheriger Mattigkeit wieder frisch und stark, wie es sich für junge gesunde Leute gehört. Auf dem Heimweg war endlich Gelegenheit für Ruhe und Entspannung. Sie redeten über den Film, über die Kinobesucher, die sie kannten oder nicht; jetzt war endlich etwas Zeit für offene Fragen, Zweifel und spontane Äußerungen und natürlich für Träume, Annäherung. Rudel umarmte Hanne, sie spürten ihre Körper, sie wollten das. Sie leisteten sich ein Schlendern und ließen ihre Blicke in die weite Landschaft gleiten. Das allein reichte schon aus, um ihre Seele zu glätten und ihre Stimmen weich zu machen. Aber ein noch schöneres Geschenk war es, dass von dem sich verdunkelnden unendlich weiten Horizont eine Melodie zu ihnen herschwang, kaum hörbar, aber in ihrem Rhythmus deutlich zu spüren: Wei-ter, wei-ter, wei-ter-gehen. Und es dauerte nicht lange und sie glaubten ganz fest, dass sie die politischen Umwälzungen, die tiefen Verunsicherungen aushalten werden, dass ihr Fleiß eine feste Grundlage sein könnte, dass Hannes Fremdeln nach so langer Kriegstrennung wie von alleine schwinden werde. Rudel spürte plötzlich, dass sie ihre Ängste, die sie immer wieder schüttelten, überwinden werde, und Hanne glaubte, dass er seine aggressiven und cholerischen Ausbrüche einstelle. Plötzlich stand sogar unausgesprochen für sie fest, dass sie noch ein Kind zeugen wollten.

Aber in den Jahren, die kamen, wurde es nicht leichter für sie, im Gegenteil, ihre Lebensbedingungen wurden härter und belastender als sie es sich  jemals vorgestellt hatten.
Sieben Jahre mühten sie sich.

Dann mussten und wollten sie gehen. In den Westen. Bereit, einen weiteren Neustart zu versuchen.

Den Osten und seinen Himmel, den weiten, ließen sie hinter sich.  

von Wilfried Christel

Montag, 6. Juni 2016

Verwandlungen

Das mit den Namen war Susi natürlich sofort aufgefallen. Sie hatte schon immer ein Auge für Skurrilitäten – sie, die selbst etwas Koboldhaftes an sich hatte mit ihrer schmalen Gestalt, den kurzen, karottenroten Haaren und dem immer lachbereiten Mund.  Wir kannten uns schon seit Uni-Zeiten und die Jahre schienen spurlos an ihr vorübergegangen zu sein. Sie war unverändert geblieben bis hin zu dem auffallend breiten, erhaben gearbeiteten Ring an ihrem linken Mittelfinger, mit dem sie so gerne spielte und der – wie damals – die Farbe je nach Intensität der Berührung änderte. Ihr Wunschring sei das, hatte sie stets augenzwinkernd erklärt. Dass Susi nun als mobile Reserve an unsere Schule gekommen war, war ein schöner Zufall. Sie lebte in einer bunteren Welt als wir übrigen Zeitgenossen und immer entdeckte sie das Komische einer Sache. So amüsierte sie sich königlich über das nervöse Zucken der Mundpartie unseres Schulleiters, der tatsächlich Haase hieß – mit zwei a allerdings – und eine Vorliebe für Rohkost hatte. Waren seine Ohren nicht ungewöhnlich groß und schmal? Und die Frontzähne auffallend lang? Die Handarbeitslehrerin, eine junge, ungemein zierliche Person mit lebhaftem Temperament und großem Mitteilungsbedürfnis hieß Zeisig und ihre helle, ständig irgendwo zwitschernde Stimme klang, da hatte Susi Recht, wie die des gefiederten Namengebers. Sie amüsierte sich auch über den Hausmeister der Schule, Herrn Malte Mücke, der eine solche Landplage war, dass selbst ich manchmal Mordgedanken hegte; Susi schenkte mir zum Geburtstag eine Fliegenklatsche.

