Montag, 19. Dezember 2016

Papier


Schreibzeit! Von 20.00 Uhr bis 21.00 Uhr wird geschrieben. Jawohl! Die Geschichte muss endlich zu Papier. Weiß und blank liegt es vor mir, nun nicht wirklich weiß, umweltfreundlich-recyclinggrau und liniert, aber unberührt rein, so lächelt es mich einladend an. Ich setze mich aufrechter hin, spiele mit dem Stift, drehe ihn langsam zwischen Mittelfinger und Daumen hin und her. Da fängt der Heizkörper an zu schlagen, ein hartes, metallenes Bing! Kurz darauf ein weiteres, lauteres, dann das nächste. Ich zähle die Sekunden zwischen den Bings: eins, zwei, drei, Bing! Nach vier Bings ein Bing-bing. Mein Gott, ist das nervtötend. Ich stehe auf, drehe kurz und schnell das Ventil nach rechts, links, nochmal etwas nach rechts. Das Bing! wird zum Knackgeräusch. Also setze ich mich wieder an den Schreibtisch und ziehe die Kappe vom Stift. Das weiße, unberührte Papier blickt aufmunternd zu mir auf.
Der Titel! Ich bin unschlüssig. Na ja … dann – dann nehme ich eben einen Arbeitstitel: Gefühle. Ist schließlich die Aufgabe. Also, der Anfang. Der erste Satz ist wichtig. Eigentlich weiß ich ja, was ich erzählen will, ich sehe die Protagonisten, den Ort der Handlung, sogar, dass die Sonne scheint (noch!). Aber dieser erste Satz! Rotwein. Die Inspiration des Geistes. Ich lege den Stift wieder weg und gehe zum Weinschrank. Die Domina oder den Schwarzriesling oder doch lieber einen Südfranzosen? Nein, lieber etwas Geradliniges, die Domina. Tiefes Dunkelrot, aber ohne blaue Reflexe, dezenter Duft nach Johannisbeeren, vollmundig, ein wenig Kirsche im Abgang. Wunderbar. Ich stelle das Glas auf das Bord über dem Schreibtisch und greife wieder nach dem Stift. Das leere, recyclingweiße Papier blickt mich auffordernd an.
Also der erste Satz. Vielleicht so: Nun hatte sie die Ananas doch vergessen! Aber wie heißt die, die das denkt, die Zerstreute, Abgelenkte? Ein weicher Vorname muss es sein, hell, keinesfalls Dagmar etwas oder Marianne. Sigrid eventuell oder Eva oder Elfi. Elfi ist gut, eine zarte Frau, die beschützt werden will, Ende vierzig, Anfang fünfzig, nicht sehr selbstständig. Er, das Gegenstück, ein zur Ironie und Jähzorn neigender Tyrann, deutlich älter als sie, Herr im Haus. Unbedingt ein dunkler Name, Hubert, Rudolf? Nachdenklich genieße ich einen Schluck Rotwein, stehe auf und hole mir die Zeitung. Die Todesanzeigen sind ein Quell von Namen aller Generationen.  Alfred, Ekel Alfred, zu albern; Lothar, Wendelin, Johannes? Johannes hat eine gewisse Schwere, nicht schlecht …Ha! Im Kapitalmarkt inseriert jemand um ein Darlehen von 50000.--€ für ein Jahr. Sicherheiten nach Absprache. Das stinkt doch zum Himmel!
Also, die Namen. Johannes oder doch lieber Hubert. Hubert – kann ich schließlich immer noch ändern. Ich schreibe drei Sätze, sie sind schlecht. Ich streiche sie wieder, fange nochmal an, aber es will nicht werden. Die Personen sträuben sich, wollen nicht agieren, werden starr und blass und seltsam fremd. Ich streiche wieder durch, wende das Blatt und greife nach dem Rotwein. Das Glas ist leer, jetzt schon, unfassbar! Das  leere Papier starrt mich mahnend an. Ich male einen Kelch an seinen Rand, langer Stiel, halb gefüllt. Nein! Kein weiteres Glas Rotwein. Zuviel Alkohol stört die Fokussierung der Gedanken. Schokolade! Nobelbitter mit Chili und doch noch einen winzigen Schluck Rotwein, nur weil es so gut zusammenpasst. Ich lasse die Schokolande langsam im Mund schmelzen, genieße ihre Schärfe und male Blüten an den Papierrand, dann eine kleine Katze, ganz leicht in einem Zug, ohne abzusetzen. Sie kneift mir ein Auge zu. Der Kater auf dem Sofa wittert Konkurrenz, streckt sich, macht einen respektablen Buckel und tatzt geschmeidig näher. Ein kurzer, abschätzender Blick und schon sitzt er auf dem Papier, das mich unter dem Katzenfell vorwurfsvoll anglotzt. Der Kater schnurrt ungerührt und ich male noch ein paar Blümchen an den Rand. Vielleicht sollte die Beziehung doch nicht so alt sein und die Protagonisten jünger, noch nicht in Routine erstarrt und es ist ein unwirtlicher November. Novembergrau, ideal für Trennung und Abschied. Befreiung? Das geht im November genauso. Ich bade Schokolade in meinem Mund in Rotwein, male Haus, Baum und Strichmännchen auf den Papierrand und streichle mit der Linken den Kater, der sich jetzt auf dem Papier zusammengerollt hat. Das glotzt nun nur mehr einäugig, dafür unverhohlen drohend. Du drohst mir?! Das sollst du mir büßen! Was glaubst du, was du bist, du windiger Fetzen? Du bist nicht länger weiß! Ich kritzle Linien, Kreise, Schraffuren, Wellen, alles kreuz und quer und schön schwarz. Dann zerreiße ich den Fetzen, zerknülle die Teile zu zwei Kugeln. – Da Kater, spiel sie zu Tode!! Der bewegt sich nicht und schaut mich kryptisch an. Oder sehe ich da einen Tadel in den graugrünen Augen? Vor mir kichert das leere Schokoladenpapier.

