Donnerstag, 28. November 2013

BAUMRINGEN

Wenn ich ein Vöglein wäre, würde ich Dinge sehen, die ich so niemals sehen kann. Ich könnte den Wind zwischen meinen Federn spüren, elegant in den Wolken schweben, dabei Melodien zwitschern, wundervolle Welten entdecken oder einfach nur fliegen, fliegen, fliegen... Irgendwann würde ich mir einen Ort suchen, mich ins sanfte Gras gleiten lassen, mir ein einladendes Gehölz mit schützendem Bewuchs suchen, mich niederlassen um ein Nest zu bauen. Wenn ich es will. Oder einfach weiter fliegen.

Ich bin aber kein Vogel, ich bin sein Gegenüber und stehe hier, mitten im Wald. Tief verankert, geben mir meine Wurzeln Halt. Aus dem Erdreich ziehe ich meine Energie. Das Federvieh in seiner ganzen Vielfalt spürt das und landet gerne in meinen weiten Verzweigungen. Meist kommen sie luftig aus der Höhe, wippen vergnügt auf und nieder, knüpfen Kontakte, trällern vergnügt und bringen mit ein Stück Leben von der weiten Welt mit. Seltener kommen auch welche heran stolziert. Ich denke da an den albernen Gockel und den eitlen Pfau. Ich muss nicht jedermanns Freund sein. Ein kurzes Rascheln mit meinem Kleid genügt und schon huschen sie davon.

In jungen Jahren suchten meine Nähe eher so Gesellen wie Bachstelze, Steinschmätzer, Feldlerche, Goldammer, Wiesenpieper oder diese Hänflinge. Lästig fand ich allerdings die Klappergrasmücken. Lustig und lebensfroh waren sie alle miteinander, wie auch Rotkehlchen und Spatz. Viel Spaß hatten wir zusammen, es war immer etwas los. Eines hatten alle diese jungen, flatterhaften Möchtegern Herrn der Lüfte gemeinsam: sie wollten vögeln. Viele habe ich in hohem Bogen unter lautem Protest davongejagt.

Bewundert, meist aus der Ferne, habe ich lange den wunderschönen Fischreiher. Elegant und selbstbewusst kommt er des Weges. Eine tolle Ausstrahlung hat er. Irgendwann wurde mir klar, dass auch er nur ein Kranich ist. Und die wissen ja nicht was sie wollen. Ziehen hierhin, ziehen dorthin und nirgends sind sie zuhause. Oder der kräftige, wunderschöne Adler, der seine Freiheit zu fliegen genießt. Freiheit bedeutet ihm sehr viel. Seine Vielseitigkeit und seine innere Stärke habe ich stets bewundert. Meist wenn er flog, gelandet ist er nie bei mir.

Einige Blätterwechsel später kamen die an Nestbau Interessierten zu mir. Ich hatte eine beträchtliche Höhe und die Reife dazu erreicht und das, was ich zu bieten hatte, ließ sich sehen. Ich bin eine recht anpassungsfähige und gesunde Kiefer. Warum nicht zulassen, dass sich jemand bei mir einnistet? Mein immer grünes Gehölz hat einiges zu bieten.

Zunächst klopfte der Specht an. Ein passabler Handwerker, der sogleich auch seinen Werkzeugkoffer auspackte. Aber den ganzen Tag das Gehämmere? Das ging mir durch Harz und Wurzeln und verletzte meine empfindsame Rinde zu sehr. Außerdem soll der Nachwuchs Nesthocker sein. Und wer will sich schon über lange Zeit blockieren?

Danach gurrte sich ein Tauberich heran. Schön und trotzdem nicht abgehoben. Das wundersame rein weiße Gefieder passte zu ihm. Gerne verkündete, säuselte und girrte er sinnreiche Sprüche. Nicht immer waren wir einer Meinung und meine Belange stießen auf Taubheit. Da half auch die Liebe und Verbundenheit nicht.