Den größten Spaß aber hatte sie an der Kollegin Dorothea Mietz. Die Biologielehrerin, eine stattliche Mittfünfzigerin mit ordentlich onduliertem, graugesträhntem Haar, vollen Wangen, massigem Doppelkinn und Augen von so blassem Grünbraun, dass sie gelb wirkten, war bei Schülern und Kollegen gleichermaßen unbeliebt. Sie besaß eine träge Üppigkeit, die gemütlich hätte wirken können, wäre nicht ihr prüfender, beinahe stechender Blick gewesen. Auf wen immer sie diese gelben Augen richtete, der fühlte sich bedrängt. Dorothea war eine Einzelgängerin, hielt stets Distanz zu den anderen und konnte ausnehmend übellaunig sein. In ihren Unterrichtsstunden herrschte jedoch disziplinierte Ruhe; ein langer Blick aus ihren Augen genügte, auch den lautesten Klassenclown zur Raison zu bringen. Mit uns Kollegen kam sie leidlich aus, sah man von Steffi Zeisig und dem Hausmeister ab, die Dorothea verabscheute, was beide aber, so glaube ich, gar nicht bemerkten. Susi nannte Dorothea immer die Miesekatze. Wir machten uns hinter ihrem Rücken über sie lustig, alberten herum und benahmen uns nicht viel anders als unsere pubertierenden Schüler.

Nach den Weihnachtsferien fiel uns eine gewisse Veränderung an ihr auf. Sie schien noch ungnädiger geworden zu sein und manchmal lächelte sie böse, so dass man ihre spitzen Eckzähne sah. Außerdem hatte ihre Stimme einen so durchdringenden, schrillen Klang angenommen, dass sie schmerzte. Hin und wieder gab sie leise, rollenden Kehlgeräusche von sich, die wohl Zufriedenheit ausdrückten. Außerdem, vielleicht eine Folge der Wechseljahre, wuchs ihr ein Damenbart, der sie aber nicht zu stören schien, und sie wurde immer träger.

An einem frühen Nachmittag im Januar fand ich sie zusammengerollt und leise schnarchend auf dem Besuchersofa des Besprechungszimmers.  Sie erwachte, als ich die Tür etwas unnötig laut schloss und starrte mich aus unergründlichen gelben Augen an. Dann gähnte sie ungeniert und kratzte sich hinter dem Ohr. Erstaunlich behände für ihr Gewicht rollte sie sich vom Sofa, dabei rutschte ihr Rock etwas hoch und für einen Moment blitzte etwas graumeliert Felliges darunter hervor. Ich murmelte eine Entschuldigung und verließ hastig den Raum. Was für eine merkwürdige Person!
Am nächsten Tag – ich war schon sicher, dass mir meine Phantasie einen Streich gespielt hatte – fehlte Steffi Zeisig. Ihre Klasse im Handarbeitsraum  blieb verwaist, ihr Platz im Lehrerzimmer leer. Zu Hause war sie nicht, niemand wusste irgend etwas. Die Suche und alle Ermittlungen blieben erfolglos. Sie war einfach unauffindbar. Nur ein paar Federn lagen vor ihrem Schrank im Lehrerzimmer und ich glaubte mich vage an den fedrigen Schmuck zu erinnern, den sie die letzten Tage getragen hatte. Dorothea Mietz sah zufrieden aus. Leise rollten ihre Kehlgeräusche.

Die Mundpartie des Rektors zuckte im Rekordtempo - die unbesetzte Stelle machte ihn im Gegensatz zu den Schülerinnen unglücklich – und sie drohte vollends zu entgleisen, als drei Wochen später der Hausmeister Mücke verschwand; spurlos kann man sagen, nicht einmal Federn blieben zurück. Diesmal sah nicht nur  Dorothea zufrieden aus. Herr Mücke war sehr unbeliebt gewesen. Aber es lagen nun eine gewisse Spannung in der Luft und Verwirrung, nur Susi lächelte ihr Koboldlächeln und Dorothea schien noch dicker geworden zu sein.

