Samstag, 28. November 2015

Magic Cleaning

Ich werde ein ganz neuer Mensch sein, kaum wiederzuerkennen. Mein neuer Ratgeber verspricht mir wahre Wunder, wenn es mir nur gelingt, meine sämtlichen irdischen Besitztümer zu durchforsten, nur das zu behalten, was ich liebe und den Rest konsequent und gnadenlos zu entsorgen. Die wenigen Dinge, die noch übrig bleiben, seien dann ganz leicht in eine harmonische, dauerhafte Ordnung zu bringen. „Magic Cleaning“ heißt die Methode. Und die Belohnung für diesen Kraftakt kann sich sehen lassen: Frei werdende Energien! Sprühende Kreativität! Ruhe und Gelassenheit, weil ich nie wieder etwas suchen muss! Eine glücklichere Familie und neuer Schwung in der Ehe! Ganz nebenbei werde ich natürlich einige Kilos verlieren, denn wenn ich meinem Haus diese Entschlackungskur angedeihen lasse, wird mein Körper automatisch mitziehen.
Also, frisch ans Werk! Das Buch rät mir, mit der Kleidung anzufangen. Alle Klamotten raus aus dem Schrank, aus der Sporttasche, von der Garderobe und aus der Sofaecke. Alles kommt auf einen Haufen. Nun soll ich jedes Teil in die Hand nehmen und mich fragen, ob ich es liebe. Lautet die Antwort „Nein!“, kommt es weg – egal, ob es sauteuer war oder noch fast neu ist. Das wird toll! Nie wieder werde ich so eine Klischeefrau sein, die einen vollgestopften Kleiderschrank und nichts zum Anziehen hat!
Der Anfang ist leicht: Fusselige Pullover, Sweatshirts, die mir ein Wurstpellengefühl vermitteln, geerbte Schlabberteile in scheußlichen Farben – kein Problem, die alle in einen Altkleidersack zu stopfen. Die Autorin meines Buches verlangt jetzt aber, dass ich mich bei jedem Teil bedanke, von dem ich mich verabschiede. Das ist schon schwerer. Soll ich wirklich sagen: „Liebes schwarzes Spitzennachthemd, ich danke dir für die Erkenntnis, dass ich doch nicht der Typ für Vamp-Klamotten bin – ich wünsche dir viel Glück auf deinem weiteren Lebensweg?“ Nicht wirklich mein Ding. Beim Blick in den Spiegel stelle ich vielmehr fest, dass mein Gesichtsausdruck dem eines Revolverhelden aus einem Italo-Western ähnelt – kurz vor dem nächsten Abschuss. Grimmig lasse ich meinen Blick über den Kleiderhaufen wandern: Grüner Trachtenmantel, du entkommst mir nicht! Ha, nimm das, du Urlaubskleid von minderer Qualität!
Schließlich habe ich mich so in Rage sortiert, dass mir ganz flau wird. Eine Pause ist angesagt. Ich koche Tee und stopfe mir ein paar Stücke Schokolade in den Mund. Die Sache mit dem Abnehmen ist schließlich erst nach beendeter Entrümpelungsaktion dran. Außerdem schreibt die Autorin, dass das Ganze ein Aufräumfest sein soll – na ja, sie ist Japanerin und hat wohl eine ganz andere Vorstellung vom Feiern als ich.
Noch ein paar Kekse,. dann geht es weiter. Bei den Socken und Strümpfen scheitere ich endgültig an der Frage „Du liebst sie, du liebst sie nicht“. Ich kann doch nicht alle meine Socken wegwerfen, nur weil sie mein Herz nicht berühren! Die einzigen Strümpfe, die ich liebe – Overknees in taubenblau mit orangefarbenem Pünktchenmuster, mit Mäusezahnrand und Schleife, mehrfach geflickt – trage ich gar nicht mehr, weil sie rutschen. Ich entschließe mich zu einem pragmatischeren Ansatz und werfe nur weg, was kaputt, ausgeleiert oder verfärbt ist. Liebe hin oder her, schließlich will ich im Winter nicht barfuß gehen.
Am Ende bin ich ganz zufrieden: Mein Kleiderschrank sieht wirklich ordentlich und übersichtlich aus. Dumm nur, dass ich zwar noch viele T-Shirts, aber fast keine Hosen und Pullover mehr übrig habe. Da muss ich wohl mal wieder einkaufen gehen – natürlich mit System und mit Bedacht!
Demnächst kommen die Bücher dran. Wie das gehen soll, weiß ich auch noch nicht – keine Ahnung, ob ich „Die Brüder Karamasow“ liebe oder nicht, schließlich habe ich es noch nicht gelesen. Doch für heute ist es genug, ich stelle meinen Ratgeber erst mal zurück ins Regal, gleich neben „Simplify your Life“, „Gut Aufgeräumt“ und „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“

