Freitag, 8. April 2016

BESUCH

Die neue Wohnung ist hell und freundlich, weiße Wände, klare Linien. Ich werde mich wohlfühlen, hier, wo ich über und unter und neben mir Nachbarn habe. Menschen. Man hört sie, manchmal ist es ein Lachen, leises Stimmengewirr oder das Poltern der Kinder aus dem zweiten Stock, manchmal das Fernsehprogramm, manchmal, ganz dezent, irgendwo aus einem der umliegenden Häuser, Klaviermusik. Ich habe mich vorgestellt als neue Nachbarin und wurde freundlich begrüßt. Es ist ein gepflegtes Haus und es ist gut, dass ich mich zu dem Umzug entschlossen habe, so sehr ich das Häuschen, mein Refugium, einmal geliebt hatte. Nicht, dass es renovierungsbedürftig gewesen wäre, jedenfalls nicht allzu sehr, auch den winzigen Garten mit dem Apfelbäumchen am Zaun habe ich gerne bewirtschaftet und die Nachbarskatze kam manchmal auf einen Plausch, aber irgendwann war es zu viel. Nicht die Katze meine ich, die anderen. Die Katze kam immer morgens, nie abends, nie in der Dämmerung. Ich glaube, sie mochte sie auch nicht, deshalb mied sie mein Haus am Abend. Sogar den Garten mied sie.
Als Klaus noch da war, hatte ich nie etwas bemerkt. Ganz sicher waren sie noch nicht da. Klaus und ich hatten das Häuschen vor sieben Jahren angemietet, obwohl, nein gerade weil es etwas abseits lag, am Rande der Peripherie, in einer Sackgasse, die ins offene Feld mündete. Still, dörflich war es hier, als hätte man die drei Häuser, die da standen, vergessen. Hier fiel man aus der Zeit. Unser Nest war es gewesen, ein Versteck vor der Welt für zwei, die sich genügen, und wir genügten einander oft, bis die Schlange kam und ihn mir nahm, weil sie seine Seele vergiftet. Als er auszog zu seinem blonden Gift, blieb ich zurück, innerlich in Scherben, gelähmt und planlos.  Ich lebte und arbeitete weiter, funktionierte wie ein Automat. Hin und wieder fragte ein Nachbar über den Gartenzaun, ob alles in Ordnung sei, erzählte vom Wetter oder der Apfelernte. Manchmal wurde ich eingeladen, meistens lehnte ich ab. Ich lebte meine Trauer und lebte sie allein, im Sommer oft im Schaukelstuhl, verborgen hinter dem Glyzinienspalier, oder als es kühler wurde, inmitten der tröstlich mit mir schweigenden Bücher.
Es muss später Herbst gewesen sein, als der erste kam. Ich weiß nicht, ob ich Angst hatte; ich war wohl eher befremdet. Jedes Haus hat seine Geräusche und ich kannte das Knarren der Treppe, das gelegentliche Knacken des Bücherregals und das Ächzen des alten Schranks im Windfang, aber dieses leise Schaben und Kratzen, das kannte ich nicht und dachte erst an eine Maus, aber wir hatten niemals Mäuse gehabt. Das Schaben kam mal von hier, mal von dort, leise, unregelmäßig. Die Leselampe reichte nicht aus, um dem Geräusch nachgehen zu können;  ich schaltete das Deckenlicht ein. Nichts. Gar nichts. Auch kein Schaben mehr. Ich ging zu Bett. Im Dunkeln hörte ich ein leises Kratzen. Irgendwann schlief ich ein. Nächte später sah ich ihn zum ersten Mal oder vielmehr seinen Schatten oder besser seine Bewegung, den Schatten seiner Bewegung. Eine Art dichtere Dunkelheit, nicht allzu groß, mal hier, mal dort. Er schien flink zu sein. Vielleicht hätte ich ihn nicht bemerkt, wäre nicht dieser schmale Streifen Mondlicht in den Raum gefallen. Ich schloss die Augen. Ich schloss sie fest. Später spürte ich seine Präsenz, ja je dunkler der Raum war, desto deutlicher. Einmal schrie ich ihn an; ich sah, wie der Schrei durch ihn hindurch ging. Er teilte sich für einen Moment, schloss sich dann wieder und kratzte ein wenig. Für ein paar Tage blieb er weg.
Später kamen andere. Ich wusste es auch, ohne sie zu sehen. Waren sie da, spürte ich ihre Dichte und öffnete ich die Augen, sah ich in der Dunkelheit meines Schlafzimmers ihre bewegliche Schwärze, ihren Tanz, dem immer ein leichtes Schaben und Kratzen vorausging, das ich nicht orten konnte. Bei Licht kamen sie nie, Licht scheuten sie, aber bei Licht konnte ich nicht schlafen. Es war Dezember und ich hatte längst Festbeleuchtung im ganzen Haus, fürchtete den Moment des Lichtlöschens und gewöhnte mir an, einen Cognac zu trinken, wenn ich nach Hause kam. Die brennende Wärme beruhigte. Ich verwahrte die Karaffe im alten Schrank im Windfang, später nahm ich das Glas mit ins Schlafzimmer, wo ich die letzte Lampe ausknipste, die Augen schloss und die Decke über den Kopf zog. Aber es kamen immer mehr und sie kamen öfter und sie kamen näher. Ich spürte ihre Anwesenheit neben dem Bett und unter dem Bett. Sie tanzten nicht mehr, ich glaube, sie lauerten. Aber nie berührten sie meine Decke und am Morgen waren sie weg. Immer.
Es war Anfang Februar, die Dunkelheit des Winters wich bereits der Ahnung von Vorfrühling, als ich von einer Betriebsfeier später als sonst nach Hause kam, das Licht im Windfang einschalten wollte und die Lampe dunkel blieb. Ich tastete mich zum Cognac, dann zum nächsten Lichtschalter. Nichts. Es blieb dunkel. Ich drückte die Klingel. Stille. Stromausfall! Ich verfluchte meine Entscheidung, die Taschenlampe im Nachtkästchen zu verwahren und tastete mich ins Schlafzimmer. Er kauerte auf dem Kopfkissen. Ein atmender Ball von tiefer Schwärze, rote Kohleaugen glühten mich an. Ein weißer Eckzahn blitzte. Ich schrie, schrie ihn an, aber als der Schrei durch ihn hindurch ging, verdoppelte er sich. Vier Kohleaugen starrten mich an, zwei Eckzähne blitzten. Weg, nur weg! Raus, zum Auto!
Ich erwachte in weißer Stille, weiße Wände, weißes Bett, der rechte Arm in Gips. Mein Kopf schmerzte zum Zerplatzen. Ich war auf den Stufen vor dem Haus gestürzt, Gehirnerschütterung, Armbruch, Unterkühlung. Der Arzt sprach ernste Worte, erwähnte meinen Blutalkoholspiegel und empfahl mir  Suchtberatung und psychologische Betreuung. Drei Tage später wurde ich entlassen.
Die Unfallversicherung zahlte für vier Wochen eine Haushaltshilfe, eine Freundin kaufte für mich ein und organisierte energisch meinen Umzug, indem sie mir sämtliche Vermietungsinserate ausschnitt, deren sie habhaft werden konnte, auf mich einredete wie auf einen tauben Maulesel und schließlich in meinem Namen einen Makler beauftragte. Ich müsse, so ihre feste Überzeugung, hier raus, so schnell wie möglich das Haus verlassen - dieses Mausoleum einer gescheiterten Liebe, wie sie es spöttisch nannte - und mich am besten auch gleich neu einrichten. Die Schatten zeigten sich nicht mehr. Trotzdem: Birgit hatte Recht, es galt einen Schnitt zu machen, radikal und endgültig, und einen Neuanfang zu wagen. Ganz langsam schälte ich mich aus meiner Lethargie wie aus einem übergroßen, zu dicken Mantel. Als ich dann, zwei Monate später, tatsächlich auszog, ließ ich das meiste Mobiliar zurück. Es wurde vom Vermieter, da es sich überwiegend um alte Einzelstücke handelte, gegen ein geringes Entgelt übernommen; nur mein Bücherregal, den Lesesessel und die Frisierkommode mit den schönen Schnitz- und Drechselarbeiten und dem dreiteiligen, schildpattgefassten Spiegel, ein Kleinod aus dem Hausstand meiner Urgroßmutter, nahm ich mit. 
Die alten Stücke sehen edel aus in meiner neuen, sachlichen Stadtwohnung und ergänzen die moderne Einrichtung bestens. Die Cognac-Karaffe mit den fein geschliffenen Gläsern steht auf dem Sideboard im Wohnzimmer. Sie ist halb gefüllt, ihre Facetten glitzern in farbigen Reflexen. Ich habe nichts mehr getrunken seitdem. Es geht mir gut, ich fühle mich wohl in meinem neuen Domizil. Die Geräusche der Stadt, das Rauschen der Umgehungsstraße, das zwar fern und monoton herüber weht, aber nie ganz schweigt, das Aufheulen eines einsamen Motorrades, das Rasseln des Tiefgaragentores, unerwartet zu später Stunde, sind noch ungewohnt und zwingen mich, bei geschlossenem Fenster zu schlafen, was ich als befremdlich empfinde, aber daran werde ich mich gewöhnen. Das Licht der Straßenlaterne von gegenüber schickt einen schmalen gelben Streifen in mein Schlafzimmer. Heute stört mich das. Es muss die Frühlingsluft sein, die so unruhig macht; der Mai und seine Verheißungen. Ich schließe die Augen und überlasse mich dem trägen, ziellosen Treiben meiner Gedanken. Ganz leise, kaum wahrnehmbar, mal von hier, mal von dort, nicht wirklich zu orten, höre ich ein feines Kratzen.