Und dann kam es Schlag auf Schlag. Innerhalb der nächsten vier Wochen verschwanden Ronny Raatz aus der 7b, Lisa Bien aus der 8a, Jonas Hecht und David-Lion Wurm aus der 8b, Felix Krauthahn aus der 8c und Till Meislein aus der 9b. Sie blieben unauffindbar. Lisa hinterließ eine Sammlung Bonbonpapierchen, von Felix blieb ein schäbiges Lederarmband und von Till ein unter seinen Sitz geklebtes Pornoheft minderer Qualität. Ein paar Kinder wurden aus der Schule genommen und Susi bemerkte, gedankenverloren an ihrem Ring spielend, dass die gelichteten Reihen das Unterrichten erleichterten. Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Leider erkrankten drei Lehrkräfte. Siglinde Lammarsch und Hanna Igelhaut litten unter nervösen Magenbeschwerden und Hans-Detlev Falter an nicht zu kontrollierenden Zuckungen der Schultergelenke. Rektor Haases Tick verschlimmerte sich. Seine Bewegungen wurden ruckartiger, sein Gang hoppelnd. Die Mundpartie zuckte ohne Unterlass. Einmal traf ich ihn im Lehrerzimmer, die Augen gerötet, nervös an einer Möhre kauend. Frau Reitersperger, die Sekretärin, die ihr Missfallen stets durch lautes Schnauben kundgetan hatte, lief immer lauter klappernd durch die Gänge; war sie in Eile, hörte man deutlich einen Dreitakt. An einem schwülen Julinachmittag fand ich die beiden Referendare Udo Finkenstein und Anette Möller-Taubeschön auf dem Dachrand des Fahrradunterstandes hockend, unten stand Dorothea Mietz, angespannt schweigend nach oben starrend. Sie warf mir einen missmutigen Blick zu und verließ wortlos den Schulhof.

Das Schuljahr endete mit einem letzten Verlust – eine der Putzfrauen, Frau Olm, ertrank auf dem Heimweg in alkoholisiertem Zustand  im nahegelegenen Bach – und mit Susis Abschied. Das Kultusministerium hatte ihren Einsatz in Altötting angeordnet, was sie mit heiterer Gelassenheit  hinnahm, wie jede Veränderung in ihrem Leben. Am Tag nach der kleinen Ausstandsfeier fand ich ihren Ring, mit dem sie so gerne spielte, in meinem Schrankfach. Ich rief sie an, aber ihr Handy-Anschluss war nicht erreichbar. Ich wollte den Ring auf dem Heimweg in ihrem Briefkasten werfen, doch als ich das Haus im Drudenweg erreichte, fand ihn zugeklebt. Auch ihr Klingelschild war entfernt. Die Nachbarn wussten nichts. Ein wenig ratlos ging ich nach Hause.

Das ist jetzt fast drei Monate her und das neue Schuljahr hat in seinen Rhythmus gefunden. Alles geht seinen Gang, die beiden Referendare ergänzen das Lehrerkollegium, die Schülerzahlen sinken nicht weiter. Rektor Haase sieht erholt und gelassen aus, Frau Reitersperger hat zu ihrem maßvollen Zweitakt zurückgefunden und schnaubt nicht mehr. Nur Dorothea Mietz sieht schlecht aus. Sie ist abgemagert und etwas schreckhaft geworden. Haase, immer voller Mitgefühl für sein Kollegium, regte schon einen Antrag auf vorzeitigen Ruhestand an, mindestens aber eine längere Kur. Ob Susi in Altötting ist, weiß ich nicht. Ich konnte sie nicht mehr erreichen und an die Schule wollte ich den Ring nicht schicken. Ich habe kräftigere Finger als sie und der Ring passt mir nicht, aber weil er ein schönes Erinnerungsstück ist, trage ich ihn an einem Lederbändchen um den Hals – jedenfalls manchmal. Und wenn ich in Gedanken mit ihm spiele, verfärbt er sich. Vielleicht … aber ich will meine Gedanken hüten. Der neue Hausmeister heißt Hundt und manchmal denke ich, er hat ein Auge auf Dorothea geworfen.

