Donnerstag, 24. April 2014

Stufen des Abschieds

Frühling
Das einzige Geräusch, das die Stille bricht, ist der regelmäßig puffende Ton des Sauerstoffapparats in der Ecke. Der alte Mann stützt sich mit seinen Handflächen auf das Sofa und versucht sich hochzurappeln. Immer wieder sackt er zurück. Dann greift er zu seinem Stock, umfasst mit beiden Händen den Knauf und zieht sich daran hoch. Mühsam schlurft er bis zum Fußende des Krankenbettes, dreht sich mit kleinen Trippelschritten um und blickt auf seine Frau, die beatmet wird.
Sie hat die Augen geschlossen. Lang steht er da und es fällt ihm nichts anderes ein als immer wieder „ach ja“ , „ja, ja“ zu sagen. Dann  öffnet sie ihre Augen und Mann und Frau blicken sich an. Sie sieht, wie er in seiner Hilflosigkeit dasteht und kann ihm nicht mehr helfen. „Geh weg!“ sagt sie, „sonst kann ich nicht sterben.“
Ich führe den Mann zurück zu seinem Platz auf dem Sofa. Sein Kopf sinkt auf seine Brust. Er wartet ergeben bis …                                                                                         
Eine Woche später stirbt die Frau mit einem Seufzer der Erleichterung. Er schaut zu wie der Sarg hereingetragen wird. Sie legen die Frau in den Sarg und schließen den Deckel. Er weint bitterlich.

Sommer
In seinem grauen Schlafanzug sitzt der alte Mann auf der Eckbank am Küchentisch. Genüsslich beißt er in einen mit Butter und Honig bestrichenen Toast. Als er fertig ist, schaut er erst mich, dann die polnische Pflegerin Anna an und meint:
„Ich hab so einen Schmarrn geträumt – ihr seid alle gestorben“ und halb empört, halb entschuldigend fügt er hinzu: „Das ist so ein unverschämter Schmarrn. So was kann man doch nicht träumen!“ Nach einer Pause fällt ihm noch etwas ein: „Wenn ich wieder so was träume, stehe ich gleich auf, dass der Traum aufhört“. Dabei schaut er mich an und ich fühle mich aufgefordert etwas zu sagen. Ich spinne seinen Gedanken weiter: „Manchmal kann man das, was man träumt, einfach nicht verstehen. Das ist bei mir auch so.“
Belustigt schaut er zu mir und meint: „Du wirst mir den Schmarrn untergeschoben haben.“ Ich staune über seinen pfiffigen Versuch Logik in die Sache zu bringen. Und wir lachen zu dritt.

Herbst
Der alte Mann lebt jetzt im Altersheim. Ich besuche ihn zweimal in der Woche.
Er beschwert sich: „Meine Frau besucht mich nicht!“  Und ich antworte logisch: „Deine Frau kann Dich nicht besuchen. Sie ist doch gestorben.“  Er schaut mich stirnrunzelnd an,  versteht nicht, was ich sage.
Als er wieder die fehlenden Besuche seiner Frau anklagt, verspreche ich:
 „Wenn ich sie sehe, dann sag ich ihr, dass Du schon auf sie wartest. Sie soll dich ganz schnell besuchen kommen.“  Er lächelt. Die Antwort stellt ihn zufrieden.

Winter
Eine kleine, zierliche Seniorin, die ständig mit dem Rollstuhl unterwegs ist, tätschelt zärtlich die Backe des alten Mannes. Der Alte zeigt keine Regung. Da er aber ruhig bleibt und die Backe nicht entzieht, nehme ich an es gefällt ihm. Zum Abschied wirft sie ihm noch einen schmachtenden Blick zu. Mir erklärt sie: „Ich mag ihn doch so gern!“ Dann saust sie mit ihrem Rollstuhl davon.

Eine andere stumm gewordene Seniorin mit rotumränderten Augen und zum Boden geneigtem Kopf, hängt sich jeweils hinten an den Rollstuhl des alten Mannes an, wenn er seine Runden um das Karree eines Innenhofes dreht.  Er zieht sie dann im Schlepptau hinter sich her. Wenn sie versehentlich loslässt und zurückbleibt, wartet er, bis sie aufgeholt und sich erneut an seinen Rollstuhl angeschlossen hat.


Frühling
Der alte Mann redet kaum noch.  Wenn er etwas sagen möchte, bewegt er - mit angestrengter Mine - die die Lippen - lautlos. Doch die Worte sind nicht mehr auffindbar und der Gedankengänge haben sich - kaum gedacht - gleich wieder verabschiedet.
Als die Sonne zum ersten mal wieder warm scheint, fahre ich ihn im Park spazieren. Dann setzte ich mich neben seinem Rollstuhl auf die Bank. An diesem Tag geht es dem alten Mann schlecht. Seine Arme zucken und er kann sie nicht ruhig halten. So lege ich meine Hände auf seine Unterarme, bis das Zucken vorbei ist.
Zu meinem Erstaunen fängt er an zu reden: „Das ist doch kein Leben, wenn man nichts mehr tun kann.“ und nach kurzer Pause: “Ich möchte sterben“.
Mit einem „das kann ich verstehen“ pflichte ich ihm bei. Er fragt: „Und wie macht man Sterben?“
Ich erzähle Ihm ausführlich vom Sterben seiner Frau und bin sicher, dass er nichts oder nicht viel verstehen wird.  Die Beschreibung beende ich mit einem: „Du wirst die Art, wie Du sterben kannst, finden. Da bin ich ganz sicher.“

Jetzt wirkt der Alte ruhig. Er hält sein entspanntes Gesicht der Sonne entgegen und stellt fest: “Die Sonne ist warm.“ Und nach einer Pause: „Wir alten zwei Rentner sitzen in der Sonne.“
Dann versinkt er wieder in sein endloses Schweigen.

Elisabeth Gollwitzer  5. April 2014 (Lesung Kulturladen Ziegelstein)             


Montag, 7. April 2014

Wie wir waren

Eine Fotografie zeigt ein junges Paar nach dem Krieg,
einen Amerikaner und eine Deutsche.
Sie - 'apart' hätte man zu ihrer Zeit gesagt,
begegnet den Härten und Provisorien dieser Zeit
mit leichter Hand, höre ich und dass
er - ein Junge vom Land, ein Sohn von fünfen,
die der Krieg nach Europa spülte, 

ein scheuer Columbus gewesen sei.

