Dienstag, 29. Juli 2014

Pralles Leben


Ihr letztes Buch war wieder ein Welterfolg geworden. Sie lag auf der Liege am Pool und fuhr sich mit der Zungenspitze über ihren vollen Mund. Dieses Mal hatte der Schönheitschirurg wirklich Mist gebaut.


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Wir stehen alle festlich eingekleidet und schwitzend um den wunderschön geschmückten Baum und singen. Der Braten duftet köstlich.

Oma gibt sich wirklich große Mühe. Wir sollten sie doch öfter besuchen. Nicht wieder erst im Juli.

Donnerstag, 24. Juli 2014

Ein Tag in Stierberg

Stierberg

am Morgen

unsicher, mit steifen Beinen
geh ich den Gänseblümchenweg
um mich herum
lautes Hummelgebrumm
und ich möchte weinen.


am Mittag

Kirschbaumflüstern in den Ohren
füll ich Blatt um Blatt
keins davon scheint ausgegoren...

Doch jedes Wort
vom Wind geboren
macht mich richtig satt!



am Nachmittag

Regentropfen auf der Tinte
plantschen mir die Worte fort
vielleicht suchen sie woanders
einen mächtigeren Hort?

Nichts für ungut!
Mir reicht`s Leuchten.
Das vom Bier...
und auf den Halmen
---und das Qualmen!

Hier,
an diesem Zauberort!

Minna Weise, Stierberg, am 25.Mai 2014

Montag, 23. Juni 2014

Noch kürzere, eingedampfte Wendepunkte

Ja verreck, war die schee. A jeder hat si in der Schul verlibt in die Gudrun. Und etz? Lebds mit aner Fraa, die blaide Sulln…



Tina hatte alles, Mann, Kind, Haus, Hund, Cabrio und hätte glücklich sein können. Geld war auch im Überfluss vorhanden. Genauso wie das Schwiegermonster.


Schneewittchen war aus dem Weg geräumt. Die Stiefmutter konnte getrost ihren Spiegel befragen.
Wäre da nicht ihre 15 Jahre jüngere Stiefschwester gewesen.
























Der Kirschbaum war in voller Blüte, ein gutes Kirschenjahr kündigte sich an. Wilfried sah schon Marmeladengläser in den Ästen hängen.
Und dann kam Wiebke.



Kratz mich, beiß mich, gib mir Tiernamen, fleht die ans Bett gefesselte Siglinde. Erschöpft und befriedigt fallen sie ineinander.
Seine 100 kg auf ihre 60. Herzinfarkt.





Eingedampfte Wendepunkte

Da war diese 80 Jahre alte, einsame Frau, verwitwet und vom Leben gezeichnet. Margaretha, einsam auf ihrem Hof in Monte del Torro. Mir kommt kein Mann mehr ins Haus. Männer machen nur Arbeit und man muss für sie kochen. Sie hasste kochen, obwohl sie gerne aß.

Der neue Nachbar war so nett mit seinen 73 ein flotter Feger. Der sie eines Abends einlud zum Einstand. Verliebt hat sie sich sofort. In die besten Schäuferle der Welt.



Da waren Willi und Gabriele am Rande der Verzweiflung. Der schöne Garten kurz vor dem Kollaps. Hängende Blumen überall, Wasservorräte leer, die große Dürre. Gießverbot von der Stadt erlassen, streng überwacht.

Sie sorgten sich und sinnierten was man tun könnte. Sämtliche Alternativen wurden in Betracht gezogen. Schamanen, Indianer, Esotanten. Es wurde so einiges probiert und die Stierberger Nachbarn sagten schon: Etz spinners dodal, erscht Depression, dann Philosophie und etz a nu Deifelszeich. Hüpfen singend im Gardn als dädns Muggn fanga wolln und des Gejaule dazou…

Wussten aber, worum es ihnen ging, den Zugereisten. Und dann plötzliche Erfurcht, denn am Abend kam Wiebke.