17.11.16
Sonja Meier

Die besten Jahre

Alt sind wir geworden, beide; die besten Jahre
Vergangenheit. Deine weißen Stichelhaare auf Stirn und Flanke,
Graue Fäden in meinem schütter werdenden Haar.
Aber manchmal, wenn du deine Mähne schüttelst, wie früher
Auf dem Weg zur Höhe, dort, wo die einsame Kiefer stand,
Wächterin am Tor des hohen Himmels,
Da fühl‘ ich es wieder - das Leben und deine Kraft
Unter mir im Galopp, unbändig, jung,
im Dreitakt der Freiheit!
Verbunden waren wir, ja verwachsen; ich vertraute dir
Blind, wenn der Wind mir die Tränen in die Augen trieb und
Was ich dachte, tatest du, ehe es zu Ende gedacht.
Damals gehörte uns die Welt, gehörte uns das Gras
Unter deinen Hufen, gehörte uns der Himmel und alles,
Was dazwischen lag, im Sommer unserer Leben.
Später, in dem Jahr, in dem ich entschied,
Deinen Sattel wegzugeben, fällten sie die Kiefer auf der Höhe;
Alt soll sie gewesen sein und morsch.
Und heute, wenn ich mich manchmal noch, einem Übermut folgend,
Auf deinen bloßen Rücken setze, vorsichtig nun und ein wenig fragend,
Sagst du: mach‘ es gnädig und bedenke die Futterzeit.


20.09.16
Sonja Meier

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Großmutters Küche


Wenn ich Oma denke, denke ich sofort an ihre Küche. Großmutters Küche war Omas Reich und mein Zuhause. Oma war der Dreh- und Angelpunkt meiner Kindheit und die Küche war der Ort, wo Großmutter sich meistens aufhielt, also war  diese Küche mein meistens sicherer Ort. Der Tag fing hier an und hörte hier auf. Alles Wichtige in meiner Kindheit spielte sich hier ab. Und diese Küche hat mich nie verlassen, Großmutter natürlich auch nicht, aber das wird dann eine andere Geschichte. Diese Küche ist eingebrannt in meinem Gedächtnis, sie verändert sich nie. Hier war ich umsorgt und geborgen. Die Welt war ausgesperrt.  Auch wenn ich dement werde, wird sie da sein. Der sichere Ort meiner Kindheit. Auch auf die Gefahr hin, den möglichen Leser, die mögliche Leserin zu langweilen, werde ich diese Küche detailliert beschreiben, die Gerüche kann ich leider nicht mitliefern.

Eine ziemlich große, weißlackierte Türe, schon reichlich mit Gebrauchsspuren versehen – heute wäre sie schicker „shabby-style“ – öffnete sich schwergängig zu einem kleinen kompakten Raum, der von einem rechts platzierten Tisch beherrscht wurde. Die Nischen – eine gleich neben der Tür wurde ausgefüllt von einem ebenfalls weißlackierten Stuhl, dessen Sitz mit einem bunten Kissen etwas bequemer gemacht wurde. Über diesem Stuhl war an der Wand ein braunes Brett angebracht, auf dem ein schwarzes Radiogerät aus Bakelit stand. Zwischen der Unterseite des braunen Brettes und der oberen Stuhlkante waren an der Wand ein Herrenhuter Kalender und ein weiterer Übersichtskalender für das ganze Jahr befestigt. Dieser Platz konnte nur von kleinen schmalwüchsigen Personen benutzt werden, war also in der Regel Kindern vorbehalten. Der rechteckige Tisch hatte schwere gedrechselte Beine, an der Vorderseite eine Schublade, die alles Wichtige und Unwichtige enthielt, also das Quittungsbuch für die Miete, der Rentenausweis, die Bibel, ein kleiner Block, echte Bleistifte, an denen man keinesfalls lecken durfte, da man sich sonst vergiftete (blaue Zunge, man wurde immer entdeckt), rote und grüne Kopierstifte – ich liebte sie, weil sie Farben hatten, die sich nicht bei normalen  Buntstiften finden ließen - Eukalyptusbonbons, Gummis, Knöpfe. Ein ganzer Kosmos war zu entdecken. Bedeckt war dieses Monstrum mit einer Wachstuchtischdecke, ebenfalls bunt gemustert, meistens prangten darauf irgendwelche Blumenmotive. An der Wandseite lagen Zeitungen, der Monatsgruß, das Gesangbuch, Medikamente, aber auch ein kleiner Korb mit Strümpfen und Unterwäsche, die gestopft werden mussten. Unter dem Tisch befand sich eine vierbeiniger Hocker – der Platz meiner Großmutter – dessen Sitzfläche sich aufklappen ließ und ein Waschbecken aus Emaille verbarg.