Eine typische Liebesgeschichte dieser Zeit.
Stand auch in der Zeitung.
Hey Leute, der Krieg ist vorbei.
So sieht die Zukunft aus.
Uns kann keener!

Unversehrt von der Zukunft,
ahnungslos glücklich,
tanzen sie den Beginn.


Christel Rösener

Montag, 31. März 2014

Liebe


Sie sah ihn sofort, als sie einstieg. Er stand fast immer an derselben Stelle, im Mittelteil des Busses am Fenster, auch dann, wenn Plätze frei waren. Er blickte auf die Straße hinaus, abwesend, ohne die Einsteigenden zu beachten, leicht an die Wand gelehnt, in der linken Hand eine flache Aktentasche. Sie stellte sich neben ihn, um den nachdrängenden Fahrgästen Platz zu machen. Es begann eng zu werden und heiß, denn trotz der frühen Stunde stach die Sonne bereits. Sie war froh, morgens das Haar hochgesteckt und das dünne Seidenkleid gewählt zu haben, das eigentliche ein wenig zu freizügig für das Büro war mit seinen Seitenschlitzen und dem tiefen Dekolleté, und später würde sie die Wahl auch bereuen, wenn sie die anzüglichen Blicke der jungen Kollegen aushalten und ihr Gealber und Getuschel ignorieren musste, besonders das von Alex, der glaubte, jede Frau schmelze unter seinem Blick, der sich erdreistete, ihr nachzupfeifen. Und sie würde sich darüber ärgern, dass ihr die nötige Überlegenheit fehlte, um solche Taktlosigkeiten zu übergehen und darüber, dass es ihr nicht gelingen wollte, ihre Verlegenheit zu verbergen.
Aber jetzt, hier im Bus, war sie froh über die Wahl und genoss das leise Rascheln des kühlen Stoffes auf ihrer Haut. Das Gedränge nahm zu, sie wich vor dem Rucksack eines Schülers zurück, vor den rüschenverbrämten Fleischmassen einer Mittfünfzigerin und dem Achselschweiß aller und fühlte dabei die Schweißtropfen auf der eigenen Nase und zwischen ihren Brüsten. Alle schwitzten, nur ihn schien die Hitze nicht zu berühren. Kühl und unbeteiligt stand er da, das weiße Leinenhemd noch unzerknittert, und sie nahm einen schwachen, zitronigen Duft wahr. Sie  konzentrierte sich ganz darauf und auf die Berührung ihres Armes mit dem Leinenstoff. Die Menge drängte sie noch dichter an ihn, Körper an Körper. Sie spürte eine leichte Bewegung, er wandte sich vom Fenster zur Seite und sie glaubte seine Blicke auf ihrem Rücken zu fühlen, wie Hände, die ihn erkunden, die abwärts wandern vom Nacken, tastend über die Schulterblätter streifen bis hinab zur Hüfte, um dort liegen zu bleiben, so leicht wie der Stoff ihres Kleides. Sie genoss die aufsteigende Erregung, dieses heiße, brennende Gefühl, das, wie ihr mit einer gewissen trägen Verwunderung bewusst wurde, sie nicht stärker schwitzen ließ, sondern sie auf seltsame Weise von der äußeren Hitze, ja von allen anderen Menschen separierte, als gäbe es kein Außen mehr.
Das scharfe Bremsen des Busses presste sie gegen die Haltestange und sie fühlte durch das dünne Seidenkleid hindurch die Kühle des Metalls an Schenkeln und Bauch. Sie öffnete die Augen. Die Menschen drängten sich an ihr vorbei auf dem Weg zur Tür; auch er stieg hier immer aus. Sie wich einen kleinen Schritt zurück, um ihn vorbei zu lassen und kurz trafen sich ihre Blicke, und sie glaubte ein Wissen in diesem Blick zu sehen. Um seinen Mund spielte ein Lächeln. Sie sah ihm nach, bis er in der Menge draußen verschwunden war.
Als sie abends nach Hause kam, kickte sie noch im Gehen die Schuhe von den Füßen und zog sich das verschwitzte, zerknitterte Kleid über den Kopf, löste ihr Haar und warf dann das Kleid achtlos in die Wäschetruhe. Den kleinen Zettel, der sich in der aufgesetzten Seitentasche befand und auf den in krakeliger, rasch hingeworfener Handschrift ein Vorname und eine Telefonnummer notiert waren, bemerkte sie nicht. Als sie ihn Tage später beim Bügeln des Kleides fand, war die Schrift ausgewaschen und unleserlich geworden. Sie zuckte die Schultern und warf ihn weg.

23.03.14
Sonja Meier

Donnerstag, 2. Januar 2014

30 Jahre


Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass Hanna das Häuschen nicht gehörte. Ich glaube, niemand aus unserer Nachbarschaft hatte das gewusst. Hanna gehörte zu dem Haus, als wäre sie Teil davon. Sie lebte dort seit über dreißig Jahren, lange bevor wir hier eingezogen und damit zu Nachbarn geworden waren. Ich erinnere mich noch an die vollständige Familie Klein, an die beiden Söhne und die Tochter Sabine, alle damals noch Schüler und ziemliche Rabauken, die mit ihren Freunden und wilden Spielen Leben in unsere brave, etwas verschlafene Siedlung brachten. Walter Klein war um einiges älter als seine Frau, ein stiller, zurückhaltender Mann, bei der Post beschäftigt und freundlich zu jedermann. Wie die ganze Familie in dem winzigen Haus Platz finden konnte, war uns immer ein Rätsel gewesen. Von außen sah es so puppenstubenhaft aus, dass wir oft Witze über die Raumaufteilung machten, denn außer den fünf Personen lebte dort auch einiges Getier. Anfangs hielten die Kleins sogar noch Hühner, die wir manchmal durch die offene Verandatür hinein- und heraus stolzieren sahen. Walter behauptete immer, sie lieferten drinnen ihre Eier ab. Es gab Häschen für die Kinder, zwei Katzen wegen der Mäuse und in der Regel mindestens einen Hund. Auch der Garten der Kleins war winzig, maximal zweihundert Quadratmeter, genutzt als Obst- und Gemüsegarten. Am Zaun standen ein Johannis- und ein Stachelbeerstrauch, sogar ein Apfelbäumchen wuchs dort. Zwischen Sträuchern und Baum stand ein schlichtes Holzkreuz, in das Namen geschnitzt waren, und im Laufe der Jahre kamen immer wieder welche dazu. Starb eines der kleineren Haustiere, wurde es von allen betrauert und dort begraben. „Zecki“, „Pippi“ und „Rudi“ hatten so ihren Frieden gefunden, und ein flacher Stein mit unregelmäßiger Oberfläche, die ihn wie eine Miniaturlandschaft aus Tälern, Hügeln, Flüssen und einzelnen Berggipfeln erscheinen ließ, sicherte die Grabstelle vor Räubern. Die Familie hatte nie über Reichtümer verfügt. Walter fuhr damals einen alten Opel, der ihn allerdings überleben sollte. Hanna hatte kein Auto. Sie reparierten am Haus fast alles selbst. Es war damals schon alt, ein Sparhäuschen aus den Vierziger Jahren, und es gab immer Erneuerungsbedarf. Die Kleins pflegten es liebevoll, strichen die Fensterläden, ja sogar die Fassade regelmäßig, und der üppige Blumenschmuck lenkte von seiner Ärmlichkeit und Beschränktheit ab.