27.05.16
Sonja Meier

Stoff für Legenden

Der Alte stand mit seinem Urenkel am Rand der riesigen Ebene. Seine vier Augenpaare, von denen eines bereits erblindet war, blickten ins Grenzenlose, seine sieben noch verbliebenen Beine zitterten leicht. Der Urenkel, der es eilig hatte, wieder in heimische Gefilde zu kommen, räusperte sich: „Großväterchen ... warum bleibst du eigentlich jeden Tag an derselben Stelle stehen? Ich begleite dich ja gern auf deinen Spaziergängen, aber ... hier gibt es doch absolut nichts zu sehen. Komm, lass’ uns nach Hause gehen.“
„Absolut nichts“, wiederholte der Alte mit dumpfer Stimme. „Du hast vollkommen recht, mein Kleiner. Und doch ...“ Er bedeutete dem Jungen, näher zu kommen. „Und doch befand sich hier einst das Reich deiner Vorväter. Du siehst hier nur Leere, doch ich erblicke vor meinem geistigen Auge die verlorene Heimat. Genau hier, wo wir jetzt stehen, befand sich einst das prächtige, makellose Netz der Königin Aruna. Von hier aus konnte sie alles überschauen - die Gespinste ihrer Untertanen, die Kokons mit den Jungen, die beutereichen Gebiete nahe der Großen Helle...
Sie war eine gute und gerechte Königin, die ihre Prinzgemahle nur höchst selten auffraß. Unter ihrer Herrschaft hatten wir ein sorgloses Leben. Wir erneuerten unsere Netze stetig, unsere ausgebauten Verkehrswege suchten ihresgleichen, und einige waghalsige Eroberer drangen mit ihren Webkünsten in nie zuvor erreichte Tiefen hinunter. Beute gab es immer genug, und feindliche Stämme wagten sich kaum je in unsere Nähe. Es war eine Zeit, in der Kunst und Kultur gedeihen konnten, und keiner von uns ahnte, dass unserem Glück und unserem Frieden solch ein grausames Ende bevorstand.“
Der Alte schwieg, seine Augen schimmerten im trüben Licht.
„Was ist denn passiert, Großväterchen?“, wollte der Junge wissen. „Zu Hause spricht niemand über diese Zeit, und wenn man fragt, wird man nur böse angestarrt. Bitte erzähl’ es mir, sonst tut es keiner.“
Die Mundwerkzeuge des Alten bewegten sich eine ganze Weile lautlos, bevor er heiser krächzend fortfuhr: „Ich war damals jung, unbekümmert - und verliebt. Meine Auserwählte war Ilara, die schönste der vielen Töchter von Königin Aruna. Wir hatten uns gerade erst unsere Liebe gestanden, und da sie so freundlich gewesen war, mich nach unserer ersten Vereinigung am Leben zu lassen, hatte ich mir geschworen, ihr für den Rest meines Lebens treu zu folgen.
An jenem schwarzen Tag begann das Verhängnis mit einem entfernten Summen, das unsere Behausungen erzittern ließ. Königin Aruna sammelte unter Hochdruck ihre Gefolgsleute um sich und ordnete Gefechtsbereitschaft an. Ich erinnere mich noch an ihren flammenden Appell: „Tapfere Arachniden! Egal, wie zahlreich die feindlichen Horden auch sein mögen, steht fest zusammen, dann werden wir siegen!“
Der Rest ihrer Ansprache ging im lauter werdenden Dröhnen unter. Dann sahen wir das Monster.“
Der Alte hielt inne und atmete eine Weile schwer. bevor er weiter erzählte: „Es war unermesslich groß, schimmerte silbrig und brüllte ohrenbetäubend. Es war ein Feind, der unsere schlimmsten Alpträume bei weitem in den Schatten stellte. Zunächst stürzte sich das Ungetüm auf unsere Gespinste bei der Großen Helle und fraß einfach alles, was ihm vor sein grässliches Maul kam. Es war unersättlich.
Unter unserem Volk brach Panik aus, alles rannte schreiend durcheinander. Meine Prinzessin Ilara rief: „Wir müssen fliehen! Mutter! Hier können wir nicht siegen!“
Doch unsere tapfere Königin war bereits mit ihrer Leibwache losmarschiert, um sich der Bestie in den Weg zu stellen. Bald verschwand sie hinter aufgewirbelten Staubwolken - wir sahen sie niemals wieder.
Ich selbst stolperte in blinder Hast meiner Prinzessin hinterher, die selbst vor Tränen kaum etwas sehen konnte. Zusammen mit einem mageren Häuflein unserer Freunde erreichten wir schließlich die Kolonien im Reich der Dämmerung, deren Bewohner - entfernte Verwandte, die in ärmlichen Verhältnissen lebten - uns eher widerwillig aufnahmen.
Noch lange, nachdem das Monster verstummt und verschwunden war, saß uns das Entsetzen in den Gliedern. Erst nach geraumer Zeit konnten Ilara und ich uns entschließen, den Ort des Grauens wieder aufzusuchen. Beim Anblick der blendend weißen Leere wurde uns klar, dass es für uns kein Zurück mehr gab.“
Der Junge stand eine Weile still und schaute über die Ebene. Dann atmete er einige Male tief durch und sagte: „Was für eine schreckliche Geschichte. Aber Großväterchen - lass’ uns jetzt nach Hause gehen, du musst dich ausruhen. Komm ... im Reich der Dämmerung sind wir wenigstens sicher.“