von Pia Winkler

Freitag, 13. November 2015

Zwei flotte Käfer

Als meine Schwester Isabell Anfang der 70iger ihre Führerscheinprüfung bestanden hatte, brachen neue Zeiten an. Für sie, für mich und für unsere Mutter. Letztere hätte es erahnen können, spätestens, als auf ihren sonnengelben Käfer ein Fußball großes Keep Smiling gepappt wurde. Unwiderruflich wie der Kuckuck vom Gerichtsvollzieher.
Zunächst wurde das Ereignis gefeiert und unter Kontrolle von Muttern die ersten Runden um den Block gezogen.
Erster Gang, langsam anrollen ohne ihn abzuwürgen.
„Beide Hände an den Lenker!“
„Nicht so früh schalten!“
„Vorsicht, da ist ein Fußgänger!“
„Die Kupplung langsamer kommen lassen! Jetzt ist er abgesoffen.“
Nicht nur der Käfer streikte. Auch Isabell. Durch den Rückspiegel schaute sie mich mit wie Warnbojen blinkenden Pickeln an.
Uns wurde klar, in die weite Welt hinaus fahren, sie neu entdecken, erobern, das ging nur ohne Mutter. Außerdem war Isabell der Meinung, dass zu ihrer neuen Freiheit auch ein neues Gesicht gehöre: diese Pickel müssen weg. Wir dachten damals in Zeitschriften wie Petra, an Schönheitsprogramme à la „große und kleine Brigitte“ und natürlich an die Bravo. Isabell durfte sie nun offiziell lesen, ich nur undercover und sammelte heimlich die Einzelteile von Little Jo. Der schaffte es als Ganzes zusammengeklebt und in Lebensgröße an meine Zimmertüre. Er war übrigens das letzte Bild eines Mannes, das ich mir zusammensetzte. Später war es eher umgekehrt.

Wir durchforsteten die Gelben Seiten nach Kosmetikerinnen. Nicht hier im Städtchen, sondern weiter draußen, viel weiter draußen sollte das Studio sein. In Langerwehe wurden wir fündig. Mit dem Auto circa 25 Minuten über Land. Frau Plunder bot sogar eine Gruppenveranstaltung an, bei der auch ich mitkommen konnte. Zwei zum Preis von einer. Wenn das nicht ein Argument war. Bei mir machte sich die Pubertät leider auch sichtbar. Im Gesicht schossen aktive Minivulkane hervor, die regelmäßig ausbrachen.
Das zweite nicht widerlegbare Argument war, dass die Gesichtsmasken und Cremes bei Frau Plunder von jedem Teilnehmer selbst angerührt werden konnten. Für Isabel eine wunderbare erste Übung in Salben anrühren, da sie ab Herbst mit ihrem Pharmaziestudium beginnen würde. Unsere Mutter gab sich geschlagen. Wir fuhren, sie blieb.

Dann war es soweit. Los ging’s mit der neuesten Kassette von „Bläck Fööss“ in ohrenbetäubender Lautstärke. Mit einem Käfer fährt man nicht, ein Käfer fliegt. Langerwehe wir kommen, mit offenen Fenstern und flatterten Haaren.
Kein Mal würgte Isabell den Motor ab und immer schnurrte der richtige Gang. Nur ein Radfahrer schimpfte hinter uns her, nachdem wir an ihm vorbeigefahren waren. Isabell warf einen prüfenden Blick in den Rückspiegel und meinte schlichtend in mein erschrockenes Gesicht:
„Ach was, Lisa, der schimpft nicht, der winkt uns bloß.“

Wir waren acht Frauen in bester Stimmung und Alter. Allerdings hatten die Anderen keine Pickel mehr, dafür gehörten sie in die Kategorie: Spatel Alter. Das war aber nebensächlich. Hatte man die Pampe einmal drauf, sahen wir eh alle gleich aus. Wen interessierte es, was man darunter verbarg?
Isabell und ich hatten die Auswahl zwischen vier Masken. Meine Schwester konnte sich, wie so oft, nicht entscheiden und schlug mit schrägem Grinsen vor, wir rühren alle an und nehmen den Rest mit. Sie hätte da schon etwas vorbetreitet und schielte zu ihrer Tasche. Nicht nur das Anrühren im Akkord war ganz schöner Stress. Ich musste Frau Plunder immer wieder in ein Gespräch verwickeln, damit Isabel heimlich die mitgebrachten Arzneidöschen befüllen und verschwinden lassen konnte.