Nach dem Auszug der Kinder lebten Hanna und Walter allein darin. Die drei zogen rasch nacheinander aus, Sabine als letzte, vor ca. zehn Jahren denke ich. Sie nahm das verbliebene Kaninchen mit und ließ ihre Eltern mit einer alten, zahnlosen Katze und zwei Hunden im Häuschen zurück. Für Hanna und Walter muss der Gewinn an Raum und Ruhe der pure Luxus gewesen sein;  sie werkelten wochenlang in allen Zimmern, renovierten und breiteten sich aus. Mein Mann und Walter hielten engeren Kontakt als wir Frauen. Die beiden trafen sich manchmal zu einem Sonntagsspaziergang mit Abschlussbier im „Waldheim“, lösten die Weltprobleme und planten die Zukunft. Die Kleins sparten damals, so erzählte es mir Martin, um mit Beginn von Walters Ruhestand einmal richtig groß Urlaub zu machen und in einem Wohnmobil durch Südosteuropa zu touren. Aber Walter erlebte seinen Ruhestand nicht. Den letzten Arbeitstag feierte mit seinen Kollegen lange, ausgiebig und mit viel Alkohol. Ich erinnere mich noch an die Nacht, in der er volltrunken – eigentlich unvorstellbar bei diesem ruhigen, gemäßigten Mann - weit nach Mitternacht nach Hause kam und über den Berg Altmetall stolperte, den sie tags zuvor zur Abholung neben dem Gartentor aufgeschlichtet  hatten; das heißt, er stolperte nicht darüber, er fiel praktisch hinein, und es gab ein solches Getöse, dass wir in den Betten standen und Martin hinunter ging, um nachzusehen. Er half Hanna ihn ins Bett zu bringen, aber weil es nicht möglich war, den schweren Körper die Treppe hinauf zu hieven, packten sie ihn schließlich auf das Sofa im Wohnzimmer, lagerten seinen Kopf etwas höher, deckten ihn zu und ließen ihn allein.
Am nächsten Tag war Walter tot. Er starb an einer Gehirnblutung und Hanna trauerte ein halbes Jahr aus tiefstem Herzen, bevor ihre praktische Art und ihr angeborener Lebensmut sie langsam wieder aufrichteten. Nach und nach, mit Hilfe ihrer Kinder, die sich rührend um sie kümmerten, fand sie in ihren Alltag zurück und lebte allein mit Mona, der Hovawart-Hündin, die eigentlich Walters Hund gewesen war, in dem kleinen Haus. Sie sagte mir einmal, alles darin, jeder Schrank, jeder Stuhl, jedes Bild, jeder Nagel in der Wand, trage seine Handschrift und manchmal habe sie das Gefühl, er sei nur kurz fortgegangen und würde in einer Stunde - wie früher jeden Tag - wieder in seinem Sessel sitzen. Ich habe Hanna nie etwas ausräumen sehen, auch Jahre später nicht, und ihre Tochter erzählte mir bei einer Gelegenheit, dass die Sachen ihres Vater noch genau dort waren, wo sie sich vor seinem Tod befunden hatten. Nichts wurde verändert. Hanna lebte mit ihnen und auf diese Art und Weise wohl auch mit ihrem Mann. Sie schaffte sich noch einen zweiten Hund an, versorgte ihr Zuhause mit Fleiß und Umsicht und betreute bei Bedarf ihren Enkel, der ein Jahr nach Walters Tod auf die Welt kam. Sie kam gut zurecht und ich glaube, dass die geliebte Umgebung für sie mindestens ein ebenso wichtiger Halt war wie die Kinder und ihr Enkel.

Dass die Kleins nicht Eigentümer des Grundstücks waren, erfuhr ich erst vor ca. 1 1/2 Jahren. Ein Mitglied der Erbengemeinschaft, der es nach dem Tod der früheren Eigentümerin gehörte, meldete Eigenbedarf an und sprach die Kündigung aus. Es kam unerwartet für Hanna und traf sie damals wie ein Schlag, sie kämpfe dagegen, bat um Aufschub, verhandelte mit den Erben - Martin half ihr dabei, daher kenne ich einige Details -, aber schließlich musste sie doch nachgeben. Man gewährte ihr eine letzte Räumungsfrist bis Ende Oktober mit der Drohung, danach Räumungsklage zu erheben. Für sie bedeutete es die zweite Katastrophe in diesem Jahr. Im Frühjahr war Mona gestorben. Martin und ich waren zu dem Zeitpunkt verreist und erfuhren es nach unserer Rückkehr von Hanna, die müde und eingefallen wirkte, von Selbstvorwürfen gepeinigt, denn die Hündin war wohl qualvoll verendet, und mag dieses übergroße Leid wegen eines toten Tieres manch einem unangemessen erschienen sein, so glaube ich doch, dass mit Mona auch eine lebendige Bindung zu Walter gestorben war.
Und nun also der Umzug oder, wie Hanna es formulierte, die Vertreibung aus dem Paradies. Sie hatte eine Wohnung in der Nähe ihres ältesten Sohnes gefunden, zwar nur mit Balkon, aber dafür mit einer Schrebergartenparzelle, wenige hundert Meter vom Wohnhaus entfernt, die ihr ermöglichen würde, ihren gewohnten Alltag weiter zu leben. Hanna bestellte einen Container und begann auszuräumen. Zwar lehnte sie Hilfe nicht generell ab, doch das meiste machte sie alleine. Ich glaube, es war ihre Art Abschied zu nehmen und er dauerte Wochen. Nach dem Container kam das Umzugsunternehmen. Die Arbeiter trugen Unmengen an Kartons und Kisten heraus; das winzige Haus spuckte alles aus, was in ihm war, und am Schluss befürchtete ich fast, es habe nun jeden Halt verloren und werde ohne das stützende Inventar in sich zusammensinken. Letztendlich - die Arbeit des Umzugsunternehmens war beendet - mietete Hanna einen Kleintransporter, um die restlichen Sachen selbst wegzuschaffen, Kleinode vielleicht, die sie keinem anvertrauen wollte. Ich sah sie im Garten und auf der Veranda werkeln; auch der Lieferwagen füllte sich.

