Montag, 6. Juni 2016

Stoff für Legenden

Der Alte stand mit seinem Urenkel am Rand der riesigen Ebene. Seine vier Augenpaare, von denen eines bereits erblindet war, blickten ins Grenzenlose, seine sieben noch verbliebenen Beine zitterten leicht. Der Urenkel, der es eilig hatte, wieder in heimische Gefilde zu kommen, räusperte sich: „Großväterchen ... warum bleibst du eigentlich jeden Tag an derselben Stelle stehen? Ich begleite dich ja gern auf deinen Spaziergängen, aber ... hier gibt es doch absolut nichts zu sehen. Komm, lass’ uns nach Hause gehen.“
„Absolut nichts“, wiederholte der Alte mit dumpfer Stimme. „Du hast vollkommen recht, mein Kleiner. Und doch ...“ Er bedeutete dem Jungen, näher zu kommen. „Und doch befand sich hier einst das Reich deiner Vorväter. Du siehst hier nur Leere, doch ich erblicke vor meinem geistigen Auge die verlorene Heimat. Genau hier, wo wir jetzt stehen, befand sich einst das prächtige, makellose Netz der Königin Aruna. Von hier aus konnte sie alles überschauen - die Gespinste ihrer Untertanen, die Kokons mit den Jungen, die beutereichen Gebiete nahe der Großen Helle...
Sie war eine gute und gerechte Königin, die ihre Prinzgemahle nur höchst selten auffraß. Unter ihrer Herrschaft hatten wir ein sorgloses Leben. Wir erneuerten unsere Netze stetig, unsere ausgebauten Verkehrswege suchten ihresgleichen, und einige waghalsige Eroberer drangen mit ihren Webkünsten in nie zuvor erreichte Tiefen hinunter. Beute gab es immer genug, und feindliche Stämme wagten sich kaum je in unsere Nähe. Es war eine Zeit, in der Kunst und Kultur gedeihen konnten, und keiner von uns ahnte, dass unserem Glück und unserem Frieden solch ein grausames Ende bevorstand.“
Der Alte schwieg, seine Augen schimmerten im trüben Licht.
„Was ist denn passiert, Großväterchen?“, wollte der Junge wissen. „Zu Hause spricht niemand über diese Zeit, und wenn man fragt, wird man nur böse angestarrt. Bitte erzähl’ es mir, sonst tut es keiner.“
Die Mundwerkzeuge des Alten bewegten sich eine ganze Weile lautlos, bevor er heiser krächzend fortfuhr: „Ich war damals jung, unbekümmert - und verliebt. Meine Auserwählte war Ilara, die schönste der vielen Töchter von Königin Aruna. Wir hatten uns gerade erst unsere Liebe gestanden, und da sie so freundlich gewesen war, mich nach unserer ersten Vereinigung am Leben zu lassen, hatte ich mir geschworen, ihr für den Rest meines Lebens treu zu folgen.
An jenem schwarzen Tag begann das Verhängnis mit einem entfernten Summen, das unsere Behausungen erzittern ließ. Königin Aruna sammelte unter Hochdruck ihre Gefolgsleute um sich und ordnete Gefechtsbereitschaft an. Ich erinnere mich noch an ihren flammenden Appell: „Tapfere Arachniden! Egal, wie zahlreich die feindlichen Horden auch sein mögen, steht fest zusammen, dann werden wir siegen!“
Der Rest ihrer Ansprache ging im lauter werdenden Dröhnen unter. Dann sahen wir das Monster.“
Der Alte hielt inne und atmete eine Weile schwer. bevor er weiter erzählte: „Es war unermesslich groß, schimmerte silbrig und brüllte ohrenbetäubend. Es war ein Feind, der unsere schlimmsten Alpträume bei weitem in den Schatten stellte. Zunächst stürzte sich das Ungetüm auf unsere Gespinste bei der Großen Helle und fraß einfach alles, was ihm vor sein grässliches Maul kam. Es war unersättlich.
Unter unserem Volk brach Panik aus, alles rannte schreiend durcheinander. Meine Prinzessin Ilara rief: „Wir müssen fliehen! Mutter! Hier können wir nicht siegen!“
Doch unsere tapfere Königin war bereits mit ihrer Leibwache losmarschiert, um sich der Bestie in den Weg zu stellen. Bald verschwand sie hinter aufgewirbelten Staubwolken - wir sahen sie niemals wieder.
Ich selbst stolperte in blinder Hast meiner Prinzessin hinterher, die selbst vor Tränen kaum etwas sehen konnte. Zusammen mit einem mageren Häuflein unserer Freunde erreichten wir schließlich die Kolonien im Reich der Dämmerung, deren Bewohner - entfernte Verwandte, die in ärmlichen Verhältnissen lebten - uns eher widerwillig aufnahmen.
Noch lange, nachdem das Monster verstummt und verschwunden war, saß uns das Entsetzen in den Gliedern. Erst nach geraumer Zeit konnten Ilara und ich uns entschließen, den Ort des Grauens wieder aufzusuchen. Beim Anblick der blendend weißen Leere wurde uns klar, dass es für uns kein Zurück mehr gab.“
Der Junge stand eine Weile still und schaute über die Ebene. Dann atmete er einige Male tief durch und sagte: „Was für eine schreckliche Geschichte. Aber Großväterchen - lass’ uns jetzt nach Hause gehen, du musst dich ausruhen. Komm ... im Reich der Dämmerung sind wir wenigstens sicher.“

Die junge Frau schenkte ihrem Mann noch Kaffee nach. Dann reichte sie ihm die Zuckerdose und sagte mit einschmeichelnder Stimme: „Liebling ...?“
Der Mann stöhnte leise und lachte dann: „Was soll ich machen? Rasen mähen? Hecke schneiden? Schränke rücken? Ich kenn’ doch den Tonfall.“
Die Frau begann zu schmollen, und so dauerte es eine Weile, bis sie ihr Anliegen zur Sprache brachte: „Weißt du, Liebling, wir haben doch letztes Jahr die Waschküche renoviert, Wie wäre es, wenn wir uns heuer den Heizkeller vornähmen?“


von Pia Winkler

Pias Limericks 2

Ein Kurarzt aus Bad Reichenhall
fand seine Methode genial:
Er piekste die Kranken
in Beine und Flanken
und heilte damit Haarausfall.