Als der Kurs zu Ende war und die anderen mit frischen, neuen Gesichtern erstrahlten, hatten wir beide noch unsere grüne Pampe im Gesicht. Noch war sie kühl und feucht, was sich schnell ändern sollte.
Frau Plunder, wenn auch etwas zögerlich, ließ uns so nach Hause fahren. Mit dem Auto seien es ja auch nur 20 Minuten und draußen bereits duster. Isabell konnte schon immer überzeugend und charmant sein, wenn sie wollte.

Gut gelaunt machten wir uns, im 4-Zylinder 4-Takt vom Acker. Die Landstraße war bereits um 21:00 Uhr leergefegt, fast ganz. Da stand ein Auto am Straßenrand. Mist, ein Polizeiauto. Verkehrskontrolle. Isabel bremste, dass wir in der Gurt flogen.
Schnell schaltete ich das Radio aus. Tatsächlich, zwei Polizisten kamen O-beinig auf uns zu. Leider keiner von der Ponderosa. Isabel kurbelte die Fensterscheibe runter.
„Ihre Papiere bitte.“
„Kanscht die ma aus der Kap hole“, nuschelte mir Isabell zu.
„Hä?“ Ach du meine Güte, diese dämliche Maske waren wie ich erstarrt. Noch nicht mal mehr die Lippen ließen sich richtig bewegen.
„Hö hi Huhu“, versuchte sie es noch mal und zeigte hektisch auf das Handschuhfach.
„Haben Sie etwas getrunken?“, fragte der Polizist und beugte sich zu ihr herunter.
Isabel schüttelte den Kopf und reichte ihm Fahrzeugschein und Führerschein durchs Fenster. Mit der Taschenlampe beleuchtete er zuerst die Papiere und dann uns.
„Aussteigen!“, schrie er. Danach ging alles sehr schnell. Die Türen wurden aufgerissen, wir beide herausgezogen und mit den Händen ans Dach gestellt. Beine breit.
„Spin Sie do?“, schimpfte Isabell, so gut wie möglich.
Dann mussten wir unsere Hände hinterm Kopf verschränken und uns langsam umdrehen. Verzweifelt versuchte meine Schwester dem Polizisten zu erklären, dass wir von einer Kosmetikerin kamen und nur eine harmlose Gesichtsmaske im Gesicht hatte. Der Jüngere der beiden kam näher heran und leuchtete uns voll ins Gesicht. Dann fing er an zu grinsen.
Mithilfe der geklauten, angerührten Masken konnten wir unsere Unschuld endgültig beweisen. Nun grinste auch der ältere Polizist. Die zwei hatten ihren Spaß.
Immerhin durften wir einsteigen und losfahren. Kurz bevor wir zu Hause ankamen fiel Isabell ein, dass die Bullen vergessen hatten uns ein Knöllchen aufzuschreiben. Wir lachten bis die Masken rissen.