Es dämmerte bereits, als ich aus dem Arbeitszimmer meines Mannes im zweiten Stock hinüber sah zu Hanna und im Zwielicht des beginnenden Abends begriff ich nicht gleich, was ich sah. Sie stand mit einem Spaten bei dem Apfelbaum und grub mit festen, energischen Stichen. Es hatte erst geregnet und die Erde war schmierig und schwer. Die schmale Gestalt stemmte ihr ganzes Gewicht mit einem Fuß auf den Spatenrand, hob den Stich aus, kippte die nasse Erde zur Seite und ging den nächsten Stich an. Sie hatte sich schon fast einen halben Meter in den Boden gegraben, als sie strauchelte und um ihr Gleichgewicht rang. Einen Moment stand sie reglos da, die Haare wirr im Gesicht; sie starrte nach unten, und ich begriff, dass der Spaten gebrochen war. Sie wischte mit dem Ärmel über ihre Stirn, warf beide Teile des Spatens zur Seite, kniete sich hin und grub mit den Händen weiter. Unfähig mich abzuwenden, verfolgte ich ihr Tun, bis sie etwas hervorhob, ein unförmiges Bündel, das sie aufnahm, um es zum Auto zu tragen, und ich glaubte - völlig unsinnig im zweiten Stock des Nachbarhauses hinter einem geschlossenen Fenster - einen widerwärtig beißenden, süßlichen Geruch wahrzunehmen. Ich floh.

Das liegt erst zwei Wochen zurück, und ich habe Hanna seit dem nicht mehr gesehen, aber am Tag danach ging ich noch einmal hinüber. Ich schlüpfte durch den kleinen Durchlass in der Hecke, die unsere Grundstücke von einander trennt, und ging zum Apfelbaum.  Der flache Stein mit der unregelmäßigen Oberfläche einer Miniaturlandschaft, mit Tälern, Hügeln, Flüssen und Berggipfeln lag an seiner Stelle, das Holzkreuz dahinter fehlte. Es roch nach frischer Erde. Langsam ging ich zurück. An der Mülltonne neben dem Gartentor lehnte der zerbrochene Spaten.

08.12.13
Sonja Meier

Donnerstag, 28. November 2013

BAUMRINGEN

Wenn ich ein Vöglein wäre, würde ich Dinge sehen, die ich so niemals sehen kann. Ich könnte den Wind zwischen meinen Federn spüren, elegant in den Wolken schweben, dabei Melodien zwitschern, wundervolle Welten entdecken oder einfach nur fliegen, fliegen, fliegen... Irgendwann würde ich mir einen Ort suchen, mich ins sanfte Gras gleiten lassen, mir ein einladendes Gehölz mit schützendem Bewuchs suchen, mich niederlassen um ein Nest zu bauen. Wenn ich es will. Oder einfach weiter fliegen.

Ich bin aber kein Vogel, ich bin sein Gegenüber und stehe hier, mitten im Wald. Tief verankert, geben mir meine Wurzeln Halt. Aus dem Erdreich ziehe ich meine Energie. Das Federvieh in seiner ganzen Vielfalt spürt das und landet gerne in meinen weiten Verzweigungen. Meist kommen sie luftig aus der Höhe, wippen vergnügt auf und nieder, knüpfen Kontakte, trällern vergnügt und bringen mit ein Stück Leben von der weiten Welt mit. Seltener kommen auch welche heran stolziert. Ich denke da an den albernen Gockel und den eitlen Pfau. Ich muss nicht jedermanns Freund sein. Ein kurzes Rascheln mit meinem Kleid genügt und schon huschen sie davon.

In jungen Jahren suchten meine Nähe eher so Gesellen wie Bachstelze, Steinschmätzer, Feldlerche, Goldammer, Wiesenpieper oder diese Hänflinge. Lästig fand ich allerdings die Klappergrasmücken. Lustig und lebensfroh waren sie alle miteinander, wie auch Rotkehlchen und Spatz. Viel Spaß hatten wir zusammen, es war immer etwas los. Eines hatten alle diese jungen, flatterhaften Möchtegern Herrn der Lüfte gemeinsam: sie wollten vögeln. Viele habe ich in hohem Bogen unter lautem Protest davongejagt.

Bewundert, meist aus der Ferne, habe ich lange den wunderschönen Fischreiher. Elegant und selbstbewusst kommt er des Weges. Eine tolle Ausstrahlung hat er. Irgendwann wurde mir klar, dass auch er nur ein Kranich ist. Und die wissen ja nicht was sie wollen. Ziehen hierhin, ziehen dorthin und nirgends sind sie zuhause. Oder der kräftige, wunderschöne Adler, der seine Freiheit zu fliegen genießt. Freiheit bedeutet ihm sehr viel. Seine Vielseitigkeit und seine innere Stärke habe ich stets bewundert. Meist wenn er flog, gelandet ist er nie bei mir.

Einige Blätterwechsel später kamen die an Nestbau Interessierten zu mir. Ich hatte eine beträchtliche Höhe und die Reife dazu erreicht und das, was ich zu bieten hatte, ließ sich sehen. Ich bin eine recht anpassungsfähige und gesunde Kiefer. Warum nicht zulassen, dass sich jemand bei mir einnistet? Mein immer grünes Gehölz hat einiges zu bieten.