30.03.16
©Sonja Meier

MYSTERIUM



Sobald es irgend geht, zieh ich mit meinem Hund Bohni in den Biergarten. Der liegt in der Sielstraße, nur drei Ecken von meiner Wohnung. Es gibt von Mai bis September einfach nichts Besseres für mich. So nah an der Natur, neben und unter Bäumen, sein Bier in Ruhe zu trinken und ein Paar Würstle zu essen, das ist das Höchste. Warum? Es ist, na ja, es ist irgendwie ge-sund .... die Blätter, das Gras, die Luft im Freien, die Autos spürst hinter der Hecke nicht so arg, das Bier schmeckt, als ob’s aus einer Quelle kommt.

Im Sommer in der Biergartenhochsaison muss ich dann auch meine Elvira nicht so lange sehen, wenn ich mit Bohni außerhäusig bleibe. Seit ich in Rente bin und sie, die Elvira, praktisch 24 Stunden um mich habe, also di-rekt erleben muss, entspannt sich die Ehe durch meinen regelmäßigen Besuch im Biergarten doch ein wenig. Und die Frau will auch gar nicht mit von sich aus, also ich frag sie auch erst gar nicht lang. Aber deswegen erzähl ich Ihnen das hier nicht. Es geht um etwas ganz anderes, was ich im letzten Sommer, also in dem Afrikasommer in der Sielstraße erlebt habe.