Dann doch lieber Meister Amsel mit seinem schwarzem Gefieder, einem braunen Blick und solidem Wesen. Und der vor mir, hatte nicht nur einen besonderen Dialekt, sondern war auch ein besonders stattliches Exemplar. Hätte ich besser hin geschaut. Ein Nichtsnutz war er, der seine Brut woanders deponierte. Zum Kuckuck!

Was war ich sauer. Aber im saurem Boden kann ich überleben oder wie jetzt, in die Jahre gekommen, in leicht kalkigem. Auch Liebes- und Wassermangel konnte ich wegstecken. Aber beschissen haben mich einige. Und ich habe geblutet. Getröstet hat mich der Uhu. Er ist heute noch mein bester Freund.

Dann kam der Elstermann. Immer wieder. Von oben, von rechts, von links. Er umwarb mich auf subtile Art. Geheimnisvoll und attraktiv beobachtete er mich, kam mir aber nie zu nahe. Das schwarze Gefieder passt zu seiner Art, weil es dunkel und dennoch schön ist. Es ist nicht so schwarz, wie die der anderen Rabenvögel. Die Federn schwarz-weiße. Auch er ist ein wenig in die Jahre gekommen.

Von Anfang an sagte er, dass er unabhängig und frei sein wolle, aber nicht in die Ferne schweifen würde, wie der Adler. Er gehöre zu den Elstern die alleine leben. Von Nestbauern hatten meine Zweige die Nase voll. So ließ ich mich drauf ein, trotz unken des Uhu, der mich wegen seiner diebischen Ader warnte.

Geistreich und gesellig ist der Elstermann und gerne sehe ich mir das Sammelsurium seiner glänzenden Gegenstände an, die er immer wieder in sein Nest schleppt. Manchmal bin ich froh, dass er sein Nest nicht bei mir hat. Es würde mich verbiegen. Und doch hätte ich ihn gerne bei mir.

Viele harte Jahreszeiten liegen nun hinter mir. Um mich herum ist es licht geworden. Die einen in meiner Nachbarschaft sind verheizt worden, andere haben sich zum Hampelmann machen lassen. Einen hat der Blitz getroffen, manche sind einfach abgestorben. Auch ich habe einige Kämpfe hinter mir. Fremdkörper und andere Parasiten haben meine Kraft geschwächt. Teile meiner Äste habe ich absterben lassen und abgeworfen, um zu überleben. Nun bin ich nicht mehr astrein, dafür ist mein Stamm um einiges breiter. Mein Anblick war einmal schöner. Aber auch das hat seine Vorteile: Ich muss nicht mehr so viel Vogelvieh abschütteln.

Der Elstermann kommt jetzt schon seit zig Baumringen nach wie vor an sammelfreien Tagen zu mir. Beschissen hat er mich noch nie. Gut arrangiert haben wir uns. Er hat seine Freiheit und ich meinen Standort.

Seit kurzem taucht der Papagei bei mir auf. Was hat diesen Paradiesvogel hierhin verschlagen? Aus einer fremden Welt kommt er und spricht in fremder Sprache. Denke ich an ihn, kommen mir Piraten in den Sinn. Wo mag er herkommen, der Exot? Amazonas, Brasilien, Rio …? Er bringt mein Harz zum Fließen bis in die tiefste Wurzelspitze. Wenn er auf mir landet, wird mir ganz anders. Mein Kieferduft betört ihn, an meinen Zapfen knabbert er. Er lockt mit der Fremde, weckt Sehnsucht in mir, lädt mich ein ihm zu folgen. Eine neue Welt entdecken? Ich blicke auf meine Wurzeln, die verlässlichen, die mich stützen und halten. Wie soll das gehen? Ich bin hier verankert. Weg von hier? Weg von meinem Leben?