Auf der linken Seite sorgte ein „Allesbrenner“, so genannt, weil man alles bis auf Autoreifen darin verschüren konnte, für Wärme, Essen und saubere Wäsche, vorzugsweise Windeln. Das ökologische Bewusstsein war noch nicht so ausgeprägt. Die Nische zwischen der Tür und dem Ofen war angefüllt mit alten Zeitungen, Holzscheiten und –spänen, Kohlenschütte, Schürhaken, Kohlenschaufel, Eisenheber, um die Ringe der Ofenplatte zu öffnen. Über dem Herd war ein hölzernes Trockengestell angebracht, das zusammenschiebbar war und dann an die Wand geklappt werden konnte, dies passierte aber nur zu hohen Festtagen.  Alles, was getrocknet werden musste, wurde auf diesem Gestell aufgehängt. Auf dem Herd stand sommers wie winters ein rot emaillierter Einwecktopf für die vielen Babywindeln. Neben dem Herd befand sich ein schmales halbhohes Regal auf dem oben ein kleiner Gaskocher mit zwei Kochstellen thronte. In dem Regal hatten Abwaschschüsseln, Pfannen, Spülmittelpulver, Spüllappen, Putzrasch, Ata und Sil ihren Platz. Geschlossen wurde das Regal mit einem zerfallenden Vorhang, der nicht mehr in der Lage war, das Sammelsurium zu verdecken.

Rechts, in der anderen Nische hatte ein ebenfalls weißlackierter Stuhl seinen Platz, genauso verschönert wie sein Pendant auf der gegenüberliegenden Seite. Daran schloss sich ein auch weißlackiertes Küchenbüffet an, bestehend aus einem Unterteil, bezogen mit grün gesprenkeltem Linoleum, darauf das Oberteil, konstruiert wie ein wuchtiger Triumphbogen, also einem offenen Fach. In den seitlichen Säulenteilen befanden sich zwei mittelgroße Gelasse mit Türchen. Abgeschlossen wurde das Oberteil mit einem durchgehenden Kasten, der mit drei Glastüren ausgestattet war und in dem sich Teller, Tassen, Gläser und diverses befand. Diesen konnte ich leider nur mit einem Stuhl erreichen, was Großmutter aber meistens zu verhindern wusste. In den beiden Schränkchen zwischen denen der Brotkasten stand, waren Gewürze, Brühwürfel, Zucker, Mehl, Reis, Nudeln, Graupen untergebracht. In einem dieser Schränkchen musste irgendwann auch Sacharin aufbewahrt worden sein, denn wenn ich meinen Finger befeuchtete und über den Boden strich und ihn dann abschleckte, schmeckte er wunderbar süß. Wenn mich meine Großmutter dabei erwischte, schimpfte sie erst mal heftig, denn das gehörte ebenfalls zu den verbotenen Dingen. Allerdings machte sie die Schimpferei wieder wett, indem sie mir dann einen Eukalyptusbonbon aus ihrer Kirchenhandtasche gab, oder falls welche darin waren, Pfefferminzplätzchen. Das waren die kleinen weißen, die Tabletten ähnelten. Es konnte jedoch passieren, dass sie nach einem längeren Aufenthalt in Großmutters Tasche nach 4711 schmeckten mit einer alles überlagernden modrigen Note.
Zwischen dem Küchenbüffet und der Rückwand der Küche stand eine elektrische Schleuder, die sonntags immer dazu benützt wurde, die geriebenen Kartoffeln „auszupressen“, sie tanzte dann immer herum und mein Vater musste sie festhalten, damit sich die darunter wohnenden Nachbarn nicht beschwerten. Doch, die Schleuder wurde auch zum Wäsche Schleudern verwendet und einmal im Monat für den großen Waschtag musste mein Vater sie in die Waschküche im Keller schleppen. Dort lassen konnte man sie nicht, denn andere hätte sie ja benützen und vielleicht beschädigen können.