Ein Mysterium war’s, jawohl, auch wenn’s mir keiner glauben will. Brüllend heiß war’s, einer von den Klimakatastrophentagen, die mir so angenehm sind, denn dann sitze ich schon um 10 Uhr im Schatten von dem Kastanienbaum, bestelle mein Seidla und frage den Bohni ein biss-chen aus über sein Leben. Es sind dann nur wenig Leute da, die man anschauen muss. Die Bedienung ist noch frisch und freundlich, die Hitze hält sich noch zurück. Was will der Mensch mehr? Also, ich will gerade in meinen Meditationsmodus umschalten, da beunruhigt mich ein Schaben und Schubsen an meinem linken Bein. Natürlich tippe ich auf Bohni, aber der liegt seelenruhig unter meiner Bank und döst. Ich beuge mich nach unten, schieb meinen Bauch aus dem Blickfeld und was sehe ich, ja Hunds verreck, ich sehe ein Krokodil, das sich an meine Schuhe drückt und mit seinen scharfen Zähnen an den Schuhbendeln rupft. Ich nehme einen gehörigen Schluck aus dem Bierkrug, um mich zu vergewissern, dass ich ja noch nüchtern bin, und schaue mich um. Meine Augen schweifen über das gesamte Gelände. Gottseidank, keiner merkt etwas. Als mein Blick über den Ausschank wandert, erstarre ich ein zweites Mal – und das in so kurzer Zeit nach dem ersten Schock - , auf dem Schild der Braue-rei fehlt das Ledererkrokodil! Allmächt, jetzt wird’s brenzlig! Andererseits tröstet mich Bohni, denn der hat sich mittlerweile aufgestellt und knurrt ziemlich aggressiv. Mit aufgeregtem Ge-zucke und geweiteten Augen fixiert er das Krokodil, das aber nicht im geringsten beeindruckt ist. Bohni ist mithin eindeutig mein Zeuge, aber seine Aussagen verstehe leider nur ich. Des-halb beschließe ich, mich so normal wie möglich zu verhalten, bestelle Weißwürste und mache die ersten Scherze mit der Bedienung, obwohl sich das Krokodil mittlerweile schon in mein Hosenbein vorgewagt hat und dort so wild rumort, dass es an den Beinhaaren ziepft. Aber je länger das dauert, um so ehrlicher muss ich sagen: So schlecht ist das gar nicht, wieder einmal gründlicher berührt zu werden; wir wollen ja nicht gleich von Begehren oder so etwas reden, aber man fühlt sich wahrgenommen! Auch Bohni reagiert durchaus flexibel und fängt an, mit dem exotischen Wesen zu spielen. Das Krokodil wischt ihm immer mal eine mit seinem kräftigen Schwanz und Bohni versucht, den dann festzuhalten; aber nicht bösartig, eher mit sanftem Knabberbiss.

Also, wenn man so will, wir drei passen ganz gut zusammen. Und das ist ja heutzutage gar nicht so häufig, weil einen Deppen hast du schnell gefunden, der dich nur vollschmarren kann. Das Krokodil, das noch recht klein ist, halt so klein wie auf dem Ledererschild, hat sich schließlich bis auf meinen Schoß hochgearbeitet und kringelt sich dort ein. Ich könnte nicht sagen, dass es sich auf Anhieb nur angenehm anfühlt, es ist schon kalt und rau mit seinen gro-ben Schuppen. Aber dass es sich so vertrauensvoll dahin zu mir legt, Respekt! Und Bohni liegt gleich daneben. Ich bleib dabei, niemandem im Biergarten etwas zu sagen, die lachen ja nur und fragen mich frech, das wievielte Seidla ich alter Bierdimpfel  denn schon hätte. Nein, nicht mit mir! Ich setze einen dasig neutralen Blick auf und blinzle nur ab und an nach unten auf meinen Schoß: nein, es verschwindet nicht, im Gegenteil. Nach außen hin sieht’s sicher aus, als könnte ich kein Wässerchen trüben und ich muss ein bisschen schmunzeln, weil ich mir schon wie ein durchtriebener Geheimnisträger vorkomme. Aber in meinem Inneren tobt eine Schlacht. Eigentlich möchte ich das Krokodil behalten, einfach so, spontan, aber tausend Fra-gen und Zweifel jagen mich, dass es in mir nur so rauscht: Was ist, wenn es wächst? Ja warum sollte es nicht wachsen? Was frisst es eigentlich, jetzt als Junges und dann später? Menschen schon auch, ja jetzt hör mir auf! Hält es Winterschlaf und wo verstecke ich es in der Woh-nung? Die Elvira trifft ja der Schlag, wenn sie auf ein Krokodil in der Wohnung stößt, auch wenn ich ihr sagen würde, dass es ja bloß das vom Lederer ist. Wird das Krokodil brünstig und was kackt es wo aus? Werde ich schweigen können? Und was macht dieses Geheimnis mit mir, also mit der Persönlichkeit auf Dauer?

Erst am Abend, wenn der Biergarten aus allen Nähten platzt, weil die Leute nach der Arbeit vorbeischauen, verlasse ich die Sielstraße. Der Trubel gefällt mir nicht und Elvira könnte auch schon etwas ungeduldig werden. 
An besagtem Tag des Mysteriums hatte ich eine große Tasche dabei, weil ich ja noch einkau-fen sollte. Das Krokodil passt gut hinein und ich laufe mit Bohni gemütlich heim. Was zu kau-fen ist, fällt mir partout nicht mehr ein, aber dafür habe ich eine Idee, wo ich die Tasche mit dem neuen Freund so verwahren kann, dass ihn niemand entdeckt.