Fürtherin, 26.05.2014 in Stierberg



Mittwoch, 18. Juni 2014

Drei kurze Wendungen

Herr H. verzweifelte jeden Tag bereits am Morgen. Sein Dienst im Finanzamt begann um 7.30 Uhr. Allein der Weg dorthin war eine Strafe.  Drei Fünftel aller Bürger der Stadt waren zu dieser Zeit unterwegs, alle Straßen verstopft. Also fuhr Herr H.  Öffentliche. Auch der Bus war jeden Morgen überfüllt. Schreiende, drängelnde Kinder trampelten auf seinen Füßen und seinen Nerven herum, der Achselschweiß der anderen beleidigte seine Nase und der Knoblauchduft des zahnlosen Rentners, der sich jeden Morgen zu ihm gesellte, brachte ihn nahe an eine Ohnmacht. An seiner Haltestelle stieg er aus, befreit von der Nähe der anderen, voller Grauen vor dem Kommenden. Acht Stunden Dateneingabe – nur Zahlen tippen, nur die Finger bewegen. Jeden Tag acht Stunden Ödnis. Jeden Morgen glaubte er die große Glastür nicht mehr öffnen, die Stufen zu seinem Büro nicht mehr bewältigen zu können. Jeden Tag gelang es dennoch. Hatte er seinen Schreibtisch erreicht, wo ihn der Computer mit schwarzem, gähnendem Rachen erwartete, atmete er schwer.
Aber heute, am Freitag, den 13, hatte der Bus sieben Minuten Verspätung. Es hatte einen Unfall gegeben. Herr H. ging etwas eiliger, bebender zur großen Glastür. Er musste Atem holen, bevor er sie öffnen konnte.
„Verzeihung“, sagte eine weiche Stimme neben ihm. „Könnten Sie mir bitte helfen?“
Er sah auf. Die Frau war jung, schön, blond, üppig und hatte die sanftesten Augen, die er je gesehen hatte. Sie lächelte. Neben ihr glänzte ein Porsche Cabrio.
„Wie?“ Er wusste nicht, ob er es gesagt oder nur gedacht hatte.
„Wie immer Sie wollen.“
Er überlegte lange. Dann lehnte er seine Aktentasche an die große Glastüre und stieg in den Wagen. „Würden Sie mich mitnehmen?“
„Wohin?“
„Wohin Sie wollen.“
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Es ging ihr gut. Es ging ihr unbeschreiblich gut. Sie hatte ihren Ruhestand erreicht, ihren Mann das Kochen und Bügeln gelehrt, hatte vor zwei Monaten einen nicht unerheblichen Betrag im Lotto gewonnen und diese Wohnung, die sie so sehr liebte, gekauft. So konnte sie es einfach nicht fassen, dass sie, als sie an diesem Morgen aufwachte, tot war.
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Er war so stolz auf sein neues Auto. Glänzend schwarz, stromlinienförmig, schnell -  damit konnte er punkten. Er hatte sich gestylt, passend zum Wagen. Lisa sollte staunen. Er fuhr rasant, hatte es schließlich eilig, nahm die letzte Kurve knapp – verfluchtes Katzenvieh! Unwillkürlich verriss er das Steuer, durchbrach den niedrigen Zaun und stand auf der Terrasse. Lisa blickte erschrocken aus dem Fenster. Dann schloss sie es sacht.
Stierberg, 25.05.14
Sonja Meier
....und ....
Eine letzte Wendung
Dietmar Dills Leiden endeten, als er entdeckte, dass er, indem er Zeige- und Mittelfinger der linken Hand kreuzte und mit Ringfinger und Daumen der rechten einen Kreis formte, die Haut eines anderen verfärben konnte, wenn er diesen anblickte. Er entschied sich für grün. War er vorher, weil klein und pummelig, der Prügelknabe der Klasse gewesen, so schaffte er sich nach und nach eine gewisse respektvolle Distanz. Gewiss, von heute auf morgen ging es nicht. Die Knaben, die sich über ihn lustig machten, seine Unsportlichkeit verhöhnten, die ihn drangsalierten, ja manchmal verprügelten, brauchten eine gewisse Zeit, die Zusammenhänge herzustellen. Keiner von ihnen hätte sich am Verfärben an sich gestört, von Torsten Teufel einmal abgesehen, der sich schwarz wünschte, aber die abendlichen Reinigungszeremonien waren anstrengend und da die Haut vom Schrubben immer dünner wurde, schließlich schmerzhaft. Dietmar Dill gewann an Ansehen. Anfänglich wendete er den Blick für Süßigkeiten oder Cola ab und hielt die Finger ruhig. Dann verlangte er die Übernahme seiner Hausaufgaben, schließlich Geld. Nach und nach wurde er zum unumschränkten Herrscher des Pausenhofes.
Seine Vormachtstellung begann zu bröckeln, als Rita Ratz entdeckte, dass sie durch bloßes, konzentriertes Betrachten die Ohren ihres Gegenübers  in von ihr gewünschte Größe und Form wachsen lassen konnte.
Nachträglich, im Geist von Stierberg, 27.05.14
Sonja Meier