Gegenüber dem Küchenbüffet stand eine wuchtige, auch wieder weißlackierte Kommode, die bei seltenen Gelegenheiten den Einwecktopf, andere große Töpfe und sonstiges Kücheninventar beherbergte. Die Oberseite dieser Kommode war mit einem grün-grau-weißgesprenkeltem Linoleum bedeckt, auf der sich immer viele Sachen, die gerade nicht gebraucht wurden, befanden. Daran schloss sich eine Waschmaschine an, deren quadratische Säulenform sich durchaus als Vorläufer moderner Maschinen betrachten ließ. Diese Waschmaschine, die meine Großmutter nie benützte, war dem schlechten Gewissen meiner Mutter geschuldet, weil sie ihrer Mutter so viel zumutete. Weil sie, die Maschine, nie benützt wurde, fungierte der Deckel als Kosmetikschränkchen, also lagerten dort Seife, Zahnbürsten, Zahnpasta, Bürsten und Kämme. Das war praktisch, da direkt daneben ein Ausguss war, ein innen weißemailliertes Monstrum aus Gusseisen, außen grün-grau gestrichen, er erinnerte in der Form an einen halbierten Kelch, dessen längere Schnittkante an der Wand befestigt war, in der Unterseite waren kleine Löcher, durch die das Wasser abfließen konnte, die Rückwand war leicht barockisiert und wurde oben von einem Messingwasserhahn gekrönt, der allerdings nur kaltes Wasser spendete. In der Mitte der Rückwand war ein Gitterrost befestigt, der auf dem Rund der unteren Hälfte auflag, aber auch hochgeklappt werden konnte. An der Rückwand befand sich ein kleines zweiflügeliges Kästchen an der Wand, an dessen Unterseite eine Stange befestigt war,  über die ein besticktes Tuch drapiert war und hinter dem sich die Handtücher und Waschlappen verbargen. Damit hatte man die Länge der Küche durchschritten.

Und dann kam meine kleine Freiheit, hinter einer zweiflügeligen  Tür ging es hinaus auf einen kleinen Eisenbalkon. Gerahmt wurde diese Tür durch einen etwas fadenscheinigen, ausgewaschenen Vorhang, der eigenartigerweise nicht geblümt war, sondern den rechtwinkelige, spitzwinkelige Dreiecke, sehr schiefe Rhomben, die wie betrunken über den Stoff torkelten und mit in meinen Augen willkürlich gesetzten schwarzen Linien bedruckt war, seltsam unpassend für diese Küche waren.

Oma ging immer sehr sparsam um  mit allem, was noch irgendwie verwertbar war. Oft genug hasste ich sie dafür, weil ich gestopfte, durch häufiges Waschen kratzig gewordene Strümpfe angezogen bekam. Diese verfluchten Strümpfe wurden mit Strapsen befestigt, die sich an einem Leibchen befanden, das wie ein dickeres Unterhemd aussah. Die Strapse rissen immer wieder ab oder ich verlor die Knöpfe, mit denen die Strümpfe festgezurrt wurden, so dass natürlich auch die blöden hässlichen verhassten Teile rutschten und noch störendere Falten  warfen. Ich kam mir dann wie ein Bettelkind, zumindest aber verwahrlost vor. Dabei brachte mir meine Mutter ab und zu recht hübsche Anziehsachen vom Kaufhof mit – sie arbeitete dort. Vor Omas Augen fanden diese Sachen keine Gnade, sie verbannte sie in die untere Schublade ihres Kleiderschrankes, die ich nicht aufziehen konnte.

Wenn meine Mutter arbeitete und sie arbeitete meistens sechs Tage in der Woche - sie ging morgens um halb acht aus dem Haus und kam abends erst gegen halb acht und acht nach Hause – war ich bei Oma. Oma war die oberste Instanz, wenn es um die Kinder ging, (zu der Zeit waren wir nur zwei, es sollten aber im Lauf der Jahre noch vier dazu kommen). Sie wusste genau, was diese brauchten, egal ob es um Essen, Kleidung, Schlafen oder Gesundheit ging. Oma wusste alles, sie wusste alles besser und leider hatte sie meistens Recht, was das Leben für uns Kinder nicht leicht machte. Irgendwann bekam auch ich mit, dass sich Oma und meine Mutter in einem ständigen Krieg befanden und der wurde nur manchmal laut ausgetragen. Die Kleider für meinen Bruder und mich waren ein Beispiel dafür. Wenn Mutter neue Anziehsachen für uns kaufte, blaffte Oma sie an: „Das Zeug kannst Du gleich wieder zurückbringen, das zieh ich den Zweien nie an. So viel Geld für so einen Dreck auszugeben, als wenn Du es so dicke hättest.“ Mutter pflegte sich dadurch zu revanchieren, in der kleinen Küche eine Zigarette nach der anderen zu rauchen, was bei meiner Großmutter zu lautstarken Schimpftiraden führte. Während dieser Gefechte machte ich mich auf meinem Platz ganz klein – in der Nische zwischen Küchenbüffet und Tisch – wenn ich es nicht schaffte rechtzeitig aus der Küche hinauszukommen. Aber so schlimm die Auseinandersetzungen auch waren, so war ich doch auch neugierig  genug, was die Beiden sich wieder an den Kopf werfen würden.