Mittlerweile ist’s Winter, ein sehr milder Winter, halt ein Klimakatastrophenwinter und ab Januar glimmt in mir schön langsam die hoffnungsvolle Vorfreude auf die nächste Biergarten-saison. Sie wollen wissen, was mein Ledererkrokodil macht? Uns geht’s gut, verraten wird aber Näheres nicht, schließlich wirkt ein Mysterium nur, wenn es ein Mysterium bleibt. Des-halb nur so viel: Uns geht es sogar sehr gut. Natürlich darf es gleich am ersten Öffnungstag mit in den Biergarten in der Sielstraße, das weiß es auch schon und, Sie werden es nicht glau-ben, ich kann es ihm ansehen, wie sehr es sich freut.
Übrigens auf dem Brauereischild dort ist das Krokodil nicht wieder erschienen seit es bei mir heimisch ist – ist aber keinem aufgefallen. Vielleicht weil es noch so viele andere Krokodil-bierschilder bei uns gibt. Setzen Sie sich in der nächsten Saison ruhig mal in die Nähe von ei-nem, es lohnt sich!

© WILFRIED CHRISTEL  '16

Samstag, 28. November 2015

Magic Cleaning

Ich werde ein ganz neuer Mensch sein, kaum wiederzuerkennen. Mein neuer Ratgeber verspricht mir wahre Wunder, wenn es mir nur gelingt, meine sämtlichen irdischen Besitztümer zu durchforsten, nur das zu behalten, was ich liebe und den Rest konsequent und gnadenlos zu entsorgen. Die wenigen Dinge, die noch übrig bleiben, seien dann ganz leicht in eine harmonische, dauerhafte Ordnung zu bringen. „Magic Cleaning“ heißt die Methode. Und die Belohnung für diesen Kraftakt kann sich sehen lassen: Frei werdende Energien! Sprühende Kreativität! Ruhe und Gelassenheit, weil ich nie wieder etwas suchen muss! Eine glücklichere Familie und neuer Schwung in der Ehe! Ganz nebenbei werde ich natürlich einige Kilos verlieren, denn wenn ich meinem Haus diese Entschlackungskur angedeihen lasse, wird mein Körper automatisch mitziehen.
Also, frisch ans Werk! Das Buch rät mir, mit der Kleidung anzufangen. Alle Klamotten raus aus dem Schrank, aus der Sporttasche, von der Garderobe und aus der Sofaecke. Alles kommt auf einen Haufen. Nun soll ich jedes Teil in die Hand nehmen und mich fragen, ob ich es liebe. Lautet die Antwort „Nein!“, kommt es weg – egal, ob es sauteuer war oder noch fast neu ist. Das wird toll! Nie wieder werde ich so eine Klischeefrau sein, die einen vollgestopften Kleiderschrank und nichts zum Anziehen hat!
Der Anfang ist leicht: Fusselige Pullover, Sweatshirts, die mir ein Wurstpellengefühl vermitteln, geerbte Schlabberteile in scheußlichen Farben – kein Problem, die alle in einen Altkleidersack zu stopfen. Die Autorin meines Buches verlangt jetzt aber, dass ich mich bei jedem Teil bedanke, von dem ich mich verabschiede. Das ist schon schwerer. Soll ich wirklich sagen: „Liebes schwarzes Spitzennachthemd, ich danke dir für die Erkenntnis, dass ich doch nicht der Typ für Vamp-Klamotten bin – ich wünsche dir viel Glück auf deinem weiteren Lebensweg?“ Nicht wirklich mein Ding. Beim Blick in den Spiegel stelle ich vielmehr fest, dass mein Gesichtsausdruck dem eines Revolverhelden aus einem Italo-Western ähnelt – kurz vor dem nächsten Abschuss. Grimmig lasse ich meinen Blick über den Kleiderhaufen wandern: Grüner Trachtenmantel, du entkommst mir nicht! Ha, nimm das, du Urlaubskleid von minderer Qualität!
Schließlich habe ich mich so in Rage sortiert, dass mir ganz flau wird. Eine Pause ist angesagt. Ich koche Tee und stopfe mir ein paar Stücke Schokolade in den Mund. Die Sache mit dem Abnehmen ist schließlich erst nach beendeter Entrümpelungsaktion dran. Außerdem schreibt die Autorin, dass das Ganze ein Aufräumfest sein soll – na ja, sie ist Japanerin und hat wohl eine ganz andere Vorstellung vom Feiern als ich.
Noch ein paar Kekse,. dann geht es weiter. Bei den Socken und Strümpfen scheitere ich endgültig an der Frage „Du liebst sie, du liebst sie nicht“. Ich kann doch nicht alle meine Socken wegwerfen, nur weil sie mein Herz nicht berühren! Die einzigen Strümpfe, die ich liebe – Overknees in taubenblau mit orangefarbenem Pünktchenmuster, mit Mäusezahnrand und Schleife, mehrfach geflickt – trage ich gar nicht mehr, weil sie rutschen. Ich entschließe mich zu einem pragmatischeren Ansatz und werfe nur weg, was kaputt, ausgeleiert oder verfärbt ist. Liebe hin oder her, schließlich will ich im Winter nicht barfuß gehen.
Am Ende bin ich ganz zufrieden: Mein Kleiderschrank sieht wirklich ordentlich und übersichtlich aus. Dumm nur, dass ich zwar noch viele T-Shirts, aber fast keine Hosen und Pullover mehr übrig habe. Da muss ich wohl mal wieder einkaufen gehen – natürlich mit System und mit Bedacht!
Demnächst kommen die Bücher dran. Wie das gehen soll, weiß ich auch noch nicht – keine Ahnung, ob ich „Die Brüder Karamasow“ liebe oder nicht, schließlich habe ich es noch nicht gelesen. Doch für heute ist es genug, ich stelle meinen Ratgeber erst mal zurück ins Regal, gleich neben „Simplify your Life“, „Gut Aufgeräumt“ und „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“