Die Stücke von Friedrich von Schiller
sind schon ab und zu Stimmungskiller.
Doch seid nicht gemein
und räumt es ruhig ein:
Die „Glocke“ ist fraglos ein Knüller!


Es war so ein Typ namens Peter
nicht größer als anderthalb Meter.
Er rief: „Ich bin kurz,
doch ist mir das schnurz!
Dann werd’ ich halt Stelzenvertreter!“


Ein Autobesitzer aus Neuss
vergötterte seinen Rolls Royce.
Er pflegte den Karren
mit Tee aus Zigarren
und pries den Effekt des Gebräus.


Ein Forscher am Ende der Welt,
der hatte zum Forschen kein Geld.
Er übte sich schlicht
im Nahrungsverzicht
und schlief auch bei Schneesturm im Zelt.


Ein Mädchen, genannt Aschenbrödel,
das hatte genug vom Gerödel.
Trotz Erbsen und Linsen
gewann sie den Prinzen.
Zur Hochzeit gab’s Braten mit Knödel.


Es sollte ein Junge aus Polen
dem Vater ein Kellerbier holen.
Er kehrte nicht wieder
und sang grölend Lieder –
da musst’ ihn der Papa versohlen.


Ein Biertrinker muss auf der Wies’n
beim Biertrinken andauernd niesen.
Nach vier, fünf, sechs Maß
ruft er: „Irgendwas
fängt an, mir den Spaß zu vermiesen!“


Es färbte ein Hase ein Ei
und malte darauf allerlei
mit Tusche und Feder –
das kann ja nicht jeder!
Doch Ostern war lang schon vorbei.

von Pia Winkler

Freitag, 8. April 2016

Biergarten G'Spusi

Der Wastlhuber wohnt mit seinem Kumpel Axel in einer WG mitten in der Südstadt. Die liegt zwischen Rednitz und Pegnitz, zwischen Erlangen und Nürnberg, also in Fürth.
Beide mögen das weibliche Geschlecht. Das ist ihnen allerdings vor einiger Zeit abhandengekommen. Axels Frau ist mit Sack und Pack ausgezogen. Übrig blieb nix als Leere und hallende Räume.
Dann sind sie sich begegnet. Sie können sich von Anfang an gut riechen. Nach zwei, drei Treffs fragt Axel ihn, ob er bei ihm einziehen wolle. Darüber braucht er gar nicht nachzudenken, haust er doch in einer ziemlich schäbigen, kargen wie kalten Unterkunft. Vergitterte Monotonie.

Das WG-Leben klappt prima, sogar auf Arbeit teilen sie sich ein Büro. Vorher war der Herr Wastlhuber arbeitslos und musste immer alleine rumhängen. Dass sein Kumpel hier und da den Chef raushängen lässt, stört ihn aber nicht. Den Part überlässt er ihm gerne, wenn er meint.

Ihr Highlight des Tages, auch in Sachen Mädels abchecken, beginnt nach Dienstschluss. Kein lauer Abend, kein Wochenende ohne einen Abstecher zum Lieblingsbiergarten mit Kicker drinnen und herrlichem schattigem Garten draußen. Hier bedienen flotte, junge Leute. Auch eine Augenweide. Eine der Kellnerinnen nennt ihn leger „Wastl“ und stellt ihm ungefragt ein Wasser und ein Schnitzel hin. Das ist ein Service. Während er das eine unverzüglich verschlingt und das andere genüsslich schlürft, scannt sein Kumpel derweil über seinen Bierschaum hinweg die weiblichen Gäste ab. Er schafft es auch jedes Mal, dass sich eine zu ihnen gesellt. Da ihre Geschmäcker diesbezüglich völlig unterschiedlich sind, kommen sie sich nie in die Quere.
Schaut sein Kumpel ihn mit diesem Blick „du störst“ an, verdrückt sich Herr Wastlhuber freiwillig in den hinteren Teil des Biergartens. Direkt an der Mauer steht eine große, alte Kastanie, die ein wenig das Getümmel abschirmt. Da sitzt er dann einfach still und stumm da. Die Blätter rascheln sanft und lassen nicht so viel Sonne durch. Die ganze Woche im stickigen Büro zwischen Tätigkeit und Untätigkeit erschöpft ihn. Er ist halt eher der Typ für draußen an der frischen Luft. Aber den Arbeitsplatz kann man sich heutzutage nicht aussuchen.

An einem Freitag sitzt der Wastlhuber wieder an seinem Stammplatz und sinniert durch den alten Kastanienbaum nach oben. Weiß und blau wie der Himmel und weiß und blau wie die Servietten auf dem Tisch. Tief schnauft er durch und beobachtet seinen Kumpel beim Anbaggern einer Neuen. An der ist fast nichts echt. Von der Farbe im Gesicht, über die Haare bis zu den Nägeln. Letztere extrem lang. Schon die Vorstellung sich von so einer anfassen zu lassen. Er muss sich kurz schütteln. Außerdem scheint sie schlecht bei Kasse zu sein. Sein Kumpel lässt sich ihre Brotzeit und die Maß auf seinen Bierdeckel schreiben. Das macht er sonst nie. Und ihr Rock, sparsam kurz, den hätte sie gleich weglassen können. Seinen Kumpel scheint das nicht zu stören. Er nimmt sie sogar mit nach Hause. Herr Wastlhuber verzieht sich schnurstracks und beschäftigt sich mit sich selbst. Er kann prima abschalten.