Suppenhühner


Als ich von der Erbschaft erfuhr, war ich gerade im Stress. Ich hatte  meine Wohnung renoviert oder vielmehr renovieren lassen und das „lassen“ hatte mindestens soviel Arbeit, Ärger und Zeitaufwand gekostet, als hätte ich es selbst gemacht. Aber immerhin, das Ergebnis konnte sich sehen lassen: klare Linien, weiße Wände, weiße Türen, weiße Fliesen. Durch große Fenster der Blick über die Dächer der Stadt.
Ich war im Begriff mich neu einzurichten, die Lieferung der Möbel verzögerte sich um Wochen. Drei Monate lebte ich auf einer Baustelle, entnahm die Dinge des täglichen Bedarfs verschiedenen Kisten, verstaute sie abends wieder in anderen und verbrachte die Tage in Auseinandersetzungen mit Handwerkern und Raumausstattern und die Abende mit suchen. Und dies alles neben meinem Job. Ich bin Geschäftsführerin eines kleinen Modeateliers, zutreffender wäre allerdings Mädchen für alles. In meinen Kompetenzbereich fällt die Preiskalkulation genauso wie der Kauf der Stoffe, Kundenpflege, Werbung, Planung der Messetermine und der Einkauf des Klopapiers. Während der Renovierungsarbeiten hatte mein Arbeitstag dreizehn Stunden.
Jetzt endlich der Endspurt: das  Mobiliar wurde geliefert, ich fing an einzuräumen, neu zu ordnen, vieles wegzuwerfen, mich wieder zu organisieren. Dazwischen platzte die Nachricht vom Erbe des Häuschens in Niedersachsen, hinterlassen von meiner kinderlos gebliebenen Tante, eigentlich meine Großtante, mütterlicherseits. In Kindertagen war es für ein paar Jahre mein Feriendomizil gewesen; für ein Stadtkind ein Ort unvorstellbarerer Freiheit, voll von Abenteuern, mit fremden Gerüchen, selbst gemachter Marmelade und frischen, noch nestwarmen Frühstückseiern. Das lag über dreißig Jahre zurück, und nun empfand ich nicht einmal Dankbarkeit für die Zuwendung, nur Überdruss. Ich hatte mich auf mein neues Wohngefühl gefreut, auf die so sorgsam wieder hergestellte Ordnung, auf endlich  unzerknitterte Kleidung und auf Schuhe, die sich nicht hartnäckig einzeln in wechselnden Kappboxen verbargen. Ich hatte mich auf Kino, Konzert und Theater gefreut, auf all das, was man mit Freunden unternimmt, wenn man Zeit dazu hat. Nach drei Monaten Chaos wollte ich mich nicht auch noch mit dem Verkauf einer abgewirtschafteten Immobilie in Niedersachsen befassen.
Aber ich musste wohl.
Ich verband den ersten Besuch mit dem von Freunden in Hamburg. Ich freute mich auf die Stadt und auf die alten Freunde.
„Ach, ziehst du jetzt etwa auf’s Land?“ fragte Eva belustigt, als ich erzählte. „Dann müssen wir Gummistiefel kaufen gehen“.
Wir standen in Sarah Willmers Galerie und feierten den allerersten Verkauf eines von Evas Bildern.
„Karin nimmt ein Sabbatical“ grinste Jörg. „Sie vergisst für ein Jahr Mode und Modemachen und bestellt die eigene Scholle.“