Da hebt das bunte Gefieder ab. Wie ein Regenbogen umfließt er mich. Es entsteht eine Bö, ein Wind, nein ein Sturm, ein Sog. Das Erdreich gibt nach. Meine gekrümmten Wurzeln bewegen sich, lockern sich, strecken sich. Aus Lehm wird Sand. Treibsand. Er rieselt durch meine Wurzeln. Hilfe, ich verliere meinen Halt. Ich verliere den Boden unter den Füßen. Ich schlage mit meinen Ästen wie mit Flügeln, höre den Elstermann, krarrrr, krarrrr. Er umkreist mich, flattert und sagt nicht: Bleib! Der Uhu schweigt. Da hebe ich ab. Gewinne Höhe. Amazonas, Rio, Brasilien… Ich komme.

Wenn ich ein Vöglein wär‘, würde ich fliegen, fliegen, fliegen …

© Frau Gunkelberg  2013

Samstag, 26. Oktober 2013

Jardin perdu

Selbst den so geliebten Park hatten sie ihm genommen. Es waren nun andere Bäume, die er durch die Buntglasscheibe anstarrte, die, Wand hoch und beinahe zwei Meter von dem den Gang begrenzenden Geländer entfernt, Stämme und Kronen, Sträucher und Blumenrabatten verfremdete. Panzerglas sei es, hatte man ihm gesagt. Unzerstörbar. Färbung und Struktur des Glases schufen eine bis dahin unbekannte, wunderliche Distanz zu der Welt dort draußen, die nicht mehr war wie vorher und alles war schlechter geworden, seit sein Engel ihn verlassen hatte. Dabei wäre es gar nicht nötig gewesen. Sie hatte einfach überreagiert, sie, die sonst so lässige, die coole, unbeschwerte. Sabrina! Nicht Herrscherin seines Vorzimmers war sie gewesen, sie hatte es beseelt, hatte mit ihrer Jugend und ihrem Charme Leben und Wärme hineingebracht. Ihre zierliche und doch so weibliche Gestalt mit den geschmeidigen Bewegungen, ihre grünbraunen Augen, die Grübchen in den Wangen, wenn sie lachte, das Stakkato ihrer Absätze,  ihr Trällern am Morgen beim Kaffeekochen, der Hauch von Parfum - ein wenig süß und ein wenig herb, nie zu schwer -, der noch im Raum hing wie eine Erinnerung, wenn sie ihn schon verlassen hatte, all das war zum erfreulichsten Teil seines Alltags geworden.
Mein Gott, und eigentlich war doch gar nichts passiert! Dass er sie berührt hatte, das konnte doch mal vorkommen; sie kam ihm nahe beim Reichen der Akten, um die er gebeten hatte, dass es ihr Busen gewesen war, nun ja …, dass man seinen Handabdruck sah – nur geschuldet der ungemein zarten, empfindlichen Haut ihres Dekolletés. Aber sie hatte geschrien, hoch und schrill und laut und war aus dem Büro gestürzt, den Gang entlang; das Stakkato ihrer Absätze überschlug sich. Ein Kollege aus dem Büro gegenüber erschien an der Tür, wollte wissen, was geschehen war. Er war zu keiner Antwort fähig. Noch heute erinnerte er sich mit heißer, brennender Scham an das Gespräch mit dem Behördenleiter. Man hatte ihn geschont, wollte glauben, was er vortrug. Ein peinliches Versehen, ein Missgeschick, natürlich. Und doch traf ihn die härteste Strafe. Er hatte sich leise, stotternd, händeringend, dann schriftlich in aller Form bei ihr entschuldigt, dennoch: Sabrina Zinnerersuchte um Versetzung; dem wurde selbstverständlich stattgegeben.
Ihre Nachfolgerin hieß Gertrude Butterhoff, maß einen Meter siebenundsechzig bei einem Gewicht von dreiundneunzig Kilogramm, trug Birkenstock und roch nach Zigaretten, Schweiß und Leberwurst. Auch sie war nicht Herrscherin seines Vorzimmers – dazu fehlten ihr Fachkenntnisse und Ausstrahlung gleichermaßen – aber sie füllte es aus. Nicht nur ihre Person beanspruchte Raum, auch die benötigte Verpflegung tat es. Zwar nutzte sie durchaus die Kantine des Amtes, aber das reichte nicht. Sie kam ihm vor wie einmenschlicher Mähdrescher. Ununterbrochen mahlten ihre Kiefer; zwischen Akten, Schriftstücken, Tastatur und Telefon verschwanden Berge von Pommes frites, Pizzateilen, Wurstbroten (Leberwurst, manchmal auch Knoblauchsalami), Hähnchenschenkeln und Bratwürsten. Er war Ästhet und er war Vegetarier und er litt unsäglich, doch trug er es mit sovielWürde, wie er nur aufbringen konnte und betrachtete es als eine Art Sühne für sein Tun. Nur einmal stieß er an die Grenzen seiner Duldsamkeit. Als bei einer kleinen Geburtstagsfeier im Kollegenkreis die Sprache auf die gequälte Kreatur in der Massentierhaltung kam – er hatte das Thema angestoßen – und sie kauend einwarf, sie sehe kein Leid, da sie Nutztiere nicht als leidfähige Wesen sondern als ihre Nahrungsmittel betrachte, krampfte sich sein Magen zusammen und er fühlte eine Woge des Abscheus, nein es war mehr als das, es war blanker, abgrundtiefer Hass, der in ihm aufstieg, mit einer Heftigkeit, die ihm den Atem nahm, und er musste den Raum verlassen, um seine Beherrschung wiederzuerlangen. Er spürte die Blicke seiner Kollegen imRücken. Danach ertrug er ihre Anwesenheit mit verbissenem Schweigen. Er schauderte, wenn ihre Gestalt sich über seinen Schreibtisch beugte, ihm zugewandt, der mächtige Busen vor seinem Gesicht. Er hielt die Luft an, bis sie das Zimmer wieder verlassen hatte. Selbst die Akten rochen nach Essen und kaltem Rauch. Er wurde zum Frischluftfanatiker.