von Pia Winkler

Freitag, 13. November 2015

Zwei flotte Käfer

Als meine Schwester Isabell Anfang der 70iger ihre Führerscheinprüfung bestanden hatte, brachen neue Zeiten an. Für sie, für mich und für unsere Mutter. Letztere hätte es erahnen können, spätestens, als auf ihren sonnengelben Käfer ein Fußball großes Keep Smiling gepappt wurde. Unwiderruflich wie der Kuckuck vom Gerichtsvollzieher.
Zunächst wurde das Ereignis gefeiert und unter Kontrolle von Muttern die ersten Runden um den Block gezogen.
Erster Gang, langsam anrollen ohne ihn abzuwürgen.
„Beide Hände an den Lenker!“
„Nicht so früh schalten!“
„Vorsicht, da ist ein Fußgänger!“
„Die Kupplung langsamer kommen lassen! Jetzt ist er abgesoffen.“
Nicht nur der Käfer streikte. Auch Isabell. Durch den Rückspiegel schaute sie mich mit wie Warnbojen blinkenden Pickeln an.
Uns wurde klar, in die weite Welt hinaus fahren, sie neu entdecken, erobern, das ging nur ohne Mutter. Außerdem war Isabell der Meinung, dass zu ihrer neuen Freiheit auch ein neues Gesicht gehöre: diese Pickel müssen weg. Wir dachten damals in Zeitschriften wie Petra, an Schönheitsprogramme à la „große und kleine Brigitte“ und natürlich an die Bravo. Isabell durfte sie nun offiziell lesen, ich nur undercover und sammelte heimlich die Einzelteile von Little Jo. Der schaffte es als Ganzes zusammengeklebt und in Lebensgröße an meine Zimmertüre. Er war übrigens das letzte Bild eines Mannes, das ich mir zusammensetzte. Später war es eher umgekehrt.

Wir durchforsteten die Gelben Seiten nach Kosmetikerinnen. Nicht hier im Städtchen, sondern weiter draußen, viel weiter draußen sollte das Studio sein. In Langerwehe wurden wir fündig. Mit dem Auto circa 25 Minuten über Land. Frau Plunder bot sogar eine Gruppenveranstaltung an, bei der auch ich mitkommen konnte. Zwei zum Preis von einer. Wenn das nicht ein Argument war. Bei mir machte sich die Pubertät leider auch sichtbar. Im Gesicht schossen aktive Minivulkane hervor, die regelmäßig ausbrachen.
Das zweite nicht widerlegbare Argument war, dass die Gesichtsmasken und Cremes bei Frau Plunder von jedem Teilnehmer selbst angerührt werden konnten. Für Isabel eine wunderbare erste Übung in Salben anrühren, da sie ab Herbst mit ihrem Pharmaziestudium beginnen würde. Unsere Mutter gab sich geschlagen. Wir fuhren, sie blieb.

Dann war es soweit. Los ging’s mit der neuesten Kassette von „Bläck Fööss“ in ohrenbetäubender Lautstärke. Mit einem Käfer fährt man nicht, ein Käfer fliegt. Langerwehe wir kommen, mit offenen Fenstern und flatterten Haaren.
Kein Mal würgte Isabell den Motor ab und immer schnurrte der richtige Gang. Nur ein Radfahrer schimpfte hinter uns her, nachdem wir an ihm vorbeigefahren waren. Isabell warf einen prüfenden Blick in den Rückspiegel und meinte schlichtend in mein erschrockenes Gesicht:
„Ach was, Lisa, der schimpft nicht, der winkt uns bloß.“

Wir waren acht Frauen in bester Stimmung und Alter. Allerdings hatten die Anderen keine Pickel mehr, dafür gehörten sie in die Kategorie: Spatel Alter. Das war aber nebensächlich. Hatte man die Pampe einmal drauf, sahen wir eh alle gleich aus. Wen interessierte es, was man darunter verbarg?
Isabell und ich hatten die Auswahl zwischen vier Masken. Meine Schwester konnte sich, wie so oft, nicht entscheiden und schlug mit schrägem Grinsen vor, wir rühren alle an und nehmen den Rest mit. Sie hätte da schon etwas vorbetreitet und schielte zu ihrer Tasche. Nicht nur das Anrühren im Akkord war ganz schöner Stress. Ich musste Frau Plunder immer wieder in ein Gespräch verwickeln, damit Isabel heimlich die mitgebrachten Arzneidöschen befüllen und verschwinden lassen konnte.

Als der Kurs zu Ende war und die anderen mit frischen, neuen Gesichtern erstrahlten, hatten wir beide noch unsere grüne Pampe im Gesicht. Noch war sie kühl und feucht, was sich schnell ändern sollte.
Frau Plunder, wenn auch etwas zögerlich, ließ uns so nach Hause fahren. Mit dem Auto seien es ja auch nur 20 Minuten und draußen bereits duster. Isabell konnte schon immer überzeugend und charmant sein, wenn sie wollte.

Gut gelaunt machten wir uns, im 4-Zylinder 4-Takt vom Acker. Die Landstraße war bereits um 21:00 Uhr leergefegt, fast ganz. Da stand ein Auto am Straßenrand. Mist, ein Polizeiauto. Verkehrskontrolle. Isabel bremste, dass wir in der Gurt flogen.
Schnell schaltete ich das Radio aus. Tatsächlich, zwei Polizisten kamen O-beinig auf uns zu. Leider keiner von der Ponderosa. Isabel kurbelte die Fensterscheibe runter.
„Ihre Papiere bitte.“
„Kanscht die ma aus der Kap hole“, nuschelte mir Isabell zu.
„Hä?“ Ach du meine Güte, diese dämliche Maske waren wie ich erstarrt. Noch nicht mal mehr die Lippen ließen sich richtig bewegen.
„Hö hi Huhu“, versuchte sie es noch mal und zeigte hektisch auf das Handschuhfach.
„Haben Sie etwas getrunken?“, fragte der Polizist und beugte sich zu ihr herunter.
Isabel schüttelte den Kopf und reichte ihm Fahrzeugschein und Führerschein durchs Fenster. Mit der Taschenlampe beleuchtete er zuerst die Papiere und dann uns.
„Aussteigen!“, schrie er. Danach ging alles sehr schnell. Die Türen wurden aufgerissen, wir beide herausgezogen und mit den Händen ans Dach gestellt. Beine breit.
„Spin Sie do?“, schimpfte Isabell, so gut wie möglich.
Dann mussten wir unsere Hände hinterm Kopf verschränken und uns langsam umdrehen. Verzweifelt versuchte meine Schwester dem Polizisten zu erklären, dass wir von einer Kosmetikerin kamen und nur eine harmlose Gesichtsmaske im Gesicht hatte. Der Jüngere der beiden kam näher heran und leuchtete uns voll ins Gesicht. Dann fing er an zu grinsen.
Mithilfe der geklauten, angerührten Masken konnten wir unsere Unschuld endgültig beweisen. Nun grinste auch der ältere Polizist. Die zwei hatten ihren Spaß.
Immerhin durften wir einsteigen und losfahren. Kurz bevor wir zu Hause ankamen fiel Isabell ein, dass die Bullen vergessen hatten uns ein Knöllchen aufzuschreiben. Wir lachten bis die Masken rissen.