© Frau Gunkelberg 11/15

Donnerstag, 12. November 2015

Alles eine Frage der Einteilung



Man muss nur früh genug aufstehen; wirklich, es ist unglaublich, was man an einem Tag schaffen kann, wenn man beizeiten aufsteht. Und natürlich der Zeitplan! Ist viel zu tun, muss die Organisation stimmen. Ich habe Gäste heute Abend. Marlene und Willy kommen zum Essen. H. hat sich unter der fadenscheinigen Ausrede, arbeiten zu müssen, bereits gestern Abend ausgeklinkt, aber ich weiß, dass er Marlene nicht mag. Bei ihr spricht er von Redewasserfällen, Wortkaskaden und sprachlichen Untiefen, was nicht ganz gerecht ist. Allerdings muss ich zugeben, dass ihr Mitteilungsbedürfnis  dem seinen diametral entgegengesetzt ist.
Punkt 8.30 Uhr springe ich aus dem Bett und Oskar, der, H.s Abwesenheit ausnützend,  sofort fünfzig Prozent des Bettes für sich beansprucht hatte, streckt sich, geht von behaglichem Schnurren zu einer Art Glücksgrunzen über und rollt sich in der Mitte des Bettes wieder zusammen. Ein Bild der Gelassenheit.
Ich mache Katzenwäsche, nur Zähneputzen und mit dem Kamm einmal durchs Haar, duschen und Haare waschen kommt später. Es ist schön, Gäste frisch und gepflegt zu empfangen, mit diesem Hauch von Feuchtigkeit auf der Haut, der von Entspannung zeugt und Souveränität. Es gibt Gemüselasagne, die ich gestern Abend schon vorbereitet habe, vorher einen leichten Salat mit frischer Ananas und zum Dessert Mangocreme, also nichts, was nicht zu schaffen wäre. Allerdings muss ich vorher noch die Wohnung putzen. Die vergangene Woche war beruflich aufreibend, die Putzfrau hat vor zwei Monaten gekündigt und Oskar ist – wie eigentlich elf Monate im Jahr – im Fellwechsel. Zeit für Morgengymnastik ist heute nicht, aber Kaffee muss sein. Ich setze ihn auf, hole die Zeitung herein und fange an zu arbeiten. Zuerst Staub wischen. Ich lege Bruce Springsteen ein und tanze rhythmisch mit feuchtem Wischtuch durch die Wohnung – ersetzt glatt die Gymnastik! Ein paar Bücher liegen herum; ich stelle sie ins Regal. Erich Kästners lyrische Hausapotheke, köstlich! Zu Putzen und Fleiß finde ich nichts, wohl aber zur Faulheit, Seite 118, 119, vierte Strophe: …. Und Uhren ticken rings in allen Taschen/die Zeit entflieht und will, man soll sie haschen….O.K. Ich lege das Buch weg und trage die Gläser vom Vortag zur Spülmaschine. Dort steht der Kaffee, der ist inzwischen kalt; egal, so trinke ich ihn auch.
Beim Betreten des Badezimmers verfange ich mich in einer Wolke Klopapier, das Oskar nach Beendigung seines Verdauungsschlafs abgerollt und über den Boden verteilt hat. Stolz und diabolisch schwarz sitzt er in der Mitte, über sein ganzes rundes Katergesicht lachend, mit weißem Pfötchen die Wolke schlagend. Es war die letzte Rolle, verfl….Beim Nachbarn läuten und um Toilettenpapier bitten am Samstagmittag? Lieber Einkaufen gehen, schließlich habe ich noch alle Zeit dieser Erde. Schnell zum Supermarkt um die Ecke. Dort haben sie wunderbare kleine Freilandrosen in leuchtendem orangerot. Ich nehme zehn Stück mit – ein bezaubernder Farbklecks im Flur. Zu Hause vermisse ich das Klopapier, also noch mal zurück. An der Kasse händigt man es mir mit tadelndem Blick aus. Ich eile in meine Wohnung, klaube das aufgerollte Papier zusammen, schrubbe das Bad und wende mich der Küche zu. Gut, das ist schon anspruchsvoller. Ich entscheide rasch, erst den Tisch im Esszimmer zu decken und sehe auf die Uhr. Noch ganz viel Zeit. Schön sieht er aus, der gedeckte Tisch, aber vielleicht wären die grünen Servietten doch passender. Mist, sie reichen nicht mehr für alle. Also gut, dann eben doch die grauen und neben jeden Teller ein Nougatherzchen. Wirklich hübsch, doch ich nehme sie nochmal weg, denn Oskar weiß zwar, dass ein festlich gedeckter Tisch absolut tabu ist, aber ich weiß, dass er sich absolut lautlos bewegen kann. Ich schreibe einen Erinnerungszettel - Nougatherzchen!! - und lege ihn neben den Herd.
Es ist schon erstaunlich, wie die Zeit vergeht, wenn man konzentriert arbeitet. Die Küche ist ein Schlachtfeld, alles klebt vom Ananassaft und es ist schon fast vier. Außerdem habe ich Hunger und inzwischen tut mir das Kreuz weh. Wie gemein von H., mich so sitzen zu lassen! Vermutlich gönnt er sich heute eine XXL-Currywurst und verbringt den Abend mit hochgelegten Füßen vor dem Fernseher.
Ich mache mir ein Brot, setze mich kurz hin und greife zur Zeitung. Nur einen klitzekleinen Blick hineinwerfen, nur fünf Minuten Pause. Die Glosse auf Seite zwei! Prokrastination, aha, das Wort ist mir fremd. Im allgemeinen Lexikon finde ich es nicht, erst im Duden/Fremdwörter wird es definiert. Nun ist es nicht ganz ungefährlich, in einem eng getakteten Zeitplan zu einem Buch zu greifen, um sein Wissen zu erweitern. Eine halbe Stunde später habe ich etwas über Prokonsuln und Proklise erfahren, gelernt, dass Proktitis eine Mastdarmentzündung ist, wer Prokrustes war,  wie und warum Theseus ihn tötete und habe die Bedeutung von Prokrastination wieder vergessen.
Die nächsten eineinhalb Stunden sind eine Art Wirbel, in dessen Sog Küche und Bad - ich muss noch duschen – unterzugehen drohen, aber es gelingt. Als es läutet , wie kalkuliert  mit fünfzehn Minuten Verspätung – Willy ist nie pünktlich, er braucht ewig im Bad, sagt Marlene – öffne ich mit strahlendem Lächeln. Vielleicht stört der noch sehr feuchte Haaransatz im Nacken, aber das fehlende Make-up kompensiert die neue Brille gänzlich und überhaupt: was ist schon perfekt im Leben? Nur dass ich die Nougatherzchen in ihrem leuchtend roten Papier am nächsten Morgen im Bücherregal finde, ist vielleicht doch ein kleines bisschen schade.