Manchmal, wenn Zahlen, Akten und Sauerstoffarmut ihn ermüdet hatten, gönnte er sich eine Pause und verließ sein Büro, um am Ende des Ganges auf den schmalen Balkon hinauszutreten, der als einer von dreien, Geranien geschmückt, die Rückfront des Ämtergebäudes zierte. Was ihm liebe Gewohnheit seit Jahren war, wurde zur täglichen, zwingenden Notwendigkeit, um das Unerträgliche ertragen zu können. Er genoss den Blick auf den Park und das Wechselspiel seinerFarben. Nie hatte er sich entscheiden können, wann er ihm am besten gefiel: im Frühjahr, wenn die Baumkronen voller Verheißung in den unterschiedlichsten Grüntönen leuchteten – im Mai hatte er dreizehn verschiedene Nuancen gezählt (die Blutbuche eingerechnet) -, im Sommer, wenn das dunkel gewordene Grün die bunten Blumenrabatten am Eingang betonten oder im Herbst, wenn der Farbrausch der Blätter noch einmal alles überstrahlte, bevor der Winter die bloße Form in Szene setzte. Auch das liebte er. Er fing an, den Bäumen Ziffern zuzuweisen. Die Sicheltannen ganz vorne trugen die eins, die mächtige Blutbuche war die neun und die drei Eichen gegenüber, knorrig und hochgewachsen, bezifferte er mit sieben, während die Winterlinde als markantester Baum hinter dem kleinen Weiher die sechs verkörperte. Auch Birken, Robinien, Ahorn, Zypressen und Eiben wurden beziffert. Dazwischen änderte er ihre Benennung. Da die Ziffern nicht für alle Baumarten im Park reichten, blieben in manchen Monaten die Tannen ziffernlos, weil nun die schlanke Zypresse die eins bekam, und weil die fröhliche Birke auch mal die sechs sein wollte, musste die Linde im August leer ausgehen, ebenso wie die Eichen, als der Ginkgo die sieben begehrte. Er stellte sich vor, wie die Bäume darüber tuschelten. Manche lästerten und schimpften, während andere sich brüsteten. Aber die Erde, die alles trug, alles hielt, alles versorgte, die demgemäß die mächtigste der Ziffern trug, die Null, was er auch nie änderte, schwieg dazu, einvernehmlich wie ihm schien. Nur manchmal kicherte sie leise.
Dann wurde auch dieses Refugium bedroht. Es war ein Dienstagnachmittag gegen halb drei, als er den Zigarettenstummel auf dem Balkonboden entdeckte. Er erstarrte, Schweiß brach ihm aus beim Anblick des himbeerroten Lippenstiftrestes am Filter. SIE bevorzugte diesen Farbton. Manchmal hing ein Rest am unteren Rand ihrer Schneidezähne. Nicht hier! Nicht in seinem Allerheiligsten! Er roch kalten Rauch, Schweiß und Leberwurst. Steifbeinig verließ er den Balkon und lehnte sich zitternd an die Wand, bevor er zu seinem Büro zurück ging und die Tür zum Vorzimmer aufriss. Frau Butterhoff, erschrocken durch das unerwartete Geräusch, drehte sich zu ihm um, während sie in die Hot-dog-Semmel biss und Ketchup spritzte quer über den Schreibtisch. Was dann geschah, konnte er später nicht mehr sagen. Seine Hand war schneller als sein Kopf, als sie zu dem Messer griff, das aus ihrer Einkaufstasche ragte und den Preis noch trug – 67,50 €, es war ein sehr gutes Messer – und damit zustieß. Es traf die Halsschlagader und das Preisschild baumelte noch daran, als Frau Butterhoff mit einem matten, röchelnden Schrei schwer über den Aktenhunt stürzte, Teller und Glas mit sich reißend, während ihr Blut pulsierend Akten und Schriftstücke rot färbte. Von der offenen Tür hinter ihm kam ein Laut.
„Ketchup“ sagte er zu dem Kollegen aus dem Nachbarbüro, der mit kalkweißem Gesicht und offenem Mund den Türgriff umklammerte. „Ketchup. Ketchup.“
Eine Hand legte sich ruhig und bestimmt auf seine Schulter, während er noch einmal zu den verfremdeten Bäumen jenseits der Glasscheibe hinüberblickte. „Kommen Sie, Herr Breuer. Die Therapeutin wartet .