© Frau Gunkelberg 11/15

Donnerstag, 12. November 2015

Alles eine Frage der Einteilung



Man muss nur früh genug aufstehen; wirklich, es ist unglaublich, was man an einem Tag schaffen kann, wenn man beizeiten aufsteht. Und natürlich der Zeitplan! Ist viel zu tun, muss die Organisation stimmen. Ich habe Gäste heute Abend. Marlene und Willy kommen zum Essen. H. hat sich unter der fadenscheinigen Ausrede, arbeiten zu müssen, bereits gestern Abend ausgeklinkt, aber ich weiß, dass er Marlene nicht mag. Bei ihr spricht er von Redewasserfällen, Wortkaskaden und sprachlichen Untiefen, was nicht ganz gerecht ist. Allerdings muss ich zugeben, dass ihr Mitteilungsbedürfnis  dem seinen diametral entgegengesetzt ist.
Punkt 8.30 Uhr springe ich aus dem Bett und Oskar, der, H.s Abwesenheit ausnützend,  sofort fünfzig Prozent des Bettes für sich beansprucht hatte, streckt sich, geht von behaglichem Schnurren zu einer Art Glücksgrunzen über und rollt sich in der Mitte des Bettes wieder zusammen. Ein Bild der Gelassenheit.
Ich mache Katzenwäsche, nur Zähneputzen und mit dem Kamm einmal durchs Haar, duschen und Haare waschen kommt später. Es ist schön, Gäste frisch und gepflegt zu empfangen, mit diesem Hauch von Feuchtigkeit auf der Haut, der von Entspannung zeugt und Souveränität. Es gibt Gemüselasagne, die ich gestern Abend schon vorbereitet habe, vorher einen leichten Salat mit frischer Ananas und zum Dessert Mangocreme, also nichts, was nicht zu schaffen wäre. Allerdings muss ich vorher noch die Wohnung putzen. Die vergangene Woche war beruflich aufreibend, die Putzfrau hat vor zwei Monaten gekündigt und Oskar ist – wie eigentlich elf Monate im Jahr – im Fellwechsel. Zeit für Morgengymnastik ist heute nicht, aber Kaffee muss sein. Ich setze ihn auf, hole die Zeitung herein und fange an zu arbeiten. Zuerst Staub wischen. Ich lege Bruce Springsteen ein und tanze rhythmisch mit feuchtem Wischtuch durch die Wohnung – ersetzt glatt die Gymnastik! Ein paar Bücher liegen herum; ich stelle sie ins Regal. Erich Kästners lyrische Hausapotheke, köstlich! Zu Putzen und Fleiß finde ich nichts, wohl aber zur Faulheit, Seite 118, 119, vierte Strophe: …. Und Uhren ticken rings in allen Taschen/die Zeit entflieht und will, man soll sie haschen….O.K. Ich lege das Buch weg und trage die Gläser vom Vortag zur Spülmaschine. Dort steht der Kaffee, der ist inzwischen kalt; egal, so trinke ich ihn auch.
Beim Betreten des Badezimmers verfange ich mich in einer Wolke Klopapier, das Oskar nach Beendigung seines Verdauungsschlafs abgerollt und über den Boden verteilt hat. Stolz und diabolisch schwarz sitzt er in der Mitte, über sein ganzes rundes Katergesicht lachend, mit weißem Pfötchen die Wolke schlagend. Es war die letzte Rolle, verfl….Beim Nachbarn läuten und um Toilettenpapier bitten am Samstagmittag? Lieber Einkaufen gehen, schließlich habe ich noch alle Zeit dieser Erde. Schnell zum Supermarkt um die Ecke. Dort haben sie wunderbare kleine Freilandrosen in leuchtendem orangerot. Ich nehme zehn Stück mit – ein bezaubernder Farbklecks im Flur. Zu Hause vermisse ich das Klopapier, also noch mal zurück. An der Kasse händigt man es mir mit tadelndem Blick aus. Ich eile in meine Wohnung, klaube das aufgerollte Papier zusammen, schrubbe das Bad und wende mich der Küche zu. Gut, das ist schon anspruchsvoller. Ich entscheide rasch, erst den Tisch im Esszimmer zu decken und sehe auf die Uhr. Noch ganz viel Zeit. Schön sieht er aus, der gedeckte Tisch, aber vielleicht wären die grünen Servietten doch passender. Mist, sie reichen nicht mehr für alle. Also gut, dann eben doch die grauen und neben jeden Teller ein Nougatherzchen. Wirklich hübsch, doch ich nehme sie nochmal weg, denn Oskar weiß zwar, dass ein festlich gedeckter Tisch absolut tabu ist, aber ich weiß, dass er sich absolut lautlos bewegen kann. Ich schreibe einen Erinnerungszettel - Nougatherzchen!! - und lege ihn neben den Herd.
Es ist schon erstaunlich, wie die Zeit vergeht, wenn man konzentriert arbeitet. Die Küche ist ein Schlachtfeld, alles klebt vom Ananassaft und es ist schon fast vier. Außerdem habe ich Hunger und inzwischen tut mir das Kreuz weh. Wie gemein von H., mich so sitzen zu lassen! Vermutlich gönnt er sich heute eine XXL-Currywurst und verbringt den Abend mit hochgelegten Füßen vor dem Fernseher.
Ich mache mir ein Brot, setze mich kurz hin und greife zur Zeitung. Nur einen klitzekleinen Blick hineinwerfen, nur fünf Minuten Pause. Die Glosse auf Seite zwei! Prokrastination, aha, das Wort ist mir fremd. Im allgemeinen Lexikon finde ich es nicht, erst im Duden/Fremdwörter wird es definiert. Nun ist es nicht ganz ungefährlich, in einem eng getakteten Zeitplan zu einem Buch zu greifen, um sein Wissen zu erweitern. Eine halbe Stunde später habe ich etwas über Prokonsuln und Proklise erfahren, gelernt, dass Proktitis eine Mastdarmentzündung ist, wer Prokrustes war,  wie und warum Theseus ihn tötete und habe die Bedeutung von Prokrastination wieder vergessen.
Die nächsten eineinhalb Stunden sind eine Art Wirbel, in dessen Sog Küche und Bad - ich muss noch duschen – unterzugehen drohen, aber es gelingt. Als es läutet , wie kalkuliert  mit fünfzehn Minuten Verspätung – Willy ist nie pünktlich, er braucht ewig im Bad, sagt Marlene – öffne ich mit strahlendem Lächeln. Vielleicht stört der noch sehr feuchte Haaransatz im Nacken, aber das fehlende Make-up kompensiert die neue Brille gänzlich und überhaupt: was ist schon perfekt im Leben? Nur dass ich die Nougatherzchen in ihrem leuchtend roten Papier am nächsten Morgen im Bücherregal finde, ist vielleicht doch ein kleines bisschen schade.