Am nächsten Tag hocken Axel und Miss Sparrock wieder zusammen bei Bier und Radler und schlecken sich ab. Na ja, wie der Abend enden wird, ist überschaubar.
Der Wastlhuber macht es sich auf seiner Lieblingsbierbank bequem und träumt vor sich hin ohne Gefühlsduselei. Plötzlich registriert er einen Schatten, der über ihn huscht. Ein zartes Wesen schwebt auf leisen Sohlen die paar Stufen zum hinteren Teil des Biergartens hinunter. Kommt auf ihn zu. Ein dunkler, südländischer Typ ist sie mit langem, seidigem Haarkleid. Ohne inne zu halten, wirft sie ihm einen verschleierten Blick aus großen, grünen Augen zu. Ganz kurz. Dann hebt sie ihren Kopf und schreitet an ihm vorbei, als sei er Luft. Fast hätte er sich verschluckt. Er springt auf, dass die Bierbank wackelt, lugt um den Baum herum, aber sie ist bereits verschwunden.
Erschöpft lässt er sich wieder fallen. Die nette Kellnerin, die immer Wastl zu ihm sagt, hat sie wohl beobachtet.
„Das ist Habibi. Sie konnte aus dem Süden gerettet werden. Sie wohnt jetzt bei uns.“ Ungefragt stellt sie ihm ein weiteres Schnitzel hin. Vom Süden in die Südstadt, wenn das kein Omen ist. Er kann nur nicken und vergisst glatt zu essen, zumindest für einen kleinen Moment.

Am Folgetag gibt es eine Überraschung. Axels Rockflamme ist nicht alleine gekommen.
„Ihre Mitbewohnerin“, flüstert er dem Wastlhuber zu und besteht darauf, dass er sich zu ihnen setzt. Höflich, mit einem gewissen Abstand, platziert er sich neben seinem Kumpel. Schließlich weiß er, was sich gehört.

Susi heißt die aufgeschneckte Mitbewohnerin und ist auch sonst der gleiche Typ wie ihre Kumpanin. Ponyfransen, die die Augen verdecken und zu allem Überfluss eine alberne Schleife auf dem Kopf, die wohl den Haarwust zusammenhalten soll. Ihre Nägel sind auch zu lang. Beide Mädels verbreiten Düfte, die den Wastlhuber schwindlig machen, aber nicht so wie sie es gerne hätten.
Da findet ein echt betörendes Aroma den Weg in seine Nase. Aus den Augenwinkeln erkennt er Habibi ein paar Reihen weiter hinten alleine in der Sonne sitzen. Ihre exotische Erscheinung hebt sich von der Form des bayerischen Rautenmusters der Tischdecke ab. Noch nicht einmal das kann sie entzaubern. Ganz entspannt sitzt sie da. Ihre Augen lasziv halb geöffnet und doch spürt der Wastlhuber, dass sie zu ihm herüberlugt. Susi folgt seinem Blick.
„Noch so eine. Die hat hier nichts zu suchen“, schnappt sie mit fistelnder Stimme.
„Sie ist aus dem Süden.“ Als würde die Aussage Habibis Andersartigkeit erklären.
Sparrock und Susi drehen ihr demonstrativ den Rücken zu und werfen die Haare synchron nach hinten. Ohne einen Ton von sich zu geben, streckt der Wastlhuber sich kurz, steht grußlos auf und eilt geschwind zu seinem Stammplatz ins hintere Eck des Biergartens.
„Herr Wastlhuber!“, ruft sein Kumpel hinter ihm her. So nennt er ihn nur, wenn er richtig sauer ist. Ihm doch egal, er hätte ja auch mal was sagen können, statt seiner Dame andauernd auf den nicht vorhandenen Rock zu glotzen.

In der Männer-WG hängt der Haussegen etwas schief. Anscheinend hat’s mit der Kurzrockfrau nicht geklappt. Axel verweigert den Biergarten und verbringt die Abende vor der Glotze, während sich Wastlhuber rausschleicht und alleine loszieht. Na, wohin wohl? Da braucht man nicht lange herumraten.

Ein paar Tage später hört der Wastlhuber am frühen Morgen seinen Kumpel wie gewohnt rumoren. Schlafzimmertüre, Bad, Küche, Kaffeemaschine. Es dauert nicht mehr lange, bis er ins Wohnzimmer kommt. Nun ist der Wastlhuber doch ganz schön nervös. Was wird er wohl sagen, wenn er sie beide hier sieht? Er kuschelt sich noch ein wenig enger an Habibi und bekommt als Reaktion ein wohliges Schnurren tief aus ihrer Kehle.
So im Halbdunkeln sind sie beide kaum voneinander zu unterscheiden. Er, fast ganz schwarz mit ein paar hellen Stellen auf der Brust und sie dunkelbraun mit helleren Streifen, die ihre stromlinienförmige, zarte Gestalt noch mehr unterstreichen und betonen.

Axel betritt das Wohnzimmer und lässt seinen Blick über die Kissen schweifen. Dann entdeckt er sie beide. Perplex starrt er von ihr zu ihm, wie sie verkeilt beieinander liegen. Seinem Kumpel verschlägt es schier die Sprache. Vorsichtig wedelt Herr Wastlhuber mit seinem buschigen Schwanz, schenkt ihm seinen unwiderstehlichsten Dackelblick aus treuen, braunen Augen. Habibi drückt sich fester an ihn. Sprungbereit sie, kampfbereit er. Wenn‘s sein muss, lässt er den Wolf aus sich raus.
Axel kommt langsam näher, geht in die Knie.
„Wer bist du denn?“ fragt er nach wie vor verdutzt und schüttelt ungläubig den Kopf. Langsam hebt er seine Rechte und hält sie Habibi hin. Vorsichtig macht sie einen langen Hals, schnuppert kurz und zieht sich schnell wieder zurück.
„Wastl, Wastl, nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass du auf Katzen stehst“ und krault ihn hinter den Schlappohren. „Da haste dir 'ne entzückende Mieze im Biergarten angelacht“, ergänzt er und tätschelt seinen Kopf. Erleichtert schleckt der Wastlhuber ihm über die Hand.
Als sein Kumpel in die Küche geht und zwei Näpfe Futter fertig macht, weiß der Wastlhuber, dass seine Habibi auch hier einziehen darf. Jetzt fehlt nur noch eine passende Frau für seinen Kumpel. Sie werden im Biergarten schauen, da findet sich schon was.