Zunächst klopfte der Specht an. Ein passabler Handwerker, der sogleich auch seinen Werkzeugkoffer auspackte. Aber den ganzen Tag das Gehämmere? Das ging mir durch Harz und Wurzeln und verletzte meine empfindsame Rinde zu sehr. Außerdem soll der Nachwuchs Nesthocker sein. Und wer will sich schon über lange Zeit blockieren?

Danach gurrte sich ein Tauberich heran. Schön und trotzdem nicht abgehoben. Das wundersame rein weiße Gefieder passte zu ihm. Gerne verkündete, säuselte und girrte er sinnreiche Sprüche. Nicht immer waren wir einer Meinung und meine Belange stießen auf Taubheit. Da half auch die Liebe und Verbundenheit nicht.

Dann doch lieber Meister Amsel mit seinem schwarzem Gefieder, einem braunen Blick und solidem Wesen. Und der vor mir, hatte nicht nur einen besonderen Dialekt, sondern war auch ein besonders stattliches Exemplar. Hätte ich besser hin geschaut. Ein Nichtsnutz war er, der seine Brut woanders deponierte. Zum Kuckuck!

Was war ich sauer. Aber im saurem Boden kann ich überleben oder wie jetzt, in die Jahre gekommen, in leicht kalkigem. Auch Liebes- und Wassermangel konnte ich wegstecken. Aber beschissen haben mich einige. Und ich habe geblutet. Getröstet hat mich der Uhu. Er ist heute noch mein bester Freund.

Dann kam der Elstermann. Immer wieder. Von oben, von rechts, von links. Er umwarb mich auf subtile Art. Geheimnisvoll und attraktiv beobachtete er mich, kam mir aber nie zu nahe. Das schwarze Gefieder passt zu seiner Art, weil es dunkel und dennoch schön ist. Es ist nicht so schwarz, wie die der anderen Rabenvögel. Die Federn schwarz-weiße. Auch er ist ein wenig in die Jahre gekommen.

Von Anfang an sagte er, dass er unabhängig und frei sein wolle, aber nicht in die Ferne schweifen würde, wie der Adler. Er gehöre zu den Elstern die alleine leben. Von Nestbauern hatten meine Zweige die Nase voll. So ließ ich mich drauf ein, trotz unken des Uhu, der mich wegen seiner diebischen Ader warnte.

Geistreich und gesellig ist der Elstermann und gerne sehe ich mir das Sammelsurium seiner glänzenden Gegenstände an, die er immer wieder in sein Nest schleppt. Manchmal bin ich froh, dass er sein Nest nicht bei mir hat. Es würde mich verbiegen. Und doch hätte ich ihn gerne bei mir.

Viele harte Jahreszeiten liegen nun hinter mir. Um mich herum ist es licht geworden. Die einen in meiner Nachbarschaft sind verheizt worden, andere haben sich zum Hampelmann machen lassen. Einen hat der Blitz getroffen, manche sind einfach abgestorben. Auch ich habe einige Kämpfe hinter mir. Fremdkörper und andere Parasiten haben meine Kraft geschwächt. Teile meiner Äste habe ich absterben lassen und abgeworfen, um zu überleben. Nun bin ich nicht mehr astrein, dafür ist mein Stamm um einiges breiter. Mein Anblick war einmal schöner. Aber auch das hat seine Vorteile: Ich muss nicht mehr so viel Vogelvieh abschütteln.

Der Elstermann kommt jetzt schon seit zig Baumringen nach wie vor an sammelfreien Tagen zu mir. Beschissen hat er mich noch nie. Gut arrangiert haben wir uns. Er hat seine Freiheit und ich meinen Standort.

Seit kurzem taucht der Papagei bei mir auf. Was hat diesen Paradiesvogel hierhin verschlagen? Aus einer fremden Welt kommt er und spricht in fremder Sprache. Denke ich an ihn, kommen mir Piraten in den Sinn. Wo mag er herkommen, der Exot? Amazonas, Brasilien, Rio …? Er bringt mein Harz zum Fließen bis in die tiefste Wurzelspitze. Wenn er auf mir landet, wird mir ganz anders. Mein Kieferduft betört ihn, an meinen Zapfen knabbert er. Er lockt mit der Fremde, weckt Sehnsucht in mir, lädt mich ein ihm zu folgen. Eine neue Welt entdecken? Ich blicke auf meine Wurzeln, die verlässlichen, die mich stützen und halten. Wie soll das gehen? Ich bin hier verankert. Weg von hier? Weg von meinem Leben?

Da hebt das bunte Gefieder ab. Wie ein Regenbogen umfließt er mich. Es entsteht eine Bö, ein Wind, nein ein Sturm, ein Sog. Das Erdreich gibt nach. Meine gekrümmten Wurzeln bewegen sich, lockern sich, strecken sich. Aus Lehm wird Sand. Treibsand. Er rieselt durch meine Wurzeln. Hilfe, ich verliere meinen Halt. Ich verliere den Boden unter den Füßen. Ich schlage mit meinen Ästen wie mit Flügeln, höre den Elstermann, krarrrr, krarrrr. Er umkreist mich, flattert und sagt nicht: Bleib! Der Uhu schweigt. Da hebe ich ab. Gewinne Höhe. Amazonas, Rio, Brasilien… Ich komme.