24.10.15
Sonja Meier

Dienstag, 23. Juni 2015

DAS AUTO

Der alte Mann sitzt am Küchentisch. Gerade hat seine Tochter den Raum verlassen. Sie hat nichts gesagt, doch er weiß, dass sie sich ärgert. Das würde sie ihm nie direkt sagen, in der Türkei werden Vater und Mutter noch geehrt und respektiert.
Doch jetzt ist sie einfach hingegangen und hat sein Auto verkauft! Sie nannte es „Sardinenbüchse“ und „Sicherheitsrisiko“. Viele Jahre ist er mit diesem Auto gefahren und nie ist etwas passiert – bis auf die kleine Delle in der Seitentür von neulich, als er im Parkhaus zu knapp um die Ecke gefahren ist. Er ist immer ein vorsichtiger Fahrer gewesen, was soll man auch rasen, das macht einen nur krank.
Ach, die Ausflüge zum Strand, der Kofferraum voll mit Picknickdecken, Sonnenschirm und köstlichem Essen, die beiden Kinder turnten aufgeregt auf dem Rücksitz herum, seine Frau summte vor sich hin und streckte die Hand aus dem Fenster. Am Parkplatz vor dem Strand traf man sich oft mit anderen Verwandten, sein Bruder und sein Schwager brachten ebenfalls ihre Familie mit. Die Frauen bildeten sofort eine Karawane zum Strand hinunter, bedeckten viele Quadratmeter mit Matten, Handtüchern und Decken, stellten Schirme und Klappstühle auf und richteten in der Mitte ein wahres Festmahl her. Die Kinder planschten schon kreischend im Wasser, sie hatten die Badesachen schon zu Hause angezogen.
Währenddessen waren die Männer noch oben geblieben, hatten zugesehen und ab und zu auch Fachgespräche über Autos und Motoren geführt. Sein Schwager fuhr eine regelrechte Schrottkiste mit hängendem Auspuff, die oft erst nach mehreren Versuchen ansprang. Dagegen pflegte sein Bruder seinen alten Mercedes wie ein krankes Kind. Sein eigener Toyota hatte ihm nie Scherereien bereitet – er ließ ihn warten, wenn es nötig war, aber er wienerte auch nicht wie ein Besessener daran herum.
Wenn sie am Abend wieder zu Hause ankamen, war der Kofferraum voll Sand. Zwar zückte seine Frau nach dem Auspacken sofort einen Handfeger, doch alles bekam sie doch nicht weg. Wahrscheinlich steckten noch von jedem einzelnen ihrer Ausflüge Sandkörner in den Ritzen – die konnte ja jetzt der neue Besitzer durch die Gegend fahren.
Ach nein, seine Tochter hatte ja erwähnt, dass der Wagen an einen Schrotthändler ging, es würde also niemand mehr in der offenen Autotür stehen und noch einen letzten Blick übers Meer werfen.