© Frau Gunkelberg 01/16

BESUCH

Die neue Wohnung ist hell und freundlich, weiße Wände, klare Linien. Ich werde mich wohlfühlen, hier, wo ich über und unter und neben mir Nachbarn habe. Menschen. Man hört sie, manchmal ist es ein Lachen, leises Stimmengewirr oder das Poltern der Kinder aus dem zweiten Stock, manchmal das Fernsehprogramm, manchmal, ganz dezent, irgendwo aus einem der umliegenden Häuser, Klaviermusik. Ich habe mich vorgestellt als neue Nachbarin und wurde freundlich begrüßt. Es ist ein gepflegtes Haus und es ist gut, dass ich mich zu dem Umzug entschlossen habe, so sehr ich das Häuschen, mein Refugium, einmal geliebt hatte. Nicht, dass es renovierungsbedürftig gewesen wäre, jedenfalls nicht allzu sehr, auch den winzigen Garten mit dem Apfelbäumchen am Zaun habe ich gerne bewirtschaftet und die Nachbarskatze kam manchmal auf einen Plausch, aber irgendwann war es zu viel. Nicht die Katze meine ich, die anderen. Die Katze kam immer morgens, nie abends, nie in der Dämmerung. Ich glaube, sie mochte sie auch nicht, deshalb mied sie mein Haus am Abend. Sogar den Garten mied sie.
Als Klaus noch da war, hatte ich nie etwas bemerkt. Ganz sicher waren sie noch nicht da. Klaus und ich hatten das Häuschen vor sieben Jahren angemietet, obwohl, nein gerade weil es etwas abseits lag, am Rande der Peripherie, in einer Sackgasse, die ins offene Feld mündete. Still, dörflich war es hier, als hätte man die drei Häuser, die da standen, vergessen. Hier fiel man aus der Zeit. Unser Nest war es gewesen, ein Versteck vor der Welt für zwei, die sich genügen, und wir genügten einander oft, bis die Schlange kam und ihn mir nahm, weil sie seine Seele vergiftet. Als er auszog zu seinem blonden Gift, blieb ich zurück, innerlich in Scherben, gelähmt und planlos.  Ich lebte und arbeitete weiter, funktionierte wie ein Automat. Hin und wieder fragte ein Nachbar über den Gartenzaun, ob alles in Ordnung sei, erzählte vom Wetter oder der Apfelernte. Manchmal wurde ich eingeladen, meistens lehnte ich ab. Ich lebte meine Trauer und lebte sie allein, im Sommer oft im Schaukelstuhl, verborgen hinter dem Glyzinienspalier, oder als es kühler wurde, inmitten der tröstlich mit mir schweigenden Bücher.
Es muss später Herbst gewesen sein, als der erste kam. Ich weiß nicht, ob ich Angst hatte; ich war wohl eher befremdet. Jedes Haus hat seine Geräusche und ich kannte das Knarren der Treppe, das gelegentliche Knacken des Bücherregals und das Ächzen des alten Schranks im Windfang, aber dieses leise Schaben und Kratzen, das kannte ich nicht und dachte erst an eine Maus, aber wir hatten niemals Mäuse gehabt. Das Schaben kam mal von hier, mal von dort, leise, unregelmäßig. Die Leselampe reichte nicht aus, um dem Geräusch nachgehen zu können;  ich schaltete das Deckenlicht ein. Nichts. Gar nichts. Auch kein Schaben mehr. Ich ging zu Bett. Im Dunkeln hörte ich ein leises Kratzen. Irgendwann schlief ich ein. Nächte später sah ich ihn zum ersten Mal oder vielmehr seinen Schatten oder besser seine Bewegung, den Schatten seiner Bewegung. Eine Art dichtere Dunkelheit, nicht allzu groß, mal hier, mal dort. Er schien flink zu sein. Vielleicht hätte ich ihn nicht bemerkt, wäre nicht dieser schmale Streifen Mondlicht in den Raum gefallen. Ich schloss die Augen. Ich schloss sie fest. Später spürte ich seine Präsenz, ja je dunkler der Raum war, desto deutlicher. Einmal schrie ich ihn an; ich sah, wie der Schrei durch ihn hindurch ging. Er teilte sich für einen Moment, schloss sich dann wieder und kratzte ein wenig. Für ein paar Tage blieb er weg.
Später kamen andere. Ich wusste es auch, ohne sie zu sehen. Waren sie da, spürte ich ihre Dichte und öffnete ich die Augen, sah ich in der Dunkelheit meines Schlafzimmers ihre bewegliche Schwärze, ihren Tanz, dem immer ein leichtes Schaben und Kratzen vorausging, das ich nicht orten konnte. Bei Licht kamen sie nie, Licht scheuten sie, aber bei Licht konnte ich nicht schlafen. Es war Dezember und ich hatte längst Festbeleuchtung im ganzen Haus, fürchtete den Moment des Lichtlöschens und gewöhnte mir an, einen Cognac zu trinken, wenn ich nach Hause kam. Die brennende Wärme beruhigte. Ich verwahrte die Karaffe im alten Schrank im Windfang, später nahm ich das Glas mit ins Schlafzimmer, wo ich die letzte Lampe ausknipste, die Augen schloss und die Decke über den Kopf zog. Aber es kamen immer mehr und sie kamen öfter und sie kamen näher. Ich spürte ihre Anwesenheit neben dem Bett und unter dem Bett. Sie tanzten nicht mehr, ich glaube, sie lauerten. Aber nie berührten sie meine Decke und am Morgen waren sie weg. Immer.
Es war Anfang Februar, die Dunkelheit des Winters wich bereits der Ahnung von Vorfrühling, als ich von einer Betriebsfeier später als sonst nach Hause kam, das Licht im Windfang einschalten wollte und die Lampe dunkel blieb. Ich tastete mich zum Cognac, dann zum nächsten Lichtschalter. Nichts. Es blieb dunkel. Ich drückte die Klingel. Stille. Stromausfall! Ich verfluchte meine Entscheidung, die Taschenlampe im Nachtkästchen zu verwahren und tastete mich ins Schlafzimmer. Er kauerte auf dem Kopfkissen. Ein atmender Ball von tiefer Schwärze, rote Kohleaugen glühten mich an. Ein weißer Eckzahn blitzte. Ich schrie, schrie ihn an, aber als der Schrei durch ihn hindurch ging, verdoppelte er sich. Vier Kohleaugen starrten mich an, zwei Eckzähne blitzten. Weg, nur weg! Raus, zum Auto!
Ich erwachte in weißer Stille, weiße Wände, weißes Bett, der rechte Arm in Gips. Mein Kopf schmerzte zum Zerplatzen. Ich war auf den Stufen vor dem Haus gestürzt, Gehirnerschütterung, Armbruch, Unterkühlung. Der Arzt sprach ernste Worte, erwähnte meinen Blutalkoholspiegel und empfahl mir  Suchtberatung und psychologische Betreuung. Drei Tage später wurde ich entlassen.
Die Unfallversicherung zahlte für vier Wochen eine Haushaltshilfe, eine Freundin kaufte für mich ein und organisierte energisch meinen Umzug, indem sie mir sämtliche Vermietungsinserate ausschnitt, deren sie habhaft werden konnte, auf mich einredete wie auf einen tauben Maulesel und schließlich in meinem Namen einen Makler beauftragte. Ich müsse, so ihre feste Überzeugung, hier raus, so schnell wie möglich das Haus verlassen - dieses Mausoleum einer gescheiterten Liebe, wie sie es spöttisch nannte - und mich am besten auch gleich neu einrichten. Die Schatten zeigten sich nicht mehr. Trotzdem: Birgit hatte Recht, es galt einen Schnitt zu machen, radikal und endgültig, und einen Neuanfang zu wagen. Ganz langsam schälte ich mich aus meiner Lethargie wie aus einem übergroßen, zu dicken Mantel. Als ich dann, zwei Monate später, tatsächlich auszog, ließ ich das meiste Mobiliar zurück. Es wurde vom Vermieter, da es sich überwiegend um alte Einzelstücke handelte, gegen ein geringes Entgelt übernommen; nur mein Bücherregal, den Lesesessel und die Frisierkommode mit den schönen Schnitz- und Drechselarbeiten und dem dreiteiligen, schildpattgefassten Spiegel, ein Kleinod aus dem Hausstand meiner Urgroßmutter, nahm ich mit. 
Die alten Stücke sehen edel aus in meiner neuen, sachlichen Stadtwohnung und ergänzen die moderne Einrichtung bestens. Die Cognac-Karaffe mit den fein geschliffenen Gläsern steht auf dem Sideboard im Wohnzimmer. Sie ist halb gefüllt, ihre Facetten glitzern in farbigen Reflexen. Ich habe nichts mehr getrunken seitdem. Es geht mir gut, ich fühle mich wohl in meinem neuen Domizil. Die Geräusche der Stadt, das Rauschen der Umgehungsstraße, das zwar fern und monoton herüber weht, aber nie ganz schweigt, das Aufheulen eines einsamen Motorrades, das Rasseln des Tiefgaragentores, unerwartet zu später Stunde, sind noch ungewohnt und zwingen mich, bei geschlossenem Fenster zu schlafen, was ich als befremdlich empfinde, aber daran werde ich mich gewöhnen. Das Licht der Straßenlaterne von gegenüber schickt einen schmalen gelben Streifen in mein Schlafzimmer. Heute stört mich das. Es muss die Frühlingsluft sein, die so unruhig macht; der Mai und seine Verheißungen. Ich schließe die Augen und überlasse mich dem trägen, ziellosen Treiben meiner Gedanken. Ganz leise, kaum wahrnehmbar, mal von hier, mal von dort, nicht wirklich zu orten, höre ich ein feines Kratzen.