Ich wusste nicht mal mehr genau, wo sich die Scholle befand, geschweige denn, wie sie aussah. Mein letzter Besuch lag Jahrzehnte zurück. Ich fuhr am nächsten Tag los, noch ein wenig verkatert von Evas Feier, fuhr über ebenes Land nach Süden, durch Dörfer, an deren Namen ich mich nicht erinnere. Zweimal meldete mein Navi, eine Wegempfehlung könne nicht gegeben werden, aber nach knapp zwei Stunden erreichte ich doch Emdachsen. Das Häuschen lag am westlichen Ortsende, an ungeteerter Straße. Es war gänzlich zugewachsen von Efeu, wildem Wein, von Büschen, Bäumen, vom Wildwuchs der Natur, die längst die Überhand gewonnen hatte. Die Nachbarin gab mir den Schlüssel. Ich tastete mich den schmalen, Moos bedeckten Weg entlang, schlängelte mich durch hüfthohe Brennnesseln, streifte durch Spinnennetze und verfluchte meine Pumps. Die Steintreppe wies Frostlöcher auf, die Haustür klemmte. Als ich mich dagegen stemmte, riss mein Top an einem Holzspan. Im Stillen verfluchte ich auch das Top. Drinnen sah es aus wie draußen: Verfall und Verlassenheit. Die wenigen Möbel trugen eine dicke Staubschicht, vergilbte Bilder an den Wänden. Ärmlichkeit. Langsam ging ich durch die kleinen Zimmer – Puppenstube, fiel mir ein. Ich sah die Tante vor mir: klein und mager, mit dicken Brillengläsern in dem runden, freundlichen Gesicht; Augen, die immer ein bisschen verwundert blickten und ein bisschen schüchtern.
„Sie war das letzte Vierteljahr im Heim“ sagte eine Stimme hinter mir. „Da ging’s einfach nicht mehr“. Der Nachbar stand in der Tür. „Wir haben uns ein bisschen gekümmert.“
Ich dankte, sagte, dass ich einen Makler beauftragen würde und ein Entsorgungsunternehmen, wenn ich alles gesichtet hatte.
„Und die Hühner?“ fragte der Nachbar.
„Hühner??!“
„Jou, drei sind noch da. Wir haben ja nicht gewusst, was Sie damit machen wollen; wir haben sie halt gefüttert die Zeit.“
Ich ging nach draußen, schlug mich ein weiteres Stück durch den Urwald und fand den kleinen Hühnerhof hinter dem Haus. Der Regen der letzten Tage hatte den Boden aufgeweicht, und ich rutschte auf dem Hühnerkot aus und wäre fast gestürzt. Der Nachbar fing mich auf. Er grinste. „Müssen Sie selber wissen, aber ich denk‘, die Schuhe sind hier nicht gut.“
Ich sagte nichts. Drei Hühner standen am Zaun und starrten mich an. Das erste legte den Kopf schief und gackerte.
„Anna, Berta und Dora“ sagte ich. „Mit C ist Tante Elsbeth nie ein Name eingefallen.“ Plötzlich hatte ich einen Kloß im Hals. „Sie hat ihre Hühner immer alphabetisch benannt und sie konnte sie auseinander halten.“
„Aber die sind alt. Die legen schon lang nicht mehr. Wenn Sie wollen, dreh‘ ich ihnen die Krägen rum. Für eine Suppe tun sie’s noch.“
„Nein.“ Der Kloß steckte immer noch. Ich blickte auf den Urwald, blickte auf meine ruinierten Schuhe und straffte mich. „Tante Elsbeth hatte keine Suppenhühner.“
Ich würde Gummistiefel kaufen müssen.