Wenn ich ein Vöglein wär‘, würde ich fliegen, fliegen, fliegen …

© Frau Gunkelberg  2013

Samstag, 26. Oktober 2013

Jardin perdu

Selbst den so geliebten Park hatten sie ihm genommen. Es waren nun andere Bäume, die er durch die Buntglasscheibe anstarrte, die, Wand hoch und beinahe zwei Meter von dem den Gang begrenzenden Geländer entfernt, Stämme und Kronen, Sträucher und Blumenrabatten verfremdete. Panzerglas sei es, hatte man ihm gesagt. Unzerstörbar. Färbung und Struktur des Glases schufen eine bis dahin unbekannte, wunderliche Distanz zu der Welt dort draußen, die nicht mehr war wie vorher und alles war schlechter geworden, seit sein Engel ihn verlassen hatte. Dabei wäre es gar nicht nötig gewesen. Sie hatte einfach überreagiert, sie, die sonst so lässige, die coole, unbeschwerte. Sabrina! Nicht Herrscherin seines Vorzimmers war sie gewesen, sie hatte es beseelt, hatte mit ihrer Jugend und ihrem Charme Leben und Wärme hineingebracht. Ihre zierliche und doch so weibliche Gestalt mit den geschmeidigen Bewegungen, ihre grünbraunen Augen, die Grübchen in den Wangen, wenn sie lachte, das Stakkato ihrer Absätze,  ihr Trällern am Morgen beim Kaffeekochen, der Hauch von Parfum - ein wenig süß und ein wenig herb, nie zu schwer -, der noch im Raum hing wie eine Erinnerung, wenn sie ihn schon verlassen hatte, all das war zum erfreulichsten Teil seines Alltags geworden.
Mein Gott, und eigentlich war doch gar nichts passiert! Dass er sie berührt hatte, das konnte doch mal vorkommen; sie kam ihm nahe beim Reichen der Akten, um die er gebeten hatte, dass es ihr Busen gewesen war, nun ja …, dass man seinen Handabdruck sah – nur geschuldet der ungemein zarten, empfindlichen Haut ihres Dekolletés. Aber sie hatte geschrien, hoch und schrill und laut und war aus dem Büro gestürzt, den Gang entlang; das Stakkato ihrer Absätze überschlug sich. Ein Kollege aus dem Büro gegenüber erschien an der Tür, wollte wissen, was geschehen war. Er war zu keiner Antwort fähig. Noch heute erinnerte er sich mit heißer, brennender Scham an das Gespräch mit dem Behördenleiter. Man hatte ihn geschont, wollte glauben, was er vortrug. Ein peinliches Versehen, ein Missgeschick, natürlich. Und doch traf ihn die härteste Strafe. Er hatte sich leise, stotternd, händeringend, dann schriftlich in aller Form bei ihr entschuldigt, dennoch: Sabrina Zinnerersuchte um Versetzung; dem wurde selbstverständlich stattgegeben.
Ihre Nachfolgerin hieß Gertrude Butterhoff, maß einen Meter siebenundsechzig bei einem Gewicht von dreiundneunzig Kilogramm, trug Birkenstock und roch nach Zigaretten, Schweiß und Leberwurst. Auch sie war nicht Herrscherin seines Vorzimmers – dazu fehlten ihr Fachkenntnisse und Ausstrahlung gleichermaßen – aber sie füllte es aus. Nicht nur ihre Person beanspruchte Raum, auch die benötigte Verpflegung tat es. Zwar nutzte sie durchaus die Kantine des Amtes, aber das reichte nicht. Sie kam ihm vor wie einmenschlicher Mähdrescher. Ununterbrochen mahlten ihre Kiefer; zwischen Akten, Schriftstücken, Tastatur und Telefon verschwanden Berge von Pommes frites, Pizzateilen, Wurstbroten (Leberwurst, manchmal auch Knoblauchsalami), Hähnchenschenkeln und Bratwürsten. Er war Ästhet und er war Vegetarier und er litt unsäglich, doch trug er es mit sovielWürde, wie er nur aufbringen konnte und betrachtete es als eine Art Sühne für sein Tun. Nur einmal stieß er an die Grenzen seiner Duldsamkeit. Als bei einer kleinen Geburtstagsfeier im Kollegenkreis die Sprache auf die gequälte Kreatur in der Massentierhaltung kam – er hatte das Thema angestoßen – und sie kauend einwarf, sie sehe kein Leid, da sie Nutztiere nicht als leidfähige Wesen sondern als ihre Nahrungsmittel betrachte, krampfte sich sein Magen zusammen und er fühlte eine Woge des Abscheus, nein es war mehr als das, es war blanker, abgrundtiefer Hass, der in ihm aufstieg, mit einer Heftigkeit, die ihm den Atem nahm, und er musste den Raum verlassen, um seine Beherrschung wiederzuerlangen. Er spürte die Blicke seiner Kollegen imRücken. Danach ertrug er ihre Anwesenheit mit verbissenem Schweigen. Er schauderte, wenn ihre Gestalt sich über seinen Schreibtisch beugte, ihm zugewandt, der mächtige Busen vor seinem Gesicht. Er hielt die Luft an, bis sie das Zimmer wieder verlassen hatte. Selbst die Akten rochen nach Essen und kaltem Rauch. Er wurde zum Frischluftfanatiker.
Manchmal, wenn Zahlen, Akten und Sauerstoffarmut ihn ermüdet hatten, gönnte er sich eine Pause und verließ sein Büro, um am Ende des Ganges auf den schmalen Balkon hinauszutreten, der als einer von dreien, Geranien geschmückt, die Rückfront des Ämtergebäudes zierte. Was ihm liebe Gewohnheit seit Jahren war, wurde zur täglichen, zwingenden Notwendigkeit, um das Unerträgliche ertragen zu können. Er genoss den Blick auf den Park und das Wechselspiel seinerFarben. Nie hatte er sich entscheiden können, wann er ihm am besten gefiel: im Frühjahr, wenn die Baumkronen voller Verheißung in den unterschiedlichsten Grüntönen leuchteten – im Mai hatte er dreizehn verschiedene Nuancen gezählt (die Blutbuche eingerechnet) -, im Sommer, wenn das dunkel gewordene Grün die bunten Blumenrabatten am Eingang betonten oder im Herbst, wenn der Farbrausch der Blätter noch einmal alles überstrahlte, bevor der Winter die bloße Form in Szene setzte. Auch das liebte er. Er fing an, den Bäumen Ziffern zuzuweisen. Die Sicheltannen ganz vorne trugen die eins, die mächtige Blutbuche war die neun und die drei Eichen gegenüber, knorrig und hochgewachsen, bezifferte er mit sieben, während die Winterlinde als markantester Baum hinter dem kleinen Weiher die sechs verkörperte. Auch Birken, Robinien, Ahorn, Zypressen und Eiben wurden beziffert. Dazwischen änderte er ihre Benennung. Da die Ziffern nicht für alle Baumarten im Park reichten, blieben in manchen Monaten die Tannen ziffernlos, weil nun die schlanke Zypresse die eins bekam, und weil die fröhliche Birke auch mal die sechs sein wollte, musste die Linde im August leer ausgehen, ebenso wie die Eichen, als der Ginkgo die sieben begehrte. Er stellte sich vor, wie die Bäume darüber tuschelten. Manche lästerten und schimpften, während andere sich brüsteten. Aber die Erde, die alles trug, alles hielt, alles versorgte, die demgemäß die mächtigste der Ziffern trug, die Null, was er auch nie änderte, schwieg dazu, einvernehmlich wie ihm schien. Nur manchmal kicherte sie leise.
Dann wurde auch dieses Refugium bedroht. Es war ein Dienstagnachmittag gegen halb drei, als er den Zigarettenstummel auf dem Balkonboden entdeckte. Er erstarrte, Schweiß brach ihm aus beim Anblick des himbeerroten Lippenstiftrestes am Filter. SIE bevorzugte diesen Farbton. Manchmal hing ein Rest am unteren Rand ihrer Schneidezähne. Nicht hier! Nicht in seinem Allerheiligsten! Er roch kalten Rauch, Schweiß und Leberwurst. Steifbeinig verließ er den Balkon und lehnte sich zitternd an die Wand, bevor er zu seinem Büro zurück ging und die Tür zum Vorzimmer aufriss. Frau Butterhoff, erschrocken durch das unerwartete Geräusch, drehte sich zu ihm um, während sie in die Hot-dog-Semmel biss und Ketchup spritzte quer über den Schreibtisch. Was dann geschah, konnte er später nicht mehr sagen. Seine Hand war schneller als sein Kopf, als sie zu dem Messer griff, das aus ihrer Einkaufstasche ragte und den Preis noch trug – 67,50 €, es war ein sehr gutes Messer – und damit zustieß. Es traf die Halsschlagader und das Preisschild baumelte noch daran, als Frau Butterhoff mit einem matten, röchelnden Schrei schwer über den Aktenhunt stürzte, Teller und Glas mit sich reißend, während ihr Blut pulsierend Akten und Schriftstücke rot färbte. Von der offenen Tür hinter ihm kam ein Laut.
„Ketchup“ sagte er zu dem Kollegen aus dem Nachbarbüro, der mit kalkweißem Gesicht und offenem Mund den Türgriff umklammerte. „Ketchup. Ketchup.“
Eine Hand legte sich ruhig und bestimmt auf seine Schulter, während er noch einmal zu den verfremdeten Bäumen jenseits der Glasscheibe hinüberblickte. „Kommen Sie, Herr Breuer. Die Therapeutin wartet .