30.03.16
©Sonja Meier

MYSTERIUM



Sobald es irgend geht, zieh ich mit meinem Hund Bohni in den Biergarten. Der liegt in der Sielstraße, nur drei Ecken von meiner Wohnung. Es gibt von Mai bis September einfach nichts Besseres für mich. So nah an der Natur, neben und unter Bäumen, sein Bier in Ruhe zu trinken und ein Paar Würstle zu essen, das ist das Höchste. Warum? Es ist, na ja, es ist irgendwie ge-sund .... die Blätter, das Gras, die Luft im Freien, die Autos spürst hinter der Hecke nicht so arg, das Bier schmeckt, als ob’s aus einer Quelle kommt.

Im Sommer in der Biergartenhochsaison muss ich dann auch meine Elvira nicht so lange sehen, wenn ich mit Bohni außerhäusig bleibe. Seit ich in Rente bin und sie, die Elvira, praktisch 24 Stunden um mich habe, also di-rekt erleben muss, entspannt sich die Ehe durch meinen regelmäßigen Besuch im Biergarten doch ein wenig. Und die Frau will auch gar nicht mit von sich aus, also ich frag sie auch erst gar nicht lang. Aber deswegen erzähl ich Ihnen das hier nicht. Es geht um etwas ganz anderes, was ich im letzten Sommer, also in dem Afrikasommer in der Sielstraße erlebt habe.