22.09.13
Sonja Meier


Bild: Jardin Perdu von Jürgen Durner, der uns freundlicherweise erlaubt hat, sein Bild auf unserem Blog zu veröffentlichen



















Donnerstag, 26. September 2013

Die fröhliche Frau

Sie wachte von selbst auf, noch vor dem Weckerläuten, und wie immer, wenn das passierte, freute sie sich darüber, als sei ihr etwas Besonderes gelungen, als habe sie dem Wecker, diesem lästigen Gesellen, der gleich mit den Pieptonintervallen  beginnen würde, ein Schnippchen geschlagen. Immerhin fasste sie heute nicht mehr automatisch nach links, wie sie es die letzten beiden Morgen getan hatte. Sie kicherte bei dem Gedanken vor sich hin. Wie unverrückbar Gewohnheiten waren! Montagmorgen war Hans-Hermann nach München zu einem Seminar  gefahren:  Bilanzbuchhaltung  unter Berücksichtigung Europäischen Rechts.  So trocken, hatte sie gesagt, dass Brandgefahr bestand. Drei Nächte schlief sie nun allein. Trotzdem hatte sie an sich halten müssen nicht wieder hinüber zu fassen; diese mechanische Geste des Weckens, Bestandteil des morgendlichen Rituals seit so vielen Jahren. Er war schweigsam gewesen bei der Abreise, ob aus Konzentration oder aus leisem Groll wegen Sonntagabend wusste sie nicht, vielleicht beides.
Sie waren mit einem seiner Kollegen und dessen Frau im Theater gewesen. „Hamlet“. Sie verabscheute das Stück und war nur ihrem Mann zuliebe mitgegangen. Dass die Inszenierung das blutige Mittelalterspektakel in der Chefetage eines Konzerns angesiedelt hatte und die Protagonisten im letzten Akt nur noch beschmutzte Unterwäsche und Krawatten trugen, machte es ihr nicht leichter. Sie habe Hamlet einmal, erzählte sie später beim Studieren der Speisekarte im Restaurant heiter, als Kindertheater gesehen. Das habe ihr nicht so den Appetit verdorben, der Gedanke an Sojasauce lasse sie jetzt schaudern, ginge es den anderen auch so? Einen Moment lang hatte Schweigen geherrscht und Hans-Hermann warf ihr später vor, die Frau seines Kollegen, eine große Shakespeare-Verehrerin, die auch die Auswahl des Stückes getroffen hatte, beleidigt zu haben. Und außerdem fuhr er fort, machst du dich mit deinem Kindertheater lächerlich. Da kannst du mit Lena hingehen, wenn sie alt genug ist. Eine Großmutter allein im Kindertheater ist lachhaft. Sie hatte ihn einen Spießer genannt, und der Abend endete in Disharmonie. Obwohl sie sich über seine Borniertheit ärgerte, bedauerte sie den Streit am nächsten Morgen und war ihm gegenüber besonders aufmerksam, aber er hatte geschwiegen, beim Frühstücken betont interessiert die Zeitung gelesen und sich dann etwas frostig verabschiedet. Er konnte nachtragend sein, aber bis heute Abend würde er es vielleicht vergessen haben.