24.10.15
Sonja Meier

Dienstag, 23. Juni 2015

DAS AUTO

Der alte Mann sitzt am Küchentisch. Gerade hat seine Tochter den Raum verlassen. Sie hat nichts gesagt, doch er weiß, dass sie sich ärgert. Das würde sie ihm nie direkt sagen, in der Türkei werden Vater und Mutter noch geehrt und respektiert.
Doch jetzt ist sie einfach hingegangen und hat sein Auto verkauft! Sie nannte es „Sardinenbüchse“ und „Sicherheitsrisiko“. Viele Jahre ist er mit diesem Auto gefahren und nie ist etwas passiert – bis auf die kleine Delle in der Seitentür von neulich, als er im Parkhaus zu knapp um die Ecke gefahren ist. Er ist immer ein vorsichtiger Fahrer gewesen, was soll man auch rasen, das macht einen nur krank.
Ach, die Ausflüge zum Strand, der Kofferraum voll mit Picknickdecken, Sonnenschirm und köstlichem Essen, die beiden Kinder turnten aufgeregt auf dem Rücksitz herum, seine Frau summte vor sich hin und streckte die Hand aus dem Fenster. Am Parkplatz vor dem Strand traf man sich oft mit anderen Verwandten, sein Bruder und sein Schwager brachten ebenfalls ihre Familie mit. Die Frauen bildeten sofort eine Karawane zum Strand hinunter, bedeckten viele Quadratmeter mit Matten, Handtüchern und Decken, stellten Schirme und Klappstühle auf und richteten in der Mitte ein wahres Festmahl her. Die Kinder planschten schon kreischend im Wasser, sie hatten die Badesachen schon zu Hause angezogen.
Währenddessen waren die Männer noch oben geblieben, hatten zugesehen und ab und zu auch Fachgespräche über Autos und Motoren geführt. Sein Schwager fuhr eine regelrechte Schrottkiste mit hängendem Auspuff, die oft erst nach mehreren Versuchen ansprang. Dagegen pflegte sein Bruder seinen alten Mercedes wie ein krankes Kind. Sein eigener Toyota hatte ihm nie Scherereien bereitet – er ließ ihn warten, wenn es nötig war, aber er wienerte auch nicht wie ein Besessener daran herum.
Wenn sie am Abend wieder zu Hause ankamen, war der Kofferraum voll Sand. Zwar zückte seine Frau nach dem Auspacken sofort einen Handfeger, doch alles bekam sie doch nicht weg. Wahrscheinlich steckten noch von jedem einzelnen ihrer Ausflüge Sandkörner in den Ritzen – die konnte ja jetzt der neue Besitzer durch die Gegend fahren.
Ach nein, seine Tochter hatte ja erwähnt, dass der Wagen an einen Schrotthändler ging, es würde also niemand mehr in der offenen Autotür stehen und noch einen letzten Blick übers Meer werfen.