Ein Mysterium war’s, jawohl, auch wenn’s mir keiner glauben will. Brüllend heiß war’s, einer von den Klimakatastrophentagen, die mir so angenehm sind, denn dann sitze ich schon um 10 Uhr im Schatten von dem Kastanienbaum, bestelle mein Seidla und frage den Bohni ein biss-chen aus über sein Leben. Es sind dann nur wenig Leute da, die man anschauen muss. Die Bedienung ist noch frisch und freundlich, die Hitze hält sich noch zurück. Was will der Mensch mehr? Also, ich will gerade in meinen Meditationsmodus umschalten, da beunruhigt mich ein Schaben und Schubsen an meinem linken Bein. Natürlich tippe ich auf Bohni, aber der liegt seelenruhig unter meiner Bank und döst. Ich beuge mich nach unten, schieb meinen Bauch aus dem Blickfeld und was sehe ich, ja Hunds verreck, ich sehe ein Krokodil, das sich an meine Schuhe drückt und mit seinen scharfen Zähnen an den Schuhbendeln rupft. Ich nehme einen gehörigen Schluck aus dem Bierkrug, um mich zu vergewissern, dass ich ja noch nüchtern bin, und schaue mich um. Meine Augen schweifen über das gesamte Gelände. Gottseidank, keiner merkt etwas. Als mein Blick über den Ausschank wandert, erstarre ich ein zweites Mal – und das in so kurzer Zeit nach dem ersten Schock - , auf dem Schild der Braue-rei fehlt das Ledererkrokodil! Allmächt, jetzt wird’s brenzlig! Andererseits tröstet mich Bohni, denn der hat sich mittlerweile aufgestellt und knurrt ziemlich aggressiv. Mit aufgeregtem Ge-zucke und geweiteten Augen fixiert er das Krokodil, das aber nicht im geringsten beeindruckt ist. Bohni ist mithin eindeutig mein Zeuge, aber seine Aussagen verstehe leider nur ich. Des-halb beschließe ich, mich so normal wie möglich zu verhalten, bestelle Weißwürste und mache die ersten Scherze mit der Bedienung, obwohl sich das Krokodil mittlerweile schon in mein Hosenbein vorgewagt hat und dort so wild rumort, dass es an den Beinhaaren ziepft. Aber je länger das dauert, um so ehrlicher muss ich sagen: So schlecht ist das gar nicht, wieder einmal gründlicher berührt zu werden; wir wollen ja nicht gleich von Begehren oder so etwas reden, aber man fühlt sich wahrgenommen! Auch Bohni reagiert durchaus flexibel und fängt an, mit dem exotischen Wesen zu spielen. Das Krokodil wischt ihm immer mal eine mit seinem kräftigen Schwanz und Bohni versucht, den dann festzuhalten; aber nicht bösartig, eher mit sanftem Knabberbiss.

Also, wenn man so will, wir drei passen ganz gut zusammen. Und das ist ja heutzutage gar nicht so häufig, weil einen Deppen hast du schnell gefunden, der dich nur vollschmarren kann. Das Krokodil, das noch recht klein ist, halt so klein wie auf dem Ledererschild, hat sich schließlich bis auf meinen Schoß hochgearbeitet und kringelt sich dort ein. Ich könnte nicht sagen, dass es sich auf Anhieb nur angenehm anfühlt, es ist schon kalt und rau mit seinen gro-ben Schuppen. Aber dass es sich so vertrauensvoll dahin zu mir legt, Respekt! Und Bohni liegt gleich daneben. Ich bleib dabei, niemandem im Biergarten etwas zu sagen, die lachen ja nur und fragen mich frech, das wievielte Seidla ich alter Bierdimpfel  denn schon hätte. Nein, nicht mit mir! Ich setze einen dasig neutralen Blick auf und blinzle nur ab und an nach unten auf meinen Schoß: nein, es verschwindet nicht, im Gegenteil. Nach außen hin sieht’s sicher aus, als könnte ich kein Wässerchen trüben und ich muss ein bisschen schmunzeln, weil ich mir schon wie ein durchtriebener Geheimnisträger vorkomme. Aber in meinem Inneren tobt eine Schlacht. Eigentlich möchte ich das Krokodil behalten, einfach so, spontan, aber tausend Fra-gen und Zweifel jagen mich, dass es in mir nur so rauscht: Was ist, wenn es wächst? Ja warum sollte es nicht wachsen? Was frisst es eigentlich, jetzt als Junges und dann später? Menschen schon auch, ja jetzt hör mir auf! Hält es Winterschlaf und wo verstecke ich es in der Woh-nung? Die Elvira trifft ja der Schlag, wenn sie auf ein Krokodil in der Wohnung stößt, auch wenn ich ihr sagen würde, dass es ja bloß das vom Lederer ist. Wird das Krokodil brünstig und was kackt es wo aus? Werde ich schweigen können? Und was macht dieses Geheimnis mit mir, also mit der Persönlichkeit auf Dauer?

Erst am Abend, wenn der Biergarten aus allen Nähten platzt, weil die Leute nach der Arbeit vorbeischauen, verlasse ich die Sielstraße. Der Trubel gefällt mir nicht und Elvira könnte auch schon etwas ungeduldig werden. 
An besagtem Tag des Mysteriums hatte ich eine große Tasche dabei, weil ich ja noch einkau-fen sollte. Das Krokodil passt gut hinein und ich laufe mit Bohni gemütlich heim. Was zu kau-fen ist, fällt mir partout nicht mehr ein, aber dafür habe ich eine Idee, wo ich die Tasche mit dem neuen Freund so verwahren kann, dass ihn niemand entdeckt.

Mittlerweile ist’s Winter, ein sehr milder Winter, halt ein Klimakatastrophenwinter und ab Januar glimmt in mir schön langsam die hoffnungsvolle Vorfreude auf die nächste Biergarten-saison. Sie wollen wissen, was mein Ledererkrokodil macht? Uns geht’s gut, verraten wird aber Näheres nicht, schließlich wirkt ein Mysterium nur, wenn es ein Mysterium bleibt. Des-halb nur so viel: Uns geht es sogar sehr gut. Natürlich darf es gleich am ersten Öffnungstag mit in den Biergarten in der Sielstraße, das weiß es auch schon und, Sie werden es nicht glau-ben, ich kann es ihm ansehen, wie sehr es sich freut.
Übrigens auf dem Brauereischild dort ist das Krokodil nicht wieder erschienen seit es bei mir heimisch ist – ist aber keinem aufgefallen. Vielleicht weil es noch so viele andere Krokodil-bierschilder bei uns gibt. Setzen Sie sich in der nächsten Saison ruhig mal in die Nähe von ei-nem, es lohnt sich!