von Pia Winkler

SUMMER TIME

Irgendwann musste Schluss sein mit den Balkonblumen. Allein die Rein- und Rausschlepperei der Geranien im Herbst und Frühling. Sie müsste sich endlich einen Helfer organisieren. Wozu noch der Aufwand, wenn sie doch schon allein die Sonne nicht mehr vertrug und deshalb immer seltener draußen saß. Und der Blick in den Hinterhof war ja nun wirklich nicht berauschend. Die Gespräche auf den vielen winzigen Balkonen rings um, über und unter dem ihrigen waren es auch selten. Also, was soll’s, fragte sich Elise Bechstein, es reicht, wenn ich mit 62 auf dem Balkon den gelben Sack und einen Kasten Bier stehen habe, das ist schon in Ordnung!
Einige Wochen später stand dann doch ein Begonienkasten bei der Bechstein auf dem Balkon. Die Nachbarin, Wella Trifels, 84 und noch ganz rege und interessiert, wunderte sich über die Tatsache, dass nun wieder Blumenschmuck prangte und wie oft Elise in dem Kasten herumkratzte und –zupfte. Ein Blick auf den Balkon links unten klärte sie jedoch auf.
„Ein so ein schöner Bengel, der da eingezogen ist, gell? Und ganz allaa! Willst dich hinter deine Begonien verstecken beim Nunderschaun? Geh, Elis, und des in deim Alter!“
Erst tat die Bechstein Elise so, als ginge es ihr tatsächlich um die Blumen, dann lachte sie aber die Nachbarin offen an und rief: „ Ja, vielleicht geht’s wirklich nur um den schönen Ausblick. Mei, warum ned?“
Je mehr es Sommer wurde, desto öfter saß sie jetzt wieder draußen, las Zeitung, vesperte und trank ihr Kellerbier, döste und sonnte sich sogar. Der junge Mann unten sah wirklich ausnehmend attraktiv aus; die Proportionen stimmten,  eine glatte Haut, die braun in der Sonne schimmerte, volle dunkle Haarpracht, aber nur auf dem Kopf, nicht am Körper, muskulös, aber keine harten oder kantigen Formen, auch nichts vom Bodystudio Aufgeblasenes, weiche, große Augen. Je mehr er sich an heißen Tagen entblätterte, um so mehr sah sich Elise bestätigt: Sie hatte vergessen, wie schön ein Mann sein konnte. Sie spürte, dass es zwischen ihm und ihr zu einer Art Sirren kam, wenn sie hinschaute, und dass so ein Sirren sie kribblig machen konnte, aber im angenehmen Sinne, so als würde ein geheimer Akku in ihr aufgeladen. Auf diese Weise erstarkt hatte sie Lust, sich zu bewegen und irgendetwas zu unternehmen. Manchmal dachte sie, wenn sie den immer noch Namenlosen auf dem Balkon des zweiten Stocks betrachtete, an ihren Edwin, der jetzt schon drei Jahre tot war. Den wollte sie nie lange anschauen, höchstens ‘mal, um seine Kleidung zu richten, Schuppen wegstreichen, Kragenknöpfe  schließen oder so etwas. Edwin war Finanzbeamter und eine graue Maus, eine mit O-Beinen und ohne Fellhaare am Kopf, am ganzen Körper schimmerte die blassrosa Haut durch die Härchen, am schlimmsten am Bauch, der wie ein kleiner Ballon heraussterzte, als sei die Maus trächtig. Nicht ungerecht werden! Edwin war ein treuer Partner, ein guter Mensch. Aber vom Körper her .......... na ja, halt der Edwin. Bei dem Jungmann war, wenn er in der Badehose da saß oder lag, sogar der Blick auf’s Untenrum, wie Elise das nannte, angenehm, obwohl sie bei Männern, also nicht nur bei ihrem Edwin, das Untenrumgebaumel eigentlich immer lächerlich fand.
Wahrscheinlich war der Neuzugezogene ein Student; er las viel und oft, tippte auf seinem Laptop herum und erschien nur zu regelmäßig festen Zeiten auf dem Balkon. Zuverlässig und fleißig wahrscheinlich, aber sehr schweigsam. Mehr als das Grüßen war nicht drin. Freunde oder gar eine Freundin tauchten nicht auf. Elise Bechstein überlegte sich Fragen, mit denen vielleicht ein Gespräch in Gang kommen könnte, aber „Immer allein?“ oder „Schon wieder an der Arbeit? Sind Sie eigentlich Student?“ kamen ihr so läppisch vor, dass auch sie stumm blieb. Ab und an nickte sie ihrem Gruß ein paarmal nach und es kam ihr vor, als schwappten Wellen des Wohlwollens von ihr zu ihm hinunter. Einmal, als der junge Mann sich mit Sonnenschutzmittel einrieb, wollte sie rufen: „Und wer versorgt den Rücken? – Warten Sie, ich komme runter!“ Wie gern und wie zart hätte sie ihm den Rücken massiert, Kaffee gekocht, Essen bereitet und die frische Wäsche zurechtgelegt.
Nur einmal hat der Schöne, Elise nannte ihn nämlich „mein Schöner“, etwas gesagt, nämlich 
„Schönes Wetter heute, da kann man draußen sitzen.“ Ach ja, und noch einmal hat er etwas gesagt. Er rief „Scheiße!“, als sein Liegestuhl in sich zusammenknackte. Elise rief das eine Mal „Ja, sicherlich!“ und bei der „Scheiße“ nur ganz leise „Oh!“.
Im Herbst zog der schöne junge Mann weg. Er hatte sich nicht verabschiedet. Vielleicht, dachte Elise, hat er hier nur in Ruhe an einer Prüfungsarbeit gesessen oder eine Sommervorlesung besucht.
Die Begonien waren eh‘ hinüber, schnell abgeräumt und entsorgt.
Dann war wieder alles wie sonst.
Elise Bechstein wartete höchstens noch auf eine bissige Bemerkung von der Trifels. Aber die kam nicht. Vielleicht lag die Alte im Krankenhaus.
Aber im September und Oktober, vielleicht sogar noch ein paar Tage im November passierte doch noch etwas.
Elise spürte im Bett hinter sich einen Körper, geschmeidige warme Haut, die nach Sommer und Öl roch, kräftige Arme umschlangen ihre Brust oder ihre Beine und sie schob ihren Körper zur Teelöffelchenhaltung zurecht, damit sie möglichst viel von dem Schönen mitbekam.