Die junge Frau schenkte ihrem Mann noch Kaffee nach. Dann reichte sie ihm die Zuckerdose und sagte mit einschmeichelnder Stimme: „Liebling ...?“
Der Mann stöhnte leise und lachte dann: „Was soll ich machen? Rasen mähen? Hecke schneiden? Schränke rücken? Ich kenn’ doch den Tonfall.“
Die Frau begann zu schmollen, und so dauerte es eine Weile, bis sie ihr Anliegen zur Sprache brachte: „Weißt du, Liebling, wir haben doch letztes Jahr die Waschküche renoviert, Wie wäre es, wenn wir uns heuer den Heizkeller vornähmen?“


von Pia Winkler

Pias Limericks 2

Ein Kurarzt aus Bad Reichenhall
fand seine Methode genial:
Er piekste die Kranken
in Beine und Flanken
und heilte damit Haarausfall.


Die Stücke von Friedrich von Schiller
sind schon ab und zu Stimmungskiller.
Doch seid nicht gemein
und räumt es ruhig ein:
Die „Glocke“ ist fraglos ein Knüller!


Es war so ein Typ namens Peter
nicht größer als anderthalb Meter.
Er rief: „Ich bin kurz,
doch ist mir das schnurz!
Dann werd’ ich halt Stelzenvertreter!“


Ein Autobesitzer aus Neuss
vergötterte seinen Rolls Royce.
Er pflegte den Karren
mit Tee aus Zigarren
und pries den Effekt des Gebräus.


Ein Forscher am Ende der Welt,
der hatte zum Forschen kein Geld.
Er übte sich schlicht
im Nahrungsverzicht
und schlief auch bei Schneesturm im Zelt.


Ein Mädchen, genannt Aschenbrödel,
das hatte genug vom Gerödel.
Trotz Erbsen und Linsen
gewann sie den Prinzen.
Zur Hochzeit gab’s Braten mit Knödel.


Es sollte ein Junge aus Polen
dem Vater ein Kellerbier holen.
Er kehrte nicht wieder
und sang grölend Lieder –
da musst’ ihn der Papa versohlen.


Ein Biertrinker muss auf der Wies’n
beim Biertrinken andauernd niesen.
Nach vier, fünf, sechs Maß
ruft er: „Irgendwas
fängt an, mir den Spaß zu vermiesen!“


Es färbte ein Hase ein Ei
und malte darauf allerlei
mit Tusche und Feder –
das kann ja nicht jeder!
Doch Ostern war lang schon vorbei.

von Pia Winkler

Freitag, 8. April 2016

Biergarten G'Spusi

Der Wastlhuber wohnt mit seinem Kumpel Axel in einer WG mitten in der Südstadt. Die liegt zwischen Rednitz und Pegnitz, zwischen Erlangen und Nürnberg, also in Fürth.
Beide mögen das weibliche Geschlecht. Das ist ihnen allerdings vor einiger Zeit abhandengekommen. Axels Frau ist mit Sack und Pack ausgezogen. Übrig blieb nix als Leere und hallende Räume.
Dann sind sie sich begegnet. Sie können sich von Anfang an gut riechen. Nach zwei, drei Treffs fragt Axel ihn, ob er bei ihm einziehen wolle. Darüber braucht er gar nicht nachzudenken, haust er doch in einer ziemlich schäbigen, kargen wie kalten Unterkunft. Vergitterte Monotonie.

Das WG-Leben klappt prima, sogar auf Arbeit teilen sie sich ein Büro. Vorher war der Herr Wastlhuber arbeitslos und musste immer alleine rumhängen. Dass sein Kumpel hier und da den Chef raushängen lässt, stört ihn aber nicht. Den Part überlässt er ihm gerne, wenn er meint.