© WILFRIED CHRISTEL  '16

Samstag, 28. November 2015

Magic Cleaning

Ich werde ein ganz neuer Mensch sein, kaum wiederzuerkennen. Mein neuer Ratgeber verspricht mir wahre Wunder, wenn es mir nur gelingt, meine sämtlichen irdischen Besitztümer zu durchforsten, nur das zu behalten, was ich liebe und den Rest konsequent und gnadenlos zu entsorgen. Die wenigen Dinge, die noch übrig bleiben, seien dann ganz leicht in eine harmonische, dauerhafte Ordnung zu bringen. „Magic Cleaning“ heißt die Methode. Und die Belohnung für diesen Kraftakt kann sich sehen lassen: Frei werdende Energien! Sprühende Kreativität! Ruhe und Gelassenheit, weil ich nie wieder etwas suchen muss! Eine glücklichere Familie und neuer Schwung in der Ehe! Ganz nebenbei werde ich natürlich einige Kilos verlieren, denn wenn ich meinem Haus diese Entschlackungskur angedeihen lasse, wird mein Körper automatisch mitziehen.
Also, frisch ans Werk! Das Buch rät mir, mit der Kleidung anzufangen. Alle Klamotten raus aus dem Schrank, aus der Sporttasche, von der Garderobe und aus der Sofaecke. Alles kommt auf einen Haufen. Nun soll ich jedes Teil in die Hand nehmen und mich fragen, ob ich es liebe. Lautet die Antwort „Nein!“, kommt es weg – egal, ob es sauteuer war oder noch fast neu ist. Das wird toll! Nie wieder werde ich so eine Klischeefrau sein, die einen vollgestopften Kleiderschrank und nichts zum Anziehen hat!
Der Anfang ist leicht: Fusselige Pullover, Sweatshirts, die mir ein Wurstpellengefühl vermitteln, geerbte Schlabberteile in scheußlichen Farben – kein Problem, die alle in einen Altkleidersack zu stopfen. Die Autorin meines Buches verlangt jetzt aber, dass ich mich bei jedem Teil bedanke, von dem ich mich verabschiede. Das ist schon schwerer. Soll ich wirklich sagen: „Liebes schwarzes Spitzennachthemd, ich danke dir für die Erkenntnis, dass ich doch nicht der Typ für Vamp-Klamotten bin – ich wünsche dir viel Glück auf deinem weiteren Lebensweg?“ Nicht wirklich mein Ding. Beim Blick in den Spiegel stelle ich vielmehr fest, dass mein Gesichtsausdruck dem eines Revolverhelden aus einem Italo-Western ähnelt – kurz vor dem nächsten Abschuss. Grimmig lasse ich meinen Blick über den Kleiderhaufen wandern: Grüner Trachtenmantel, du entkommst mir nicht! Ha, nimm das, du Urlaubskleid von minderer Qualität!
Schließlich habe ich mich so in Rage sortiert, dass mir ganz flau wird. Eine Pause ist angesagt. Ich koche Tee und stopfe mir ein paar Stücke Schokolade in den Mund. Die Sache mit dem Abnehmen ist schließlich erst nach beendeter Entrümpelungsaktion dran. Außerdem schreibt die Autorin, dass das Ganze ein Aufräumfest sein soll – na ja, sie ist Japanerin und hat wohl eine ganz andere Vorstellung vom Feiern als ich.
Noch ein paar Kekse,. dann geht es weiter. Bei den Socken und Strümpfen scheitere ich endgültig an der Frage „Du liebst sie, du liebst sie nicht“. Ich kann doch nicht alle meine Socken wegwerfen, nur weil sie mein Herz nicht berühren! Die einzigen Strümpfe, die ich liebe – Overknees in taubenblau mit orangefarbenem Pünktchenmuster, mit Mäusezahnrand und Schleife, mehrfach geflickt – trage ich gar nicht mehr, weil sie rutschen. Ich entschließe mich zu einem pragmatischeren Ansatz und werfe nur weg, was kaputt, ausgeleiert oder verfärbt ist. Liebe hin oder her, schließlich will ich im Winter nicht barfuß gehen.
Am Ende bin ich ganz zufrieden: Mein Kleiderschrank sieht wirklich ordentlich und übersichtlich aus. Dumm nur, dass ich zwar noch viele T-Shirts, aber fast keine Hosen und Pullover mehr übrig habe. Da muss ich wohl mal wieder einkaufen gehen – natürlich mit System und mit Bedacht!
Demnächst kommen die Bücher dran. Wie das gehen soll, weiß ich auch noch nicht – keine Ahnung, ob ich „Die Brüder Karamasow“ liebe oder nicht, schließlich habe ich es noch nicht gelesen. Doch für heute ist es genug, ich stelle meinen Ratgeber erst mal zurück ins Regal, gleich neben „Simplify your Life“, „Gut Aufgeräumt“ und „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“

von Pia Winkler

Freitag, 13. November 2015

Zwei flotte Käfer

Als meine Schwester Isabell Anfang der 70iger ihre Führerscheinprüfung bestanden hatte, brachen neue Zeiten an. Für sie, für mich und für unsere Mutter. Letztere hätte es erahnen können, spätestens, als auf ihren sonnengelben Käfer ein Fußball großes Keep Smiling gepappt wurde. Unwiderruflich wie der Kuckuck vom Gerichtsvollzieher.
Zunächst wurde das Ereignis gefeiert und unter Kontrolle von Muttern die ersten Runden um den Block gezogen.
Erster Gang, langsam anrollen ohne ihn abzuwürgen.
„Beide Hände an den Lenker!“
„Nicht so früh schalten!“
„Vorsicht, da ist ein Fußgänger!“
„Die Kupplung langsamer kommen lassen! Jetzt ist er abgesoffen.“
Nicht nur der Käfer streikte. Auch Isabell. Durch den Rückspiegel schaute sie mich mit wie Warnbojen blinkenden Pickeln an.
Uns wurde klar, in die weite Welt hinaus fahren, sie neu entdecken, erobern, das ging nur ohne Mutter. Außerdem war Isabell der Meinung, dass zu ihrer neuen Freiheit auch ein neues Gesicht gehöre: diese Pickel müssen weg. Wir dachten damals in Zeitschriften wie Petra, an Schönheitsprogramme à la „große und kleine Brigitte“ und natürlich an die Bravo. Isabell durfte sie nun offiziell lesen, ich nur undercover und sammelte heimlich die Einzelteile von Little Jo. Der schaffte es als Ganzes zusammengeklebt und in Lebensgröße an meine Zimmertüre. Er war übrigens das letzte Bild eines Mannes, das ich mir zusammensetzte. Später war es eher umgekehrt.