WILFRIED CHRISTEL

Samstag, 16. Mai 2015

Pias Limericks

Es war mal ein Kater aus Linz,
der führte sich auf wie ein Prinz.
Zwar fehlte sein Schwanz,
auch die Ohr’n war’n nicht ganz,
trotzdem sah er sehr cool aus in Jeans.


Es war mal ein vornehmer Bilch,
der trank stets nur Liebfrauenmilch.
Er rief:“Dieser Wein
ist unheimlich fein!
Wer anders denkt, ist nur ein Knilch.“


’Nem Dichter aus Bingen am Rhein,
dem fiel überhaupt nichts mehr ein.
Er rief: „Dieser Landstrich
ist viel zu romantisch!
Ich zieh’ jetzt nach Frankfurt an der Oder!“

Es war mal ein Löwe im Zoo,
der fragte sich täglich: „Wieso
werd’ ich ständig beglotzt?
Wie mich das ankotzt!
Ich zeig’ jetzt nur noch meinen Po!“


Eine Richterin wohnt in Erlangen –
sehr hübsch und mit rosigen Wangen.
Doch will von den Mackern
sie einer anbaggern,
dann sagt sie nur: „Ich bin befangen...“


Ein Nachtwächter aus der Stadt Trier
macht Rundgänge bis früh um vier.
Er sucht nach den Wichten,
 die Böses anrichten –
und auch nach Graffiti-Geschmier.


Es baute ein Tüftler aus Halle
die weltbeste Fruchtfliegenfalle.
Er lauert bis heute
auf üppige Beute
und murmelt: „Ich kriege euch alle!“

Ein Firmenchef wollt’ in Kaufbeuren[1]
die Chefsekretärin gern feuern.
Er fand sie nicht gut,
doch sie – voller Wut –
ging hin, um ihm eine zu scheuern.


Der Herr Johann Wolfgang von Goethe
geriet oft in recht arge Nöte.
Denn wenn Frau von Stein
ihn lud zu sich ein,
dann spielte sie grauenhaft Flöte.


Ein rüstiger Pfarrer aus Stade
fand Trauungen stets viel zu fade.
Doch seit einem Jahr
tanzt er vorm Altar
und wirft auf die Braut Schokolade.




[1] sprich „Kaufbeuern“ (für Nicht-Allgäuer...)