Stierberg, 24.05.14

Sonja Meier

Tod durch Ertrinken

Hans-Hermann Hunsinger betrachtete sich im Spiegel, prüfte die Wunde, die der am Tag zuvor gezogene Backenzahn hinterlassen hatte, strich sich über die letzte, dünne Haarsträhne über seiner Stirn, registrierte die Tränensäcke unter den Augen mit dem Fassungsvermögen der Restmülltonne des Sechs-Parteien-Hauses und beschloss den Verfall  seines Körpers erheblich zu beschleunigen, indem er seinem Leben ein Ende setzte. Nicht auf die Art und Weise, die ihm vor einiger Zeit sein langjähriger, vertrauter Orthopäde angeraten hatte, der empfahl, wenn er, Hans-Hermann, in dem fortgeschrittenen Alter, also jenseits der Fünfzig, gänzlich schmerzfrei sein wolle, so solle er in dem Haus, in dem sich die Arztpraxis befand, in den obersten Stock fahren – es sei der dreizehnte – dort zur Feuertreppe hinaustreten, von der kleinen Plattform auf die Brüstung steigen und hinabspringen und er, Hans-Hermann, könne sicher sein, sozusagen ärztlich garantiert, in kürzester Zeit  von Beschwerden jeglicher Art befreit zu sein. Hans-Hermann war vom dritten Stock, in dem sich die Praxis befand, bin in die zehnte Etage gefahren und dann die restlichen drei Stockwerke langsam, den quälenden Fersensporn ganz bewusst wahrnehmend, zu Fuß hinaufgestiegen. Er blickte über die Brüstung auf die Bahnhofsgebäude und auf die Schienenstränge, bis zu dem Punkt, wo sie sich in der Ferne verloren, und er blickte auf den Parkplatz unter ihm, wo Asphaltarbeiten durchgeführt wurden. Das Knattern der Presslufthämmer drang hinauf bis zu ihm und beleidigte sein empfindsames Ohr. Da er zudem keine Lust verspürte, einem verschwitzten Bauarbeiter auf den Kopf zu springen, war er wieder gegangen, war die Stockwerke hinuntergefahren – diesmal alle – und hatte die Entscheidung vertagt.
Er wollte, dachte er nun vor dem Spiegel, eine so nachhaltige Operation mit einem gewissen Stil erledigen und den angekündigten strengen Nachtfrost nutzen. Er kleidete sich an, verließ das Haus, erwarb in der nahe gelegenen Apotheke eine große Packung Schlaftabletten und im Feinkostgeschäft zwei Straßen weiter eine Flasche 25 Jahre alten Cognac zu 348.--€. Am späten Abend packte er Tabletten, Cognac, ein Glas, ein Sitzkissen und eine Taschenlampe in den Packnickkorb, zog – angesichts des Vorhabens – nur eine leichte Jacke über, verzichtete auf den Schal und ging in den Wald. Er ging lange, bis er eine Stelle fand, die ihm geeignet schien, ließ sich nieder und nahm die Tabletten mit Hilfe des Cognacs ein. Da er wenig Erfahrung mit Schlaftabletten und Alkohol hatte, wurde ihm zwar übel, doch wurde er auch rasch etwas benommen. Die Welt begann sanft zu schaukeln, und nach dem Genuss etwa der Hälfte des Proviantes schlief er, eingebettet zwischen zwei Baumstämmen, schließlich ein.