Wir durchforsteten die Gelben Seiten nach Kosmetikerinnen. Nicht hier im Städtchen, sondern weiter draußen, viel weiter draußen sollte das Studio sein. In Langerwehe wurden wir fündig. Mit dem Auto circa 25 Minuten über Land. Frau Plunder bot sogar eine Gruppenveranstaltung an, bei der auch ich mitkommen konnte. Zwei zum Preis von einer. Wenn das nicht ein Argument war. Bei mir machte sich die Pubertät leider auch sichtbar. Im Gesicht schossen aktive Minivulkane hervor, die regelmäßig ausbrachen.
Das zweite nicht widerlegbare Argument war, dass die Gesichtsmasken und Cremes bei Frau Plunder von jedem Teilnehmer selbst angerührt werden konnten. Für Isabel eine wunderbare erste Übung in Salben anrühren, da sie ab Herbst mit ihrem Pharmaziestudium beginnen würde. Unsere Mutter gab sich geschlagen. Wir fuhren, sie blieb.

Dann war es soweit. Los ging’s mit der neuesten Kassette von „Bläck Fööss“ in ohrenbetäubender Lautstärke. Mit einem Käfer fährt man nicht, ein Käfer fliegt. Langerwehe wir kommen, mit offenen Fenstern und flatterten Haaren.
Kein Mal würgte Isabell den Motor ab und immer schnurrte der richtige Gang. Nur ein Radfahrer schimpfte hinter uns her, nachdem wir an ihm vorbeigefahren waren. Isabell warf einen prüfenden Blick in den Rückspiegel und meinte schlichtend in mein erschrockenes Gesicht:
„Ach was, Lisa, der schimpft nicht, der winkt uns bloß.“

Wir waren acht Frauen in bester Stimmung und Alter. Allerdings hatten die Anderen keine Pickel mehr, dafür gehörten sie in die Kategorie: Spatel Alter. Das war aber nebensächlich. Hatte man die Pampe einmal drauf, sahen wir eh alle gleich aus. Wen interessierte es, was man darunter verbarg?
Isabell und ich hatten die Auswahl zwischen vier Masken. Meine Schwester konnte sich, wie so oft, nicht entscheiden und schlug mit schrägem Grinsen vor, wir rühren alle an und nehmen den Rest mit. Sie hätte da schon etwas vorbetreitet und schielte zu ihrer Tasche. Nicht nur das Anrühren im Akkord war ganz schöner Stress. Ich musste Frau Plunder immer wieder in ein Gespräch verwickeln, damit Isabel heimlich die mitgebrachten Arzneidöschen befüllen und verschwinden lassen konnte.

Als der Kurs zu Ende war und die anderen mit frischen, neuen Gesichtern erstrahlten, hatten wir beide noch unsere grüne Pampe im Gesicht. Noch war sie kühl und feucht, was sich schnell ändern sollte.
Frau Plunder, wenn auch etwas zögerlich, ließ uns so nach Hause fahren. Mit dem Auto seien es ja auch nur 20 Minuten und draußen bereits duster. Isabell konnte schon immer überzeugend und charmant sein, wenn sie wollte.

Gut gelaunt machten wir uns, im 4-Zylinder 4-Takt vom Acker. Die Landstraße war bereits um 21:00 Uhr leergefegt, fast ganz. Da stand ein Auto am Straßenrand. Mist, ein Polizeiauto. Verkehrskontrolle. Isabel bremste, dass wir in der Gurt flogen.
Schnell schaltete ich das Radio aus. Tatsächlich, zwei Polizisten kamen O-beinig auf uns zu. Leider keiner von der Ponderosa. Isabel kurbelte die Fensterscheibe runter.
„Ihre Papiere bitte.“
„Kanscht die ma aus der Kap hole“, nuschelte mir Isabell zu.
„Hä?“ Ach du meine Güte, diese dämliche Maske waren wie ich erstarrt. Noch nicht mal mehr die Lippen ließen sich richtig bewegen.
„Hö hi Huhu“, versuchte sie es noch mal und zeigte hektisch auf das Handschuhfach.
„Haben Sie etwas getrunken?“, fragte der Polizist und beugte sich zu ihr herunter.
Isabel schüttelte den Kopf und reichte ihm Fahrzeugschein und Führerschein durchs Fenster. Mit der Taschenlampe beleuchtete er zuerst die Papiere und dann uns.
„Aussteigen!“, schrie er. Danach ging alles sehr schnell. Die Türen wurden aufgerissen, wir beide herausgezogen und mit den Händen ans Dach gestellt. Beine breit.
„Spin Sie do?“, schimpfte Isabell, so gut wie möglich.
Dann mussten wir unsere Hände hinterm Kopf verschränken und uns langsam umdrehen. Verzweifelt versuchte meine Schwester dem Polizisten zu erklären, dass wir von einer Kosmetikerin kamen und nur eine harmlose Gesichtsmaske im Gesicht hatte. Der Jüngere der beiden kam näher heran und leuchtete uns voll ins Gesicht. Dann fing er an zu grinsen.
Mithilfe der geklauten, angerührten Masken konnten wir unsere Unschuld endgültig beweisen. Nun grinste auch der ältere Polizist. Die zwei hatten ihren Spaß.
Immerhin durften wir einsteigen und losfahren. Kurz bevor wir zu Hause ankamen fiel Isabell ein, dass die Bullen vergessen hatten uns ein Knöllchen aufzuschreiben. Wir lachten bis die Masken rissen.

© Frau Gunkelberg 11/15