22.09.13
Sonja Meier


Bild: Jardin Perdu von Jürgen Durner, der uns freundlicherweise erlaubt hat, sein Bild auf unserem Blog zu veröffentlichen



















Donnerstag, 26. September 2013

Die fröhliche Frau

Sie wachte von selbst auf, noch vor dem Weckerläuten, und wie immer, wenn das passierte, freute sie sich darüber, als sei ihr etwas Besonderes gelungen, als habe sie dem Wecker, diesem lästigen Gesellen, der gleich mit den Pieptonintervallen  beginnen würde, ein Schnippchen geschlagen. Immerhin fasste sie heute nicht mehr automatisch nach links, wie sie es die letzten beiden Morgen getan hatte. Sie kicherte bei dem Gedanken vor sich hin. Wie unverrückbar Gewohnheiten waren! Montagmorgen war Hans-Hermann nach München zu einem Seminar  gefahren:  Bilanzbuchhaltung  unter Berücksichtigung Europäischen Rechts.  So trocken, hatte sie gesagt, dass Brandgefahr bestand. Drei Nächte schlief sie nun allein. Trotzdem hatte sie an sich halten müssen nicht wieder hinüber zu fassen; diese mechanische Geste des Weckens, Bestandteil des morgendlichen Rituals seit so vielen Jahren. Er war schweigsam gewesen bei der Abreise, ob aus Konzentration oder aus leisem Groll wegen Sonntagabend wusste sie nicht, vielleicht beides.
Sie waren mit einem seiner Kollegen und dessen Frau im Theater gewesen. „Hamlet“. Sie verabscheute das Stück und war nur ihrem Mann zuliebe mitgegangen. Dass die Inszenierung das blutige Mittelalterspektakel in der Chefetage eines Konzerns angesiedelt hatte und die Protagonisten im letzten Akt nur noch beschmutzte Unterwäsche und Krawatten trugen, machte es ihr nicht leichter. Sie habe Hamlet einmal, erzählte sie später beim Studieren der Speisekarte im Restaurant heiter, als Kindertheater gesehen. Das habe ihr nicht so den Appetit verdorben, der Gedanke an Sojasauce lasse sie jetzt schaudern, ginge es den anderen auch so? Einen Moment lang hatte Schweigen geherrscht und Hans-Hermann warf ihr später vor, die Frau seines Kollegen, eine große Shakespeare-Verehrerin, die auch die Auswahl des Stückes getroffen hatte, beleidigt zu haben. Und außerdem fuhr er fort, machst du dich mit deinem Kindertheater lächerlich. Da kannst du mit Lena hingehen, wenn sie alt genug ist. Eine Großmutter allein im Kindertheater ist lachhaft. Sie hatte ihn einen Spießer genannt, und der Abend endete in Disharmonie. Obwohl sie sich über seine Borniertheit ärgerte, bedauerte sie den Streit am nächsten Morgen und war ihm gegenüber besonders aufmerksam, aber er hatte geschwiegen, beim Frühstücken betont interessiert die Zeitung gelesen und sich dann etwas frostig verabschiedet. Er konnte nachtragend sein, aber bis heute Abend würde er es vielleicht vergessen haben.
Sie streckte sich wohlig, verschränkte die Arme unter dem Nacken und blinzelte in die Sonne, deren Strahlen durch das Laub des Fliederbaumes ein Muster fliegender Licht- und Schattenpunkte auf die Wand ihr gegenüber zauberten und dort, wo sie den geschliffenen Rand des Spiegels trafen, glitzernde Reflexe in allen Regenbogenfarben setzten. Sie hatte überstundenfrei, ihre Tochter Christin war mit Mann und Kind verreist, also stand auch kein Oma-Dienst an und so hatte sie sich eigentlich Hausarbeit vorgenommen, aber der Tag war so schön. Sie sprang, ohne die ziependen Rückenmuskeln zu beachten, aus dem Bett, machte Katzenwäsche wie in Kindertagen und setzte sich mit der Zeitung zum Frühstücken auf die Terrasse, barfuß, ungeschminkt und ungekämmt. Sie schmunzelte beim Gedanken an Frau Meinhardt, die Nachbarin zur Linken, die auch für den Brötchenkauf am Samstag das große Make-up auflegte und deren Staubsauger nun deutlich vernehmbar brummte. Ausgerechnet heute war die auch zu Hause. Sie erinnerte sich an das verkniffene Lächeln der Nachbarin, als sie einmal beim Fensterputzen auf der Terrasse von der Leiter rückwärts in den Eimer mit dem Putzwasser gestiegen war. Sie hatte ihn nicht umgeworfen sondern war mit ihrem linken Fuß exakt in die Mitte des Eimers getreten und musste über diesen Zufall so lachen, dass sie einen Schluckauf bekam. Bei ihrem Rückzug in die Wohnung hatte sie eine nasse Spur bis ins Badezimmer hinterlassen und dann Mühe gehabt, Hans-Hermann zu beruhigen, der auf der Suche nach ihr die Terrasse vom Arbeitszimmer aus betreten und dabei den Eimer übersehen hatte, über diesen gestolpert war und ihn dabei umgeworfen hatte. Auf der Suche nach einem Putzlappen wäre er auf ihrer nassen Spur beinahe gestürzt, und er fluchte so laut, dass Frau Meinhardt herüber rief, ob sie helfen könne.