Ein Reh, ein Fuchs und zwei Hasen, die das Geschehen mit lebhaftem Interesse verfolgt hatten, legten sich, nachdem der Fuchs um den Preis des im Glas verbliebenen Cognacs den anderen unbehelligten Aufenthalt und freies Geleit zugesichert hatte, neben und auf den Schlafenden, wärmten seine Flanken und seine Brust und da ein unerwarteter Föhnsturm über Nacht Regen und mildere Temperaturen brachte, wachte Hans-Hermann 24 Stunden später nass und mit heftigen Halsschmerzen, aber ohne Erfrierungen auf, versuchte sich zu erinnern und trottete schließlich nach Hause.  Noch etwas benommen, verschmutzt und mit Juckreiz am ganzen Körper – die Flöhe des Fuchses hatten die Gelegenheit zu einem Ausflug genutzt – entschloss er sich, ein Erkältungsbad zu nehmen und ließ Wasser in die Wanne. Er zögerte, als sein Blick auf den Fön fiel: 1800 Watt. Vorsichtig legte er das Gerät auf den Rand, dort wo dieser am breitesten war, und stieg in die Wanne. Das heiße Wasser umspülte seinen ausgekühlten Körper, die ätherischen Öle ließen ihn freier atmen. Er starrte den Fön an und schwankend zwischen Wunsch und Furcht hob er langsam das Bein, zögerte noch einmal, schloss ganz fest die Augen und schob das Gerät mit einer raschen Bewegung ins Wasser.
Es geschah nichts, gar nichts. Er öffnete die Augen wieder, vorsichtig, eines nach dem anderen, und ganz allmählich, geradezu mühsam, als müsse er sich einen Weg nach oben erarbeiten, stieg ein Gedanke in sein Bewusstsein: er hatte vergessen, das Kabel in die Steckdose zu stecken. Hans-Hermann setzte sich auf, nahm den nassen Fön aus der Wanne, stieg selbst heraus, ebenso zögernd und umständlich, wie vorher der Gedanke in sein Bewusstsein gedrungen war, öffnete den Wasserablauf  und trocknete sich zitternd ab. Er setzte sich im Wohnzimmer in einen der abgeschabten Sessel, starrte auf den staubigen Glastisch, den Picknickkorb mit dem klebrigen Glas und der halb leeren Flasche und schließlich füllten sich seine Augen mit Tränen, quollen über, die Tränen wuchsen sich aus zu kleinen Bächen, die anschwellend sein Gesicht und seinen Bademantel nässten. Er weinte und weinte und konnte nicht aufhören.
Als eine Woche später das Ehepaar, das die Wohnung unter ihm bewohnte, aus dem Skiurlaub zurückkehrte, fand es Decken und Wände durchnässt vor, auch der Boden trug feuchte Spuren. Da ihnen auf Klingeln und Klopfen im Stockwerk darüber nicht geöffnet wurde, riefen sie schließlich die Feuerwehr, die die Wohnung aufbrach. Sie fanden Hans-Hermann Hunsinger tot vor einem Sessel liegend, den Fußboden und die Wände auf halbe Höhe durchnässt vor. Polizei und Notarzt wurden verständigt. Der Gerichtsmediziner diagnostizierte Tod durch Ertrinken und auch die Obduktion gab keine weiteren Aufschlüsse. Rätselhaft blieb die Herkunft des Wassers. Weder die hinzugezogenen Chemiker des Fraunhofer Instituts noch Polizei und Gerichtsmedizin, die wochenlang Fakten prüften und mögliche Abläufe erwogen, fanden jemals eine Erklärung für die weißen Ränder an Decken und Böden. Nur dass es Salz war, das stand fest.

01.05.14
Sonja Meier