Oma fuhr sie an: „So einen guten Mann hast du ja gar nicht verdient, der von früh bis spät schafft und du läufst aufgetakelt, wie eine von den Hochwohlgeborenen rum. Und um deine Kinder kann sich Deine Mutter kümmern, die kaum einen guten Tag im Leben gehabt hat. Jeden Tag muss Madame zum Friseur. Schuhe, Handschuhe, Handtasche und Hut, alles muss zusammen passen. Was das alles bloß kostet!“  

Mutter blieb ihr nichts schuldig und fauchte: „In meinem Beruf muss ich einfach modisch gekleidet sein. Davon verstehst du nichts. Bloß weil du immer rumläufst wie eine Vogelscheuche, muss ich nicht auch so rumrennen. Ich bin keine von deinen Betschwestern. Geh halt zu denen!“
 „Und wer kümmert sich um deine Kinder und kocht für deinen fleißigen Mann? Du ganz bestimmt nicht, du elendiges Frauenzimmer. Schau, dass du in Deine Wohnung kommst und verqualm mir nicht alles. Deinen Satansbraten nimmst gleich mit, die Kleine bleibt aber bei mir.“
Wutschnaubend  verließ meine Mutter die Küche, meinen Bruder am Arm hinterherziehend, und ich war froh, dass für heute der anstrengende Teil des Tages vorbei war. Ich war neidisch auf meinen großen Bruder, weil er mit hinauf durfte, weil er mit Papa spielen konnte, aber gleichzeitig froh, nicht oben zu sein, denn meine Mutter hätte all ihren Unmut an mir ausgelassen. Papa und Bernd wurden meistens verschont.

Oma bereitete ein kleines Abendessen, Knäckebrot mit Gelbwurst für sie, für mich gab es Graubrot mit Gelbwurst, das in kleine Stückchen geschnitten wurde, danach für jeden einen Apfel. Omas Apfel musste geschält werden, da sie  nicht mehr so gut kauen konnte. Abgeschlossen wurde das Abendessen damit, dass Oma zwei gehäufte Esslöffel geschroteten Leinsamens in einer Tasse mit warmen Wasser einweichte und für den nächsten Morgen beiseite stellte.

Ich freute mich auf den Abend mit Oma. Dann wurde es ruhig. Die Hektik des Tages, das fortwährende Sorgen und Arbeiten für die Familie wurden beendet und Oma riss vom Herrenhuter Kalender das Kalenderblatt ab, las laut die Tageslosung und schlug in der Bibel die dafür vorgesehene Stelle auf. Auch diese wurde laut vorgelesen. Dann folgte das Gesangbuch und es wurden die Lieder gesungen, die für den folgenden Sonntag vorgesehen waren. Ich musste immer die erste Stimme singen, Oma sang mit dröhnendem Alt irgendeine zweite Stimme dazu. Da sie mich grundsätzlich übertönte, war es egal, ob ich richtig oder falsch sang. Es störte mich auch nicht weiter.

Trotz der etwas eigenwilligen Abendgestaltung für ein dreijähriges Kind oder vielleicht auch gerade deswegen, empfand ich dieses Abendritual als sehr beruhigend und es entwickelte sich eine tiefe Innigkeit zwischen Oma und mir, die im Alltag sonst nicht möglich war. Oma saß auf ihrem Hocker, ich auf meinem kleinen Schemel – eigentlich ein Fußschemel – lehnte mich an ihre Knie und konnte die kleinen und großen Blessuren und Plagen des Alltags hinter mir lassen. Da passierten die Momente, wo Jesus auftauchte, strahlend beleuchtet von einer unsichtbaren Lichtquelle, die rechte Hand segnend erhoben. Er sah mich liebevoll an und in diesem Moment war alles gut. Als ich Oma verzückt mitteilte: „Oma, Oma, da ist der Jesus!“ war er schon wieder verschwunden und Oma schalt mich der Ketzerei. Aber ich hatte Jesus wirklich gesehen. Richtig und leibhaftig. Aus. Basta.

Anschließend zog Oma mich aus, wusch mich gründlich, der Schlafanzug wurde angezogen und nach dem Zähneputzen tapste ich, von Oma begleitet, ins Schlafzimmer. Ich schlief meistens bei Oma, bei den Eltern war es zu unruhig, außerdem fand mein großer Bruder fast immer einen Grund mich zu verhauen. Meine Mutter griff nie ein, sie sagte nur lapidar: „Du wirst es schon verdient haben!“ Papa verbot es Bernd sehr streng mich noch einmal anzufassen, das wirkte insoweit als er mich nicht mehr schlug oder an den Haaren riss, aber er hörte nicht auf mich zu trietzen. Unruhige Nächte waren vorprogrammiert. Bei Oma schlief ich in Opas Bett; Opa, der schon über zwanzig Jahre tot war, bevor ich auf die Welt kam. Oma wärmte das Bett mit einer Kupferwärmpfanne vor, so dass ich mich unter einem dicken warmen Federbett einmummeln konnte. Dann musste ich noch das letzte Gebet des Tages aufsagen: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen, als Jesus allein.“  Manchmal tauchte auch noch Jesus auf und da konnte ich ruhig und friedlich einschlafen.