Sie streckte sich wohlig, verschränkte die Arme unter dem Nacken und blinzelte in die Sonne, deren Strahlen durch das Laub des Fliederbaumes ein Muster fliegender Licht- und Schattenpunkte auf die Wand ihr gegenüber zauberten und dort, wo sie den geschliffenen Rand des Spiegels trafen, glitzernde Reflexe in allen Regenbogenfarben setzten. Sie hatte überstundenfrei, ihre Tochter Christin war mit Mann und Kind verreist, also stand auch kein Oma-Dienst an und so hatte sie sich eigentlich Hausarbeit vorgenommen, aber der Tag war so schön. Sie sprang, ohne die ziependen Rückenmuskeln zu beachten, aus dem Bett, machte Katzenwäsche wie in Kindertagen und setzte sich mit der Zeitung zum Frühstücken auf die Terrasse, barfuß, ungeschminkt und ungekämmt. Sie schmunzelte beim Gedanken an Frau Meinhardt, die Nachbarin zur Linken, die auch für den Brötchenkauf am Samstag das große Make-up auflegte und deren Staubsauger nun deutlich vernehmbar brummte. Ausgerechnet heute war die auch zu Hause. Sie erinnerte sich an das verkniffene Lächeln der Nachbarin, als sie einmal beim Fensterputzen auf der Terrasse von der Leiter rückwärts in den Eimer mit dem Putzwasser gestiegen war. Sie hatte ihn nicht umgeworfen sondern war mit ihrem linken Fuß exakt in die Mitte des Eimers getreten und musste über diesen Zufall so lachen, dass sie einen Schluckauf bekam. Bei ihrem Rückzug in die Wohnung hatte sie eine nasse Spur bis ins Badezimmer hinterlassen und dann Mühe gehabt, Hans-Hermann zu beruhigen, der auf der Suche nach ihr die Terrasse vom Arbeitszimmer aus betreten und dabei den Eimer übersehen hatte, über diesen gestolpert war und ihn dabei umgeworfen hatte. Auf der Suche nach einem Putzlappen wäre er auf ihrer nassen Spur beinahe gestürzt, und er fluchte so laut, dass Frau Meinhardt herüber rief, ob sie helfen könne.
Diese scheinheilige Zicke! Marianne atmete auf, als der Staubsauger verstummte und widmete sich ihrem Frühstück. Das letzte ohne Hans-Hermann. Sie hatte die drei Tage Alleinsein so genossen, dass sie beinahe ein schlechtes Gewissen verspürte. Drei Tage Freiheit ab zwölf Uhr mittags. Sie hatte sich mit einer alten Schulfreundin zum Stadtbummel getroffen, den Botanischen Garten besucht und sich gestern Abend „Jenseits von Afrika“ gegönnt, ohne das resignierte Seufzen ihres Mannes  beim Aufreißen der Taschentuchpackung  ignorieren zu müssen.
Sie warf einen Blick auf die Uhr, faltete die Zeitung zusammen, räumte das Geschirr aufs Tablett und trug es in die Küche, wobei sie auf dem Weg sorgfältig einem Paar grauer Wildlederpumps  und dem halb gefüllten Wäschekorb auswich, während sich auf der Terrasse die Spatzen lautstark um die Krümel zu streiten begannen. Aus dem Küchenfenster sah sie den Postboten vorbei radeln. Sie schlüpfte rasch in ihre Sandalen und lief hinaus. Die vier Stufen vor der Haustür nahm sie in zwei Sätzen und hüpfte auf den Steinfliesen bis zum Briefkasten, sorgfältig darauf achtend, wie in Kindertagen immer eine Fuge zu treffen. Sie lächelte bei der Erinnerung an die oft gewonnenen Hüpfwettkämpfe mit den Nachbarskindern, meist dotiert mit Erdbeerdrops und dem Recht das nächste Spiel zu bestimmen.