Diese scheinheilige Zicke! Marianne atmete auf, als der Staubsauger verstummte und widmete sich ihrem Frühstück. Das letzte ohne Hans-Hermann. Sie hatte die drei Tage Alleinsein so genossen, dass sie beinahe ein schlechtes Gewissen verspürte. Drei Tage Freiheit ab zwölf Uhr mittags. Sie hatte sich mit einer alten Schulfreundin zum Stadtbummel getroffen, den Botanischen Garten besucht und sich gestern Abend „Jenseits von Afrika“ gegönnt, ohne das resignierte Seufzen ihres Mannes  beim Aufreißen der Taschentuchpackung  ignorieren zu müssen.
Sie warf einen Blick auf die Uhr, faltete die Zeitung zusammen, räumte das Geschirr aufs Tablett und trug es in die Küche, wobei sie auf dem Weg sorgfältig einem Paar grauer Wildlederpumps  und dem halb gefüllten Wäschekorb auswich, während sich auf der Terrasse die Spatzen lautstark um die Krümel zu streiten begannen. Aus dem Küchenfenster sah sie den Postboten vorbei radeln. Sie schlüpfte rasch in ihre Sandalen und lief hinaus. Die vier Stufen vor der Haustür nahm sie in zwei Sätzen und hüpfte auf den Steinfliesen bis zum Briefkasten, sorgfältig darauf achtend, wie in Kindertagen immer eine Fuge zu treffen. Sie lächelte bei der Erinnerung an die oft gewonnenen Hüpfwettkämpfe mit den Nachbarskindern, meist dotiert mit Erdbeerdrops und dem Recht das nächste Spiel zu bestimmen.
 „Schönen juten Morgen, Frau Richter, das nenn‘ ich jute Laune!“
Sie hatte, ganz auf den Weg konzentriert, Herrn Schmolenske übersehen, der mit seinem Dackel vor ihrem Gartentor stand und sie zufrieden musterte.
„Ich hab‘ schon oft zu Ihrem Mann jesacht, Herr Richter, hab‘ ich jesacht, Herr Richter, mit Ihrer Frau ham Se sich die Jugend ins Haus jeholt. Ob Mutter oder Oma, die is‘ noch so jung wie bei der Hochzeit. Wo is‘ er überhaupt? Seit drei Tagen hab‘ ich ihn nich‘ mehr aus’m Haus jeh‘n seh’n.“
„Auf Tagung“. Sie fuhr sich ein wenig verlegen durch das Haar, nahm die Post aus dem Kasten und beeilte sich ins Haus zurück zu kommen, um weiteren Fragen zu entgehen. An der Haustür warf sie einen Blick auf die Umschläge: zwei Rechnungen, ein Brief vom Finanzamt , einer von der Versicherung. Bestimmt eine weitere Widrigkeit im unendlichen Streit um die Begleichung der letzten Handwerkerrechnung für die Behebung eines Wasserschadens vom vorletzten Jahr. Sie verharrte auf der letzten Treppenstufe und mit einem Mal freute sie sich aus tiefstem Herzen auf die Rückkehr ihres Mannes. Sie sah sein ernstes, ein wenig strenges Gesicht mit der schwarz gefassten Brille, sah ihn konzentriert am Schreibtisch sitzen, wie er es oft abends noch tat, sorgfältig einen Brief nach dem anderen abarbeitend. So nah war ihr dieses Bild, dass sie glaubte, seine Anwesenheit zu fühlen und den Duft seines Haares zu riechen. Beinahe hätte sie die Hand ausgestreckt. Und plötzlich packte sie die Sorge. Was, wenn ihm etwas passiert wäre, wenn er einen Unfall hätte? Wenn er nicht nach Hause käme? Sie starrte auf ihre Hand, in der sie die Briefe hielt und die sie nun in Heftigkeit zur Faust geballt hatte. Wie dumm! Aus den Augenwinkeln sah sie Schmolenske, der händereibend am Zaun stand und ihr nachblickte.
Sie straffte sich und betrat ruhigen Schrittes das Haus, legte die Post, nicht ohne sie etwas glatt zu streichen, auf die Konsole im Flur, berührte mit leichter Hand das kleine Holzkreuz neben dem Spiegel, das ihr vor Jahrzehnten ihre Großmutter aus Südtirol mitgebracht hatte und das sie seitdem hütete wie einen Schatz, und plante den Tag. Für abends wollte sie ein leichtes Fischgericht zubereiten;  und dazu vielleicht einen trockenen Soave. Hans-Hermann würde sich freuen. Rasch begann sie aufzuräumen. Beim Leeren des Wäschekorbes fiel ihr Blick auf den Schauspielführer, der, noch mit Lesezeichen versehen, auf der kleinen Frisierkommode im Schlafzimmer lag. Etwas abwesend trug sie ihn zum Bücherregal. Ach ja, ein Dessert könnte sie auch noch machen. Vanilleeis mit pürierten Waldbeeren, das ging schnell und passte gut zum Hauptgang. Den Teller würde sie mit gezogenen Fäden heißer Schokolade verzieren. Und eigentlich, dachte sie, während sie das Buch in die Lücke zwischen Opern- und Wanderführer stellte, ist Hamlet gar nicht so schlimm.

18.08.13

Sonja Meier

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