Freitag, 1. Mai 2015

Die Sache mit dem Teppich

Dass diese Sache noch irgendwie glimpflich ausgehen würde, habe ich selbst nicht mehr geglaubt. Im Gegenteil, sie entwickelte sich zu einer handfesten Ehekrise. Dabei war meine Idee grandios: ich wollte Jörg, meinen Mann, mit einem neuen Teppichboden im Esszimmer überraschen. Der alte sah inzwischen scheußlich aus und Jörg hatte das grüne Karomuster nie gemocht. Zwar bin ich handwerklich eher mäßig begabt, aber mein alter Schulfreund Ronny, Heimwerker von Gottes Gnaden, würde mir helfen. Jörg war auf Montage; wenn er heimkam, sollte er staunen. Stolz blickte ich auf die Teppichrolle, die vor zwei Stunden geliefert worden war: ein zartbeiger, weicher Traum – die perfekte Ergänzung zu den Esszimmermöbeln. Die hätte ich zwar auch gerne ersetzt – wer mag heute schon noch Eiche rustikal – aber Jörg ist ein sparsamer Mann. Alles kann man eben nicht haben.
Ronny und ich arbeiteten hart: Möbel abbauen, Boden auslegen, straffen, schneiden, kleben, einen Tag ruhen lassen, Möbel wieder aufbauen; schweißtreibend, aber schließlich war es geschafft. Zum Schluss trugen wir Tisch und Stühle hinein, lümmelten uns in die Sitzmöbel und legten die Füße hoch. Ich hatte Tequila besorgt, das Getränk unserer Jugend. Wir prosteten uns zu. Nach dem dritten Glas kramte ich nach meinen Zigaretten – bei Todesstrafe verboten in der Wohnung, aber Jörg war schließlich nicht da. Ronny sah mich scheel an. Ich genoss genau drei Züge, dann fiel Glut auf den Teppichboden. Das Loch, schwarz, daumennagelgroß, starrte mich an. Ich starrte zurück; es wuchs, je länger ich starrte. Ronny drückte meine Zigarette aus.
-    Oh, je, sagte er und starrte auch. Aber das haben wir gleich.  Die Worte klangen etwas  verwaschen.    -   Ich schneide es aus, dann hat es gerade Ränder.
Danach starrte mich ein sieben-Zentimeter-Kantenlänge-Loch an. Als ich zurückstarrte, verdoppelte es sich. Ich schaute weg. Ronny schnitt ein passendes Quadrat aus dem Teppichrest und verklebte das Loch. Dann schwankte er nach Hause.
Am nächsten Morgen gähnte mich wieder das Loch an;  Hoppel und Moppel, unsere Pflegekaninchen von Lehmanns gegenüber, saßen zufrieden daneben, zwischen ihnen die nun etwas fransige Füllung. Ich hatte wohl vergessen, die Badezimmertür zu schließen. Schwitzend versuchte ich es nochmal mit kleben, aber nun sah man die Ränder und in meiner Verzweiflung – Jörg würde heute Abend zurückkommen – stellte ich die Wasserschüssel der Kaninchen auf die Stelle. Gut – das konnte gehen. Vielleicht setzte sich das Quadrat je noch etwas und würde dann nicht mehr so auffallen.
Abends hatte ich den Esstisch festlich gedeckt mit Kerzen und frischen Blumen, aus der Küche duftete es nach Lasagne, der Wein funkelte in der geöffneten Flasche. Ich trug Jörgs Lieblingskleid. Er begrüßte mich liebevoll, betrat mit staunenden Augen das Esszimmer und trat in die Wasserschüssel. Er fluchte und ich rannte nach einem Handtuch, rubbelte und bedeckte schließlich damit das Quadrat. Leider löste es sich am nächsten Tag wieder – der Kleber war wohl noch nicht fest gewesen – und Jörg drohte, den Handwerker zu verklagen. Also musste ich beichten und der Haussegen fing an sich zu neigen. Ich stellte die Schüssel wieder auf, aber die Kaninchen glaubten wohl an eine Fußbadewanne und hinterließen  gut sichtbare Spuren in Esszimmer und Diele. Außerdem stolperten Jörg und ich abwechselnd darüber, weil fünfzehn Jahre dort nichts gestanden war und jetzt plötzlich etwas stand. Schließlich kamen Lehmanns von ihrem Auslandsaufenthalt zurück, holten Hoppel und Moppel  und die Wasserschale ab und ließen uns mit der sieben-Zentimeter-Schande allein. Wir dachten an eine dekorative Bodenvase, aber dann fing die Stelle an zu schimmeln und Jörg fluchte wieder. Er hatte gepetzt und die vernichtenden Blicke aller Nichtraucher trafen mich, sobald das Thema darauf kam.
Der Haussegen neigte sich weiter, als Ronny, der die Stelle – diesmal ohne Tequila – ausbessern sollte, feststellte, dass sich die Feuchtigkeit über mehrere Quadratmeter gezogen hatte und mit ihr der Schimmel. Ich wollte für die Stellen Teppichfliesen in Kontrastfarben vorschlagen, schwieg aber nach einem Blick auf Jörgs Miene. Zähneknirschend (er) und kleinlaut (ich) ersetzten wir nach einem Jahr den Esszimmerboden und Jörg entschied sich für einen pflegeleichten PVC-Belag in einem unbeschreiblichen blassen, gelbstichigigen Mittelbraun. Später stellte sich heraus, dass Jörg an einer leichten Form von Farbenblindheit leidet, aber damals wagte ich nicht zu widersprechen, und bei Tageslicht, so hoffte ich, würde der Boden vielleicht  auch besser aussehen. Neonlicht verdirbt schließlich alles. Das weiß jeder, der schon mal in einer Umkleidekabine in den Spiegel geschaut hat.
 Das Tageslicht betonte dann etwas den Gelbstich im Mittelbraun, und das zu Eiche rustikal! Ich weiß ja nicht, ob ich mir das nur einbilde, aber es kommt mir so vor, als würden unsere Gäste seitdem lieber im Wohnzimmer sitzen. Die Sache kippte, als Jörgs bester Kumpel nach einem verlorenen Club-Heimspiel – vermutlich weil da eh schon alles wurscht war – sagte, zum Kotzen gehe er ins Esszimmer, da fiele es nicht auf. Jörg war wochenlang beleidigt und sah beim Essen immer betont geradeaus, damit er nur ja nicht versehentlich auf den Boden schaute.
Immerhin, jetzt sind wir quitt und meine Chancen steigen, dass die Möbel ausgetauscht werden. Schwarzen Lack könnte ich mir gut vorstellen, vielleicht mit großen Quadraten in Kontrastfarben, das lenkt ab.

19.04.15
Sonja Meier