Elisabeth Vogel

Donnerstag, 11. August 2016

WEITER HIMMEL

Hier in diesem kleinen Ort mit dem wunderlich slawisch geprägten Namen Wüsteneutzsch war er dann doch wieder auf seinem Heimathof gelandet, als die Odyssee aus Wehrdienst, sechsjährigem Kriegseinsatz und Gefangenschaft vorüber war, - der junge Rudel. Gerade mal 27 Jahre alt, hatte er fast ein Drittel seines Lebens dem Volk oder besser dem Führer seines Volkes opfern müssen. 

Angeschlagen, verwundet, aber noch so weit gesund, dass er Lebensmut aufbringen konnte, wollte er das Anwesen der Familie wieder hochbringen. Mit seiner Hanne werde er schon die Ärmel aufkrempeln. Die fremdelte zwar noch mit ihm, der ja als Ehepartner die längste Zeit gar nicht bei ihr hatte sein können, aber das würde sich schon noch geben, wenn es aufwärts ging. Mit gerade mal zwanzig war sie von Rudel geschwängert worden und erlebte ihn dann nur noch bei wenigen kurzen Heimaturlauben. Die meiste Zeit musste sie allein die kleine Tochter aufziehen, mit der Schwiegermutter auskommen lernen, die Fremdarbeiter in der Landwirtschaft anleiten und, und, und......, sie, die ja aus der Stadt stammte und keinerlei Erfahrung mit so einem Hof hatte.

Wüsteneutzsch liegt in der Leipziger Bucht, wo für uns Westler der Osten beginnt, obwohl man ja noch in Mitteldeutschland ist. Aber hier wird das Land so flach und der Horizont öffnet sich so schrankenlos weit, dass du immer eine Einladung ins endlose Nirgendwo spürst, zumal der Wind und die in hohem Bogen gestaffelten Wolken dich noch zusätzlich dorthin ziehen. Es gibt nur kleine Baum- und Buschgruppen in mächtigen Feldarealen, Wege und Straßen scheinen sich zu verlieren  und die kleinen Orte heißen Lennewitz, Tollwitz, Mücheln oder Kreypau und könnten in ihrer Backsteingeometrie jederzeit woanders in diese Ebene hingewürfelt werden.

Das junge Paar hatte wenig Abwechslung bei all der Arbeit eines Neustarts, der unter völlig neuen gesellschaftspolitischen und ökonomischen Bedingungen geschehen sollte, die noch keiner wirklich durchschaute. Ich weiß aus Berichten nur von einem Luxus, den sie sich regelmäßig gönnten, dem Kinobesuch im benachbarten Kreisstädtchen. Ob die DEFA damals so kurz nach dem Krieg schon Filme produzierte, ist mir unbekannt. Dann müssen sie sich wohl sowjetische Filme angetan haben, mit denen die Besatzungsmacht ihre Zone sicher versorgte, oder es gab aus dem alten Deutschland doch auch ein paar ideologisch unbedenkliche Produktionen. Egal, die Hauptsache war ihnen wohl, überhaupt ins Kino gehen zu können.

Ich stelle mir vor, wie sie rannten und sich lachend sputeten, weil sie wegen der Arbeit spät dran waren. Im Laufen wurden sie trotz vorheriger Mattigkeit wieder frisch und stark, wie es sich für junge gesunde Leute gehört. Auf dem Heimweg war endlich Gelegenheit für Ruhe und Entspannung. Sie redeten über den Film, über die Kinobesucher, die sie kannten oder nicht; jetzt war endlich etwas Zeit für offene Fragen, Zweifel und spontane Äußerungen und natürlich für Träume, Annäherung. Rudel umarmte Hanne, sie spürten ihre Körper, sie wollten das. Sie leisteten sich ein Schlendern und ließen ihre Blicke in die weite Landschaft gleiten. Das allein reichte schon aus, um ihre Seele zu glätten und ihre Stimmen weich zu machen. Aber ein noch schöneres Geschenk war es, dass von dem sich verdunkelnden unendlich weiten Horizont eine Melodie zu ihnen herschwang, kaum hörbar, aber in ihrem Rhythmus deutlich zu spüren: Wei-ter, wei-ter, wei-ter-gehen. Und es dauerte nicht lange und sie glaubten ganz fest, dass sie die politischen Umwälzungen, die tiefen Verunsicherungen aushalten werden, dass ihr Fleiß eine feste Grundlage sein könnte, dass Hannes Fremdeln nach so langer Kriegstrennung wie von alleine schwinden werde. Rudel spürte plötzlich, dass sie ihre Ängste, die sie immer wieder schüttelten, überwinden werde, und Hanne glaubte, dass er seine aggressiven und cholerischen Ausbrüche einstelle. Plötzlich stand sogar unausgesprochen für sie fest, dass sie noch ein Kind zeugen wollten.

Aber in den Jahren, die kamen, wurde es nicht leichter für sie, im Gegenteil, ihre Lebensbedingungen wurden härter und belastender als sie es sich  jemals vorgestellt hatten.
Sieben Jahre mühten sie sich.

Dann mussten und wollten sie gehen. In den Westen. Bereit, einen weiteren Neustart zu versuchen.