 „Schönen juten Morgen, Frau Richter, das nenn‘ ich jute Laune!“
Sie hatte, ganz auf den Weg konzentriert, Herrn Schmolenske übersehen, der mit seinem Dackel vor ihrem Gartentor stand und sie zufrieden musterte.
„Ich hab‘ schon oft zu Ihrem Mann jesacht, Herr Richter, hab‘ ich jesacht, Herr Richter, mit Ihrer Frau ham Se sich die Jugend ins Haus jeholt. Ob Mutter oder Oma, die is‘ noch so jung wie bei der Hochzeit. Wo is‘ er überhaupt? Seit drei Tagen hab‘ ich ihn nich‘ mehr aus’m Haus jeh‘n seh’n.“
„Auf Tagung“. Sie fuhr sich ein wenig verlegen durch das Haar, nahm die Post aus dem Kasten und beeilte sich ins Haus zurück zu kommen, um weiteren Fragen zu entgehen. An der Haustür warf sie einen Blick auf die Umschläge: zwei Rechnungen, ein Brief vom Finanzamt , einer von der Versicherung. Bestimmt eine weitere Widrigkeit im unendlichen Streit um die Begleichung der letzten Handwerkerrechnung für die Behebung eines Wasserschadens vom vorletzten Jahr. Sie verharrte auf der letzten Treppenstufe und mit einem Mal freute sie sich aus tiefstem Herzen auf die Rückkehr ihres Mannes. Sie sah sein ernstes, ein wenig strenges Gesicht mit der schwarz gefassten Brille, sah ihn konzentriert am Schreibtisch sitzen, wie er es oft abends noch tat, sorgfältig einen Brief nach dem anderen abarbeitend. So nah war ihr dieses Bild, dass sie glaubte, seine Anwesenheit zu fühlen und den Duft seines Haares zu riechen. Beinahe hätte sie die Hand ausgestreckt. Und plötzlich packte sie die Sorge. Was, wenn ihm etwas passiert wäre, wenn er einen Unfall hätte? Wenn er nicht nach Hause käme? Sie starrte auf ihre Hand, in der sie die Briefe hielt und die sie nun in Heftigkeit zur Faust geballt hatte. Wie dumm! Aus den Augenwinkeln sah sie Schmolenske, der händereibend am Zaun stand und ihr nachblickte.
Sie straffte sich und betrat ruhigen Schrittes das Haus, legte die Post, nicht ohne sie etwas glatt zu streichen, auf die Konsole im Flur, berührte mit leichter Hand das kleine Holzkreuz neben dem Spiegel, das ihr vor Jahrzehnten ihre Großmutter aus Südtirol mitgebracht hatte und das sie seitdem hütete wie einen Schatz, und plante den Tag. Für abends wollte sie ein leichtes Fischgericht zubereiten;  und dazu vielleicht einen trockenen Soave. Hans-Hermann würde sich freuen. Rasch begann sie aufzuräumen. Beim Leeren des Wäschekorbes fiel ihr Blick auf den Schauspielführer, der, noch mit Lesezeichen versehen, auf der kleinen Frisierkommode im Schlafzimmer lag. Etwas abwesend trug sie ihn zum Bücherregal. Ach ja, ein Dessert könnte sie auch noch machen. Vanilleeis mit pürierten Waldbeeren, das ging schnell und passte gut zum Hauptgang. Den Teller würde sie mit gezogenen Fäden heißer Schokolade verzieren. Und eigentlich, dachte sie, während sie das Buch in die Lücke zwischen Opern- und Wanderführer stellte, ist Hamlet gar nicht so schlimm.