von Pia Winkler

SUMMER TIME

Irgendwann musste Schluss sein mit den Balkonblumen. Allein die Rein- und Rausschlepperei der Geranien im Herbst und Frühling. Sie müsste sich endlich einen Helfer organisieren. Wozu noch der Aufwand, wenn sie doch schon allein die Sonne nicht mehr vertrug und deshalb immer seltener draußen saß. Und der Blick in den Hinterhof war ja nun wirklich nicht berauschend. Die Gespräche auf den vielen winzigen Balkonen rings um, über und unter dem ihrigen waren es auch selten. Also, was soll’s, fragte sich Elise Bechstein, es reicht, wenn ich mit 62 auf dem Balkon den gelben Sack und einen Kasten Bier stehen habe, das ist schon in Ordnung!
Einige Wochen später stand dann doch ein Begonienkasten bei der Bechstein auf dem Balkon. Die Nachbarin, Wella Trifels, 84 und noch ganz rege und interessiert, wunderte sich über die Tatsache, dass nun wieder Blumenschmuck prangte und wie oft Elise in dem Kasten herumkratzte und –zupfte. Ein Blick auf den Balkon links unten klärte sie jedoch auf.
„Ein so ein schöner Bengel, der da eingezogen ist, gell? Und ganz allaa! Willst dich hinter deine Begonien verstecken beim Nunderschaun? Geh, Elis, und des in deim Alter!“
Erst tat die Bechstein Elise so, als ginge es ihr tatsächlich um die Blumen, dann lachte sie aber die Nachbarin offen an und rief: „ Ja, vielleicht geht’s wirklich nur um den schönen Ausblick. Mei, warum ned?“
Je mehr es Sommer wurde, desto öfter saß sie jetzt wieder draußen, las Zeitung, vesperte und trank ihr Kellerbier, döste und sonnte sich sogar. Der junge Mann unten sah wirklich ausnehmend attraktiv aus; die Proportionen stimmten,  eine glatte Haut, die braun in der Sonne schimmerte, volle dunkle Haarpracht, aber nur auf dem Kopf, nicht am Körper, muskulös, aber keine harten oder kantigen Formen, auch nichts vom Bodystudio Aufgeblasenes, weiche, große Augen. Je mehr er sich an heißen Tagen entblätterte, um so mehr sah sich Elise bestätigt: Sie hatte vergessen, wie schön ein Mann sein konnte. Sie spürte, dass es zwischen ihm und ihr zu einer Art Sirren kam, wenn sie hinschaute, und dass so ein Sirren sie kribblig machen konnte, aber im angenehmen Sinne, so als würde ein geheimer Akku in ihr aufgeladen. Auf diese Weise erstarkt hatte sie Lust, sich zu bewegen und irgendetwas zu unternehmen. Manchmal dachte sie, wenn sie den immer noch Namenlosen auf dem Balkon des zweiten Stocks betrachtete, an ihren Edwin, der jetzt schon drei Jahre tot war. Den wollte sie nie lange anschauen, höchstens ‘mal, um seine Kleidung zu richten, Schuppen wegstreichen, Kragenknöpfe  schließen oder so etwas. Edwin war Finanzbeamter und eine graue Maus, eine mit O-Beinen und ohne Fellhaare am Kopf, am ganzen Körper schimmerte die blassrosa Haut durch die Härchen, am schlimmsten am Bauch, der wie ein kleiner Ballon heraussterzte, als sei die Maus trächtig. Nicht ungerecht werden! Edwin war ein treuer Partner, ein guter Mensch. Aber vom Körper her .......... na ja, halt der Edwin. Bei dem Jungmann war, wenn er in der Badehose da saß oder lag, sogar der Blick auf’s Untenrum, wie Elise das nannte, angenehm, obwohl sie bei Männern, also nicht nur bei ihrem Edwin, das Untenrumgebaumel eigentlich immer lächerlich fand.
Wahrscheinlich war der Neuzugezogene ein Student; er las viel und oft, tippte auf seinem Laptop herum und erschien nur zu regelmäßig festen Zeiten auf dem Balkon. Zuverlässig und fleißig wahrscheinlich, aber sehr schweigsam. Mehr als das Grüßen war nicht drin. Freunde oder gar eine Freundin tauchten nicht auf. Elise Bechstein überlegte sich Fragen, mit denen vielleicht ein Gespräch in Gang kommen könnte, aber „Immer allein?“ oder „Schon wieder an der Arbeit? Sind Sie eigentlich Student?“ kamen ihr so läppisch vor, dass auch sie stumm blieb. Ab und an nickte sie ihrem Gruß ein paarmal nach und es kam ihr vor, als schwappten Wellen des Wohlwollens von ihr zu ihm hinunter. Einmal, als der junge Mann sich mit Sonnenschutzmittel einrieb, wollte sie rufen: „Und wer versorgt den Rücken? – Warten Sie, ich komme runter!“ Wie gern und wie zart hätte sie ihm den Rücken massiert, Kaffee gekocht, Essen bereitet und die frische Wäsche zurechtgelegt.
Nur einmal hat der Schöne, Elise nannte ihn nämlich „mein Schöner“, etwas gesagt, nämlich 
„Schönes Wetter heute, da kann man draußen sitzen.“ Ach ja, und noch einmal hat er etwas gesagt. Er rief „Scheiße!“, als sein Liegestuhl in sich zusammenknackte. Elise rief das eine Mal „Ja, sicherlich!“ und bei der „Scheiße“ nur ganz leise „Oh!“.
Im Herbst zog der schöne junge Mann weg. Er hatte sich nicht verabschiedet. Vielleicht, dachte Elise, hat er hier nur in Ruhe an einer Prüfungsarbeit gesessen oder eine Sommervorlesung besucht.
Die Begonien waren eh‘ hinüber, schnell abgeräumt und entsorgt.
Dann war wieder alles wie sonst.
Elise Bechstein wartete höchstens noch auf eine bissige Bemerkung von der Trifels. Aber die kam nicht. Vielleicht lag die Alte im Krankenhaus.
Aber im September und Oktober, vielleicht sogar noch ein paar Tage im November passierte doch noch etwas.
Elise spürte im Bett hinter sich einen Körper, geschmeidige warme Haut, die nach Sommer und Öl roch, kräftige Arme umschlangen ihre Brust oder ihre Beine und sie schob ihren Körper zur Teelöffelchenhaltung zurecht, damit sie möglichst viel von dem Schönen mitbekam.


WILFRIED CHRISTEL