Den Osten und seinen Himmel, den weiten, ließen sie hinter sich.  

von Wilfried Christel

Montag, 6. Juni 2016

Verwandlungen

Das mit den Namen war Susi natürlich sofort aufgefallen. Sie hatte schon immer ein Auge für Skurrilitäten – sie, die selbst etwas Koboldhaftes an sich hatte mit ihrer schmalen Gestalt, den kurzen, karottenroten Haaren und dem immer lachbereiten Mund.  Wir kannten uns schon seit Uni-Zeiten und die Jahre schienen spurlos an ihr vorübergegangen zu sein. Sie war unverändert geblieben bis hin zu dem auffallend breiten, erhaben gearbeiteten Ring an ihrem linken Mittelfinger, mit dem sie so gerne spielte und der – wie damals – die Farbe je nach Intensität der Berührung änderte. Ihr Wunschring sei das, hatte sie stets augenzwinkernd erklärt. Dass Susi nun als mobile Reserve an unsere Schule gekommen war, war ein schöner Zufall. Sie lebte in einer bunteren Welt als wir übrigen Zeitgenossen und immer entdeckte sie das Komische einer Sache. So amüsierte sie sich königlich über das nervöse Zucken der Mundpartie unseres Schulleiters, der tatsächlich Haase hieß – mit zwei a allerdings – und eine Vorliebe für Rohkost hatte. Waren seine Ohren nicht ungewöhnlich groß und schmal? Und die Frontzähne auffallend lang? Die Handarbeitslehrerin, eine junge, ungemein zierliche Person mit lebhaftem Temperament und großem Mitteilungsbedürfnis hieß Zeisig und ihre helle, ständig irgendwo zwitschernde Stimme klang, da hatte Susi Recht, wie die des gefiederten Namengebers. Sie amüsierte sich auch über den Hausmeister der Schule, Herrn Malte Mücke, der eine solche Landplage war, dass selbst ich manchmal Mordgedanken hegte; Susi schenkte mir zum Geburtstag eine Fliegenklatsche.

Den größten Spaß aber hatte sie an der Kollegin Dorothea Mietz. Die Biologielehrerin, eine stattliche Mittfünfzigerin mit ordentlich onduliertem, graugesträhntem Haar, vollen Wangen, massigem Doppelkinn und Augen von so blassem Grünbraun, dass sie gelb wirkten, war bei Schülern und Kollegen gleichermaßen unbeliebt. Sie besaß eine träge Üppigkeit, die gemütlich hätte wirken können, wäre nicht ihr prüfender, beinahe stechender Blick gewesen. Auf wen immer sie diese gelben Augen richtete, der fühlte sich bedrängt. Dorothea war eine Einzelgängerin, hielt stets Distanz zu den anderen und konnte ausnehmend übellaunig sein. In ihren Unterrichtsstunden herrschte jedoch disziplinierte Ruhe; ein langer Blick aus ihren Augen genügte, auch den lautesten Klassenclown zur Raison zu bringen. Mit uns Kollegen kam sie leidlich aus, sah man von Steffi Zeisig und dem Hausmeister ab, die Dorothea verabscheute, was beide aber, so glaube ich, gar nicht bemerkten. Susi nannte Dorothea immer die Miesekatze. Wir machten uns hinter ihrem Rücken über sie lustig, alberten herum und benahmen uns nicht viel anders als unsere pubertierenden Schüler.

Nach den Weihnachtsferien fiel uns eine gewisse Veränderung an ihr auf. Sie schien noch ungnädiger geworden zu sein und manchmal lächelte sie böse, so dass man ihre spitzen Eckzähne sah. Außerdem hatte ihre Stimme einen so durchdringenden, schrillen Klang angenommen, dass sie schmerzte. Hin und wieder gab sie leise, rollenden Kehlgeräusche von sich, die wohl Zufriedenheit ausdrückten. Außerdem, vielleicht eine Folge der Wechseljahre, wuchs ihr ein Damenbart, der sie aber nicht zu stören schien, und sie wurde immer träger.

An einem frühen Nachmittag im Januar fand ich sie zusammengerollt und leise schnarchend auf dem Besuchersofa des Besprechungszimmers.  Sie erwachte, als ich die Tür etwas unnötig laut schloss und starrte mich aus unergründlichen gelben Augen an. Dann gähnte sie ungeniert und kratzte sich hinter dem Ohr. Erstaunlich behände für ihr Gewicht rollte sie sich vom Sofa, dabei rutschte ihr Rock etwas hoch und für einen Moment blitzte etwas graumeliert Felliges darunter hervor. Ich murmelte eine Entschuldigung und verließ hastig den Raum. Was für eine merkwürdige Person!
Am nächsten Tag – ich war schon sicher, dass mir meine Phantasie einen Streich gespielt hatte – fehlte Steffi Zeisig. Ihre Klasse im Handarbeitsraum  blieb verwaist, ihr Platz im Lehrerzimmer leer. Zu Hause war sie nicht, niemand wusste irgend etwas. Die Suche und alle Ermittlungen blieben erfolglos. Sie war einfach unauffindbar. Nur ein paar Federn lagen vor ihrem Schrank im Lehrerzimmer und ich glaubte mich vage an den fedrigen Schmuck zu erinnern, den sie die letzten Tage getragen hatte. Dorothea Mietz sah zufrieden aus. Leise rollten ihre Kehlgeräusche.