Ihr Highlight des Tages, auch in Sachen Mädels abchecken, beginnt nach Dienstschluss. Kein lauer Abend, kein Wochenende ohne einen Abstecher zum Lieblingsbiergarten mit Kicker drinnen und herrlichem schattigem Garten draußen. Hier bedienen flotte, junge Leute. Auch eine Augenweide. Eine der Kellnerinnen nennt ihn leger „Wastl“ und stellt ihm ungefragt ein Wasser und ein Schnitzel hin. Das ist ein Service. Während er das eine unverzüglich verschlingt und das andere genüsslich schlürft, scannt sein Kumpel derweil über seinen Bierschaum hinweg die weiblichen Gäste ab. Er schafft es auch jedes Mal, dass sich eine zu ihnen gesellt. Da ihre Geschmäcker diesbezüglich völlig unterschiedlich sind, kommen sie sich nie in die Quere.
Schaut sein Kumpel ihn mit diesem Blick „du störst“ an, verdrückt sich Herr Wastlhuber freiwillig in den hinteren Teil des Biergartens. Direkt an der Mauer steht eine große, alte Kastanie, die ein wenig das Getümmel abschirmt. Da sitzt er dann einfach still und stumm da. Die Blätter rascheln sanft und lassen nicht so viel Sonne durch. Die ganze Woche im stickigen Büro zwischen Tätigkeit und Untätigkeit erschöpft ihn. Er ist halt eher der Typ für draußen an der frischen Luft. Aber den Arbeitsplatz kann man sich heutzutage nicht aussuchen.

An einem Freitag sitzt der Wastlhuber wieder an seinem Stammplatz und sinniert durch den alten Kastanienbaum nach oben. Weiß und blau wie der Himmel und weiß und blau wie die Servietten auf dem Tisch. Tief schnauft er durch und beobachtet seinen Kumpel beim Anbaggern einer Neuen. An der ist fast nichts echt. Von der Farbe im Gesicht, über die Haare bis zu den Nägeln. Letztere extrem lang. Schon die Vorstellung sich von so einer anfassen zu lassen. Er muss sich kurz schütteln. Außerdem scheint sie schlecht bei Kasse zu sein. Sein Kumpel lässt sich ihre Brotzeit und die Maß auf seinen Bierdeckel schreiben. Das macht er sonst nie. Und ihr Rock, sparsam kurz, den hätte sie gleich weglassen können. Seinen Kumpel scheint das nicht zu stören. Er nimmt sie sogar mit nach Hause. Herr Wastlhuber verzieht sich schnurstracks und beschäftigt sich mit sich selbst. Er kann prima abschalten.

Am nächsten Tag hocken Axel und Miss Sparrock wieder zusammen bei Bier und Radler und schlecken sich ab. Na ja, wie der Abend enden wird, ist überschaubar.
Der Wastlhuber macht es sich auf seiner Lieblingsbierbank bequem und träumt vor sich hin ohne Gefühlsduselei. Plötzlich registriert er einen Schatten, der über ihn huscht. Ein zartes Wesen schwebt auf leisen Sohlen die paar Stufen zum hinteren Teil des Biergartens hinunter. Kommt auf ihn zu. Ein dunkler, südländischer Typ ist sie mit langem, seidigem Haarkleid. Ohne inne zu halten, wirft sie ihm einen verschleierten Blick aus großen, grünen Augen zu. Ganz kurz. Dann hebt sie ihren Kopf und schreitet an ihm vorbei, als sei er Luft. Fast hätte er sich verschluckt. Er springt auf, dass die Bierbank wackelt, lugt um den Baum herum, aber sie ist bereits verschwunden.
Erschöpft lässt er sich wieder fallen. Die nette Kellnerin, die immer Wastl zu ihm sagt, hat sie wohl beobachtet.
„Das ist Habibi. Sie konnte aus dem Süden gerettet werden. Sie wohnt jetzt bei uns.“ Ungefragt stellt sie ihm ein weiteres Schnitzel hin. Vom Süden in die Südstadt, wenn das kein Omen ist. Er kann nur nicken und vergisst glatt zu essen, zumindest für einen kleinen Moment.

Am Folgetag gibt es eine Überraschung. Axels Rockflamme ist nicht alleine gekommen.
„Ihre Mitbewohnerin“, flüstert er dem Wastlhuber zu und besteht darauf, dass er sich zu ihnen setzt. Höflich, mit einem gewissen Abstand, platziert er sich neben seinem Kumpel. Schließlich weiß er, was sich gehört.