18.08.13

Sonja Meier

Foto Copyright @ Fürtherin

Montag, 19. August 2013

Abschied

Halbmond am Himmel
Graublau der See
Dunkel der Glockenschlag
Zeit, dass  ich geh‘.

von Sonja Meier

Urlaubselfchen

Urlaub
Ist Auszeit
Körper und Geist
Suchen die abhanden gekommene
Seele

Paradiesisch
Die Ruhe
Unter den Bäumen
Die Grillen zirpen mir
Lieder

Urlaub
Ist Auszeit
Und die Seele
Schüttelt ihre Flügel aus
Unbeschwert


Unterwegs
Zu sein
Bedeutet nicht immer
Ankommen zu wollen am
Ziel


Wenn
Der Weg
Das Ziel ist
Was ist dann das

Gasthaus


von Sonja Meier

Sonntag, 7. Juli 2013

Wie kommentiere ich einen Blog, wenn ich nicht angemeldeter Nutzer bin?

Hallo liebe Mitschreiber und Mitleser,

wir haben mittlerweile schon viele Lesezugriffe aber nach wie vor kaum Kommentare. Vielleicht liegt es auch daran, dass man denkt, man müsse sich anmelden um zu kommentieren. Es gibt aber auch die Funktion anonym zu kommentieren. Wie das geht, wollte ich Euch hier zeigen:

Ihr klickt auf: Keine Kommentare (oder wenn welche vorhanden sind, steht da die Anzahl der Kommentare). 

Dann erscheint folgendes Fenster:

Um zu beweisen, dass es sich bei dem Kommentar nicht um einen automatisch erstellten Eintrag eines Computers ist, wird die Eingabe eines Codes verlangt, der in einer komischen Schreibschrift dargestellt ist. Ihr tragt diesen einfach ein in das Feld bei: Geben Sie die beiden Wörter ein. Dann auf Veröffentlichen drücken und der Beitrag erscheint dann. 

Viel Spaß beim zahlreichen Kommentieren.



Donnerstag, 4. Juli 2013

Elfchen von Lina Liebherz

Orange
der Regenschirm
leuchtet über mir
ich schöpfe neue Hoffnung -
Sommerzeit.


Grau
der Himmel
Regen fällt herab
ich seh Rasen atmen.
Hoffnungsgrün.


Einsam
die Frau
Trauer unterm Regenschirm
der Regenschirm leuchtet orange
himmelwärts