Die Mundpartie des Rektors zuckte im Rekordtempo - die unbesetzte Stelle machte ihn im Gegensatz zu den Schülerinnen unglücklich – und sie drohte vollends zu entgleisen, als drei Wochen später der Hausmeister Mücke verschwand; spurlos kann man sagen, nicht einmal Federn blieben zurück. Diesmal sah nicht nur  Dorothea zufrieden aus. Herr Mücke war sehr unbeliebt gewesen. Aber es lagen nun eine gewisse Spannung in der Luft und Verwirrung, nur Susi lächelte ihr Koboldlächeln und Dorothea schien noch dicker geworden zu sein.

Und dann kam es Schlag auf Schlag. Innerhalb der nächsten vier Wochen verschwanden Ronny Raatz aus der 7b, Lisa Bien aus der 8a, Jonas Hecht und David-Lion Wurm aus der 8b, Felix Krauthahn aus der 8c und Till Meislein aus der 9b. Sie blieben unauffindbar. Lisa hinterließ eine Sammlung Bonbonpapierchen, von Felix blieb ein schäbiges Lederarmband und von Till ein unter seinen Sitz geklebtes Pornoheft minderer Qualität. Ein paar Kinder wurden aus der Schule genommen und Susi bemerkte, gedankenverloren an ihrem Ring spielend, dass die gelichteten Reihen das Unterrichten erleichterten. Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Leider erkrankten drei Lehrkräfte. Siglinde Lammarsch und Hanna Igelhaut litten unter nervösen Magenbeschwerden und Hans-Detlev Falter an nicht zu kontrollierenden Zuckungen der Schultergelenke. Rektor Haases Tick verschlimmerte sich. Seine Bewegungen wurden ruckartiger, sein Gang hoppelnd. Die Mundpartie zuckte ohne Unterlass. Einmal traf ich ihn im Lehrerzimmer, die Augen gerötet, nervös an einer Möhre kauend. Frau Reitersperger, die Sekretärin, die ihr Missfallen stets durch lautes Schnauben kundgetan hatte, lief immer lauter klappernd durch die Gänge; war sie in Eile, hörte man deutlich einen Dreitakt. An einem schwülen Julinachmittag fand ich die beiden Referendare Udo Finkenstein und Anette Möller-Taubeschön auf dem Dachrand des Fahrradunterstandes hockend, unten stand Dorothea Mietz, angespannt schweigend nach oben starrend. Sie warf mir einen missmutigen Blick zu und verließ wortlos den Schulhof.

Das Schuljahr endete mit einem letzten Verlust – eine der Putzfrauen, Frau Olm, ertrank auf dem Heimweg in alkoholisiertem Zustand  im nahegelegenen Bach – und mit Susis Abschied. Das Kultusministerium hatte ihren Einsatz in Altötting angeordnet, was sie mit heiterer Gelassenheit  hinnahm, wie jede Veränderung in ihrem Leben. Am Tag nach der kleinen Ausstandsfeier fand ich ihren Ring, mit dem sie so gerne spielte, in meinem Schrankfach. Ich rief sie an, aber ihr Handy-Anschluss war nicht erreichbar. Ich wollte den Ring auf dem Heimweg in ihrem Briefkasten werfen, doch als ich das Haus im Drudenweg erreichte, fand ihn zugeklebt. Auch ihr Klingelschild war entfernt. Die Nachbarn wussten nichts. Ein wenig ratlos ging ich nach Hause.

Das ist jetzt fast drei Monate her und das neue Schuljahr hat in seinen Rhythmus gefunden. Alles geht seinen Gang, die beiden Referendare ergänzen das Lehrerkollegium, die Schülerzahlen sinken nicht weiter. Rektor Haase sieht erholt und gelassen aus, Frau Reitersperger hat zu ihrem maßvollen Zweitakt zurückgefunden und schnaubt nicht mehr. Nur Dorothea Mietz sieht schlecht aus. Sie ist abgemagert und etwas schreckhaft geworden. Haase, immer voller Mitgefühl für sein Kollegium, regte schon einen Antrag auf vorzeitigen Ruhestand an, mindestens aber eine längere Kur. Ob Susi in Altötting ist, weiß ich nicht. Ich konnte sie nicht mehr erreichen und an die Schule wollte ich den Ring nicht schicken. Ich habe kräftigere Finger als sie und der Ring passt mir nicht, aber weil er ein schönes Erinnerungsstück ist, trage ich ihn an einem Lederbändchen um den Hals – jedenfalls manchmal. Und wenn ich in Gedanken mit ihm spiele, verfärbt er sich. Vielleicht … aber ich will meine Gedanken hüten. Der neue Hausmeister heißt Hundt und manchmal denke ich, er hat ein Auge auf Dorothea geworfen.

27.05.16
Sonja Meier