Susi heißt die aufgeschneckte Mitbewohnerin und ist auch sonst der gleiche Typ wie ihre Kumpanin. Ponyfransen, die die Augen verdecken und zu allem Überfluss eine alberne Schleife auf dem Kopf, die wohl den Haarwust zusammenhalten soll. Ihre Nägel sind auch zu lang. Beide Mädels verbreiten Düfte, die den Wastlhuber schwindlig machen, aber nicht so wie sie es gerne hätten.
Da findet ein echt betörendes Aroma den Weg in seine Nase. Aus den Augenwinkeln erkennt er Habibi ein paar Reihen weiter hinten alleine in der Sonne sitzen. Ihre exotische Erscheinung hebt sich von der Form des bayerischen Rautenmusters der Tischdecke ab. Noch nicht einmal das kann sie entzaubern. Ganz entspannt sitzt sie da. Ihre Augen lasziv halb geöffnet und doch spürt der Wastlhuber, dass sie zu ihm herüberlugt. Susi folgt seinem Blick.
„Noch so eine. Die hat hier nichts zu suchen“, schnappt sie mit fistelnder Stimme.
„Sie ist aus dem Süden.“ Als würde die Aussage Habibis Andersartigkeit erklären.
Sparrock und Susi drehen ihr demonstrativ den Rücken zu und werfen die Haare synchron nach hinten. Ohne einen Ton von sich zu geben, streckt der Wastlhuber sich kurz, steht grußlos auf und eilt geschwind zu seinem Stammplatz ins hintere Eck des Biergartens.
„Herr Wastlhuber!“, ruft sein Kumpel hinter ihm her. So nennt er ihn nur, wenn er richtig sauer ist. Ihm doch egal, er hätte ja auch mal was sagen können, statt seiner Dame andauernd auf den nicht vorhandenen Rock zu glotzen.

In der Männer-WG hängt der Haussegen etwas schief. Anscheinend hat’s mit der Kurzrockfrau nicht geklappt. Axel verweigert den Biergarten und verbringt die Abende vor der Glotze, während sich Wastlhuber rausschleicht und alleine loszieht. Na, wohin wohl? Da braucht man nicht lange herumraten.

Ein paar Tage später hört der Wastlhuber am frühen Morgen seinen Kumpel wie gewohnt rumoren. Schlafzimmertüre, Bad, Küche, Kaffeemaschine. Es dauert nicht mehr lange, bis er ins Wohnzimmer kommt. Nun ist der Wastlhuber doch ganz schön nervös. Was wird er wohl sagen, wenn er sie beide hier sieht? Er kuschelt sich noch ein wenig enger an Habibi und bekommt als Reaktion ein wohliges Schnurren tief aus ihrer Kehle.
So im Halbdunkeln sind sie beide kaum voneinander zu unterscheiden. Er, fast ganz schwarz mit ein paar hellen Stellen auf der Brust und sie dunkelbraun mit helleren Streifen, die ihre stromlinienförmige, zarte Gestalt noch mehr unterstreichen und betonen.

Axel betritt das Wohnzimmer und lässt seinen Blick über die Kissen schweifen. Dann entdeckt er sie beide. Perplex starrt er von ihr zu ihm, wie sie verkeilt beieinander liegen. Seinem Kumpel verschlägt es schier die Sprache. Vorsichtig wedelt Herr Wastlhuber mit seinem buschigen Schwanz, schenkt ihm seinen unwiderstehlichsten Dackelblick aus treuen, braunen Augen. Habibi drückt sich fester an ihn. Sprungbereit sie, kampfbereit er. Wenn‘s sein muss, lässt er den Wolf aus sich raus.
Axel kommt langsam näher, geht in die Knie.
„Wer bist du denn?“ fragt er nach wie vor verdutzt und schüttelt ungläubig den Kopf. Langsam hebt er seine Rechte und hält sie Habibi hin. Vorsichtig macht sie einen langen Hals, schnuppert kurz und zieht sich schnell wieder zurück.
„Wastl, Wastl, nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass du auf Katzen stehst“ und krault ihn hinter den Schlappohren. „Da haste dir 'ne entzückende Mieze im Biergarten angelacht“, ergänzt er und tätschelt seinen Kopf. Erleichtert schleckt der Wastlhuber ihm über die Hand.
Als sein Kumpel in die Küche geht und zwei Näpfe Futter fertig macht, weiß der Wastlhuber, dass seine Habibi auch hier einziehen darf. Jetzt fehlt nur noch eine passende Frau für seinen Kumpel. Sie werden im Biergarten schauen, da findet sich schon was.

© Frau Gunkelberg 01/16